Kurzgeschichten und Schreibübungen

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Worte der Macht von Andreas würde ich eigentlich immer noch gerne überarbeiten. Und zwar immer wieder, bis es ein brauchbarer kleiner Roman ist. Den könnte ich dann vielleicht sogar mal veröffentlichen und Andy einen Teil des Geldes zukommen lassen. Der Text befindet sich allerdings noch auf meiner externen Festplatte.


Hört endlich auf mit eurer weissen arroganz


Worte der Macht

von Andreas Weiling


© 2010 by Andreas Weiling Am Holzplatz 9 48249 Dülmen Tel.: 02594/89978 E-Mail: andreas.weiling@web.de





Teil 1

Verfolgt

Kapitel 1

  Wind strich leicht über das Wasser eines Sees und ließ kleine Wellen gegen den hölzernen Rumpf eines Bootes klatschen. Es war ein Boot mit einem Steuerhäuschen am Bug und einem eingeholten Segel.
  Minxodian und Jinxon warfen ein Netz aus und warteten. Sie gehörten zur Gattung der Dreifingergnome, weil sie, wie der Name schon sagte, nur drei Finger hatten. Na ja, eigentlich hatten sie zwei Finger und einen Daumen. Alle Gnome, auch die Vierfingrigen, die Fünffingrigen und sogar die seltsamen Sechsfingrigen, wurden nicht größer als einen Meter. Die großen Menschen machten sich oft über die seltsame Fingerzahl der Gnome lustig. Doch Minxodian und Jinxon waren fest davon überzeugt, dass die Menschen seltsam waren. Wozu brauchte man fünf Finger? Die mussten sich doch ständig in die Quere kommen.
  Nachdem die beiden Gnome eine Weile gewartet hatten, bedienten sie mit vereinten Kräften eine Kurbel, die das Seil mit dem Netz über einen ausladenden Holzarm nach oben holte. Sie schwenkten den Kran übers Deck und öffneten das Netz. Eine Menge zappelnder Fische fiel in ein Wasserbecken, das auf dem Deck stand.
  Mit rauen Handschuhen, mit denen sie die Fische besser packen konnten, griffen sich die Gnome die Tiere aus dem Becken und legten sie einzeln in eine Schüssel unter einer Maschine. Auf Knopfdruck wurde der Fisch mit einem magischen Leuchten bestrahlt und einen Augenblick später erschienen seine Fischeier in einem Glas auf der anderen Seite des Gerätes.
  Die Maschine war ein sogenannter Kaviarextraktor. Durch Magie ortete sie den Kaviar im Bauch des Fisches und teleportierte ihn in ein Glas. Da Gnome friedliebende Wesen waren, die nur im Notfall Tiere töteten, war das die einzige Möglichkeit an die leckeren Fischeier zu kommen, ohne den Tieren Schaden zuzufügen.
  Nachdem der Kaviar extrahiert war, warfen die beiden Gnome die Fische wieder ins Wasser. Es kam natürlich immer wieder vor, dass sie männliche Tiere erwischten oder solche, denen sie den Kaviar schon entnommen hatten, so dass das Ganze eine mühevolle Arbeit werden konnte.
  Der Dorfrat der Gnome hatte übrigens festgelegt, dass nur eine bestimmte Anzahl von Netzen voller Fische gefangen werden durfte, damit man nicht alle Fischeier stahl. Schließlich wollte man, dass neue Fische schlüpften, die dann wieder zum Laichen in den See kamen.
  Minxodian und Jinxon schleusten die Fische so schnell wie möglich durch die beiden Kaviarextraktoren, damit sie bald wieder frei im See schwimmen konnten.
  Jinxon griff nach einem Fisch, der besonders wild zappelte. Der Schwanz des Tieres schlug ihm ins Gesicht und es wäre ihm fast entschlüpft.
  „Ganz ruhig“, sagte Jinxon. „Gleich ist alles vorbei und du kannst weiter deines Weges schwimmen.“
 Gerade als er den Fisch in die Schüssel unter der Maschine stecken wollte, fing das Tier an zu wachsen. Jinxon blinzelte verwirrt und betrachtete den Fisch genauer. Tatsächlich, er fing an zu wachsen, erst langsam und dann immer schneller. Der Gnom ließ den Fisch erschrocken fallen und trat einen Schritt zurück.
  Das Tier hörte auf zu zappeln, während es immer weiter wuchs. Seine Schuppen verfärbten sich zu einer blassen Hautfarbe.
  „Minxo, sieh dir das an!“, rief Jinxon aufgeregt.
  Der andere Gnom drehte sich um. Sein Mund klappte auf, als er den wachsenden Fisch sah. Während das Tier wuchs, veränderte sich auch seine Form. Aus seinen Vorderflossen wuchsen Arme, sein Schwanz verwandelte sich in Beine. Sein Kopf blähte sich auf, aus seinen Kiemen sprossen spitze Ohren. Schließlich lag ein Elf auf dem Boden. Erst jetzt entdeckten die beiden Gnome, dass eine schwere Wunde zwischen seinen Rippen klaffte.
  „Wer... Wer bist du?“, stammelte Minxodian und trat an den Elfen heran.
  Der Elf sagte etwas, doch es war so leise, dass man es nicht verstehen konnte. Mit einer schwachen Handbewegung winkte er die beiden Gnome zu sich heran.
  Minxodian und Jinxon traten zögernd näher und hockten sich neben den Elfen.
  „Sie sind hinter den Worten her“, sagte der Elf mit schwacher Stimme. „Ich werde es nicht schaffen... Ihr müsst die Wort zum Elfenhof bringen.“
  „Der Elfenhof?“ Minxodian runzelte die Stirn. „Wovon redest du? Ich denke, wir sollten dich erst mal verarzten.“
  Der Elf schüttelte matt den Kopf. „Ihr müsst die Worte dorthin bringen oder SIE werden sie an sich reißen.“
  „Äh, wer?“
  „Hört mir zu... Es wird Leute geben, die die Worte für sich benutzen wollen. Ihr könnt nicht jedem trauen. Nehmt euch in Acht. Sprecht die Worte niemals aus, es sei denn Euch bleibt nichts anderes übrig, als sie weiterzugeben.“
  „Wieso...“
  „Sie sind böse, unsagbar böse... Hört mir jetzt gut zu...“ Der Elf sprach in einer alten, längst vergessenen Sprache. Es waren nur ein paar Worte, doch sie trieben den beiden Gnomen einen eiskalten Schauer über den Rücken. Das Wasser fing an zu brodeln, die Fische wanden sich wild, ein kalter eisiger Wind kam aus dem Nichts.
  Die Worte waren so schrecklich, dass sich Minxodian und Jinxon die Ohren zuhalten wollten. Doch ein Teil ihrer Seele wollte sie hören, war begierig, sich an ihrer Macht zu laben.
  Plötzlich verstummte der Elf. Das Wasser und die Fische beruhigten sich. Der Wind erstarb.
  „Beeilt euch“, flüsterte der Elf. „Sie werden bald hier sein.“ Die Augen des Elfen fielen zu, sein Körper erschlaffte. Mit einem letzten Atemzug wich das Leben aus ihm.
  Minxodian und Jinxon starrten den toten Elfen an. Eine Weile herrschte betretenes Schweigen.
  „Was war das denn?“, fragte Jinxon schließlich.
  Minxodian zupfte ein seinem Bärtchen. „Ich habe keine Ahnung... Aber diese Wort... Sie waren schrecklich, oder?“
  „Ja, das habe ich auch gespürt.“
  „Ich habe ein ganz mieses Gefühl.“
  „Aber... Was sollen wir jetzt tun?“
  „Keine Ahnung. Zum Elfenhof gehen?“
  „Wir können doch nicht einfach zum Elfenhof stiefeln. Der ist weit entfernt.“
  „Aber diese Worte... Ich spüre, wie sie an meiner Seele zerren. Spürst du das nicht auch?“
  „Ja, schon. Aber... Wir sollten diese ganze Angelegenheit mit dem Dorfrat besprechen.“
  „Ja, die wissen bestimmt, was zu tun ist...“
  Plötzlich schlug ein Pfeil neben Jinxon in die Bordwand. Schlagartig ließen sich die beiden Gnome aufs Deck fallen. Ein zweiter Pfeil folgte dem ersten.
  Minxodian hielt die Hände über den Kopf, als würde das gegen einen Pfeil helfen. „Wer schießt auf uns?“
  „Keine Ahnung.“
  „Dann sieh nach.“
  „Sieh du doch nach.“
  Minxodian hob den Kopf, sah sich kurz um und zog ihn wieder zurück. „Da ist ein Elf, glaub ich. Er hat schwarze Haut und weiße Haare. Außerdem sind da noch zwei andere Reiter.“
  „Wieso schießen die auf uns?“
  „Wahrscheinlich wegen den bösen Worten, du Dummkopf.“
  „Wir müssen hier weg.“
  „Ich kriech ins Steuerhaus, schmeiße den Notmotor an und fahr den Kahn weg.“
  „Ich komm mit.“
  Zusammen robbten die beiden Gnome über das Deck in Richtung Steuerhaus. Gerade als sie den Bug erreicht hatten, schwebte ein Feuerball über die Reling und explodierte dort, wo die Gnome gerade noch gelegen hatten. Flammen brandeten über das Boot, entzündeten die Planken und grillten die Fische.
  „Bei allen Göttern, die wollen uns umbringen“, kreischte Minxodian.
  „Schlaumeier, hast du das bei den Pfeilen noch nicht gemerkt?“ Jinxon rutschte auf dem Bauch ins Steuerhaus und hockte sich hin. An der Rückwand des Häuschens war der Notmotor angebracht. Jinxon zog an einem Seil und der Motor, ein Meisterwerk aus Mechanik und Magie, gab ein müdes Stottern von sich.
  „Komm schon.“ Jinxon schickte ein stummes Gebet an die Götter und zog ein weiteres Mal. Der Motor erwachte mit einem Summen zum Leben. Die verzauberten Zahnräder in seinem Inneren drehten sich und trieben zusammen mit Magie die Schiffsschraube an.
  Plötzlich explodierte eine zweite Feuerkugel auf dem Deck. Minxodian und Jinxon warfen sich auf den Boden im hinteren Teil der Steuerkabine, als der vordere Teil mit einem Krachen eingerissen wurde. Hitze schlug ihnen entgegen und sengte ihre Haare an.
  Die beiden Gnome drehten sich wieder um und sahen, dass von dem Steuerrad nichts mehr übrig war.
  „Das Steuer ist zerstört“, sagte Minxodian.
  „Wir haben jetzt größere Sorgen.“
  „Wir steuern aber genau auf die Wasserfälle zu und wir können den Kurs nicht mehr andern.
  Die Wasserfälle waren zwar niedrig genug, dass die Lachse sie hinauf springen konnten, doch dafür gab es davon mehrere. Und die Felsen, die sich in ihnen befanden, würden ihren Kahn zerschmettern.
  „Wir müssen von Bord“, rief Jinxon. Doch es war schon zu spät. Das Rauschen der Wasserfälle tönte in ihren Ohren und über dem Bug konnten sie das spritzende Wasser sehen. Wenn sie jetzt ins Wasser sprangen, würden sie gegen die Felsen schlagen.
  „Festhalten“, schrie Minxodian.
  Die beiden Gnome hielten sich an dem Motor fest, als sich der Bug des Bootes absenkte. Sie schrieen, doch niemand konnte ihnen helfen. Der Kahn überstand den ersten kleinen Wasserfall, wurde jedoch heftig durchgeschüttelt. Ein hölzernes Krachen verriet, dass er angeschlagen war.
  „Wir sinken.“
  Das Boot sank tatsächlich, wenn auch langsam. Doch schon war der nächste Wasserfall da. Es krachte und knirschte, als der Bootsrumpf über die Felsen schabte. Als der Kahn wieder auf dem Wasser aufschlug senkte er sich gefährlich zur Seite.
  Dann kam der letzte Wasserfall. Wieder wurden die beiden Gnome stark durchgeschüttelt. Holz splitterte und das Boot brach auseinander.
  „Schnapp dir das Gewehr, wir werden es brauchen“, rief Jinxon. Über dem Motor hingen eine Muskete mit einem dicken Lauf und zwei Pistolen an der Wand. Minxodian packte sich das Gewehr und den Munitionsbeutel, Jinxon die Pistolen samt Gürtel.
  Ein weiterer Ruck ging durch das Schiff und die beiden Gnome verloren den Halt. Sie purzelten vom Boot und tauchten ins Wasser. Stromschnellen wirbelten sie umher, während sie sich an ihre Schießeisen klammerten, als könnten sie von ihnen gerettet werden. Einen Moment wussten sie nicht wo oben und unten war. Als sie die Orientierung wiedererlangt hatten, tauchten sie auf. Die Strömung trieb sie an ein felsiges Ufer.
  Hustend und spuckend zogen sie sich auf die Steine.
  „Leben wir noch?“, fragte Minxodian mit müder Stimme.
  Jinxon betastete sich. „Ich glaube schon.“
  „Den Göttern sei Dank.“
  Nachdem sich die beiden Gnome von dem Schreck erholt hatten, standen sie auf. Sie ließen ihre Blicke über die Landschaft vor ihnen schweifen. Der Flusslauf, der vom See her kam, lag in einem bergigen Land. In einem sehr bergigen Land. Nicht weit von den beiden Gnomen entfernt türmten sich hohe Gipfel auf.
  „Na toll!“, rief Minxodian. „Und was machen wir jetzt?“
  Jinxon stieß einen Seufzer aus, während er seine nassen Klamotten betrachtete. „Wir müssen zurück ins Dorf und den Rat benachrichtigen. Dann können die die nächste Botschaft der Hochelfen kontaktieren.“
  „Aber diese drei Typen werden uns vorher umbringen.“ Minxodians Augen weiteten sich, als ihm etwas klar wurde. „Und selbst wenn wir es bis zum Dorf schaffen, diese Männer verfolgen uns bestimmt. Wir würden sie direkt in unser Dorf führen.“
  Jinxon schluckte schwer. „Einer von ihnen ist bestimmt ein Zauberer. Er hat den Feuerball beschworen. Was würden sie wohl mit dem Dorf anstellen?“
  „Wir könne nicht zurück, ohne unsere Familien zu gefährden.“
  „Und was sollen wir dann machen?“
  „Wir...“ Minxodian hielt inne. Er starrte auf den felsigen Boden und dachte nach. „Wir müssen diese drei Männer irgendwie ausschalten.“
  „WAS? Wie sollen wir denn einen Zauberer und einen elfischen Bogenschützen ausschalten?“
  „Wir brauchen Hilfe.“
  „Und wo sollen wir die her bekommen? Wir sind hier mitten im nirgendwo.“
  „Beim Elfenhof.“
  „Aber der ist weit entfernt. Wir...“
  „Der Elf hat gesagt, dass wir die Worte zum Elfenhof bringen sollen und dass wir nicht jedem trauen können...“
  „Aber nur weil ein wildfremder Elf...“
  „Er war bestimmt vor den drei Männern auf der Flucht. Er hat sich wahrscheinlich in einen Fisch verwandelt, um ihnen zu entkommen. Auch wenn wir ihn nicht kennen, er hat bestimmt keine Scherze gemacht. Diese Worte sind eine böse Macht, das spüre ich ganz deutlich. Wir MÜSSEN sie zum Elfenhof bringen. Das ist wahrscheinlich unsere einzige Möglichkeit die Dunkelheit, die diese Worte in unsere Seelen gesät haben, wieder loszuwerden.“
  Jinxon stieß einen schweren Seufzer aus. „Also, es sieht so aus... Ins Dorf können wir nicht, weil wir verfolgrt werden. Aber zum Elfenhof ist es viel zu weit, bis dahin werden wir eingeholt. So oder so, wir sind erledigt.“
  „Nein, wir brauchen nur Hilfe. Wir brauchen jemanden, der uns auf unserem Weg zum Elfenhof beschützt.“
  „Aber hier in den Bergen werden wir niemanden finden.“
  „Dann sollten wir die Berge überqueren. Auf der anderen Seite liegt Wartburg, da gibt es sogar eine Botschaft des Hochelfenkönigreiches.“
  Jinxon rieb sich das Kinn. „Ja, das wäre vermutlich die einzige Möglichkeit, die uns bleibt. Wenigstens können uns die Typen, die uns angegriffen haben, in den Bergen mit ihren Pferden nicht folgen. Das heißt wir kommen genauso schnell voran wie sie.“
  „Nicht ganz. Wir haben kürzere Beine.“
  „Ich glaub, das wird nicht unser größtes Problem sein.“
  „Glaubst du sie können uns einholen? Wie sollen die uns in dieser bergigen Landschaft finden?“
  „Ich mein eigentlich eher DAS Problem.“
  Minxodians Blick folgte Jinxons ausgestrecktem Zeigefinger. Er schrak zurück, als er einen Puma entdeckte, der auf einem Felsen lauerte. Als die beiden Gnome ihn ansahen, fauchte er und bleckte die Zähne.
  Minxodian hob sein Gewehr und drückte ab, um einen Warnschuss abzufeuern. Nichts passierte. „Mist, es ist zu nass.“
  Der Puma sprang vom Felsen und kam knurrend näher.
  „Braves Kätzchen, wir wollen dir nichts tun.“ Mit diesen Worten machten die beiden Gnome langsam ein paar Schritte zurück.
  Doch die Raubkatze ließ sich dadurch nicht besänftigen. Sie war offensichtlich auf Beute aus. Minxodian zog ein unterarmlanges Entermesser aus einer Scheide an seinem Bein. Sein Freund tat es ihm gleich. Sie trugen die Messer immer bei sich, wenn sie rausfuhren, um Taue notfalls zu kappen oder Seile zurecht zu schneiden.
  Der Puma fauchte ein letztes Mal, dann sprang er auf Jinxon zu. Der Gnom wich schreiend zur Seite aus und fuchtelte mit dem Entermesser vor sich herum. Der Puma landete zwischen den beiden Gnomen und schlug mit seinen Pranken zu. Jinxon wich zurück und die Krallen zerrissen sein Hemd. Minxodian wollte sich von hinten auf den Puma stürzen, doch das Tier wirbelte blitzschnell herum. Er schwang sein Messer mit einem Ausfallschritt nach vorn, aber die Raubkatze zuckte zurück und die Klinge durchschnitt leere Luft.
  Jinxon beobachtete einen Moment ängstlich den Kampf, dann fasste er sich ein Herz und näherte sich dem Biest von hinten. Während der Puma mit Minxodian beschäftigt war, holte Jinxon mit seiner Klinge aus und ließ sie herabsausen. Das Messer schnitt über das Hinterteil des Tieres. Der Puma fauchte auf und sprang zur Seite. Einen Moment hockte er da, belauerte die beiden Gnome.
  Minxodian und Jinxon nickten sich zu und näherten sich der Raubkatze. Mit einem entschlossenen Schrei stürzten sie sich auf sie. Jinxon erwischte das Tier an der Schulter, doch Minxodian zerschnitt nur Luft. Der Puma sprang zurück und verschwand zwischen den Felsen.
  Einen Moment standen die beiden Gnome schweratmend da und starrten auf die Stelle, an welcher der Puma verschwunden war.
  „Ist er weg?“, fragte Jinxon.
  „Ich glaube schon.“
  Der Puma sprang über ein Felsen und blieb in einem Tal stehen. Vor ihm ragten zwei Männer auf Pferden auf. Der eine war ein Dunkelelf namens Sartass, mit schwarzer Haut und weißen Haaren. Er trug Krummschwerter an seinem Gürtel und einen Bogen mit Köcher auf dem Rücken. Der andere Reiter hieß Xamnar und war in schwarze Gewänder gehüllt. Sein Gesicht war in den Schatten einer Kapuze verborgen, ein Tuch verhüllte seinen Mund. Knochige Finger hielten die Zügel seines Pferdes umklammert.
  „Du kommst ohne einen zurück, Morgon?“, fragte Xamnar.
  Der Puma verwandelte sich. Das Fell zog sich zurück, seine Gliedmaßen mutierten zu Armen und Beinen. Während er sich veränderte erhob er sich. Schließlich stand ein Mann da. Er trug Fellkleidung, hatte wirre Haare und einen schwarzen Vollbart.
  „Sie waren wehrhafter, als sie aussehen“, sagte Morgon. „Sie haben mich mit Entermessern angegriffen und verletzt.“
  „Du Weichling“, sagte Xamnar. „Sie dürfen uns nicht entkommen. Der Elf muss an seiner Verletzung gestorben sein. Er hat ihnen bestimmt die Worte anvertraut.“
  „Wir werden sie kriegen.“
  „In diesen Bergen können wir ihnen mit den Pferden nicht folgen. Nur du mit deinen Verwandlungskünsten kommst hier voran. Ich habe meine Kräfte schon zu stark beansprucht. Jetzt liegt es bei dir. Du musst dich in eine Hashamna verwandeln und uns zu ihnen tragen.“
  „Aber auch ich bin durch die Verfolgung des Elfen stark geschwächt. Für eine Hashamna reicht meine Zauberei nicht mehr. Ich bin erschöpft, ich muss mich ausruhen.“
  „Das geht jetzt nicht.“ Xamnar hielt einen Moment inne und dachte nach. „Reichen deine Kräfte noch aus, um dich in eine kleine Hashamna zu verwandeln?“
  „Ich denke schon, aber dann kann ich euch beide nicht tragen.“
  „Kannst du denn einen der kleinen Gnome tragen?“
  „Das müsste gehen.“
  „Dann verwandle dich in eine kleine Hashamna und entführe einen der Wichte.“

Kapitel 2

  Minxodian und Jinxon kletterten über einen Berghang. Als sie das obere Ende erreichten, blieben sie stehen, um Atem zu schöpfen. Sie hatten eine anstrengende Kletterei durch die Berglandschaft hinter sich. Die Sonne war mittlerweile im Begriff hinter dem Horizont zu versinken.
  „Wenn das so weitergeht, dann brauchen wir Tage um die Berge zu durchqueren“, sagte Minxodian keuchend.
  „Wir sollten uns zu einem der Pässe durchschlagen, dann geht es leichter“, meinte Jinxon.
  „Nein, unsere Verfolger werden da wahrscheinlich auf uns warten. Wir müssen wohl in den sauren Apfel beißen und uns weiterhin durch die Wildnis schlagen.“
  Minxodian warf einen prüfenden Blick zum Horizont. „Die Sonne geht unter, wir sollten uns einen Platz zum übernachten suchen.“
  Die beiden Gnome gingen weiter und entdeckten eine Höhle in einem Berghang.
  „Der perfekte Platz zum übernachten“, sagte Jinxon.
  „Aber vielleicht ist die schon von einem wilden Tier bewohnt.“
  „Das werden wir gleich sehen.“
  Vorsichtig näherten sich die beiden Gnome dem Spalt in der Felswand.
  „Sieh nach ob etwas da drin ist“, sagte Minxodian.
  „Wieso ich?“, fragte Jinxon.
  „Wieso nicht?“
  „Na schön, du Angsthase.“ Jinxon warf einen Blick in das Zwielicht im Inneren der Höhle. Eine schattenhafte Bewegung ließ ihn zurückweichen. „Da ist was!“
  Die beiden Gnome stolperten vom Höhleneingang weg und versteckten sich hinter einem Felsen. Vorsichtig schoben sie ihre Köpfe aus ihrem Versteck, um den Felsspalt zu beobachten. Ein kleines schwarz-weißes Tier kam aus dem Eingang getrottet.
  „Ein Stinktier“, sagte Jinxon. Er stürmte hinter dem Felsen hervor, wedelte mit den Armen und gab zischende Geräusche von sich. Das Stinktier machte einen erschrockenen Satz zur Seite und starrte den Gnom einen Moment an. Als dieser entschlossen näher kam, suchte es das Weite.
  „Du hast Glück, dass es dich nicht voll gesprüht hat“, sagte Minxodian, der hinter dem Felsen hervor kam.
  „Es soll sich einen anderen Schlafplatz suchen, wir haben die Höhle jetzt nötiger.“
  Die beiden Gnome krochen durch den Spalt und sahen sich in der Höhle um. Die letzten Strahlen der Sonne spendeten nur ein notdürftiges Licht, doch es war genug um festzustellen, dass die Höhle groß genug zum schlafen war.
  Minxodian schnüffelte hörbar in der Luft. „Ich hätte mir eine Stinktierhöhle stinkender vorgestellt.“
  Die beiden Gnome begannen mit den Vorbereitungen für die Nacht. Sie sammelten trockenes Holz aus der Umgebung und entzündeten ein kleines Lagerfeuer in der Höhle mit einem magischen Feuerzeug. Was von ihren Sachen noch feucht war, trockneten sie an den wärmenden Flammen.
  „Wir haben nichts zu essen“, sagte Jinxon.
  „Vielleicht finden wir morgen früh ein paar Pilze oder Beeren“, meinte Minxodian. „Heute können wir noch ohne auskommen.“
  „Sollen wir Wache halten?“
  „Ja, das sollten wir. Ich übernehme die ersten paar Stunden.“
  „Gut, dann leg ich mich jetzt schlafen.“
  Minxodian überprüfte das Gewehr, die beiden Pistolen und den Munitionsbeutel. Mittlerweile war alles trocken, sie müssten wieder funktionieren. Die Schusswaffen waren eine Weiterentwicklung alter Musketen. Das Gewehr hatte einen aus vier Rohren zusammengebündelten Lauf. Man konnte in jedes der Rohre Munition füllen, also insgesamt vier Patronen. Die Pistolen waren lang und Doppelläufig. Mit jeder von ihnen konnte man zwei Schuss abfeuern.
  Minxodian überprüfte die ins Gewehr geladenen Patronen und warf sich das Schießeisen über die Schulter. Während Jinxon sich zur Ruhe bettete, ging er vor der Höhle auf und ab. Die Sonne war nun vollends versunken und ein klarer Sternenhimmel spannte sich über die Berglandschaft.
  Plötzlich schlang sich etwas um Minxodians Oberkörper. Er wurde in die Höhe gerissen und konnte sich gerade noch an einem verkrüppelten Bäumchen festhalten, das über dem Höhleneingang wuchs. Etwas zerrte an ihm, während er einen erschrockenen Schrei ausstieß. Er wand sich in dem festen Griff und konnte endlich erkennen, was ihn gepackt hatte. Es war eine große Schlange mit Fledermausflügeln, mindestens drei Meter lang. Der Unterleib des Monsters hatte sich um den Gnom gewickelt, die Flügel schlugen eifrig in dem Versuch die Beute von dem Bäumchen loszureißen.
  „Was ist denn los?“, tönte Jinxons Stimme. Einen Augenblick später kam er aus der Höhle gerannt, die Pistolen in den Händen.
  „Bei allen Göttern, was ist das?“, rief Jinxon mit vor Schreck bebender Stimme. Mit leicht zitternden Händen zielte der auf die geflügelte Schlange und feuerte seine Pistolen ab. Die Schüsse verfehlten den Schlangenleib, fetzten aber Löcher in die Flughäute.
  Das Ungeheuer stieß einen heiseren Schrei aus und öffnete das Maul. Scharfe Zähne blitzten im Sternenlicht. Es ließ Minxodian los und schoss auf Jinxon zu. Der Gnom warf sich schreiend zu Boden und die Schlange rauschte über ihn hinweg. Ein Schwanzschlag traf ihn im letzten Moment und schleuderte ihn zur Seite.
  Minxodian hing immer noch an dem Bäumchen. Er ließ sich zu Boden fallen und riss sich das Gewehr vom Rücken. Er zielte und feuerte, doch die Schlange war im Flug nicht zu treffen.
  Dann kam sie herabgeschwebt. Zischend biss sie nach den Gnomen, die panisch zum Höhleneingang zurück wichen. Jinxon schafft es, sich in den Spalt zu flüchten, doch Minxodian stolperte und fiel hin. Die Schlange schwebte über ihm wie ein Todesengel, bereit auf ihn hinabzustoßen.
  Plötzlich ertönte ein scharfes Summen. Etwas dünnes, längliches bohrte sich in den Leib der Schlange und ließ sie aufheulen – ein Pfeil. Dann stürmte eine Gestalt zwischen den Felsen hervor. Es war ein Menschenmann in einem Kettenhemd, der mit beiden Händen ein langes Schwert schwang.
  „Weiche zurück, du Bestie“, rief der Mann.
  Einen Moment schwebte die geflügelte Schlange in der Luft, scheinbar unschlüssig. Dann zuckte ihr Kopf nach vorn. Doch sie biss sich an dem Kettenhemd des Mannes die Zähne aus. Der Krieger schwang sein Schwert und verpasste dem Monster einen leichten Schnitt auf seinem Schlangenleib.
  Fauchend schlug das Ungeheuer mit den Flügeln, um Höhe zu gewinnen. Dann verschwand es in der Nacht.
  Ein kurzer Moment der Stille breitete sich aus. Der Mann sah der Bestie hinterher, dann steckte er sein Schwert in eine Scheide an seiner Seite. Er beugte sich über Minxodian, der immer noch am Boden lag.
  „Alles in Ordnung, kleiner Mann?“, fragt der Fremde.
  Minxodian rappelte sich auf. Er betrachtete seinen Retter von oben bis unten. „Wer seid Ihr?“
  „Ritter Salion von Drachenstein“, sagte der Mann. „Hamon, komm her“, rief er plötzlich in die Nacht hinaus.
  Zwischen den Felsen kam ein Junge hervor, vielleicht sechzehn bis achtzehn Jahre alt. „Hat Euch die Bestie erwischt, Meister?“
  Salion betastete seine linke Schulter, wo die geflügelte Schlange zugebissen hatte. „Die Zähne sind nicht durchs Kettenhemd gedrungen. Ich habe nur eine leichte Quetschung davon getragen.“
  Nun kam Jinxon aus der Höhle und betrachtete die Fremden misstrauisch. „Wer seid Ihr und was macht Ihr hier?“
  „Wie gesagt, ich bin Salion, Ritter der weißen Rose, und das ist Hamon, mein Knappe. Wir sind auf der Jagd nach einem Wendigo, der schon seit einiger Zeit ein Dorf tyrannisiert. Wir haben die Schüsse gehört und waren neugierig, was hier vor sich geht.“
  Die Gnome sahen sich einen Moment an, dann seufzten sie erleichtert. „Ihr seid zur rechten Zeit gekommen. Ich bin Minxodian, das ist Jinxon. Wisst Ihr was das für eine Bestie war?“
  „Eine Hashamna“, sagte der Ritter. „Ihr hattet Glück, dass es nur eine kleine war.“
  „Wir danken Euch für Eure Hilfe. Setzt Euch doch an unser Feuer.“
  Salion nahm das Angebot dankend an. Hamon holte noch zwei Rucksäcke und Taschen, die er und sein Meister zwischen den Felsen zurückgelassen hatten. Als sie am Feuer saßen ließ der Ritter einen prüfenden Blick über die Ausrüstung der Gnome schweifen.
  „Ihr scheint nicht besonders gut ausgerüstet zu sein für einen Ausflug in die bergige Wildnis“, sagte Salion.
  „Wir sind nicht freiwillig hier“, sagte Jinxon. „Wir waren auf Kaviarfang, als wir angegriffen wurden. Unser Boot zerschellte in einigen Wasserfällen und ab da mussten wir nur mit dem Notdürftigsten vor unseren Angreifern durch die Berge fliehen.“
  Salion runzelte die Stirn. „Wieso wurdet Ihr angegriffen?“
  Jinxon und Minxodian sahen sich einen Moment an. Salion war zwar ein Ritter der Rose, die als ehrenhaft bekannt waren, doch sie wussten trotzdem nicht, ob sie ihm trauen konnten. „Das wissen wir nicht“, sagte Jinxon schließlich. „Vielleicht waren es einfach nur gewöhnliche Banditen.“
  „Hmmm... Und dann wurdet Ihr auch noch von einer Hashamna angegriffen... Diese Biester sind selten in dieser Gegend. Ihr hattet wirklich außerordentliches Pech von einer angegriffen zu werden.“ Salion kramte einen Laib Brot aus seinem Rucksack. „Wollt ihr etwas essen?“
  „Dein danke“, sagte Jinxon und auch Minxodian schüttelte den Kopf. Auf den Schrecken hatten sie keinen Hunger.
  „Wir können Euch morgen früh zu einem Gebirgspass bringen, von da aus könnt Ihr zu eurer Heimat gelangen.“
  „Das wäre keine gute Idee. Wir glauben, dass die Banditen nur darauf warten, dass wir dem Pass folgen.“
  Salions Augen verengten sich zu Schlitzen. „Das wären aber hartnäckige Banditen.“
  Minxodian räusperte sich verlegen. „Äh, könnt Ihr uns vielleicht über das Gebirge nach Wartburg geleiten?“
  „Wartburg? Kommt Ihr da her?“
  „Ja“, log Minxodian.
  „Das dauert bestimmt eine ganze Woche, wenn wir nicht den Pass benutzen“, sagte Hamon. „Wir müssen doch den Wendigo jagen. Sonst überfällt er noch einmal das Dorf.“
  „Vielleicht können wir beides erledigen“, sagte Salion. „Wir bringen erst den Wendigo zur Strecke und geleiten dann unsere kleinen Freunde nach Wartburg.“
  Hamon nickte. „Wie Ihr meint, Meister.“
  Die beiden Gnome lächelten erleichtert. „Wir wären Euch wirklich dankbar, wenn Ihr uns sicher nach Wartburg bringen könntet“, sagte Jinxon.
  Minxodian und Jinxon wurden am nächsten Morgan bei den ersten Sonnestrahlen von Salion geweckt.
  „Wir sollten jetzt aufbrechen, wenn wir heute ein ordentliches Stück Weg schaffen wollen“, sagte Salion.
  Die beiden Gnome gähnten und rieben sich die Müdigkeit aus den Augen. Der Ritter und sein Knappe schulterten ihre Rucksäcke, die Taschen gaben sie an die beiden Gnome weiter. Im Gänsemarsch führte Salion die Gruppe einen mit Felsen übersäten Hang hinauf.
  „Wir sind der Spur des Wendigos bis zu einem schmalen Pfad gefolgt“, sagte Salion. „Wir werden versuchen die Spur wieder aufzunehmen.“
  Es dauerte nicht lange, bis sie einen mit Erde bedeckten Pfad erreichten, der sich zwischen Felsen hindurchwand. Salion ließ sich in die Hocke nieder und betastete die festgetretene Erde.
  „Ja, hier ist der Wendigo lang gegangen“, sagte er. Die Gruppe folgte dem Pfad.
  Nach einer Weile stieg Jinxon ein übler Geruch in die Nase. Er schnupperte in der Luft. „Riecht Ihr das?“
  Die anderen nickten und als sie um den nächsten Felsen bogen, entdeckten sie die Quelle des Gestanks. Es war ein Haufen Exkremente, auf dem sich einige Fliegen niedergelassen hatten.
  Salion betrachtete den Haufen genauer. „Sieht so aus, als hätte der Wendigo hier sein Geschäft verrichtet. Die Spuren folgen weiter dem Pfad.“
  Und so folgte die Gruppe weiterhin dem schmalen Gebirgsweg. Nach etwa zwei Stunden wurde der Pfad breiter. Schließlich führte er in ein von Steilwänden umgebenes Tal. Staunend blieb die Gruppe am Taleingang stehen und ließ ihre Blicke über den Kessel vor ihnen schweifen.
  In dem Tal standen mehrere verfallene Türme. Der höchste von ihnen reckte sich bestimmt dreißig Meter in die Höhe. Vier von ihnen bildeten zusammen mit einer Mauer eine kleine Festung.
  „Was ist das?“, fragte Jinxon.
  „Keine Ahnung“, sagte Salion. „Ich wusste nicht, dass es hier im Gebirge ein Dorf gegeben haben soll. Aber das scheint keine normale Siedlung zu sein. Wer baut schon so viele Türme?“
  „Magier leben gerne in Türmen“, sagte Hamon. „Weil sie im oberen Stockwerk häufig ein Fernrohr zur Sternenbeobachtung stehen haben.“
  „Eine Niederlassung von Magiern?“
  „Sie leben gerne zurückgezogen, um ungestört ihren Forschungen nachgehen zu können.“
  „Aber so zurückgezogen? Na ja, wie es aussieht führen die Spuren des Wendigos hierher. Wahrscheinlich haust er in einem der Gebäude.“
  Salion führte die Gruppe in den Talkessel hinein. Der Pfad führte auf einen gepflasterten Platz, der an einigen Stellen von kleinen Bäumen aufgebrochen war. Auf den Steinen war die Spur des Wendigos nicht mehr zu sehen. Um den Platz herum standen drei Statuen, die anscheinend mutwillig zerstört worden waren. Die Standbilder zeigten Menschen in langen Gewändern, ihre Köpfe waren zerschlagen. Eine Statue war aus weißem Marmor, eine aus schwarzem und die dritte aus Sandstein.
  „Die sollten wohl mal drei Götter darstellen“, sagte Salion. „Die weiße war Solaria, Göttin des Lichts, die schwarze Heshkara, Göttin des Todes und die aus Sandstein trägt die Reste eines Magierstabes, wahrscheinlich soll sie Mor’acur darstellen, Gott der Magie und des Windes.“
  „Und was sollen diese Statuen darstellen?“ Jinxon deutete auf die Mitte des Platzes. Dort standen ebenfalls zwei Standbilder, doch in deutlich besserem Zustand. Das eine zeigte eine aufrecht gehende Katze mit vor Zorn gefletschten Zähnen. Das andere zeigte eine wabernde Gestalt mit einer Fratze am oberen Ende.
  „Das müssen Dämonen sein“, sagte Hamon.
  „Sie sehen scheußlich aus“, meinte Minxodian.
  „Das haben Dämonen so an sich.“
  „Wieso stehen hier Dämonenstatuen“, fragte Jinxon, „während die Götterstandbilder zerstört sind?“
  Salion ließ seinen Blick über den Platz schweifen, seine Stirn in sorgenvolle Falten gelegt. „Das gefällt mir nicht.“
  „Wir sollten die Gebäude nach dem Wendigo durchsuchen“, sagte Hamon.
  „Ja, das sollten wir.“
  „Aber wir werden uns doch nicht aufteilen?“, fragte Jinxon mit ängstlicher Stimme. „Das ist in den Gruselgeschichten nämlich immer so, dass sich die Gruppe an einem seltsamen Ort immer trennt.“
  Salion schmunzelte amüsiert. „Keine Sorge, wir werden zusammen bleiben. Zuerst nehmen wir uns den größten Turm vor.“
  Salion führte die Gruppe in den dreißig Meter hohen Turm. Darin gab es eigentlich nichts zu sehen. Das Einzige was sich dort befand war eine Wendeltreppe, die in die Höhe führte. Die Gruppe stieg die Treppe hinauf und erreichte schnaufend einen kreisrunden Raum. Unter einem Loch im Dach stand ein riesiges Fernrohr, das mit verschiedenen Kurbeln in Position gebracht werden konnte. Auf einem Sessel unter dem Fernrohr saß ein Skelett in einer mottenzerfressenen Robe. Jinxon und Minxodian stießen erschrockene Schreie aus, als sie den Leichnam entdeckten.
  Salion trat an das Skelett heran, um es genauer zu betrachten. Es war über das Okular des Fernrohrs gesunken. Zwischen den Wirbelknochen seines Genicks steckte ein zierlicher Dolch.
  „Anscheinend wurde er von hinten erdolcht“, sagte Salion. „Doch das scheint schon lange her zu sein.“
  „Mir gefällt’s hier immer weniger“, meinte Jinxon.
  Außer dem Skelett gab es in dem Turm nichts besonderes mehr zu sehen, also stieg die Gruppe wieder hinab. Wieder zurück auf dem Platz hielten sie auf ein niedriges Gebäude zu. Es war neben einem kuppelförmigen Bauwerk das einzige Gebäude das kein Turm war. Außerdem sah es so aus, als wäre es teilweise geschmolzen.
  „Was kann Stein zum schmelzen bringen?“ In Minxodians Stimme schwang deutliche Beunruhigung mit.
  „Vielleicht sehr heißes Feuer“, sagte Hamon. „Oder Magie.“
  Salion blieb vor dem Eingang stehen. Die Tür stand offen, ihr Holz war vermodert, die Angeln verrostet. Der Ritter trat ein, gefolgt von den anderen. Ein übler Geruch schlug ihnen entgegen. Durch ein paar zerstörte kleine Fenster fiel genug Licht in den Raum, um alles zu erkennen. Auf dem Boden lagen zahlreiche Tierknochen, teilweise noch mit kleinen Fleischresten. Fliegen schwirrten durch die Luft.
  Plötzlich waren Schritte zu hören. Im Durchgang zum nächsten Raum erschien eine drei Meter hohe Gestalt. Sie war am ganzen Körper mit einem zotteligen Pelz behaart, lange Reißzähne blitzten in seinem affenartigen Maul.
  „Der Wendigo“, rief Salion und zog sein Schwert.
  Der Wendigo duckte sich und quetschte sich brüllend durch die Tür. Salion trat ihm entgegen. Er schwang sein Schwert, doch das Ungeheuer schlug es mit einer Armbewegung zur Seite. Die Klinge drang nicht durch den dichten Pelz. Minxodian zielte mit seinem Gewehr und drückte ab.
  Der drei Meter große Wendigo war nicht zu verfehlen. Ein Schuss hallte durch den Raum, die Kugel grub sich in das Fell des Ungeheuers. Das Monster schrie, mehr aus Wut, als vor Schmerz. Hamon zog sein Kurzschwert und näherte sich vorsichtig dem Wendigo.
  Das Ungetüm schlug mit seinen Klaue nach Salion. Der Ritter wollte zur Seite ausweichen, doch er war nicht schnell genug. Pelzige Arme schleuderten ihn zur Seite. Er krachte gegen eine Wand und taumelte einen Moment benommen.
  Hamon hielt unsicher sein Kurzschwert vor sich. Der Wendigo wandte sich ihm zu. Mit seinen langen Armen hatte er eine größere Reichweite, als der Knappe. Zwei Schüsse krachten, als Jinxon seine beiden Pistolen abfeuerte. Der Wendigo brüllte, als die Kugeln seine Schulter trafen.
  Das Ungeheuer schwang seine Fäuste, um auf Hamon einzuprügeln. Der Knappe sprang zurück und der Schlag traf den Boden vor seinen Füßen. Salion hatte seine Benommenheit abgeschüttelt und stürmte auf den Wendigo zu. Sein Schwert zeichnete eine schimmernden Kreis in die Luft. Es schnitt über die Seite des Monsters.
  Die Klauen des Wendigos schlugen nach Salion. Der konnte zwar zurückweichen, doch die Krallen erwischten gerade noch seinen linken Arm. Sie zerrissen das Metallgeflecht seines Kettenhemdes und verwundeten den Ritter. Salion biss die Zähne zusammen. Als sich der Wendigo wieder seinem Knappen zuwandte, packte er sein Schwert mit beiden Händen und drang auf das Ungeheuer ein. Er rammte die Klinge mit voller Wucht in den Körper des Monstrums.
  Der Wendigo schrie auf. Seine Arme wirbelten herum und stießen Salion weg, doch das Schwert blieb stecken. Das Ungeheuer taumelte, seine großen Pranken griffen nach dem Schwert in seiner Seite. Es röchelte, dann gaben seine Beine nach. Der Länge nach schlug der Wendigo auf den Boden. Ein Zittern lief durch seinen Körper, dann erschlaffte er.
  Einen Moment starrten die beiden Gnome entsetzt auf die Bestie. „Ist er tot?“, fragte Minxodian in die Stille hinein.
  Salion hielt einen Moment inne, um Atem zu schöpfen. Dann trat er an den Körper des Wendigos heran. Er stieß ihn mit einer Stiefelspitze an, doch das Monstrum regte sich nicht mehr.
  „Sieht so aus“, sagte Salion. Er packte sein Schwert, stemmte einen Fuß gegen den Leichnam und zog die Klinge aus dem Körper. Dann steckte er das Schwert wieder in die Scheide an seiner Seite.
  „Ihr seid verletzt, Meister.“ Hamon nahm seinen Rucksack von den Schultern und kramte darin herum. Er holte Bandagen hervor. „Wir sollten das sofort verbinden.“
  Salion ließ sich auf dem Boden nieder. Hamon hockte sich neben ihn und verband seine Wunde. Jinxon ließ seinen Blick über die Knochenberge schweifen, die der Wendigo angesammelt hatte. Zwischen den bleichen Gebeinen entdeckte er eine zerschlissene Magierrobe, aus deren Tasche etwas ragte. Neugierig trat Jinxon näher, schob mit dem Fuß ein paar Knochen zur Seite und zog das Ding aus der Tasche. Es war ein kleines Buch.
  „Was ist das?“, fragte Minxodian.
  Jinxon blätterte in dem Büchlein herum. „Scheint ein Tagebuch zu sein.“
  Minxodian sah Jinxon neugierig über die Schulter. „Was steht da drin? Steht da, was hier passiert ist?“
  Jinxon blätterte bis zum letzten Tagebucheintrag und las vor. „Zwölfter Solar, neunhundert. Die verfluchten Atam-Anbeter haben die Kuppel unter ihre Kontrolle gebracht. Damit haben sie den Transporter. Durch ihn können sie Ausrüstung aus Wartburg beschaffen, vielleicht sogar zwielichtiges Söldnergesindel. Wir müssen den Transporter zurückerobern, er wird über Sieg und Niederlage entscheiden.“
  Die Gnome sahen sich erstaunt an. Denn hellten sich ihre Mienen auf. „Ein Transporter, der einen nach Wartburg bringt?“ Minxodians Augen leuchteten. „Das scheint unser Glückstag zu sein.“
  Der Schuss war leise und gedämpft, aber immer noch hörbar.
  „Das muss von den Wichten kommen“, sagte Sartass. Der Dunkelelf kletterte gerade zusammen mit Morgon und Xamnar über einen Berghang.
  Xamnar drehte sich zu Morgon um. „Verwandle dich in einen Vogel und sieh nach, wo genau sie sich befinden.“
  Morgon konzentrierte sich. Seine Kleidung verschmolz mit seinem Körper und er schrumpfte. Schließlich saß er in Gestalt eines Raben auf dem Felsboden. Er schlug mit den Flügeln und stieg in den Himmel. Hoch in der Luft hatte er einen ausgezeichneten Blick über die Landschaft. Er musste nicht lange fliegen, bis er einen Talkessel fand, in dem einige Gebäude standen. Auf einem Platz inmitten der Bauwerke standen die beiden Gnome mit den Menschen. Ein schmaler Pfad führte zu dem Tal. Es würde nicht lange dauern, bis sie es erreichen konnten. Das war ihre Chance die Gnome einzuholen.
  Die Gnome standen zusammen mit dem Ritter und seinem Knappen auf dem Platz und betrachteten das kuppelförmige Gebäude.
  „Das ist die einzige Kuppel, die es hier gibt“, sagte Jinxon. „Der Transporter muss da drin sein.“
  „Dann wollen wir mal nachsehen“, sagte Salion. Er führte die Gruppe zu dem Tor, das in die Kuppel führte. Die beiden Flügel des Tores schienen noch in gutem Zustand zu sein.
  Salion klopfte gegen das Holz. „Erz-Eiche. Extrem wiederstandsfähig.“ Er schob einen der Torflügel auf.
  Die Gruppe betrat einen großen Raum. Durch die Mitte der Kuppel hatte man eine Wand gezogen, die das Gebäude anscheinend in zwei Hälften teilte. Ein verschlossenes Tor führte in den dahinter liegenden Raum, wahrscheinlich ebenfalls aus Erz-Eiche gefertigt. In das Holz waren furchteinflößende Dämonenfratzen geschnitzt.
  Salion trat an das Tor heran und wollte es öffnen. Plötzlich schoss etwas auf ihn zu und umwickelte ihn. Die Gnome und der Knappe taumelten erschrocken zurück und starrten das Tor an. Ein Tentakel hatte sich aus dem Holz geformt und hielt den Ritter umschlungen. Die Dämonenfratzen erwachten zum Leben. Ein großes Maul in der Mitte des Tores öffnete sich, um lange Zähne zu entblößen.
  „Bei Solarion, was ist das?“, rief Salion. Er wollte sein Schwert ziehen, doch der Tentakel hielt ihn zu fest umschlungen. Weitere Greifarme formten sich aus dem Holz.
  Minxodian hob sein Gewehr und feuerte. Der Schuss fetzte Holzsplitter aus dem Tor. Hamon sprang heran und schwang sein Kurzschwert. Mit wilden Hieben schlug er auf den Tentakel ein. Er schaffte es ihn durchzuhacken und Salion fiel zu Boden.
  Blitzschnell rollte sich der Ritter ab und kam einen Augenblick später wieder auf die Füße. Er zog sein Schwert und hielt es mit beiden Händen. Holztentakeln züngelten ihm entgegen.
  Jinxon feuerte eine seiner Pistolen ab und stanzte eine kleine Mulde ins Holz. „Bringt das überhaupt was?“
  Salion und Hamon wichen zurück, außer Reichweite der Tentakeln. Die Greifarme zogen sich ins Holz zurück, die Fratzen erstarrten. Vor ihnen lag wieder ein ganz normales Tor.
  „Wir müssen daran vorbei, um zum Transporter zu kommen“, sagte Minxodian.
  Jinxon rieb sich nachdenklich das Kinn. „Wir sollten das Tor in Brand setzen.“
  Salion schüttelte den Kopf. „Das bringt nichts. Erz-Eiche ist das einzige Holz, das nicht brennt. Wir müssen es mit unseren Schwertern zerhacken.“
  „Das wird aber gefährlich“, ertönte plötzlich eine Stimme.
  Die Gnome und die beiden Menschen wirbelten herum und erstarrten. Vor ihnen schwebte eine durchscheinende Gestalt in der Luft. Der Körper bestand aus wabernden Schleiern, nur ein Gesicht war zu erkennen. Die Augen lagen tief in den Höhlen und sahen fast aus wie zwei schwarze Löcher.
  „Ein Geist“, rief Jinxon entsetzt.
  „Ja genau, ich bin ein Geist“, sagte der Geist.
  „W-W-Was...“
  Der Geist seufzte, als wäre ihm etwas unangenehm. „Keine Sorge, ich tue Euch nichts. Ich will Euch helfen... ich muss Euch helfen.“
  Salion runzelte die Stirn. „Wieso?“
  „Das ist eine lange Geschichte.“
  „Erzähl.“
  „Ich weiß nicht“, sagte Minxodian. „Wir sollten nicht mit einem Geist reden, die führen normalerweise nichts Gutes im Schilde. Er hat wahrscheinlich das Tor mit einem Fluch belegt, damit es uns angreift.“
  „Nein, das war jemand anderes“, sagte der Geist.
  Salion legte Minxodian beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Erzähl uns, was hier passiert ist, Geist.“
  Der Geist seufzte wieder. „Na schön, aber es ist keine schöne Geschichte... Vor vielen Jahzehnten schlossen sich einige Magier zusammen und gründeten diese Forschungssiedlung um anderssphärische Phänomene zu untersuchen. Einer von ihnen war ich, Kahlum. Zwanzig Jahre lang ging alles gut. Wir lebten ein göttergefälliges leben. Doch dann gelang es uns Kontakt mit zwei Dämonen aufzunehmen.“
  „Dämonen?“, fragte Jinxon. „Das kann nicht sein. Der große Bannkreis hat alle Dämonen in die Außenwelt vertrieben.“
  „Das stimmt, doch diese beiden Dämonen scheinen hier gebunden gewesen zu sein und konnten dadurch dem Bannkreis wiederstehen. Na ja, wie dem auch sei, wir nahmen Kontakt mit diesen Dämonen auf. Sie versprachen uns Macht, wenn wir uns ihnen unterwerfen und einige folgten ihnen. Diejenigen, die an den Göttern festhielten, wurden ermordet. Wir erforschten mit Hilfe der Dämonen dunkle magische Künste und nach einer Weile spaltete sich die Gemeinschaft. Die einen folgten dem Dämon Atam, die anderen Lukar. Ein Kampf entbrannte zwischen den beiden Fraktionen, denn sie waren getrieben von dämonischem Hass. Eines Tages brachten die Atam-Anbeter diese Kuppel und damit den Transporter unter ihre Kontrolle. Sie hauchten dem Tor unheiliges Leben ein und seitdem bewacht es den dahinterliegenden Raum.“
  „Du sagtest du musst uns helfen“, sagte Salion. „Wieso?“
  „Nun, ich war eigentlich kein überzeugter Dämonenanbeter. Ich war eher ein Mitläufer. Ich starb beim Kampf um die Kuppel. Nach meinem Tod war ich nicht verdorben genug, um ins Reich der Schatten einzukehren, aber nicht gut genug, um ins Himmelreich zu kommen. Also ließen die Engel meinen Geist auf der Erde zurück, bis ich meine Fehler wenigstens einigermaßen wieder gut gemacht habe.“ Kahlum warf den Gnomen einen durchdringenden Blick zu. „Ich spüre die böse Macht, die Euch auf der Seele liegt. Ich weiß, dass Ihr vor etwas flieht und ich kann Euch helfen.“
  „Welche böse Macht?“ Salion wirbelte zu den beiden Gnomen herum, sein Schwert schützend vor sich haltend. „Was soll das heißen?“
  Jinxon und Minxodian warfen sich unsichere Blicke zu. „Na ja, das ist eine lange Geschichte“, sagte Jinxon.
  „So lang ist sie nun auch wieder nicht“, meinte Minxodian. Er wandte sich an den Ritter. „Also, da war dieser Elf, der sich in einen Fisch verwandelt hatte und der wurde von so Typen verfolgt. Und er hat uns Worte anvertraut, böse Worte, die wir zum Elfenhof bringen sollen.“
  Salion runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht...“
  „Das ist nicht der richtige Ort das zu besprechen“, sagte Jinxon. „Wir sollten jetzt erst mal dieses Tor beseitigen.“ Er wandte sich an den Geist. „Du wolltest uns doch helfen. Also, wie kommen wir durch dieses Tor?“
  „Ihr müsst es zerstören“, sagte Kahlum.
  „Das soll deine Hilfe sein?“
  „Ich kann Euch nicht helfen durch das Tor zu kommen, aber ich kann Euch helfen den Transporter zu aktivieren.“
  Salion nickte. „Na dann.“ Mit diesen Worten wirbelte er herum und lief auf die Tür zu. Er schwang sein Schwert und schlug zwei Tentakeln ab, die aus dem Holz schnellten. Hamon zog ebenfalls seine Waffe, um seinem Meister beizustehen. Doch er wurde von zwei Greifarmen gepackt und in die Höhe gerissen. Das Maul in der Mitte des Tores öffnete sich und die Tentakeln trugen Hamon dem Rachen entgegen.
  Salions Schwert schimmerte in einer kreisförmigen Bahn. Mit einem lauten Splittern zerschlug er die Tentakeln und Hamon stürzte zu Boden. Ritter und Knappe hackten auf die Tür ein, bis das Holz barst. Als ein kleines Loch in dem Tor klaffte, ertönte plötzlich ein gequältes Stöhnen. Die Tentakeln verschwanden, das Maul schloss sich, die Tür erstarrte zu totem Holz.
  Schwer atmend traten Salion und Hamon zurück. Dann stieß der Ritter das Tor mit der Schulter auf.
  „Gut, das wäre geschafft“, sagte Hamon.
  Die Gnome folgten den beiden Männern in den Raum hinter dem Tor. Er war ebenso leer wie der vorherige, bis auf einen aufgerichteten Metallkreis, der auf einem Sockel stand. Der Kreis war groß genug für einen Menschen um hindurch zu gehen.
  „Das ist der Transporter“, sagte Kahlum. „Oder auch Wegetor genannt.“
  Plötzlich ertönte ein Zischen. Dann schlug ein Pfeil in Salions Rucksack ein. Die beiden Menschen und die Gnome wirbelten herum. Im vorderen Raum stand ein Dunkelelf mit einem Bogen. Er warf seine Schusswaffe weg und zog zwei Schwerter. Als er auf die Gruppe zustürmte entdeckte Jinxon zwei weitere Gestalten die sich von hinten näherten.
  Mit einem hasserfüllten Schrei warf sich der Dunkelelf auf Salion, der gerade noch die Schläge mit seinem Schwert parierten konnte.
  „Schließt die Tür, damit die anderen beiden nicht reinkommen“, rief Salion.
  Minxodian, Jinxon und Hamon warfen sich gegen die Torflügel und drückten sie zu. Gerade als sie sie geschlossen hatten warf sich einer ihrer Verfolger von außen gegen das Tor, doch sie konnten den Eingang geschlossen halten.
  „Jemand muss schnell den Transporter aktivieren“, sagte Minxodian.
  „Das mach ich.“ Jinxon lief zu dem Metallring und starrte Kahlum an. „Also, was muss ich tun?“
  Während sich die Verfolger gegen das Tor warfen, zog Hamon sein Kurzschwert und klemmte es in eine Halterung, die eigentlich für einen Riegel gedacht war, der jedoch fehlte.
  „Das müsste erst mal halten“, meinte der Knappe. Doch er und Minxodian trauten sich nicht das Tor zu verlassen.
  Salion schwang sein Schwert mit beiden Händen und schlug mit drei blitzschnellen Hieben nach dem Dunkelelf. Doch der wehrte die Schläge mühelos mit seinen beiden Krummschwertern ab.
  „Du musst die beiden Kristalle drehen“, sagte Kahlum.
  Jinxon packte einen Kristall, der aus der Seite des Rings ragte. „Den hier?“
  Der Geist nickte eifrig. „Genau.“
  Jinxon drehte den Kristall und er fing an zu glühen. Dann ging er zur anderen Seite des Rings, wo ein ähnlicher Stein angebracht war.
  Der Dunkelelf schwang seine Krummschwerter in einem tödlichen Kreis. Salion kreuzte die Klingen mit ihm, doch ein Schlag kam durch und erwischte ihn am Arm. Zum Glück war der Hieb nicht heftig genug, um sein Kettenhemd zu durchdringen.
  Plötzlich explodierte etwas außen vor dem Tor. Feuer schlug durch die Öffnung, die Salion und Hamon in das Holz geschlagen hatten. Das Tor erzitterte heftig.
  „Lange können wir sie nicht mehr zu halten“, rief Minxodian.
  Jinxon drehte den zweiten Kristall. Schriftzeichen, die in dem Wegetor eingraviert waren, fingen an zu leuchten. Dann flimmerte die Luft in dem Portal und verdichtete sich zu einer schimmernden Oberfläche.
  „Das Portal ist aktiviert“, sagte der Geist.
  „Schnell, wir müssen von hier verschwinden“, rief Jinxon.
  Salion trieb den Dunkelelfen mit eine paar kräftigen Hieben zurück, während die anderen durch das Portal verschwanden. Als alle gegangen waren, folgte er ihnen mit ein paar schnellen Schritten.
  Der Dunkelelf trat vor den Transporter und zögerte einen Moment. Als die schimmernde Oberfläche im Inneren des Rings in sich zusammenbrach, drehte er sich um und öffnete das Tor.
  „Wo sind sie?“, fragte Xamnar.
  „Sie sind durch den Transporter geflohen“, sagte Sartass.
  „Wir müssen ihnen folgen. Wie aktiviert man das Ding?“
  „Man muss die Kristalle drehen.“
  Morgon trat an den Transporter heran. „Dann nichts wie hinterher.“
  „Warte“, rief Xamnar. „Vielleicht haben sie schon die nächste Stadt erreicht. Dort können wir sie uns nicht schnappen.“
  „Was sollen wir dann tun?“
  Xamnar drehte sich um und verließ den Kuppelbau. Er führte seine beiden Schergen zu einem Brunnen, der am Rande des Platzes stand.
  „Seht Ihr die Schriftzeichen?“, fragte er. „Das ist die Sprache der Schatten. Der Brunnen wurde verzaubert, durch ihn ist man in der Lage dämonische Essenz zu kanalisieren.“
  „Trotz des Bannkreises?“
  „Der Bannkreis wird schwächer. Und wenn wir erst die magischen Worte haben, können wir ihn vollends vernichten.“
  Xamnar baute sich vor dem Brunnen auf und reckte die Hände in die Höhe. Dann begann er zu sprechen, in einer dunklen Sprache.
  Es fühlte sich irgendwie komisch an durch den Transporter zu gehen. Einen Moment war alles dunkel und Jinxon wusste nicht mehr wo oben und unten war. Dann wurde es wieder hell. Der Gnom blinzelte und sah sich um. Er stand auf einer Lichtung im Wald, die von Felsnadeln umgeben war. Hinter ihm kamen die anderen aus dem Portal.
  Rasch entfernten sie sich ein paar Schritte von dem Wegetor und machten sich kampfbereit. Doch niemand kam
  „Wir sollten uns beeilen“, sagte Salion. „Wenn wir Wartburg erreicht haben, können sie uns nichts mehr tun.“
  „Wartet einen Moment, Meister“, sagte Hamon. „Ich ziehe den Pfeil raus.“ Der Knappe packte den Schaft des Pfeils und zog ihn aus dem Rucksack des Ritters.
  Dann machte sich die Gruppe auf den Weg Richtung Osten. Ein paar Minuten später ließen sie den Wald hinter sich und erreichten eine Wiesenlandschaft. Vom Waldrand aus konnten sie Wartburg sehen.
  Als sie die Stadt fast erreicht hatten ertönte ein Kreischen hinter ihnen. Sie wirbelten herum und sahen eine große Gestalt über den Himmel gleiten. Die Kreatur hielt genau auf sie zu.
  „Was bei allen Göttern ist das?“, riefen einige Soldaten auf den Stadtmauern Wartburgs.
  Das Ungeheuer kam rasch näher. Es sah aus wir ein fliegender Rochen mit Hörnern auf dem Rücken. Mit weit aufgerissenem Maul stieß es auf die Gnome, den Ritter und den Knappen herab. Die warfen sich zu Boden und das Monstrum segelte über sie hinweg. Sein Schwanz peitschte den Boden auf und ließ Dreck durch die Gegend fliegen. Schüsse hallten durch die Luft, als die Soldaten auf den Mauern das Ungeheuer unter Beschuss nahmen. Die Gewehrkugeln rissen kleine Löcher in die Flügel des Rochen. Doch der ließ sich von seinem nächsten Angriff nicht abbringen.
  Salion zog sein Schwert, die beiden Gnome machten ihre Schießeisen feuerbereit. Während sie auf den nächsten Angriff des Ungeheuers warteten, wichen sie zu den Stadtmauern zurück. Der Rochen kam angesegelt und schwebte vor ihnen in der Luft. Sein dornenbewährter Schwanz schnellte vor und stieß nach den Gnomen. Doch die wichen geschickt zur Seite aus. Sie feuerten das Gewehr und die Pistolen ab. Die Schüsse schlugen im Kopf des Ungeheuers ein und ließen es aufheulen.
  Salion sprang nach vorn und schwang sein Schwert. Mit einem kräftigen Hieb schlug er den Dornenschwanz des Rochen ab. Das Monstrum senkte sich herab und versuchte Salion mit seinen langen Fangzähnen zu beißen. Als der Kopf nach vorne zuckte stieß der Ritter der Kreatur sein Schwert in den Rachen.
  Plötzlich zerplatzte der Rochen in einem Regen. Unzählige Tropfen prasselten auf die Umgebung nieder. Einen Moment standen die Gnome wie angewurzelt da und starrten dorhin, wo gerade noch das Ungeheuer gewesen war. Jinxon rührte sich als Erster. Er betrachtete einen der Tropfen, der auf seiner Hand gelandet war und roch an ihm.
  „Wasser“, murmelte er.
  „Was war das?“, fragte Minxodian.
  Salion atmete tief durch. Seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen. „Das muss ein Dämon gewesen sein... die entstehen häufig aus Wasser.“
  Während die Gnome und der Ritter mit seinem Knappen die Stadt betraten, gerieten die Wassertropfen in Bewegung. Sie flossen durch das Gras und setzten sich zu größeren Pfützen zusammen. Schließlich manifestierte sich im Schatten der Stadtmauer eine menschliche Gestalt. Sie war vermummt und bucklig und ihre Hände waren zu Klauen verkrümmt.

Kapitel 3

  Salion führte die Gruppe über den Markt auf dem Rathausplatz der Stadt Wartburg.
  „Ihr müsst mir in einer ruhigen Stunde mal erzählen was genau geschehen ist“, sagte er. „Aber erst sollten wir ein paar Sachen für die weitere Reise besorgen.“
  „Wir?“, fragte Minxodian. „Heißt das, Ihr wollt uns weiterhin begleiten?“
  „Wenn das, was Ihr zu erledigen habt, so wichtig ist, wie ich vermute, dann könnt Ihr jede Hilfe gebrauchen.“
  Die beiden Gnome blieben stehen, in ihren kleinen Gesichtern spiegelte sich unendliche Erleichterung. „Vielen Dank“, sagten sie im Chor.
  „Nichts zu danken“, sagte Salion. „Als Ritter ist es meine Pflicht, denen zu helfen, die Hilfe benötigen.“
  „Hier in Wartburg gibt es eine Botschaft der Hochelfen“, sagte Jinxon. „Da wollten wir mal vorbeischauen. Wenn die uns weiterhelfen können, dann müssen wir gar nicht bis zum Elfenhof.“ 
  „Hmmm.“ Salion strich sich durch seinen Bart. „Wenn sie Euch hier tatsächlich helfen können, werde ich Euch danach in Eure Heimat zurückbringen. Wenn nicht, begleite ich euch zum Elfenhof. So oder so, Ihr braucht Ausrüstung für die weitere Reise. Ihr solltet ein paar Sachen einkaufen.“ Der Ritter holte ein paar Goldmünzen aus seinem Beutel und drückte sie den Gnomen in die Hand. „Kauft was ihr braucht. Wir treffen uns in zwei Stunden in diesem Gasthaus da vorn.“
  Zwei Stunden später betraten die Gnome das Gasthaus ‚Zum röhrenden Hirsch’. Sie entdeckten Salion und Hamon an einem Ecktisch und gesellten sich zu ihnen. Sie brannten darauf zu zeigen, was für tolle Dinge sie gekauft hatten.
  „Seht mal, wir haben Zipfelmützen gekauft“, sagte Jinxon begeistert. Er zeigte auf die Mützen, die er und sein Freund trugen. Seine war blau, die andere grün. „Es ist bei uns Gnomen Tradition solche Mützen zu tragen. Unsere alten Mützen haben wir bei den Wasserfällen verloren.“
  „Und ich habe mir diesen tollen Umhang gekauft.“ Minxodian präsentierte einen knallroten Kapuzenumhang.
  „Außerdem haben wir noch diese Gitarre im Angebot gefunden“, sagte Jinxon. „Dann können wir am Lagerfeuer Lieder singen. Ich kann nämlich ein bisschen Gitarre spielen.“
  Die beiden Gnome sahen ihre menschlichen Begleiter erwartungsvoll an. Doch in deren Gesichtern zeigte sich keine Begeisterung, sondern nur Entsetzen.
  Salion strich sich seufzend über sein Gesicht. „Wieso habt Ihr solchen Schrott gekauft?“
  „Schrott, wieso Schrott?“, wollte Jinxon wissen.
  „Ein knallroter Kapuzenumhang? Den werden unsere Verfolger meilenweit sehen können. Und eine Gitarre? Sollen wir abends Lieder singen, damit unsere Verfolger unser Lager leichter finden? Wieso habt Ihr nicht gleich noch eine Signalpistole gekauft?“
  Eigentlich hatten Minxodian und Jinxon noch die Feuerwerkskörper zeigen wollen, die sie erstanden hatten, doch sie kamen zu dem Schluss, dass das momentan keine gute Idee war.
  Salion seufzte. „Kommt mit, ich werde Euch ein paar nützliche Sachen besorgen.“
  Loranor Eisenschmied saß in einem Sessel hinter seinem 

Schreibtisch. Er war der Exorzist von Wartburg, dafür eingestellt, um übernatürliche Phänomene zu bekämpfen. In einer Vitrine neben seinem Schreibtisch stand ein Matma-Kristall. Er wurde vor über tausend Jahren hergestellt, um dämonische Präsenz zu entdecken.

  Während Loranor einen Bericht über eine Geistererscheinung überflog, fing der Kristall an zu leuchten. Nach einer Weile bemerkte der Exorzist das Leuchten und sah auf.
  „Bei allen Göttern...“, murmelte er. Seit tausend Jahren hatte man keinen Dämon mehr in den Bannlanden gesehen.
  Als Erstes hielt Salion bei einem Waffenhändler.
  „Für den Fall, dass ihr in einen Nahkampf verwickelt werdet, braucht ihr eine Nahkampfwaffe“, sagte er.
  Die beiden Gnome betrachteten staunend die glänzenden Klingen. Jinxon entschied sich für ein Schwert, dass extra für Gnomengröße geschmiedet worden war. Minxodian beäugte neugierig einen Stab.
  „Lässt sich das da oben abschrauben?“, fragte er die Verkäuferin.
  „Ja“, sagte die Frau. Sie nahm den Stab an sich und schraubte das obere Ende ab, zum Vorschein kam ein Dietrich. „Damit kann man aus sicherer Entfernung ein Schloss knacken. Sehr beliebt bei Abenteurern, die in alten Ruinen nach Schätzen suchen. Außerdem kann man statt des Dietrichs auch ein Messer aufschrauben.“
  „Den will ich“, sagte Minxodian.
  Salion bezahlte die beiden Waffen und ging zu einem Rüstungshändler weiter.
  „Du könnest zu deinem Schwert auch noch einen Schild gebrauchen“, sagte er. „Ich hab für Hamon schon ein neues Schwert und für mich ein neues Kettenhemd gekauft.“
  Der Verkäufer hatte die Worte gehört und präsentierte einen Schild in Gnomengröße. „Wie wäre es mit diesem guten Stück hier? Man kann mit diesem Rädchen hier ein paar Noctronium-Kristalle aufdrehen. Die fangen im Inneren des Schildes an zu schwingen und bauen dadurch ein Kraftfeld auf, das Blitze absorbiert, sowohl natürliche als auch magische.“
  „Hört sich gut an“, sagte Salion und kaufte das Schild. Damit hatten sie eigentlich alles zusammen, was sie brauchten. Proviant hatte der Ritter schon vorher besorgt. Jinxon befestigte die Schwertsheide an seiner Seite und warf sich den Schild auf den Rücken. Minxodian schulterte seinen Stab.
  Plötzlich stand eine Gestalt vor ihnen, nur ein paar Meter entfernt. Sie war vermummt und bucklig, ihre Hände zu Klauen verkrümmt. Die Marktbesucher gingen einfach an der Gestalt vorbei, umströmte sie wie das Meer einen Felsen.
  Die Gestalt hob den Kopf. Ein eingefallenes Gesicht kam zum Vorschein. Sie öffnete den Mund und lange Zähne blitzten auf. Salion, Hamon und Jinxon zogen ihre Schwerter, Minxodian hielt seinen Stab bereit. Dann stürmte die Gestalt auf sie zu.
  Die Klauenhände der Kreatur sausten auf Jinxon nieder und zerfetzten seine Kleidung. Er brachte sein Schild rechtzeitig hoch, um einen zweiten Angriff abzuwehren.
  Als der Kampf entbrannte, sprangen die Marktbesucher schreiend zur Seite. Salion schwang sein Schwert, doch die Gestalt parierte seinen Schlag mit einem Arm, als wäre er aus Eisen.
  „Umkreist ihn, damit wir ihn von mehreren Seiten angreifen können“, rief Salion.
  Hamon und die Gnome schwärmten aus, um die Kreatur zu umzingeln. Das Wesen wirbelte um die eigene Achse und schlug mit seinen Klauen um sich. Der Knappe wurde an der Brust getroffen. Sein Kettenhemd riss auf und er wurde zurückgeschleudert. Er krachte in einen Obststand.
  Jinxon machte einen Ausfallschritt nach vorn und schlug mit seinem Schwert zu. Eine der Klauenhände zuckte nach vorn, doch Jinxon ließ sie an seinem Schild abgleiten. Seine Klinge drang in den Unterleib der Kreatur. Das Ungeheuer schrie auf und schlug zu. Jinxon duckte sich, seine Mütze wurde ihm vom Kopf gerissen. Er sprang zurück und der nächste Hieb ging ins Leere.
  Salion sprang heran, sein Schwert mit beiden Händen schwingend. In einem schimmernden Kreis schnitt die Klinge durch die Luft. Die Gestalt sprang zurück, wodurch sie dem Hieb entging. Als das Monstrum einen Schritt nach vorn machte, steckte ihm Minxodian seinen Stab zwischen die Beine. Die Kreatur stolperte und Salion rammte ihr sein Schwert in die Brust.
  Die Gestalt erstarrte. Ein Röcheln drang aus ihrem Rachen. Sie wich zurück und Salion zog die Klinge aus ihrem Körper. Für einen Moment wankte das Wesen, doch dann hatte es sich wieder gefasst. Mit entblößten Zähnen stellte es sich Salion entgegen.
  Plötzlich schlug ein Sonnenstrahl in die Kreatur ein. Das Wesen wand sich unter dem Licht, dann löste es sich auf. Die Marktbesucher starrten gebannt auf die Stelle wo gerade noch die Gestalt gestanden hatte.
  Ein Mann trat aus der Menge, flankiert von zwei schwer gerüsteten Ordenskriegern. Er trug eine weiße Robe und einen Stab mit einer Sonnenscheibe am oberen Ende.
  „Geht weiter, Bürger“, rief der Mann. „Es ist alles in Ordnung.“ Dann wandte er sich an Salion. „Bitte folgt mir.“
  Kurze Zeit später standen Minxodian, Jinxon, Salion und Hamon im Büro des Exorzisten. Der Mann in dem weißen Gewand setzte sich an einen Schreibtisch und deutete auf ein paar Sessel.
  „Bitte setzt Euch“, sagte er.
  Seine Gäste kamen seiner Aufforderung nach. Die beiden Gnome fühlten sich irgendwie seltsam mit ihren kleinen Körpern in den großen Sesseln.
  „Ich bin Loranor Eisenschmied, Exorzist von Wartburg.“
  Salion stellte sich und die anderen vor.
  „Ihr wisst, was Euch angegriffen hat?“
  „Ein Dämon?“, fragte Salion.
  Loranor nickte. „Seit über tausend Jahren wurde kein Dämon mehr gesichtet, seit der Errichtung des Bannkreises. Wisst Ihr woher er kam und wieso er gerade Euch angegriffen hat?“
  Salion sah die beiden Gnome an. Die rutschten unbehaglich in ihren Sesseln herum.
  „Wir waren auf Kaviarfang“, sagte Jinxon schließlich aufgeregt. „Wir hatten ein ganzes Netz voll Fische auf dem Deck geleert, als sich plötzlich einer der Fische in einen Elfen verwandelte. Er war schwer verwundet und lag im Sterben. Er sagte, dass er verfolgt werde und dass wir ein paar Worte zum Elfenhof bringen sollen.“
  „Worte?“
  „Böse und mächtige Worte.“
  „Wie lauten sie?“
  „Wir sollen sie nicht aussprechen, weil sie gefährlich sind. Nur wenn wir sie unbedingt weitergeben müssen, dürfen wir sie aussprechen.“
  Loranor lehnte sich zurück. „Hmmm... Der Elfenhof hat eine Botschaft hier in Wartburg. Vielleicht solltet Ihr Euch an sie wenden.“
  Kurze Zeit später standen die vier Gefährten zusammen mit dem Exorzisten vor einem prächtigen Gebäude nicht weit vom Marktplatz entfernt. Das Bauwerk war von einer schönen Parkanlage umgeben, denn die Elfen liebten die grüne Natur.
  „Seltsam“, sagte Loranor. „Normalerweise stehen Wachen am Eingang.“
  Loranor schob das schmiedeeiserne Tor auf und betrat den Park. Ein Kiesweg führte zum Haupteingang der Botschaft. Die Tür zum Haus stand einen Spalt breit offen.
  Böses ahnend zog Salion sein Schwert und stieß die Tür auf. Die anderen folgten ihm in die Empfangshalle der Botschaft. Der große Raum war mit dunklem Holz vertäfelt. An den Wänden hingen Wandteppiche mit Naturmotiven und an der Decke glitzerte ein Kronleuchter. In dem Raum war niemand zu sehen.
  „Wo ist das Zimmer des Botschafters?“, fragte Salion.
  Loranor deutete zwei Treppen hinauf, die zu einer Galerie führten. In der Mitte der Galerie war eine Tür zu sehen. Salion führte die Gruppe eine der Treppen hinauf und öffnete vorsichtig die Tür. Das Schwert abwehrend vor sich haltend betrat er das Zimmer. Auch hier war niemand zu sehen.
  „Keiner da“, sagte Loranor. „Hier muss etwas passiert sein, aber es sind keine Kampfspuren zu sehen.“
  „Das muss das Werk dieser Verfolger gewesen sein“, sagte Salion. „Sieht so aus, als müssten wir die bösen Worte persönlich zum Elfenhof bringen.“
  Morgon und Xamnar betraten ein Zimmer in einer heruntergekommenen Herberge, in dem Sartass auf sie wartete.
  „Habt Ihr Euch um die Elfenbotschaft gekümmert?“, fragte der Dunkelelf.
  Morgon nickte und holte ein Glas unter seinem Fellmantel hervor. In dem Glas tummelten sich mindestens ein Dutzend Raupen.
  „Vielleicht können sie uns noch nützlich sein“, sagte Xamnar.
  „Wieso verwandeln wir die Gnome nicht einfach?“
  Xamnar gab ein missmutiges Zischen von sich. „Wir müssen erst mal nahe genug an sie heran kommen. Außerdem besitzen sie eine natürliche Resistenz gegen Magie. Wahrscheinlich würde es nicht einmal mir gelingen einen von ihnen zu verwandeln.“
  Salion, Hamon und die Gnome saßen wieder im Büro des Exorzisten.
  „Ich würde Euch empfehlen auf der unterirdischen Straße weiter nach Osten zu reisen“, sagte Loranor. „Durch sie könnt Ihr das Saltur-Gebirge umgehen. Ihr müsst Euch nur vor einem Dunkelelfenclan in Acht nehmen, der ab und zu ein paar Überfälle verübt. Ich kann Euch vielleicht einen kleinen Vorsprung verschaffen, indem ich falsche Informationen verbreite.“
  Salion nickte. „Gut. Wir kaufen uns noch ein paar Pferde und brechen morgen auf.“
  Wieder streunte die Gruppe über den Marktplatz, diesmal auf der Suche nach geeigneten Reittieren. Sie kauften zwei Pferde für Salion und Hamon und zwei Ponys für die beiden Gnome. Als sie wieder zurück zum Sitz des Exorzisten gehen wollten, entdeckte Jinxon einen kleinen Wagen, der mit einem großen Schriftzug eine Wahrsagerin anpries.
  „Eine Hellseherin“, rief Jinxon. „Das ist genau das, was wir jetzt brauchen.“
  „Ich weiß nicht, ob ich unsere Zukunft kennen möchte“, sagte Salion.
  Hamon schüttelte den Kopf. „Die sehen ja auch nicht richtig in die Zukunft, sondern erspüren nur dein Karma. Sie sehen, ob deine Handlungen in naher Zukunft unter einem guten Stern stehen.“
  „Ich wüsste auch gerne, wie unsere Zukunft aussieht“, meinte Minxodian.
  Salion seufzte. „Von mir aus geht da hin. Wir quartieren uns schon mal beim Exorzisten ein.“
  Die Gruppe trennte sich und die beiden Gnome hielten auf den bunten Pferdewagen zu. Auf den Stufen, die zu einer Tür im Wagen führten, hockte ein kleines Äffchen, das gerade an einem Apfel knabberte. Als es die beiden Gnome entdeckte, schlüpfte es durch den Vorhang, der im Türrahmen hing. Kurz darauf ertönte ein „Herein“ aus dem Inneren des Wagens.
  Die beiden Gnome schoben den Vorhang zur Seite und traten ein. Das Innere des Wagens bestand aus einem einzigen kleinen Zimmer. An den Wänden waren Regale angebracht, in denen zahlreiche Bücher standen. Hinter einem runden Tischchen mit purpurner Decke saß eine Gnomin in der weißen Robe einer Solaria-Klerikerin.
  „Ihr wollt etwas über Eure Zukunft wissen?“, fragte die Klerikerin.
  Jinxon nickte. Die Priesterin deutete auf einen Stuhl vor dem Tisch und der Gnom setzte sich.
  „Reich mir deine Hände“, sagte die Gnomin. Jinxon kam der Aufforderung nach.
  Einen Moment schloss die Klerikerin die Augen und schien zu meditieren. Dann sah sie Jinxon durchdringend an. „Ihr habt eine lange Reise vor euch, voller Gefahren. Doch eure Chancen stehen gut, das Glück ist euch hold.“
  Plötzlich stieß die Gnomin einen erschrockenen Laut aus. „Ich sehe etwas Böses“, sagte sie. „Etwas Dunkles, das eure Seele belastet. Dämonische Worte schlummern in euch.“
  Die Klerikerin ließ Jinxons Hände los. Ihre Augen waren zu Schlitzen verengt, als sie die beiden Gnome fixierte. „Ihr... habt ein dunkles Geheimnis. Wollt ihr mir nicht sagen, was genau euch bedrückt?“
  Jinxon drehte sich um und sah Minxodian fragend an. Doch der sah absolut ratlos aus. „Ich weiß nicht, ob ich Euch vertrauen kann“, sagte Jinxon.
  „Ich bin eine Priesterin Solarias. Natürlich kannst du mir vertrauen. Außerdem gehören wir zum selben Volk.“ Die Priesterin hob eine Hand und präsentierte ihre drei Finger.
  Jinxon starrte einen Moment forschend in das Gesicht der Klerikerin. Es sah freundlich aus. Schließlich stieß er einen tiefen Seufzer aus. „Na schön. Wir können jede Hilfe gebrauchen, die wir kriegen können.“
  Am nächsten Morgen standen Salion, Hamon, Minxodian und Jinxon bei den ersten Sonnestrahlen im Stall auf dem Anwesen des Exorzisten und sattelten ihre Reittiere.
  „Guten Morgen“, ertönte eine Frauenstimme.
  Salion drehte sich überrascht um und entdeckte zwei Gnominnen mit Ponys. Die eine trug ein weißes Gewand und einen Stab mit einer Sonnescheibe am oberen Ende. Die andere trug nachtblaue Kleidung und einen weiten Kapuzenumhang in derselben Farbe. Die Kapuze hatte sie tief in ihr Gesicht gezogen.
  „Kann ich Euch irgendwie helfen?“, fragte Salion.
  „Ich bin Satyria, Klerikerin der Solaria, und das ist meine Schwester Sanxia, eine Magierin. Haben Euch Jinxon und Minxodian nichts von uns erzählt?“
  „Ihr habt gestern schon geschlafen, als wir wieder kamen“, sagte Jinxon mit einem verlegenen Blick. „Satyria ist die Wahrsagerin, bei der wir gestern waren. Sie hat die dunklen Worte erspürt, die wir mit uns tragen. Sie und ihre Schwester würden uns gerne helfen.“
  „Auf so einer Mission könnt Ihr jede Hilfe brauchen, die Ihr bekommen könnt“, sagte die Klerikerin.
  Salion seufzte. Einen Moment ließ er seinen Blick skeptisch über die Gnome schweifen. „Das ist wohl wahr.“ Er hielt den Gnominnen seine Hand entgegen. „Also dann, willkommen in der Truppe.“
  Die beiden Gnominnen schüttelten die angebotene Hand. Nachdem sie alles Gepäck aufgeladen hatten, machten sie sich auf den Weg zum Stadttor.
  Xamnar, Morgon und Sartass ritten auf frisch gekauften Pferden auf ein Stadttor zu.
  „Eine angenehme Reise wünsche ich“, sagte einer der Wachsoldaten am Tor.
  Xamnar zügelte sein Pferd. „Danke... Äh, wir suchen ein paar Freunde von uns... zwei Gnome, die mit einem Ritter reisen. Ihr habt sie nicht zufällig gesehen?“
  „Doch, sie haben sich einer Karawane angeschlossen, die in Richtung Osten unterwegs ist.“
  Xamnar grinste. „Genau wie ich vermutet habe. Habt Dank für diese Auskunft.“
  Xamnar, Sartass und Morgon gaben ihren Pferden die Sporen und ritten in Richtung Osten. Es dauerte nicht lange, da kam vor ihnen eine Karawane in Sicht. Zwei Dutzend Packesel wurden von ein paar Reitern flankiert.
  „Angriff“, rief Xamnar. Im selben Augenblick bildete sich eine Feuerkugel in seiner Hand, die er von sich schleuderte. Die Reiter vor ihnen stoben auseinander, als hätten sie nur auf den Angriff gewartet. Die Kugel explodierte und das Feuer versengte nur leere Luft.
  Sartass hatte seinen Bogen von der Schulter genommen und schoss ein paar Pfeile ab. Sie schlugen in eine verhüllte Gestalt ein und zersplitterten. Die Gestalt riss sich den Umhang vom Leib. Ein Krieger in einer schweren Plattenrüstung kam zum Vorschein.
  Als Morgon und Sartass die Gruppe erreicht hatten, zogen sie ihre Waffen und gingen in den Nahkampf. Xamnar blieb zurück, um seine Magie zu wirken. Schwarze Fäden schossen aus seinen Fingerspitzen und umgarnten einen feindlichen Krieger. Der Mann schwang sein 

Schwert, doch seine Bewegungen schienen langsam und schwerfällig.

  Morgon schlug mit seiner Axt zu, doch sein Gegner parierte den Schlag mit einem Schild. Ein anderer Reiter näherte sich ihm von hinten und schwang einen Morgenstern. Morgon ließ sein Pferd zurücktänzeln, lehnte sich im Sattel nach rechts und entging dadurch dem Hieb.
  Xamnar konzentrierte sich und sang ein paar dunkle Worte. Dann fixierte er das Pferd eines Gegners und pflanzte Panik in seinen Geist. Plötzlich bäumte sich das Tier auf. Sein Reiter krallte sich an den Zügeln fest und fiel zu Boden. Das Pferd preschte wiehernd davon.
  Xamnar ließ seinen Blick über den Kampfplatz schweifen und suchte nach den Gnomen. Sie waren zahlenmäßig unterlegen, also war es das Beste sich einen der Wichte zu schnappen und zu verschwinden. Doch er entdeckte keinen Gnom, nur Menschen.
  Eine Falle, schoss es ihm durch den Kopf.
  „Rückzug!“, schrie er.
  Sartass und Morgon rissen ihre Pferde herum und gaben ihnen die Sporen. Xamnar rief ein paar magische Worte. Nebel verdichtete sich über dem Boden und die drei Reiter verschwanden in den Dunstwolken.
  Loranor zog seine Kapuze zurück und starrte in den Nebel. Während er und ein paar Ordenskrieger die Karawane nach Osten begleitet hatten, war die Gruppe mit den Gnomen zuerst nach Osten und dann nach Süden zum unterirdischen Weg gereist. Loranor hoffte, dass er ihnen wenigstens einen kleinen Vorsprung verschafft hatte. 




Teil 2

Die Höhlenwelt

Kapitel 1

  Nach einer halben Tagesreise erreichten Jinxon, Minxodian und ihre Gefährten die ersten Gebirgsausläufer. Das Saltur-Gebirge versperrte in einer Sichelform den Weg nach Süden und Osten. Der Weg ging in einen breiten Gebirgspass über, der sich durch ein Gewirr aus Felsformationen schlängelte. Die Gruppe folgte dem Pass und erreichte schließlich einen riesigen Höhleneingang. Wie das Maul eines Titanen klaffte die bestimmt zwanzig Meter hohe Öffnung in einer Felswand. Daneben gab es einige kleinere Höhlen, in denen Karawanen Unterschlupf finden konnten.
  Jinxon starrte das gigantische Loch an. „War schon mal jemand auf den unterirdischen Wegen?“
  Salion schüttelte den Kopf. „Es soll eine ganz eigene Welt sein, eine Höhlenwelt. Mit hundert Meter hohen Decken und Gängen, die einen ganzen Kilometer breit sind. Niemand hat diese Welt bisher komplett erforscht.“
  „Hoffentlich überstehen wir das.“
  „Die Banditen, die dort unten hausen, überfallen normalerweise nur Karawanen, bei denen sich ein Überfall auch lohnt. Wir dürften keine lukrative Beute sein.“
  „Na dann mal los.“ Satyria schnalzte mit der Zunge und ihr Pony setzte sich in Bewegung. Die anderen folgten ihr.
  Nach und nach wurden die Reiter von dem riesigen Steinmaul verschlungen. Stalagmiten und Stalaktiten flankierten den Weg. Jinxon fragte sich, wie sie sich in der Dunkelheit der Höhlenwelt wohl zurecht finden sollten, da entdeckte er fluoreszierende Moose und Flechten an den Wänden. Glühwürmchen flogen herbei und tanzten um ihn herum.
  Der Höhlenschlund führte immer weiter in die Tiefe und wurde immer breiter. Bald waren Wände und Decke nicht mehr zu sehen. Nur noch das leuchtende Moos verriet, dass sie da waren. Die bizarrsten Felsformationen türmten sich in den unterschiedlichsten Farben auf. Tropfsteine, die aussahen wie zerlaufende Kerzen, wuchsen aus dem Boden. Kalkformationen hingen wie Vorhänge von der Decke oder hockten wie zusammengekauerte Gestalten mit erstarrten Fratzen auf dem Boden.
  Minxodian, Jinxon und die anderen sahen sich staunend um. Angesichts dieser Wunder wagte niemand ein Wort zu sprechen. Die fluoreszierenden Moose und Flechten an der Decke wirkten wie ein unterirdischer Sternenhimmel und tauchten die Höhlenwelt in ein wundersames Zwielicht.
  Plötzlich ertönte das Knirschen von Steinen. Salion hielt sein Pferd an und die anderen taten es ihm gleich. Angestrengt lauschten sie.
  Als Salion gerade sein Schwert zog, huschten einige Gestalten hinter ein paar Felsen hervor. Sie hielten schwarze Krummschwerter in den Händen und waren in dunkle Gewänder gehüllt. Ihre Gesichter waren schwarz, ihre Haare schneeweiß.
  „Dunkelelfen“, rief Salion. Er schwang sein Schwert und schlug die Waffe eines Angreifers zur Seite.
  Jinxon riss seine Pistole aus dem Gürtel und feuerte sie ab. Ein Dunkelelf wurde von der Wucht des Schusses niedergestreckt. Minxodian hob seinen Stab und stieß sein Ende ins Gesicht eines Angreifers. Der Elf schrie vor Wut und schlug mit seinem Krummschwert zu. Plötzlich wurde er von schwarzen Schleiern umgarnt, die ihn fesselten. Minxodian sah sich um und entdeckte Sanxia, aus deren Fingern Schattenfäden schossen. Sie murmelte magische Worte unter ihrer Kapuze.
  Jinxon feuerte einen zweiten Schuss ab und ließ seine Pistole fallen. Er zog Schwert und Schild, gerade noch rechtzeitig, um einen Angriff abzuwehren. Hamon ließ sein Pferd zurücktänzeln während er heftige Schwerthiebe mit einem Dunkelelfen austauchte. Salion schlug die Waffe eines Angreifers zur Seite und trat ihm mit dem Stiefel ins Gesicht. Der Elf taumelte benommen zurück.
  Satyria sprach ein leises Gebet zu Solaria, dann schoss ein Lichtstrahl aus der Sonnenscheibe ihres Stabes. Das Licht schien auf den Kopf eines Dunkelelfen und blendete ihn. Wild um sich schlagend stolperte der Dunkelelf umher.
  Salion packte sein Schwert mit beiden Händen und ließ es auf seinen benommenen Gegnern niedersausen. Die Klinge streckte den Dunkelelfen nieder. Doch Salion hatte keine Zeit zum verschnaufen, kaum hatte er den einen Gegner besiegt, wurde er auch schon von der anderen Seite bedrängt. Er wirbelte im Sattel herum und wehrte gerade noch rechtzeitig einen Hieb ab.
  Salion riss sein Pferd herum, so dass es frontal zu seinem Angreifer stand. Dann trat er dem Tier in die Flanken und zog die Zügel an. Der Pferd bäumte sich auf und ruderte mit den Vorderbeinen. Der Dunkelelf hielt noch seine Waffe schützend erhoben, doch die kräftigen Beine des Tieres traten die Klinge zur Seite und schlugen auf seinen Schädel. Der Elf ging zu Boden.
  Minxodian versuchte verzweifelt die Hiebe seines Gegners mit seinem Stab abzuwehren. Doch ein Schlag kam durch und schnitt ihm über die Brust. Schreiend ließ er sein Pony zurückweichen, während er seine linke Hand auf die Wunde presste. Der Dunkelelf setzte nach, doch Sanxia deutete mit der Faust auf ihn, sprach ein paar magische Worte und schleuderte ihm eine Feuerlanze entgegen. Die Kleidung des Dunkelelfen fing an zu brennen und er warf sich zu Boden.
  Satyria sah, dass Minxodian schwer verletzt war. Wieder sprach sie ein Gebet, wieder schien ein Lichtstrahl aus ihrem Priesterstab. Das Licht badete die Wunde in wohliger Wärme. Die Verletzung schloss sich auf wundersame Weise. Minxodian atmete erleichtert auf.
  Hamon parierte mit seinem Schwert die wilden Schläge eines Dunkelelfen. Der Angreifer verkeilte Hamons Klinge in seiner Parierstange und riss ihm die Waffe aus der Hand. Instinktiv hob Hamon die Hände.
  „Ergebt Euch, Ihr habt keine Chance“, zischte einer der Dunkelelfen. Salion musste erkennen, dass die Angreifer zu zahlreich waren. Mit einem schweren Seufzer senkte er sein Schwert und ließ es zu Boden fallen. Die anderen taten es ihm gleich.
  „Runter von den Pferden“, sagte der Dunkelelf.
  Die Gefährten stiegen ab. Die Elfen fesselten ihre Hände zusammen. Einer der Dunkelelfen flößte Sanxia und Satyria einen Trank ein.
  „Das wird eure Zungen lähmen, damit ihr keine Zaubersprüche oder Gebete aufsagen könnt.“ 
  Dann bildeten sie eine Kolonne und verließen den unterirdischen Weg. Die Dunkelelfen führten sie an Steinformationen vorbei, tiefer in die Höhlenwelt.
  „Was sollen wir jetzt machen?“, flüsterte Jinxon.
  „Ich weiß es nicht“, antwortete Salion mit leiser Stimme. „Zumindest haben sie uns noch nicht getötet. Das heißt, dass sie uns vorerst lebend haben wollen. Vielleicht können wir in einem unbeobachteten Augenblick fliehen oder uns freikaufen.“
  Eine halbe Stunde später erreichte der Zug eine Befestigungsanlage. Mächtige Mauern zogen sich von einer Höhlenwand zur nächsten. Oben bei den Zinnen patrouillierten Dunkelelfen. Die Kolonne blieb vor einem Tor stehen.
  Vom Turm über dem Tor ertönten Rufe. „Dalamar und seine Leute sind wieder da!“
  Das Tor öffnete sich und die Kolonne zog ein. Im Inneren der Festung war ein ganzes Dorf untergebracht. An die Mauern schmiegten sich die verschiedensten Gebäude. In Felsformationen waren Wohnhöhlen gehauen.
  Die Gefährten wurden zu einer Schmiede gebracht. In einem Ofen brannte ein glühendes Feuer, an einer Wand standen einige halbfertige Schwerter. Der Schmied, der gerade eine glühende Klinge mit einem Hammer bearbeitete, sah nicht sonderlich muskulös aus, trotzdem führte er seine Arbeit mit erstaunlicher Leichtigkeit aus. Er trug zum Schutz gegen Funken eine schwarze Lederschürze.
  „Fingorn“, sagte Dalamar, der Anführer der Dunkelelfbanditen, „diese Gefangenen müssen angekettet werden.“
  Der Schmied kühlte den Klingenrohling in einem Wasserbad ab und wandte sich Dalamar zu. „Einen Moment.“ Mit diesen Worten ging er zu einer Wand, an der verschiedene Ketten mit Handschellen hingen. Er nahm eine der Ketten und legte sie um Salions Hände. Dann murmelte er ein paar magische Worte und die Handschellen verschmolzen miteinander, so dass Salions Handgelenke fest eingefasst waren. Außerdem verpasste er dem Ritter noch eine Fußfessel, die ihm nur kleine Schritte ermöglichte. Mit Hamon und den Gnomen verfuhr er genauso.
  Nachdem die Gefangenen angekettet waren, führte Dalamar sie zu einigen Höhlen im hinteren Teil der Festung. Aus den schwarzen Öffnungen wehte ihnen ein übler Gestank entgegen. Leise zischende Geräusche waren zu hören.
  „Das sind unsere Stallungen“, verkündete Dalamar. „Ihr werdet sie sauber machen.“ Er deutete auf zwei Handkarren. „Den Mist könnt ihr hier drauf laden. Wenn die Karren voll sind, bringt ihr sie vors Stadttor, um sie zu entladen. Natürlich werdet ihr dabei von Wachen beleitet. Und jetzt an die Arbeit.“
  Dalamar ging mit seinen Banditen weiter. Nur einer von ihnen blieb mit einer Peitsche zurück, um die Gefangenen zu beaufsichtigen.
  Jinxon, Minxodian und ihre Gefährten standen einen Moment vor den Höhlenöffnungen und rümpften die Nasen über den Gestank.
  „Na macht schon“, rief der Wächter und ließ seine Peitsche knallen.
  Minxodian und Jinxon nahmen sich Fackeln von den Wänden und traten in eine der Höhlen. Die flackernden Flammen tauchten das Innere der Kaverne in ein düsteres Zwielicht. Auf dem Boden dösten drei riesige Warane. Sie waren bestimmt fünf Meter lang und hatten eine Schulterhöhe von anderthalb Metern. Als sie die Gnome bemerkten, hoben sie ihre Köpfe und ließen ihre gespaltenen Zungen aus ihren Mäulern zischeln.
  „Hoffentlich fressen die uns nicht“, sagte Jinxon. Er und die anderen hängten die Fackeln in Halterungen an den Wänden, schnappten sich Schaufeln und Mistgabeln und begannen verfaultes Stroh und Exkremente auf einen Handkarren zu laden. Insgesamt drei Fuhren Mist brachten sie zu einem stinkenden Haufen etwa einen halben Kilometer vor dem Stadttor.
  Nach dem Ausmisten des Stalls musste sie Waffen polieren und danach Kartoffeln schälen, in der Küche eines Gebäudes, das wohl eine Art Kaserne sein sollte. Als Minxodian sich unbeobachtet wähnte, spuckte er aus Frust auf eine der Kartoffeln. Doch der Wärter bemerkte es und versetzte ihm drei Hiebe mit seiner Peitsche.
  Während Jinxon eine Kartoffel schälte, warf er Sanxia misstrauische Blicke zu. Er erinnerte sich an die Schattenfäden, die sie im Kampf gegen die Dunkelelfen gezaubert hatte. War das Schattenmagie gewesen? Und war Schattenmagie nicht böse? Er fasste sich ein Herz und beschloss sie einfach zu fragen.
  „Ich hab gesehen, wie du diese Schattenfäden gezaubert hast, Sanxia“, sagte er. „Wieso kannst du so etwas?“
  Sanxia starrte ihn an. Dann bewegte sie lautlos die Lipppen und zuckte mit den Schultern.
  „Oh, ja richtig“, sagte Jinxon. „Ihr habt ja diesen Trank bekommen.... Äh, war das Schattenmagie, was du da gezaubert hat?“
  Saxia nickte.
  „Ist Schattenmagie nicht böse?“
  Sanxia schüttelte den Kopf.
  Jinxon stieß einen Seufzer aus. Er hätte gerne eine nähere Begründung gehört, doch er musste wohl noch etwas darauf warten.
  Nach etlichen Stunden mühevoller Arbeit kam Dalamar in die Küche. „Haben sie Ärger gemacht?“, fragte er.
  „Keinen besonders großen“, sagte der Wächter.
  „Gut, bring sie raus auf den Versammlungsplatz.“
  „Ihr habt’s gehört, bewegt euch.“
  Die Gefährten standen auf und wurden von dem Wächter und Dalamar nach draußen getrieben. Die Kaserne stand direkt am Versammlungsplatz, so dass sie keinen weiten Weg vor sich hatten. Der Wächter wies die Gefährten an, sich in einer Reihe aufzustellen. Nachdem sie sich aufgestellt hatten, traten drei Gestalten an sie heran. Der eine war ein Dunkelelf mit zwei Krummschwertern. Der andere trug Fellkleidung, der dritte dunkle Gewänder mit Kapuze und Mundtuch. Jinxon gab einen erschrockenen Laut von sich, es waren ihre Verfolger.
  „Das sind die Gefangenen, Lord Sartass“, sagte Dalamar.
  Xamnar und seine Schergen hatten Glück gehabt. Sartass stammte aus einem Adelshaus der Dunkelelfenstadt Yash’Ulgor und hatte deshalb einiges zu sagen. Die Gnome waren genau in ihr Verderben gelaufen. Das kleine Ablenkungsmanöver mit der Karawane hatte ihnen nichts gebracht.
  Xamnar konnte sich ein Lächeln unter seinem schwarzen Mundtuch nicht verkneifen. Endlich hatten sie die Gnome und damit die Worte der Macht in ihren Händen. Er sah auf die kleinen Gestalten hinab.
  „Ihr wisst, was wir wollen, nicht wahr?“
  Jinxon und Minxodian sahen zu dem dunklen Magier auf. Durch die Schatten, die seine Kapuze warf, und das Mundtuch, war von seinem Gesicht nichts zu sehen.
  „Ihr wisst, was wir wollen, nicht wahr?“, fragte der Magier.
  Jinxon schluckte schwer. „Äh, nein...“
  Der Magier erstarrte in seiner Bewegung. „Haltet mich nicht zum Narren. Ich weiß genau, dass ihr die Worte habt.“
  „Worte, welche Worte?“
  Der Zauberer packte Jinxon am Kinn. Seine dünnen Finger drückten mit erstaunlicher Kraft zu. „Ihr habt die Worte, der Elf muss sie euch verraten haben. Nennt sie mir und ich verspreche euch einen schnellen Tod. Schweigt, und ich werde euch solche Schmerzen zufügen, dass ihr darum flehen werdet, mir die Worte verraten zu dürfen.“
  „Wir wissen nicht, wovon Ihr redet“, rief Salion.
  Die Schwärze unter der Kapuze des Magiers wandte sich dem Ritter zu. „Ihr werdet mir verraten, was ich wissen will. Ich kann die Worte in euch spüren.“
  Der Magier packte Salions Stirn und murmelte ein paar magische Worte. Zuerst biss der Ritter nur die Zähne zusammen, dann fing er an vor Schmerzen zu keuchen. Schaum trat vor seinen Mund, seine Augen verdrehten sich, seine Halsmuskeln verkrampften. Schließlich schrie er laut. Der Magier ließ ihn los und Salion fiel röchelnd zu Boden.
  „Will sich sonst noch jemand dumm stellen?“, fragte der Zauberer mit leiser Stimme.
  „Sie wissen wirklich nichts“, rief Minxodian. „Nur wir kennen die Worte.“
  „Sei still“, sagte Jinxon. „Wir dürfen sie nicht verraten.“
  „Wir haben keine andere Wahl.“
  „Wenn wir die Worte verraten, wird uns noch etwas viel schlimmeres wiederfahren, als ein grausamer Tod. Das hab ich gespürt, als der Elf sie uns gesagt hat.“
  Minxodian senkte niedergeschlagen den Kopf. „Ich auch, ich habe es auch gespürt.“
  Plötzlich ertönten Rufe vom Tor. „Angriff! Die Aman’Mar greifen an!“
  Dann explodierte das Tor. Ein gleißender Feuerball warf flackernde Schatten und Holzsplitter fegten durch die Gegend. Durch die Rauchwolke, die den Torgang einhüllte, stürmten zahlreiche vermummte Dunkelelfen. Sie stießen Kriegsschreie aus und schwangen Krummschwerter.
  Der Magier wandte sich von den Gnomen ab und beobachtete die Angreifer. Sie stürzten sich auf die Stadtwachen, schossen mit Bögen und warfen Brandbomben.
  Der Zauberer deutete auf Jinxon und Minxodian. „Packt sie euch, dann verschwinden wir.“
  Der Dunkelelf und der Fellträger traten vor, um sich die Gnome zu greifen. Da wurden sie von Pfeilen getroffen. Sie taumelten vor Schmerz stöhnend zurück, dann war auch schon die Horde der Angreifer heran.
  Verhüllte Dunkelelfen warfen sich auf ihre Artgenossen. Der Fellträger wuchs in die Höhe, sein Gesicht deformierte sich. Schließlich hatte er sich in eine Bären verwandelt, der mit seinen mächtigen Pranken wild um sich schlug. Der Magier sprach ein paar Worte und ließ seine Hand kreisen. Eine Feuerwand spross aus dem Boden, um die Angreifer abzuhalten.
  Jinxon, Minxodian und ihre Gefährten nutzten den Tumult. Sie humpelten in ihren Ketten davon. Sie versteckten sich in einer engen Seitengasse. Dunkelelfen stürmten an ihrem Versteck vorbei.
  Plötzlich blieb einer der Elfen stehen und blickte in die dunkle Gasse. Einen Moment hoffte Jinxon er würde sie in der Dunkelheit übersehen, doch dann trat er näher.
  „Ihr seid Sklaven?“, fragte der Dunkelelf.
  Die Gefährten nickten unsicher. Der Elf schnippte mit den Fingern und eine zuckende Blitzkugel erschien über seiner Hand. Er warf sie auf die Gefährten, die erschrocken zusammenzuckten. Die Kugel sprang von einer eisernen Handschelle zur anderen und sprengte des Fesseln. Verwundert rieben sich die Gefährten die Handgelenke.
  „Macht das ihr raus kommt“, sagte der Dunkelelf. „Wir treffen uns später.“ Dann stürzte er sich wieder in die Schlacht.
  Minxodian trat an den Rand der Gasse und spähte vorsichtig nach draußen. In der Stadt herrschte Chaos. Dunkelelfen kämpften gegen Dunkelelfen. Häuser brannten oder waren teilweise eingerissen. Ein paar Elfen kamen auf Waranen herangeritten, um in eine Gruppe vermummter Artgenossen zu preschen. Schwarze Klingen wurden geschwungen und krachten klirrend aufeinander. Pfeile und Armbrustbolzen sausten durch die Luft und durchschlugen schwarze Kettenhemden oder prallten an Plattenpanzern ab.
  „Wir brauchen unsere Waffen“, sagte Salion. „Sonst überleben wir in diesem Chaos nicht.“
  „Ich meine gesehen zu haben, dass sie unsere Ausrüstung zur Kaserne gebracht haben“, sagte Jinxon.
  „Dann nichts wie hin... Hamon, wir schnappen uns ein paar Waffen.“
  Die Gefährten verließen die Gasse und rannten auf ein paar am Boden liegende Dunkelelfen zu. Salion und Hamon packten sich jeder ein schwarzes Krummschwert. Minxodian nahm sich eine herumliegende Armbrust samt Bolzenköcher. Die Waffe war erstaunlich schwer und nicht auf die Größe eines Gnoms zugeschnitten.
  Dann eilten die Gefährten auf die Kaserne zu. Oben auf dem Flachdach des Gebäudes waren Zinnen. Von dort aus beschossen Dunkelelfen die Gegend um das Gebäude. Salion rannte durch die Tür, die offen stand. Im Treppenhaus der Kaserne tobte ein Kampf.
  Plötzlich wandte sich ein Dunkelelf vom Kampf ab und stellte sich den Gefährten. Er schlug mit seinem Krummschwert zu. Salion hob seine Waffe und parierte den Schlag.
  „Halt dich zurück Hamon“, sagte der Ritter. „Das ist mein Kampf.“
  Salion ließ sein Krummschwert kreisen und zielte auf den Waffenarm seines Gegners. Der machte einen Satz zurück und der Schlag ging ins Leere. Salion setzte ihm nach. Er schlug die Waffe des Dunkelelfen zur Seite. Ein zweiter blitzschneller Hieb traf er die rechte Schulter des Elfen. Mit einem Kriegsschrei stürzte sich der Dunkelelf auf Salion. Der Ritter warf sich nach vorn, um den Angriff des Dunkelelfen zu unterlaufen. Er prallte mit der Schulter gegen seinen Kontrahenten. Sein Krummschwert zuckte nach vorn und trieb seine gebogene Spitze in den Unterleib des Elfen. Der Mann stürzte zu Boden.
  Nachdem Salion seinen Gegner besiegt hatte, hatten auch die verhüllten Dunkelelfen die Kämpfe im Treppenhaus für sich entschieden. Während die Elfen nach oben aufs Dach stiegen, sahen sich die Gefährten um.
  „Wo wird wohl die Ausrüstungskammer sein?“, fragte Jinxon, der noch nie eine Kaserne von innen gesehen hatte.
  „Wahrscheinlich im Keller“, sagte Salion. Er stieg die Treppe hinab, gefolgt von den anderen.
  Unten im Keller war niemand zu sehen. Alle Verteidiger waren anscheinend nach oben gerannt, um sich den Angreifern zu stellen. Ein paar Öllampen an den Wänden tauchten das Gewölbe in ein düsteres Zwielicht. Es gab hier ein paar vergitterte Zellen mit verfaultem Stroh und eine schwere eisenbeschlagene Tür. Salion zog an der Klinke, aber die Tür war verschlossen.
  „Wir müssen sie irgendwie aufkriegen“, sage er. Er sah die beiden Gnominnen an. „Könnt ihr sie nicht mit einem Zauber öffnen?“
  Sanxia öffnete den Mund und bewegte lautlos die Lippen. Da fiel Salion wieder ein, dass man ihre Zungen mit einem Trank gelähmt hatte.
  „Wir brauchen den Schlüssel“, sagte Hamon. „Vielleicht ist er bei einem der erschlagenen Verteidiger, die im Treppenhaus liegen.“
  Salion und Hamon stürmten wieder nach oben. In Windeseile durchsuchten sie die Körper der Dunkelelfen.
  „Ich hab ihn“, rief Hamon und hielt triumphierend einen Schlüsselbund in die Höhe.
  Der Ritter und sein Knappe eilten wieder die Treppe hinab und versuchten die schwere Tür zu öffnen. Sie probierten einen Schlüssel nach dem anderen, der dritte passte schließlich. Sie rissen die Tür auf und beleuchteten das Innere mit einer Öllampe. Es war tatsächlich die Rüstkammer. An den Wänden waren Waffenständer angebracht. Auf Holzkreuzen hingen Rüstungen. In einem Regal an der hinteren Wand fanden die Gefährten ihre Ausrüstung – Schießeisen, Schwerter, Rucksäcke und zwei Stäbe.
  „Nur von unserem Proviant ist nichts zu sehen“, sagte Jinxon, der sich mit Schwert und Schild wappnete.
  „Wir holen uns etwas aus der Kasernenküche“, sagte Salion.
  Die Gefährten stiegen wieder nach oben. Vom Treppenhaus aus traten sie durch eine Tür in die Kasernenküche. Unangenehme Erinnerungen stiegen in ihnen auf, als sie die Holzschemel sahen, auf denen sie Kartoffeln geschält hatten. Minxodian schmerzte immer noch der Rücken von den Peitschenhieben. Salion und Hamon stopften Brot, Käse und Wurst in ihre Rucksäcke. Dann verließen sie die Kaserne.
  „Jetzt brauchen wir nur noch unsere Reittiere“, sagte der Ritter. „Die haben sie bei den Höhlenstallungen untergestellt. Da wo die Reitechsen sind.“
  Die Gefährten versuchten einen sicheren Weg zu den Stallungen zu finden, doch es gab keinen. In allen Straßen wurde gekämpft. Salion führte sie gerade zwischen zwei Felshäusern hindurch, als ihnen eine Gruppe Dunkelelfen entgegen kam.
  „Die Sklaven wollen fliehen“, rief einer der Elfen. Er und seine Begleiter kamen mit erhobenen Säbeln auf die Gefährten zu.
  Salion hob sein Schwert mit beiden Händen und trat ihnen entgegen, Hamon an seiner Seite. Hinter ihnen luden die Gnome ihre Schießeisen.
  Salion und Hamon kreuzten ihre Klingen mit den Dunkelelfen. Der Ritter machte einen Ausfallschritt nach vorn und schwang kraftvoll sein Schwert. Mit einem Klirren schlug er die Waffe seines Gegners zur Seite. Er machte einen Satz nach vorn, um mit seiner Klinge zuzustoßen, doch sein Kontrahent sprang geschickt zur Seite.
  Plötzlich krachten Schüsse. Minxodian erwischte einen Dunkelelfen an der Schulter, Jinxon schoss mit seinen Pistolen einem Angreifer nieder.Dann zogen Minxodian und Jinxon ihre Waffen und gesellten sich mutig zu Salion und Hamon.
  Einer der Dunkelelfen schlug auf Jinxon ein, der den Schlag gerade noch an seinem Schild abgleiten lassen konnte. Der Gnom ließ sein Schwert nach vorne schnellen, doch sein Gegner schlug es zur Seite. Schnell wurde klar, dass Jinxons Kontrahent wesentlich mehr Kampferfahrung hatte.
  Doch Minxodian kam ihm zu Hilfe. Er lenkte den Dunkelelfen durch Schläge mit seinem Stab ab. So gelang es Jinxon ihm mit einem schnellen Schwinger eine Wunde über der Brust zu verpassen. Als die Dunkelelfen sahen, dass sie dem Ritter und seinen Knappen unterlegen waren, suchten sie das Weite. Salion rannte ihnen noch ein Stück weit brüllend hinterher, um ihnen Beine zu machen.
  Ein paar Querstraßen weiter erreichten die Gefährten schließlich die Stallungen. Immer noch brandete Kampfeslärm und das Knistern von Feuern an ihre Ohren. Sie holten ihre Pferde und Ponys aus einer der Höhlen und sattelten sie.
  Die Gefährten bestiegen ihre Reittiere und galoppierten durch die Straßen der Stadt.
  „Haltet die Sklaven“, ertönte ein Ruf von den Stadtmauern.
  Plötzlich regneten drei Kugeln auf die Straße hinab. Als sie auf dem Boden aufschlugen, explodierten sie in einer Feuerwand. Das Hindernis aus lodernden Flammen zog sich über die gesamte Breite der Straße. Die Pferde scheuten vor der lodernden Hitze und wieherten ängstlich. Die Gefährten hatten alle Mühe sie zu beruhigen.
  Als sie die Tiere wieder unter Kontrolle hatten, drehten sie um und wollten die Straßen wieder hinunterreiten. Doch da kamen einige Dunkelelfen über eine Treppe von der Stadtmauer gestürmt. Salion versuchte die Angreifer mit seinem Pferd zur Seite zu drängen, doch die ließen sich von dem Tier nicht verängstigen. Sie wirbelten mit ihren Säbeln herum und hielten dadurch die Pferde in Schach.
  Salion schwang sein Schwert. Mit einem Fersendruck in die Flanken des Pferdes, brachte er es nach vorn. Als er in Reichweite war, schlug er mit blitzschnellen Schlägen auf die Angreifer ein. Einer der Dunkelelfen ließ den Schlag abgleiten, einem anderen wurde durch die Wucht des Hiebes die Waffe aus der Hand gerissen.
  Schwarzes Eisen zuckte nach vorn und strich über Salions Hüfte. Der Ritter biss die Zähne zusammen, als die Klinge sein Kettenhemd durchschnitt. Er ließ sein Schwert niedersausen. Der kalte Stahl streckte einen Dunkelelfen nieder.
  Hamon, Jinxon und Minxodian hatten sichtlich Mühe, sich gegen die Dunkelelfen zu wehren. Schon bald waren sie außer Atem. Minxodian brach einem Gegner mit seinem Stab die Nase, Jinxon erwischte einen mit seinem Schwert am Unterarm, so dass dieser seine Waffe fallen lassen musste. Hamon hatte einen schweren Hieb auf die Brust bekommen, sein Kettenhemd hing in Fetzen von seinen Schultern.
  Plötzlich kam Satyria auf ihrem Pony herangeprescht. Sie stieß ihren Sonnestab zwischen die Beine eines Dunkelelfen, der dadurch stolperte. Der Elf fiel genau vor Hamons Pferd, das ihn mit einem Huftritt ins Reich der Träume schickte. Salion stieß mit seinem Schwert zu und fällte einen Gegner.
  Schließlich zogen sich die Dunkelelfen vor Wut schreiend zurück. Vielleicht fanden sie anderswo einfachere Beute.
  Salion warf einen Blick die Straße herunter. „Vor uns liegen schwere Kämpfe, das wird kein einfacher Weg.“
  Jinxon warf einen Blick die Treppe hinauf zur Stadtmauer. „Wieso seilen wir uns nicht von der Mauer ab? Dann müssen wir zwar die Reittiere zurücklassen, aber wir kommen wenigstens lebend hier raus.“
  „Gute Idee.“ Salion schwang sich von seinem Pferd und stürmte eine Treppe hinauf. Die anderen folgten ihm. Als sie die Treppe hinaufliefen, luden Minxodian und Jinxon ihre Schießeisen nach.
  Oben angekommen erkannten sie sofort, dass auch auf den Wehrgängen kleinere Kämpfe tobten. Doch dort wo sie im Moment standen, war alles ruhig.
  Salion warf einen Blick über die Mauerkrone nach unten. Direkt neben ihm war eine Dämonenfratze in eine Zinne gehauen, die so lebensecht wirkte, dass er im ersten Moment erschrak.
  „Die Mauern sind keine zehn Meter hoch“, sagte Salion. „Unser Seil misst genau zehn Meter, das müsste also reichen, wenn ich mich nicht verschätzt habe.“
  Der Ritter kramte das Seil aus seinem Rucksack und knotete es an der Zinne mit der Steinfratze fest.
  „Die Damen zuerst“, sagte er mit einer Verbeugung.
  Satyria schmunzelte, während Sanxia ihr Gesicht verzog. Die beiden kletterten so schnell sie konnten das Seil hinab. Dann folgte Hamon.
  Plötzlich stürmten drei Dunkelelfen den Wehrgang entlang auf die zurückgebliebenen Gefährten zu. Minxodian hob sein Gewehr, Jinxon seine Pistolen. Drei Schüsse krachten und übertönten den Schlachtenlärm. Einer der Dunkelelfen fiel getroffen zu Boden. Ein zweiter wurde von zwei Pistolenkugeln in der Brust erwischt, stürmte aber weiter.
  „Runter mit euch“, rief Salion und schubste die beiden Gnome in Richtung Zinnen.
  „Aber da sind zwei gegen dich“, jammerte Jinxon.
  „Mit denen werd ich fertig. Verschwindet.“
  Mit einer Mischung aus Widerwillen und Erleichterung schwangen sich Minxodian und Jinxon an dem Seil hinab. Salion stellte sich den beiden verbliebenen Dunkelelfen entgegen.
  Er ließ sein Schwert einmal vor seinem Körper kreisen und schlug damit die ersten Angriffe seiner Gegner zurück. Dann stürzte er sich auf den angeschlagenen Dunkelelfen. Ein mächtiger Hieb krachte auf den Gegner. Da er schon geschwächt war, konnte er den Schlag nicht mehr abwehren. Salions Klinge schickte den Dunkelelf zu Boden.
  Plötzlich raste ein stechender Schmerz durch Salions Seite. Der andere Elf hatte ihn an seiner alten Wunde erwischt, dort wo das Kettenhemd schon zerschnitten war. Der Ritter taumelte zurück. Einen kurzen Augenblick vernebelten Tränen seine Sicht.
  Der Dunkelelf setzte nach. Sein Krummschwert sauste auf Salion hinab. Mit letzter Kraft schlug der Ritter die Waffe zur Seite und ließ seinen Kopf nach vorne schnellen. Seine Stirn schlug gegen die Nase des Angreifers. Der Dunkelelf stand benommen da und blinzelte Tränen aus den Augen.
  Salion nutzte die Gunst der Stunde, um zu flüchten. Er kletterte das Seil hinab, ignorierte mit zusammengebissenen Zähnen die Schmerzen in seiner Seite. Doch als er nur noch ein paar Meter unter sich hatte, zuckte ein rasender Schmerz durch seinen Körper. Salion schrie auf, seine Hände erschlafften und er fiel zu Boden. Doch glücklicherweise nur ein paar Meter. Minxodian, Jinxon und Hamon fingen ihn auf, so gut sie konnten.
  Nach ein paar quälend langen Augenblicken schaffte es Salion sich wieder aufzurappeln. Gestützt von den anderen humpelte er davon. Oben an den Zinnen erschien das Gesicht des Dunkelelfen, der den Gefährten finstere Blicke hinterher warf. Doch er konnte sie nicht verfolgen, in der Stadt herrschte immer noch Chaos und der Ausgang der Schlacht war ungewiss.

Kapitel 2

  In sicherer Entfernung von der Stadt hielten die Gefährten an. Schwer atmend fielen sie zu Boden, nachdem sie Salion vorsichtig an einen Stalagmiten gelehnt hatten. Ein paar Felsformationen schützten sie vor den Blicken eventueller Verfolger.
  „Wir sind verletzt“, sagte Minxodian. „Kannst du uns heilen, Satyria?“
  Die Gnomin deutete auf ihren geöffneten Mund und zuckte hilflos mit den Schultern.
  „Ach stimmt ja, dieser verfluchte Trank. Musst du denn dafür unbedingt sprechen?“
  Satyria wog den Kopf hin und her. Dann kniete sie sich seufzend neben Salion nieder. Sie legte ihre kleinen Hände auf seine Wunde und schloss die Augen. Ihre Stirn zerfurchte sich vor Konzentration. Doch dann glühte es unter ihren Händen. Die Wunde schloss sich, bis nur noch ein zarter rosa Striemen an sie erinnerte.
  Satyria öffnete die Augen, um ihr Werk zu betrachten. Sie strahlte erschöpft aber begeistert. Als nächstes kümmerte sie sich um Hamons Wunde.
  „Und was machen wir jetzt?“, fragte Jinxon.
  „Dieser eine Dunkelelf sagte, dass er uns draußen treffen will“, sagte Minxodian.
  „Können wir denn einem Dunkelelfen trauen?“
  „Dunkelelfen heißen nicht so, weil sie eine dunkle Gesinnung haben“, sagte Salion. Obwohl seine schlimmste Wunde geheilt war, war er immer noch erschöpft von den Kämpfen. „Sie heißen so wegen ihrer schwarzen Haut. Es gibt unter ihnen genauso viele böse und gute Seelen, wie bei uns Menschen.“
  „Die Dunkelelfen in der Stadt, schienen von Raubzügen zu leben“, meinte Minxodian. „Vielleicht leben die Elfen, die sie angegriffen haben, von ehrlicher Arbeit.“
  Plötzlich erschien ein Lichtpunkt über den Köpfen der Gefährten. Der leuchtende Punkt kam näher und entpuppte sich als Glühwürmchen. Das Insekt zog einen Kreis über den Gefährten, dann flog es davon.
  „Wir sollten uns erst mal von dem Kampf erholen“, sagte Jinxon. „Später suchen wir dann nach den anderen Dunkelelfen, vielleicht können sie uns weiterhelfen.“ Er wandte sich an Sanxia und Satyria. „Wenn der Trank bei euch nachlässt, könnt ihr die Elfen vielleicht mit Magie aufspüren.“
  Die Gefährten beschlossen erst mal zu rasten, um sich zu erholen. Sie rollten ein paar Decken aus, um angenehmer sitzen zu können. Sie hatten seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und machten sich deshalb erstmal über den Proviant her. Da Gnome Tiere nur in Notfällen töteten, überließen sie die Wurst dem Ritter und seinem Knappen.
  Plötzlich erschien eine Gestalt am Rande des Lagerplatzes. Es war ein mit nachtblauen Gewändern vermummter Dunkelelf. Reflexartig griffen die Gefährten nach ihren Waffen.
  „Keine Angst“, sagte der Dunkelelf und hob beschwichtigend die Hände. „Ich tue Euch nichts. Ich gehöre zu denjenigen, die die Stadt Yash’Ulgor angegriffen haben. Ihr müsst die Reisenden aus Schattenmantels Vision sein.“
  Jinxon runzelte die Stirn. „Vision?“
  „Das wird Euch alles noch erklärt. Bitte folgt mir zu unserem Lager.“
  „Wie habt Ihr uns gefunden?“
  Der Dunkelelf winkte mit der Hand und ein Glühwürmchen flog hinter seinem Rücken hervor. „Mein kleiner Freund hier hat es mir verraten.“
  „Ihr könnt mit Tieren sprechen?“
  „Da bin ich nicht der Einzige in meinem Clan.“ Der Dunkelelf machte eine einladende Handbewegung. „Bitte folgt mir.“
  Die Gefährten suchten ihre Sachen zusammen und folgten dem Elfen durch ein Gewirr aus Kalksteingebilden und Felssäulen. Es dauerte nicht lange, da erreichten sie eine große Gruppe von Dunkelelfen, die teilweise auf Riesenwaranen ritten. Einige von ihnen lagen verletzt auf Bahren, die hinter die Tiere gespannt waren.
  Die Gefährten schlossen sich der kleinen Armee an und zusammen setzten sie ihren Weg durch die Höhlenwelt fort.
  Nach etwa einer Stunde erreichten sie ein Gewirr aus Felsnadeln und Stalagmiten. Die Dunkelelfen gingen durch das Labyrinth, als würden sie einem unsichtbaren Pfad folgen. Schließlich erreichten sie eine Felswand, die mit unzähligen Höhlenöffnungen überzogen war. In den unteren Kavernen tummelten sich Riesenwarane, die oberen konnte man durch in Fels gehauene Treppen und Holzleitern erreichen.
  „Wir sind da“, sagte der Dunkelelf. „Das ist eins unserer Lager.“
  Die Dunkelelfenkrieger machten sich daran die Warane in die Stallungen zu führen. Die Verletzten wurden auf Plattformen gelegt und mittels Kränen nach oben gezogen.
  Der Dunkelelf bedeutete den Gefährten ihm zu folgen. Er führte sie über ein paar Treppen zu einer der oberen Höhlen. Die Höhle war bis auf einen schmalen mit Tuch verhangenen Eingang zugemauert. Leuchtendes Moos, das auf den Steinen wuchs, sorgte für genügend Licht. Das Moos war so zurechtgeschnitten worden, dass es den brüllenden Kopf eines Höhlenpanthers darstellte.
  „Wartet einen Moment.“ Der Dunkelelf trat hinter den Vorhang. „Wir haben die Fremden gefunden“, ertönte seine Stimme aus der Höhle. Dann streckte der Elf seinen Kopf nach draußen und winkte die Gefährten herein.
  Minxodian, Jinxon und die anderen traten durch den Vorhang in die Höhle. Öllampen tauchten den Raum in ein düsteres Zwielicht. Die grob behauenen Wände waren mit Malereien, Fellen und Traumfängern geschmückt. Die Bilder zeigten Dunkelelfen auf der Jagd nach schrecklichen Monstern und einige Götterbilder. Besonders Heshkara, die gütige Göttin des Todes, der Nacht und des Mondes war in einer langen schwarzen Robe dargestellt, vor einer weißen Mondscheibe schwebend.
  Auf dem Boden waren weiche Felle ausgebreitet. Auf einem Lager aus Decken saß eine Dunkelelfe. Da Elfen äußerlich kaum alterten, verreiten nur ein paar Fältchen und ein paar Narben an den Händen, dass es sich offensichtlich um eine alte Frau handelte. Sie war in nachtschwarze Gewänder gehüllt. Auf ihrem Hals schimmerte das komplexe Muster einer silbernen Tätowierung. Ihre langen weißen Haare waren zu vielen dünnen Zöpfen geflochten und mit Rabenfedern Geschmückt. Um den Hals trug sie einen kleinen Katzenschädel an einer Lederschnur, außerdem noch ein Amulett, das einen silbernen Sichelmond darstellte, der einen Onyxstein einfasste.
  „Setzt Euch“, sagte die Dunkelelfe.
  Während sich die Gefährten setzten, verließ ihr Führer die Höhle. Weder Jinxon noch die anderen trauten sich eine Frage zu stellen.
  „Ich bin Jashmana Schattenmantel, Schattenprophetin der Hadaja“, sagte die Elfe.
  Minxodian runzelte die Stirn. „Schattenprophetin der Hadaja?“
  „Das bedeutet, dass ich eine Art Priesterin bin. Hadaja ist unser Name für die Göttin, die Ihr Heshkara nennt.“
  „Hmmm...“ Erst jetzt bemerkte Minxodian, dass die Elfe ihn nicht ansah, sondern ins Leere zu starren schien. „Schattenprophetin hört sich irgendwie so düster an.“
  „Für uns, die wir in der Höhlenwelt leben, haben die Schatten eine andere Bedeutung als für Euch, die Ihr in der Welt der Sonne lebt. Für uns bieten die Schatten Verstecke vor Monstern. Außerdem sind in der Dunkelheit der Schatten alle gleich, keine oberflächlichen Eindrücke unserer Augen trüben unser Urteilsvermögen.“
  „Aber aus den Schatten stammen die Dämonen.“
  „Diese Schatten verehren wir nicht, wir bekämpfen sie sogar. Die Dunkelelfen aus Yash’Ulgor wären vielleicht bereit mit dem Schattenreich zusammenzuarbeiten aber nicht wir, die Aman’Mar.“
  „Aman’Mar?“
  „So heißt unser Clan.“
  „Es war ein großes Glück für uns, dass Ihr zufällig die Stadt angegriffen habt.“
  „Das war kein Zufall. Ich hatte eine Vision von Euch, von vier Gnomen und zwei Menschenmännern, die eine schwere Bürde tragen... Böse Worte... Ich sah wie die Elfen von Yash’Ulgor Euch fingen und ich wusste, dass wir Euch befreien müssen, bevor Eure Verfolger Euch einholen.“
  „Das war Rettung in letzter Sekunde. Unsere Verfolger waren schon da. Aber wir haben immer noch nicht so recht verstanden, wieso sie uns verfolgen.“
  „Weil Ihr mächtige dämonischen Worte in Euch tragt.“
  „Aber was wollen sie damit?“
  Die Elfe lehnte sich zurück an die Höhlenwand, ein Wollkissen stützte ihren Rücken. „Vor über tausend Jahren tobte ein heftiger Kampf zwischen dem Reich der Schatten und der göttlichen Allianz, jenem Bündnis aus Menschen, Elfen, Zwergen, Gnomen und anderen 

Wesen, die sich dem Guten verschrieben hatten. Die Allianz erkannte, dass sie die Welt vor dem Reich der Schatten nicht retten konnte, aber sie beschlossen wenigstens einen kleinen Bereich zu bewahren. Mit Hilfe mächtiger Magie und Gebeten zu den Göttern schufen sie einen riesigen Bannkreis, der die gesamten inneren Lande umschloss. Gewaltige Berge schossen in die Höhe und bildeten zusätzlich zu der übernatürlichen Barriere eine geographische Grenze. Weder Dämonen noch andere Schattenwesen waren in der Lage diesen Bannkreis zu überschreiten. Das Reich der Schatten war ausgesperrt. Diese Geschichte kennt Ihr bestimmt.

  Doch mittlerweile, nach über tausend Jahren, ist der Bannkreis schwächer geworden. Ich habe mehrmals von Dämonen gehört, die durch die Bannlande streiften. Mit Hilfe der dämonischen Worte, die Ihr in Euch tragt, könnte man vermutlich den Bannkreis so weit schwächen, dass er vollends zusammenbricht.“
  Minxodian und Jinxon starrten die Elfe ungläubig an. Für einen Augenblick legte sich Totenstille über die Anwesenden.
  „Ich kann nicht glauben, dass diese Worte so mächtig sein sollen“, sagte Salion.
  „Ich kann ihre Macht spüren“, sagte Jashmana, „sogar ohne meine übernatürlichen Fähigkeiten einzusetzen.“
  Jinxons Gesicht war vor Sorge und Angst verzerrt. „Könnt Ihr uns helfen die Worte zum Elfenhof im Osten zu bringen?“
  Jashmana seufzte schwer. „Ich kann Euch leider keinen unserer Krieger mitgeben, sie werden alle im Kampf gegen Yash’Ulgor benötigt. Aber ich kann Euch eine Abkürzung durch die Höhlenwelt zum östlichen Ausgang verraten. Das dürfte Euch einen gehörigen Vorsprung verschaffen. Der Weg führt durch ein großes Labyrinth, das einst von einem verrückten Zauberer errichtet wurde. Doch im Inneren des Labyrinths treibt ein riesiger Minotaurus sein Unwesen, vor dem müsst Ihr Euch in Acht nehmen.“
  Die Dunkelelfe erhob sich und ging zu einem Bücherregal an der Wand. Sie zog eine Zettelsammlung heraus. Dann setzte sie sich wieder und kramte in den Blättern herum. Nach einer Weile hielt sie eine Karte in der Hand.
  „Diese Skizze beschreibt den Weg durchs Labyrinth, den unsere Krieger vor einigen Jahrzehnten ausgekundschaftet haben. Auf der Rückseite findet Ihr eine grobe Karte der Höhlenwelt, soweit sie uns bekannt ist, mit ihrer Hilfe solltet Ihr den östlichen Ausgang finden.“ Jashmana drückte Jinxon den Zettel in die Hand.
  „Wisst Ihr, wie weit es noch bis zum Elfenhof ist?“, fragte Salion.
  „Nein, niemand von uns war je dort. Ich weiß nur, dass Ihr über die Meerenge müsst, den man den großen Strom nennt. Auf dessen anderer Seite, liegt das Hochelfenkönigreich. Die Elfen dort können Euch den genauen Weg zur Hauptstadt zeigen.“
  Minxodian seufzte. „Sieht so aus, als hätten wir noch einen langen Weg vor uns.“
  „Ja. Aber jetzt solltet Ihr Euch erst mal ausruhen. Wir werden über Euren Schlaf wachen.“
  „Das ist eine gute Idee“, sagte Salion.
  „Banmar!“, rief Jashmana.
  Der Elf, der die Gefährten zur Schattenprophetin geführt hatte, erschien im Eingang.
  „Bring unsere Gäste in eine freie Höhle, damit sie sich ausruhen können.“
  „Ja.“ Banmar bedeutete den Gefährten ihm zu folgen.
  Sie gingen einen zwei Meter freiten Felssims entlang und stiegen eine Leiter hoch. Dann erreichten sie eine Höhle, die mit Fellen verhangen war.
  „Hier könnt Ihr übernachten“, sagte Banmar. „Ich wünsche Euch eine angenehme Ruhe.“
  Die Gefährten traten in die Höhle, die mit Fellen und Decken ausgelegt war. Sie legten sich hin und es dauerte nicht lange bis sie eingeschlafen waren.
  Die Gefährten erwachten nach etlichen Stunden erholsamen Schlafes. In der Mitte des Raumes war ein Tisch mit Essen aufgestellt. Es gab Brot, Butter, Käse, Pilze und ein wenig kaltes Fleisch. In ein paar Tonkrügen befand sich frisches Wasser, Milch und Fruchtsaft. Die Gefährten machten sich hungrig über die Speisen her.
  Als sie fertig waren, kam Banmar in ihre Höhle. „Ah, Ihr habt schon gefrühstückt“, sagte er. „Wollt Ihr jetzt aufbrechen?“
  Salion nickte. „Wir sollten keine Zeit verlieren.“
  „Gut. Ich werde Euch durch das Felsengewirr vor unseren Höhlen lotsen. Mit der Karte, die Jashmana Euch gegeben hat, werdet Ihr den Weg zum Labyrinth finden. Es liegt etwa eine Tagesreise entfernt.“
  Banmar führte die Gefährten aus der Höhle und über Treppen und Leitern zum Fuße der Felswand. „Wir geben Euch einige unserer Riesenwarane als Reittiere mit, damit Ihr schneller voran kommt.“
  Die Gefährten warfen sich unsichere Blick zu, während Banmar sechs Warane aus einer Höhle trieb. Die Tier waren gesattel und gezäumt.
  „Man reitet auf ihnen genauso, wie auf Pferden“, sagte der Dunkelelf.
  Jinxon trat an sein Reittier heran und tätschelte ihm zögerlich den Kopf. Die Schuppenhaut fühlte sich rau an. Das Tier ließ seine Zunge zischelnd aus seinem Maul schnellen.
  Die Gefährten schnallten ihre Rucksäcke auf die Satteltaschen und schwangen sich auf die Warane. Nach einigen Reitversuchen kamen sie ganz gut mit den Tieren zurecht. Auch Banmar bestieg eine Riesenechse und führte die Gruppe aus dem Gewirr aus Steinformationen, die vor den Wohnhöhlen der Dunkelelfen lagen.
  Am Rande des natürlichen Labyrinths blieb er stehen. „Von hier aus kommt Ihr alleine zurecht. Viel Glück auf Eurer Reise. Möge Hadaja über Euch wachen.“
  Die Gefährten winkten Banmar zum Abschied zu und verschwanden im Zwielicht der Höhlenwelt. Es war schwer in dieser unterirdischen Welt die Zeit abzuschätzen, da es keine Sonne gab, an deren Stand man sich orientieren konnte. Doch es musste in etwa kurz vor Mittag gewesen sein, als sie vor sich Geräusche hörten. Ein paar Stalagmiten versperrten die Sicht auf die Quelle der Laute.
  Salion stieg ab und bedeutete den anderen zu warten. Mit leisen Schritten ging er zu den Stalagmiten. Vorsichtig warf er einen Blick hinter eine der Kalksäulen.
  Er sah einen Riesenwaran der von einem Wendigo bedroht wurde. Die Echse wich fauchend vor dem zotteligen Ungetüm zurück. Der Wendigo brüllte und schwang seine Fäuste.
  Plötzlich erschien ein zweiter Wendigo hinter einer Felsformation im Rücken der Riesenechse. Er schlich sich an den Waran heran und stürzte sich auf ihn. Sein Artgenosse tat es ihm gleich. Gemeinsam rangen sie mit dem Tier und bissen mit langen Fangzähnen in seine lederne Haut. Das Reptil bäumte sich auf, wand sich unter den festen Griffen seiner Jäger. Einer der Wendigos riss an seinem Nacken und versuchte ihm das Genick zu brechen. Schließlich ertönte ein Knacken. Der Körper des Warans erschlaffen und er sank tot zu Boden.
  Die beiden Wendigos stießen ein triumphierendes Gebrüll aus. Gemeinsam packten sie ihre Beute und verschwanden mit ihr hinter einigen Felssäulen. Salion ging zurück zu seinen Gefährten.
  „Die Geräusche kamen von zwei Wendigos, die einen Riesenwaran erlegt haben“, sagte er.
  „Hier gibt es Wendigos?“ Minxodian runzelte sorgenvoll die Stirn. „Das hört sich nicht gut an.“
  „Wenn wir unsere Augen offen halten, werden wir ihnen schon nicht in die Falle tappen.“
  „Es waren zwei Wendigos? Die jagen zusammen? Als wäre nicht einer schon schlimm genug.“
  „Sie tun sich nur selten zusammen. Sie vertragen sich normalerweise nicht, weil sie sehr aggressiv sind. Wahrscheinlich streiten sie sich gerade um die Beute.“
  Salion schwang sich wieder auf seine Reitechse und die Gefährten setzten ihren Weg fort. Gegen Mittag, oder dem Zeitpunkt den sie als Mittag abschätzten, machten sie eine Rast. Sie aßen ein wenig, doch keiner von ihnen hatte großen Appetit. Diese Höhlenwelt war zwar am Anfang faszinierend gewesen, doch mittlerweile wirkte sie düster und trostlos. Sie vermissten die wärmenden Strahlen der Sonne.
  Gegen Abend erreichten sie endlich einen Höhleneingang. Der Eingang war bestimmt dreißig Meter hoch und von einer Felswand verschlossen. Die Felswand war so glatt, dass sie unmöglich natürlichen Ursprungs sein konnte. In der Wand war eine zehn Meter breite Lücke.
  „Das muss der Eingang zum Labyrinth sein“, sagte Jinxon. Er kramte die Karte aus seinem Rucksack.
  Minxodian gähnte, während er den riesigen Eingang betrachtete. Er fragte sich, wie groß wohl der Minotaurus war, der im Labyrinth herumstreunte. „Sollten wir nicht lieber Rast machen und ein paar Stunden schlafen?“
  „Nein“, sagte Salion. „Wenn wir das Labyrinth hinter uns haben, haben wir wenigstens einen kleinen Vorsprung gegenüber unseren Verfolgern.“
  Die Gefährten lenkten ihre Reittiere durch den Eingang des Labyrinths. Jinxon lotste sie mit Hilfe der Karte durch den Irrgarten.
  „Hier links... Da vorne rechts... Den zweiten Gang wieder rechts...“
  Die Gefährten ritten bestimmt schon eine halbe Stunde durch das Labyrinth, als sie ein leises Donnern hörten. Sie hielten ihre Reitechsen an und horchten. Das Donnern kam in regelmäßigen Abständen und wurde immer lauter. Bald fing der Boden an leicht zu beben.
  „Ist das ein Erdbeben?“, fragte Minxodian. Doch die anderen zuckten nur mit den Schultern.
  „Dagegen können wir nichts tun“, sagte Salion. „Reiten wir weiter.“
  Und das taten die Gefährten auch. Sie folgten weiter dem Plan, wobei das Donnern immer lauter wurde. Als sie um die nächste Ecke bogen, verdunkelte ein Schatten das Licht der fluoreszierenden Moose. Eine gigantische Gestalt ragte vor den Gefährten auf. Ihr Kopf berührte fast die Decke des Labyrinths. Sie trug einen aus unzähligen Fellen zusammengenähten Lendenschurz. Ihr muskulöser Körper war der eines Menschen, doch sie hatte die Beine, den Kopf und den Schwanz eines Stieres.
  „Der Minotaurus“, flüsterte Minxodian atemlos. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so groß ist.“
  Der Minotaurus stieß ein Brüllen aus und beugte sich zu den Gefährten hinab.
  „Nichts wie weg“, schrie Salion.
  Er trieb seine Reitechse zwischen den Beinen des Minotaurus hindurch. Die anderen folgten ihm, nur um Haaresbreite entgingen sie den greifenden Händen des Ungetüms. Der Minotaurus drehte sich um und rannte ihnen mit großen Schritten hinterher.
  Doch die Riesenwarane waren erstaunlich schnell. Sie flitzten durch die breiten Gänge des Labyrinths als plötzlich auf der linken Seite die Wand aufging. Die Wand öffnete sich einen Spalt, wie eine riesige Tür und der Minotaurus trat hindurch, genau in den Weg der Gefährten. Er schloss die titanische Felsentür wieder mit einer Hand, während er mit der anderen nach Jinxon griff.
  Der Gnom wollte auf seiner Echse zur Seite ausweichen, schaffte es aber nicht. Die riesige Hand des Minotaurus packte ihn und riss ihn aus dem Sattel. Da krachte ein Schuss. Eine Kugel aus Minxodians Gewehr bohrte sich in die Hand des Riesen. Der Minotaurus zuckte zusammen und ließ Jinxon fallen. Der fiel ein paar Meter tief auf den harten Steinboden.
  Salion und Hamon hatten ihre Bögen gezogen und schossen nun ebenfalls auf das Ungetüm. Die Pfeile waren nicht mehr als winzige Nadelstiche für den Titanen, doch der hob trotzdem seine Hände nach oben, um seine Augen zu schützen. Die Ablenkung erkaufte Jinxon genügend Zeit, um sich wieder aufzurappeln und sich auf den Waran zu schwingen. Er trat der Echse in die Flanken und ritt auf seine Gefährten zu.
  Doch plötzlich ging es nicht mehr weiter. Der Waran kratzte mit den Pfoten über den Boden, aber kam nicht voran. Jinxon drehte sich um und musste mit Entsetzen feststellen, dass der Minotaurus den Schwanz seines Reittieres festhielt. Mit der anderen Hand langte er zu Salion hinüber und schlug mit einer kurzen Bewegung zu. Der Ritter stürzte von seiner Reitechse und schlitterte mehrere Meter über den Boden, wo er bewusstlos liegen blieb.
  Sanxia und Satyria sahen ängstlich zu, wie auch Hamon zu Boden geschlagen wurde. Ihre Zungen waren immer noch gelähmt und sie versuchten ohne Worte Magie und Wunder zu beschwören. Sanxia schaffte es tatsächlich ein paar Schattenfäden aus ihren Fingern sprießen zu lassen, doch sie waren so schwach, dass sie den Minotaurus kaum behinderten.
  Die Gefährten konnten sich nicht wehren, als der Titan sie einen nach dem anderen hoch hob und in einen großen Sack stopfte, der an seinem Gürtel hing. Stickige Dunkelheit umfing sie.
  Die Gefährten lagen dicht nebeneinander in dem rieseigen Sack. Mit jedem Schritt des Minotaurus wurden sie hin und her geschaukelt. Nach eine Weile blieb der Riese stehen. Der Sack öffnete sich und eine Riesenhand griff nach ihnen. Einen nach dem anderen setzte der Titan die Gefährten ins Freie.
  Jinxon und Minxodian blinzelten und sahen sich um. Sie waren in einer großen Höhle, die in etwa einen Durchmesser von einem Kilometer hatte. An ihren Rändern waren die glatten Wände des Labyrinths zu sehen. In der Mitte klaffte ein riesiges Loch im Boden, in dem Lava brodelte. Im Zentrum des Lavasees erhob sich eine Insel auf der ein Turm stand. Eine steinerne Brücke führte zu der Insel.
  Eine Gestalt trat an die Gefährten heran. Es war ein in Stoffkleidung gehüllter Minotaurus. Doch dieses Exemplar war nicht so riesig, wie der Titan, der die Gefährten gefangen hatte. Er war vielleicht gerade mal einen halben Meter größer als ein Mensch. In der Hand hielt er einen knorrigen Stab, der mit mehreren kleinen Holzschnitzereien und Federn geschmückt war.
  „Was wollt Ihr hier, Fremde?“, fragte der Stiermensch in einem scharfen Ton.
  Die Gefährten sahen sich überrascht an. Schließlich räusperte sich Jinxon. „Äh, w-wir wollten zur anderen Seite des Labyrinths“, sagte er vorsichtig.
  Der Minotaurus warf den Gefährten einen abschätzigen Blick zu. „Wieso?“
  „Wir wollen zum östlichen Ausgang. Man hat uns gesagt, der Weg durch das Labyrinth sei eine Abkürzung. Man hat uns einen Plan gegeben.“
  Der Minotaurus trat einen Schritt vor und legte Jinxon eine Hand auf die Stirn. Er schloss die Augen und schien sich zu konzentrieren. Nach ein paar Augenblicken sah er den Gnom an.
  „Du scheinst die Wahrheit zu sagen. Wir befürchteten schon, Ihr seid mit den Harphien im Bunde.“
  Salion runzelte die Stirn. „Den Harphien?“, fragte er verwirrt.
  „Wesen halb Mensch halb Vogel, die uns seit Jahrzehnten nachstellen. Sie sind der Grund wieso wir die Oberwelt verlassen und hier unten Zuflucht gesucht haben.“
  „Äh, Ihr habt Probleme mit Harphien?“, fragte Minxodian.
  Der Minotaurus schmunzelte. „Ihr seid neugierig. Ich werde Eure Fragen gerne beantworten, doch wir sollten uns setzen. Vielleicht mögt Ihr einen Kräutertee?“
  Die Gefährten nickten und folgten dem Minotaurus. Er führte sie am Rand des Labyrinths entlang zu einem großen Lager, in dem zahlreiche Minotauren lebten. Bestimmt hundert Zelte waren um einen Versammlungsplatz mit einem Totempfahl aufgeschlagen. Kinder spielten und Frauen machten Essen oder nähten an Kleidungsstücken. Neugierig beäugten sie die Gefährten, die von ihrem Führer in ein großes Zelt geleitet wurden.
  Das Zelt war mit mehreren weichen Wolldecken ausgelegt. In der Mitte brannte ein Feuer. Der Minotaurus nahm einen kleinen Kessel, schöpfte Wasser aus einem Fass in einer Ecke des Zeltes und hängte ihn über das Feuer.
  „Setzt Euch“, sagte der Minotaurus. Die Gefährten kamen der Aufforderung nach. „Meine Name ist Karakoll, ich bin der Schamane des Stammes der Friedenssänger.“
  „Ich bin Jinxon. Das ist Minxodian, Salion von Drachenstein, sein Knappe Hamon und das sind Satyria und Sanxia.“
  Karakoll ließ einen prüfgenden Blick über die Gefährten schweifen. „Was macht Ihr hier unten?“
  „Wir sind auf der Durchreise. Der unterirdische Weg soll unter dem Saltur-Gebirge hindurch führen und eine Abkürzung sein... Und was macht Ihr hier unten?“
  Karakoll seufzte. „Das ist eine traurige Geschichte. Vor etwa sechzig Jahren lebten wir noch an der Oberfläche. In einem besonders harten Winter suchten wir im Gebirge nach Eiern, um unsere Vorräte aufzustocken. Normalerweise essen wir eigentlich nur pflanzliche Nahrung, aber damals drohten wir zu verhungern. Wie sich später herausstellte stammten einige der Eier, die wir sammelten, aus einem Harphiennest. Die Harphien waren erzürnt darüber, dass wir ihre Eier gestohlen hatten. Wir gaben sie ihnen zurück, doch die Vogelmenschen warfen uns vor, wir wollten ihren Nachwuchs vernichten. Dann begannen die Angriffe. Immer wieder attackierte uns der Harphienstamm, bis wir gezwungen waren zu fliehen. In einer verlassenen Zwergenstadt fanden wir schließlich einen Durchgang in die Unterwelt. Doch die Harphien waren vor Hass zerfressen, sie sind ein äußerst aggressives Volk. Sie folgten uns in die Höhlenwelt. Wir versteckten uns in diesem Labyrinth und trafen auf Jangoda.“
  „Jangoda?“, fragte Minxodian.
  „Der Riesenminotaurus, der Euch gefangen hat. Er lebte schon damals seit über hundert Jahren in diesem Labyrinth. Wir ernannten ihn zu unserem Häuptling, da er verhindert, dass uns die Harphien ins Innere des Irrgartens folgen. Seitdem hält er alle Feinde fern. Noch heute lauern uns die Harphien auf, wenn wir auf Nahrungssuche das Labyrinth verlassen.“
  „Könnt Ihr denn mit dem Riesenminotaurus sprechen?“
  „Ja, aber er spricht nur die Sprache der Minotauren.“
  „Wisst Ihr wer das Labyrinth erbaut hat?“
  „Jangoda hat uns erzählt, dass der Irrgarten und der Turm vor etwa zweihundert Jahren von einem mächtigen Magier namens Zularan errichtet wurde. Er war es auch, der Jangoda einfing und ihn als Wächter in das Labyrinth verbannte. Doch nach seinem Tod brach der Bann, so dass sich Jangoda nun frei bewegen kann.“ Das Wasser in dem Kessel war mittlerweile am kochen. Karakoll holte eine handvoll Kräuter aus einem Beutel an seinem Gürtel und streute sie in das brodelnde Wasser. „Ihr wollt also unter dem Berg hindurch, zum östlichen Ausgang? Wenn Ihr allerdings durch die verlassene Zwergenstadt zur Oberfläche zurückkehrt, dürfte Eurer Weg noch kürzer sein.“
  Minxodians Gesicht hellte sich auf. „Ehrlich? Das wäre gut, wo liegt denn die Zwergenstadt?“
  Karakolls Stierschnauze verzog sich zu einem Lächeln. „Ich werde es Euch verraten... aber nur wenn Ihr unserem Stamm einen kleinen Gefallen tut. Außerdem gibt es in der Zwergenstadt noch ein Problem. Man braucht ein Passwort, um das magische Tor zu öffnen. Der alte Schamane unseres Stammes fand das Passwort auf einer alten Steintafel in den Ruinen der oberen Zwergenstadt. Doch als er starb, nahm er das Wort mit ins Grab. Wir rechneten nicht damit, diesen Durchgang noch einmal benutzen zu müssen. Selbst wenn ich Euch den Weg zur Zwergenstadt weise, braucht Ihr immer noch das Passwort.“
  „Und wie sollen wir da dran kommen?“
  „Ich weiß nicht, ob Ihr in den Ruinen Hinweise darauf findet, aber bestimmt erfahrt Ihr es in der mechanischen Bibliothek.“
  Jinxon runzelte die Stirn. „Die mechanische Bibliothek?“
  Karakoll setzte eine ernste Miene auf. „Dort sollen Unmengen an Wissen gesammelt sein, über alles mögliche.“
  „Und diese Bibliothek liegt hier in der Höhlenwelt?“
  Karakoll nickte. „Ich kann Euch den Weg beschreiben, wenn Ihr uns, wie gesagt, einen Gefallen tut.“
  Jinxon biss sich auf die Unterlippe. „Und wie soll dieser Gefallen aussehen?“
  Karakoll setzte ein hoffnungsvolles Lächeln auf. „Als der Magier Zularan noch lebte erfuhr Jangoda, dass er an einer magischen Waffe arbeitete, die er in seinem Studierzimmer in der Spitze des Turmes aufbewahrte. Wir brauchen diese Waffe, um den Kampf mit den Harphien ein für allemal zu beenden. Bringt sie uns und wir verraten Euch den Weg zur mechanischen Bibliothek und zur Zwergenstadt.“
  Die Gefährten sahen sich an. „In einen Magierturm einbrechen?“ Hamon hörte sich nicht begeistert an. „Der ist bestimmt mit zahlreichen Fallen gesichert, das wird gefährlich.“
  „Haben wir eine andere Wahl?“, fragte Salion.
  „Anscheinend nicht“, sagte Jinxon. „Wir werden versuchen Euch die Waffe zu besorgen.“
  Karakoll lächelte. „Sehr gut, ich führe Euch zum Turm, sobald Ihr Euren Tee getrunken habt.“
  Der Schamane kramte ein paar Tassen aus einem Korb und schüttete den Tee durch ein Sieb ein, dass die Kräuterblätter auffing. Nachdem die Gefährten ausgetrunken hatten, führte Karakoll sie aus dem Zelt. Einige der Minotauren beäugten sie neugierig, als sie zur steinernen Brücke gingen, die über den Lavasee führte.
  „Wie Ihr seht, gelangt Ihr über diese Brücke zum Turm“, sagte Karakoll. „Keiner von uns weiß, ob sie mit Fallen gesichert ist, also seid vorsichtig.“
  „Ich werd vorgehen und den Boden mit meinem Stab abtasten“, sagte Minxodian.
  „Und ich halte nach Magie Ausschau“, meinte Sanxia.
  Die Gefährten drehten sich überrascht zu der Magierin um. Die öffnete den Mund ließ ihre Zunge hin und her gleiten.
  „Endlich hat der Trank nachgelassen“, sagte Sanxia.
  „Bei mir auch“, meldete Satyria.
  „Dann könnt Ihr uns durch Eure Magie unterstützen“, sagte Jinxon. „Das dürfte unsere Chancen gewaltig steigern.“
  „Na dann mal los.“ Mit diesen Worten betrat Minxodian die Brücke, wobei er den Boden vor sich mit seinem Stab abtastete. Seine Gefährten folgten ihm.
  Etwa in der Mitte der Brücke gab das Gestein unter seinem Stab nach.
  „Da scheint eine Druckplatte zu sein“, sagte Minxodian. Er drückte fester und plötzlich schossen Flammen aus ein paar Rissen in der Platte.
  „Uh, das hätte uns geröstet“, sagte Jinxon.
  Minxodian drückte immer wieder auf die Druckplatte, so lange bis kein Feuer mehr gespuckt wurde. „Scheint so, als sei damit die Falle erschöpft.“
  Salion trat einen Schritt vor auf die Platte. Nichts passierte. Die Gefährten überquerten sicher die erschöpfte Falle. Ohne weitere Zwischenfälle erreichten sie die Insel in der Mitte des Lavasees. Vor ihnen ragte der Turm fast dreißig Meter in die Höhe. Er bestand aus schwarzem Vulkangestein und sah so aus, als wäre er gewachsen und nicht gemauert. Ein paar Stufen führten zu einem Portal hinauf, das aus Erzeiche gefertigt war. An den Seiten des Portals waren Löcher eingelassen.
  „Ich wette aus diesen Löchern schießen Bolzen, wenn man etwas mit dem Portal anstellt“, sagte Minxodian. Er schraubte das obere Ende seines Stabes ab. Dann schob er den Dietrich an der Spitze des Stabes in das Schloss des Portals. Aus sicherer Entfernung stocherte er in dem Schloss herum.
  „Kennst du dich mit so was aus?“, fragte Salion.
  Minxodian nickte. „Ich bin immerhin ausgebildeter Schlosser.“
  Ein Klicken ertönte und mit einem Zischen schossen tatsächlich Bolzen aus den Löchern. Sich durchschlugen leere Luft.
  „Wahrscheinlich gibt es irgendeinen Mechanismus, den man vor dem Öffnen der Tür betätigen muss, um die Falle zu sichern.“ Minxodian stieß das Portal mit seinem Stab auf. Dahinter kam ein Raum in Sicht, der von leuchtenden Steinen in der Decke erhellt wurde.
  Die Gefährten gingen durch das Portal. Der Raum war ebenso rund wie der Turm und bis auf eine Wendeltreppe leer. Die Treppe führte nach unten und nach oben.
  „Karakoll hat gesagt, dass die Waffe in der Spitze des Turmes liegt“, sagte Minxodian. „Den Keller müssen wir also nicht durchsuchen.“
  Die Gefährten stiegen die Wendeltreppe hinauf. Die nächste Etage, die sie erreichten, war von einer Wand in zwei Hälften geteilt. In dem Raum, den sie durchquerten stand ein Tisch mit zwei Stühlen – anscheinend ein Esszimmer. Die Gefährten stiegen weiter die Treppe hoch und erreichten einen Raum, in dem zahlreiche alchemistische Gerätschaften standen.
  Auf von Chemikalien verätzten Tischen standen Glaskolben, Reagenzgläser und Glasschläuche. In einigen der Gläser klebten noch die Reste irgendwelcher alchemistischer Stoffe.
  Während die Gefährten weiter die Treppe hinauf stiegen, tastete Minxodian jede Stufe vor sich mit seinem Stab ab. Plötzlich gab eine Stufe nach und ein Feuerstrahl schoss aus der Wand. Minxodian wich erschrocken zurück und betastete die nächste Stufe. Die schien in Ordnung zu sein. Vorsichtig übersprangen die Gefährten die Falle.
  Der nächste Raum beherbergte eine Bibliothek. Eine dicke Staubschicht bedeckte die Regale und ein Lesepult. In dem Raum darüber war das Studierzimmer untergebracht. An den Wänden standen Tische, auf denen Bücher und Zettel lagen, der Boden war mit Fliesen ausgelegt. Die Treppe endete hier. An der Rückwand des Raumes lag auf einem Podest ein eiserner Handschuh.
  „Soll das die Waffe sein?“, fragte Minxodian.
  Salion runzelte die Stirn. „Ein Handschuh als Waffe? Aber das scheint das einzige besondere Ding in diesem Raum zu sein.“
  Minxodian trat vor, während er den Boden vor sich  mit dem Stab abtestete. Eine Fliese gab leicht nach. Er betastete die Platten daneben und stellte fest, dass sich eine Reihe von Druckplatten quer durch den Raum zog. Er betastete die Fliesen dahinter, die fest zu sein schienen.
  „Wartet hier“, sagte Minxodian. „Es reicht, wenn ich mich in Gefahr begebe.“
  Mit einem Satz sprang er über die Druckplatten. Nichts passierte, er hatte die Falle erfolgreich umgangen. Sanxia sprang hinterher.
  „Wieso wartest du nicht?“, fragte Minxodian.
  „Hier liegen die Arbeitsunterlagen eines mächtigen Magiers. Glaubst du diese Gelegenheit lasse ich mir entgehen?“ Neugierig durchwühlte Sanxia die Zettel und Bücher auf den Tischen. Dabei fiel ihr eine Notiz auf. Sie nahm den Zettel und überflog das geschriebene.
  Valmanmar entwickelt sich mehr und mehr zu einem Konkurrenten. Er hat mir letztens einen Brief geschickt, in dem er sich damit rühmt ein mächtiges Analyseartefakt erschaffen zu haben, das alle Magie erkennen und enträtseln kann. Doch mit meinem Blitzhandschuh habe ich ihn bestimmt übertroffen. Vielleicht sollte ich ihn mal besuchen und ihm mit dem Handschuh den Hintern rösten. Dann kann er mal sehen, ob ihm da sein Analyseartefakt weiterhilft.
  Sanxia legte den Zettel wieder zurück und sah Minxodian an. Selbst ohne einen Hellsichtzauber zu sprechen, spürte sie die immense Macht, die von den dämonischen Worten ausgingen, die in ihm schlummerten. Ihre Gedanken überschlugen sich.
  Neugierig trat Minxodian an das Podest mit dem Handschuh heran. Erst jetzt bemerkte er eine Gestalt in einer Robe, die neben dem Podest kauerte. Vorsichtig streckte er die Hand aus und schob die Kapuze zurück. Ein Totenschädel kam zum Vorschein. Minxodian zuckte zurück. Das mussten die Überreste von Zularan sein.
  „Sieht so aus, als würdest du den Handschuh nicht mehr benötigen“, sagte Minxodian.
  Er wollt den Handschuh an sich nehmen, zögerte jedoch im letzten Augenblick. Bestimmt löste er eine Falle aus, wenn er das Artefakt vom Podest nahm. Vielleicht lag er auf einer Druckplatte.
  Er nahm ein paar Bücher von einem Tisch und legte sie neben dem Handschuh aufs Podest. Dann nahm er den Handschuh an sich. Er verzog das Gesicht in ängstlicher Erwartung, dass etwas passieren würde, doch nichts geschah.
  Plötzlich packte etwas sein Bein. Er blickte nach unten und sah die knöcherne Hand des Skeletts, die sich um sein Bein geschlossen hatte. Der Schädel starrte ihn aus leeren Augenhöhlen an und das Skelett erhob sich. Minxodian kreischte auf. Er ließ den Handschuh fallen, als der Untote seine Kehle packte.
  „Bei Solarion“, rief Salion. Er zog sein Schwert und sprang über die Druckplatten. Mit zwei Sätzen hatte er das Skelett erreicht und schlug zu. Die Klinge krachte auf die Armknochen und zersplitterte sie, doch noch hielt der Arm. Salion hieb ein zweites Mal zu und trennte den Arm ab.
  Dann schoss die andere Hand des Skeletts nach vorne, um den Ritter mit übermenschlicher Kraft von den Füßen zu reißen. Salion flog zwei Meter durch die Luft und krachte auf einen Tisch, der unter dem Aufprall ächzte.
  Hamon zog nun ebenfalls sein Schwert und stürmte auf den Untoten zu. Jinxon konnte nichts tun, außer das Skelett entsetzt anzustarren. Satyria sang ein Gebet und ein Lichtstrahl barst aus ihrem Sonnenstab. Er schien auf den Schädel des Untoten, der daraufhin mit einem infernalischen Wutgeschrei zurückwich.
  Hamon schwang sein Schwert und zog es über den Brustkorb des Skeletts. Doch der Schlag hinterließ nur ein paar Kerben in den Rippen. Der Untote ließ seinen Arm niedersausen. Doch Hamon sprang zurück, so dass die klauengleichen Knochenfinger nur leere Luft zerrissen. Minxodian stolperte nach hinten, um aus der Ferne mit seinem langen Stab auf das Skelett einzuprügeln.
  Salion rollte sich keuchend vom Tisch. Er brauchte einen Augenblick, um sich von dem Aufprall zu erholen, dann stürzte er sich wieder auf das Ungeheuer. Sein Schwert krachte gegen den Schädel und schlug ein Loch hinein. Doch das Skelett ließ sich davon nicht beeindrucken.
  Seine Klauenhand schlug durch die Luft und riss Hamons Kettenhemd auf. Satyria kniete nieder, schloss die Augen und betete inbrünstig zu ihrer Göttin Solaria. „Herrin der Sonne, Verteidigerin des Guten, gib mir die Kraft diese untote Kreatur zur Ruhe zu betten.“
  Sie hörte die Kampfgeräusche vor sich. Dann öffnete sie die Augen und erhob sich wieder. Entschlossen reckte sie ihren Priesterstab in die Höhe und konzentrierte sich. Schweiß trat auf ihre Stirn, als die Sonnenscheibe am Ende des Stabes anfing zu glühen. Dann schoss ein gleißender Strahl auf den Untoten zu. Das Licht badete das Skelett in gleißende Helligkeit. Die Knochen des Untoten und seine Robe lösten sich auf und zerfielen zu Asche, bis nur noch ein zischendes, dampfendes Häufchen übrig war.
  Die Gefährten starrten die Überreste des Untoten an und atmeten erleichtert auf.
  „Schnappt Euch den Handschuh und dann verschwinden wir von diesem düsteren Ort“, sagte Satyria.
  Minxodian hob den Handschuh auf und hüpfte wieder über die Druckplatten zurück, gefolgt von Sanxia, Hamon und Salion.
  Nachdem sie nun wussten, wo Fallen lauerten, war der Rückweg aus dem Turm ein Leichtes. Wohlbehalten überquerten sie die Brücke und trafen wieder auf Karakoll, der auf sie gewartet hatte.
  Minxodian reichte dem Minotaurus den eisernen Handschuh. „Ist das die Waffe, die Ihr sucht?“
  Karakoll nahm das Artefakt entgegen und betrachtete es skeptisch. „Das sieht nicht aus wie eine Waffe.“
  „Ich hab eine Notiz gefunden in der Zularan dieses Artefakt als Blitzhandschuh bezeichnet“, sagte Sanxia. „Wahrscheinlich kann man damit Blitze schleudern.“
  Karakoll drehte den Handschuh in seinen Händen. „Wir werden schon herausfinden, wie er funktioniert. Kommt mit in mein Zelt, ich werde Euch den Weg zur mechanischen Bibliothek und zur Zwergenstadt verraten.“
  Die Gefährten kehrten zusammen mit Karakoll in sein Zelt zurück. Der Schamane schenkte jedem von ihnen einen neuen Tee ein. „Die mechanische Bibliothek liegt etwa eine Tagesreise von hier entfernt, entlang des großen Weges.“
  „Wir haben eine Karte“, sagte Jinxon und kramte die Karte der Dunkelelfen aus seinem Rucksack. „Kannst du uns die Bibliothek und die Zwergenstadt darauf zeigen?“
  Er breitete die Karte auf dem Boden aus und Karakoll beugte sich darüber. „Die Bibliothek liegt hier.“ Der Schamane zeigte auf den Rand einer breiten länglichen Höhle, die mit ‚große Straße’ beschriftet war. „Die Zwergenstadt hier.“ Karakoll deutete auf eine Nische in einer weiten Höhle, die von der großen Straße abzweigte.
  „Da fällt mir etwas ein“, sagte Minxodian. „Unsere Reitechsen sind immer noch im Labyrinth.“
  „Jangoda hat sie vorhin hier ins Lager gebracht“, sagte Karakoll. „Ihr könnt sie wieder haben.“
  Salion nickte. „Gut, dann sollten wir erst rasten, bevor wir weiterreisen.“
  „Ihr könnt gerne bei uns bleiben“, sagte Karakoll. „Hier seid Ihr sicher.“
  „Danke.“
  „Ihr könnt gerne in meinem bescheidenen Heim übernachten.“
  Nachdem die Gefährten ihren Tee gelehrt hatten, rollten sie ihre Decken aus und legten sich zur Ruhe. Es war ein anstrengender Tag gewesen und so dauerte es nicht lange, bis sie eingeschlafen waren.

Kapitel 3

  Nach acht Stunden erholsamen Schlafes erwachten die Gefährten. Karakoll war schon auf und bereitete das Frühstück zu. Er hatte Brot geschnitten und röstete Pilze über dem Feuer. Der Duft des Essens stieg den Gefährten in die Nase und ließ ihre Mägen knurren.
  „Greift zu“, sagte Karakoll. „Es ist reichlich da. Wenn es hier unten in der Höhlenwelt von etwas genug gibt, dann sind es Pilze.“
  Zu dem Brot und den Pilzen gab es Kräuterbutter und Tee. Die Gefährten ließen es sich schmecken. Nach dem Frühstück packten sie ihre Decken zusammen.
  „Wir danken Euch für Eure Gastfreundschaft“, sagte Minxodian.
  „Wir danken Euch dafür, dass Ihr uns die Waffe gebracht habt“, sagte Karakoll. Er führte die Gefährten zu einer Umzäunung, in der Kühe sich an Pilzbeete gütlich taten. Vor dem Gatter waren die Reitechsen angebunden. „Mit dieser Waffe werden wir den Krieg mit den Harphien hoffentlich beenden können. Wenn sie merken, dass sie keine Chance gegen uns haben, werden sie uns wohl in Ruhe lassen.“
  Die Gefährten schnallten ihre Rucksäcke auf die Sättel und stiegen auf.
  „Jangoda wird Euch aus dem Labyrinth führen.“ Karakoll griff nach einem hölzernen Horn an seinem Gürtel und entlockte ihm ein langgezogenes, tiefes Dröhnen. Die Erde erbebte, als der Riesenminotaurus aus dem Irrgarten trat. Karakoll wechselte ein paar Worte mit ihm in der blökenden Sprache der Minotauren. Dann eilte Jangoda voraus und die Gefährten folgten ihm.
  Er führte sie durch das Labyrinth. Dabei nahm er immer wieder Abkürzungen durch gigantische Türen, die nur er öffnen konnte. Trotzdem dauerte es ganze zwei Stunden bis sie den Ausgang des steinernen Irrgartens erreichten.
  Sie winkten Jangoda zum Abschied zu und der winkte mit einer seiner Riesenpranken zurück. Dann tauchten die Gefährten im Zwielicht der Höhlenwelt unter. Sie ritten an Felsformationen, Stalagmiten und Stalaktiten vorbei, bis sie auf eine gewaltige Höhle trafen, deren Decke nicht zu sehen war. In der Mitte der Höhle war ein fünfzig Meter breiter Streifen frei von Felsen und anderen Hindernissen.
  „Das muss die große Straße sein“, sagte Jinxon während er einen Blick auf die Karte warf. „Wir müssen nach links.“
  Die Gefährten folgten der Straße auf ihren Reittieren.
  Xamnar hatte einen Hellsichtzauber gewirkt, mit dem er die Macht der dämonischen Worte erspüren konnte. Dort wo die Gnome entlanggekommen waren, leuchtete die Luft durch seine Hellsicht leicht rötlich, aufgeladen von dem Mana, das den Worten inne wohnte.
  Xamnar und seine Schergen erreichten einen großen Eingang zwischen titanischen, glatten Steinwänden.
  „Das muss der Eingang zu Zularans Labyrinth sein“, sagte Sartass, der sich in der Höhlenwelt auskannte. „Wir sollten da nicht rein gehen, wir werden uns hoffnungslos verlaufen.“
  „Aber Xamnar sieht doch, wo die Gnome entlang gegangen sind“, sagte Morgon.
  „Das würde ich“, zischte Xamnar. „Aber dieses Labyrinth wurde durch mächtige Magie erschaffen. Das Mana in den Wänden des Irrgartens überdeckt die magische Spur der Worte.“
  Morgon brummte und strich durch seinen wirren Bart. „Dann sollten wir vielleicht einen Weg drunter her suchen“, sagte er. „Es gibt hier viele Felswürmer, die Tunnel graben. Vielleicht kann ich ein paar von ihnen aufspüren.“
  Xamnar nickte. „Gut, tu das.“
  Morgon kniete nieder und legte eine Hand auf den Boden. Er schloss die Augen während er sich konzentrierte. Sein Geist erweitere sich und durchdrang den Felsboden, sandte einen animalischen Ruf in der Tiersprache der Felswürmer aus. Augenblicke verstricken, dann bröckelte der Felsboden neben Morgon. Risse bildeten sich und erweiterten sich zu einem Loch. Dann schoss ein riesiger Wurm aus dem Fels.
  Das Tier war bestimmt zehn Meter lang und zwei Meter breit. Ein zahnbewährtes Maul klaffte in seinem oberen Ende, an seinem Unterleib zappelten zwei Reihen kleiner Beinchen.
  Morgon hob seine Hand vor den Wurm und hielt stumme Zwiesprache mit ihm. In seinen Gedanken erkannte er, dass in der Mitte des Labyrinths eine riesige Höhle mit einem Turm war, bewohnt von einem Minotaurenstamm.
  „Er weiß, dass im Zentrum des Labyrinths ein Minotaurenstamm haust“, sagte Morgon. „Vielleicht wissen die, wo die Gnome hin sind.“
  „Gut“, sagte Xamnar. „Knöpfen wir uns diese Stiermenschen vor.“
  Morgon schickte den Wurm zurück in den Tunnel. Er, Xamnar und Sartass folgten dem Ungetüm durch den Korridor. Morgon wies den Wurm an ihnen einen direkten Weg zum Lager der Minotauren zu graben. Mit Hilfe von Säure, die der Felsenwurm aus seinem Maul spuckte, ätzte er das Gestein weg. Xamnar wirkte einen Schutzzauber, damit sie mit der Säure nicht in Berührung kamen.
  Nach ein paar Stunden durchbrach der Wurm die Oberfläche. Dämmriges Licht schien in den Gang. Xamnar und seine Schergen kletterten nach draußen. Sie fanden sich tatsächlich in einer gigantischen Höhle wieder, mit einem Lavasee in der Mitte. Die Höhle war offensichtlich von dem Labyrinth umschlossen. Am Rande des Labyrinths war ein Zeltlager aufgeschlagen.
  Xamnar ging auf das Lager zu. Ein paar Minotaurenkinder spielten abseits der Zelte. Als sie die Fremden erblickten, liefen sie davon.
  „Wo ist euer Oberhaupt?“, fragte Xamnar eine Minotaurenfrau, die vor einem Zelt an einem Hemd nähte. Die Frau sah ihn fragend an, offensichtlich verstand sie seine Sprache nicht.
  Karakoll mixte gerade eine Kräutersalbe zusammen, als ein paar Kinder in sein Zelt stürmten. Sie schnatterten aufgeregt durcheinander, erzählten etwas von drei fremden Männern. Der Schamane stand auf und folgte ihnen zum Rand des Lagers. Dort warteten tatsächlich drei Männer.
  „Seid gegrüßt, Fremde“, sagte Karakoll. „Kann ich Euch helfen?“
  Ein Mann in schwarzen Gewändern, dessen Gesicht unter den Schatten seiner Kapuze nicht zu sehen war, erhob das Wort. „Wir suchen ein paar Reisende. Vier Gnome und zwei Menschenmänner, habt Ihr sie gesehen?“
  Karakoll beäugte die drei Gestalten misstrauisch. Irgendetwas gefiel ihm an ihnen nicht. Stammte der Dunkelelf vielleicht aus der Stadt Yash’Ulgor, die von Raub und Sklaverei lebte? „Nein, tut mir Leid, ich habe solche Leute nicht gesehen.“
  Der schwarzgekleidete Mann schien Karakoll durchdringend anzustarren. „Du lügst“, sagte er knapp.
  Plötzlich konnte sich Karakoll nicht mehr bewegen. Eine unsichtbare Macht hielt ihn fest. Der Fremde trat näher und legte eine Hand auf die Stirn des Schamanen. Karakoll konnte spüren, wie ihm die Gedanken ausgesaugt wurden.
  Einige Minotauren, die in der Nähe standen, bemerkten, dass etwas nicht stimmte. Sie griffen ihre Äxte und sprangen auf die Fremden zu. Der Dunkelelf zog zwei Krummschwerter, der in Fell gehüllte Mensch hielt eine Axt bereit. Es kam zum Kampf.
  Stahl klirrte auf Stahl, als die Minotauren auf die Fremden einschlugen. Der schwarzgekleidete Mann ließ Karakoll los und trat zurück. „Ich habe erfahren, was ich wissen wollte“, rief er. Die Fremden wichen vor den heranstürmenden Stiermenschen zurück.
  Zwei der Stammeskrieger hieben auf den Dunkelelf ein. Doch der verstand es geschickt zu parieren und auszuweichen. Seine schwarzen Krummschwerter sausten durch die Luft und schnitten über den Brustkorb eines Minotauren. Der Stiermensch brüllte auf und wich einen Schritt zurück. Als er sich wieder gefangen hatte, griff er erneut an.
  Auch Karakoll attackierte die Fremden mit seinem Stab. Doch der schwarzgekleidete Mann beschwor eine Flammenwand, die ihn umtanzte, so dass der Schamane zurückweichen musste. Schließlich hatte sich der Kampf zu einem Loch im Boden verlagert.
  Plötzlich schoss eine Kreatur aus dem Loch. Es war ein zehn Meter langer Felsenwurm, der sich mit geöffnetem Maul zwischen die Minotauren und die Fremden schob. Die Stiermenschen waren nun gezwungen sich gegen das Ungeheuer zu wehren. Ihre Äxte schlugen nach dem dicken Leib und sie wichen vor den Bissen des Wurms zurück. Als die Fremden in dem Loch verschwunden waren, zog sich auch der Wurm zurück.
  Die Minotauren scharten sich um das Loch und starrten in die Dunkelheit. „Sollen wir ihnen folgen?“, fragte einer der Krieger.
  Karakoll schüttelte den Kopf. „Nein, das wird nichts bringen.“
  Die Gefährten ritten die große Straße entlang, als plötzlich ein Schatten durch das Zwielicht an der Decke huschte.
  „Habt Ihr das auch gesehen?“, fragte Jinxon.
  „Da war ein Schatten“, sagte Minxodian.
  Salion brummte abfällig. „Wahrscheinlich nur Fledermäuse, macht euch keine Sorgen.“
  Die Gefährten ritten weiter. Wieder meinte Jinxon einen Schatten über sich gesehen zu haben.
  „Der Schatten war viel zu groß für eine Fledermaus“, sagte er.
  „Vielleicht eine Riesenfeldermaus“, meinte Hamon.
  „Können die uns gefährlich werden?“
  „Wir sind zu viele. Eine so große Gruppe werden sie nicht angreifen.“
  Plötzlich stieß ein Schatten auf Jinxon herab. Ein Kreischen zerriss die Stille der Höhlenwelt und das Rauschen von schlagenden Flügeln ertönte. Jinxon riss die Arme hoch, um sein Gesicht zu schützen. Krallen zerrissen seine Ärmel.
  „Eine Harphie“, schrie Hamon.
  Das Wesen hatte den Rumpf und den Kopf eines Menschen, doch statt Arme hatte es Flügel und an den Unterleib schlossen sich große kräftige Vogelbeine mit Klauen an. Die Harphie flatterte vor Jinxon herum und schlug mit seinen Krallenfüßen nach ihm.
  Salion und Hamon zogen ihre Schwerter, während sie von ihren Reitechsen glitten. Sie sprangen zu Jinxon, um nach der Harphie zu schlagen. Ihre Klingen rissen einige Federn aus den Flügeln, richteten jedoch keinen ernsthaften Schaden an. Die Harphie flog höher, außer Reichweite der Waffen. Sie schwebte in der Luft und kreischte die Gefährten an.
  Dann schoss ein zweites der geflügelten Wesen auf die Gruppe nieder. Es packte Minxodian an den Schultern und riss ihn aus dem Sattel. Als der Gnom in die Luft gezogen wurde, sprang Salion herbei und packte ihn am Bein. Er zog mit seinem ganzen Gewicht, um Minxodian am Boden zu halten.
  Hamon kam angelaufen und schlug mit seinem Schwert nach der Harphie. Aus Sanxias Fingern schossen Schattenfäden, die sich um das Mischwesen wickelten. Die Harphie ließ Minxodian los und stürzte zu Boden. Salion fing den Gnom auf, der nun ebenfalls abstürzte.
  Doch dann war ein ganzer Schwarm Harphien über den Gefährten. Hamon und Salion schwangen ihre Schwerter in weiten Kreisen. Jinxon und Minxodian feuerten ihre Schusswaffen ab. Ein wilder Kampf entbrannte. Federn regneten zu Boden.
  Zwei Harphie stürzten sich auf Salion. Mit einem kräftigen Schlag seines Schwertes holte der Ritter eine der Kreaturen vom Himmel, während die andere mit ihren Krallen nach ihm kratzte. Hamon streckte eines der Vogelwesen nieder. Doch eine zweite Harphie kam herbei und wollte ihn mit ihren vampirartigen Reißzähnen beißen. Der Knappe schleuderte sie mit einem schnellen Fußtritt von sich. Er wirbelte herum. In der selben Bewegung schlug er nach einer Harphie, sie sich allerdings mit einem kräftigen Flügelschlag außer Reichweite brachte.
  Minxodian hob sein Gewehr und zielte auf eines der Mischwesen. Plötzlich packte ein Klauenpaar seine Büchse und riss sie ihm aus den Händen. Zwei andere Harphien umklammerten seine Arme und zogen ihn in die Höhe. Minxodian schrie.
  Von dem Schrei alarmiert wirbelten Salion und Hamon herum. Sie sprangen zu Minxodian und wollten seine Beine packen, doch es war zu spät. Die Harphien trugen ihn in die Lüfte. Als sie den Gnom entführt hatte, zogen sich auch die anderen Vogelwesen zurück.
  „Schnell hinterher“, schrie Salion. „Wir dürfen sie nicht aus den Augen verlieren.“
  Der Ritter und sein Knappe schwangen sich auf ihre Reitechsen und wollten den Harphien folgen. Doch die waren schon im Zwielicht der Höhle verschwunden.
  „Bei Solarion“, flüsterte Salion. „Wir haben ihn verloren.“
  „Keine Sorge“, sagte Sanxia. „Die dämonischen Worte, die er in sich trägt, beinhalten so viel Mana, dass er eine magische Spur hinterlässt, die ich mit einem Hellsichtzauber aufspüren kann.“
  Minxodian flog durch die Luft, doch er sah nicht genau wohin. Eine Weile später flogen die Harphien in eine kleinere Höhle und ließen den Gnom auf den Boden fallen. Die Vogelwesen beschnupperten ihn kurz, dann wichen sie zurück.
  Sie machten einer besonders alten Harphie Platz, die auf Minxodian zu humpelte. Erst jetzt erkannte der Gnom, dass er von Nestern umgeben war, in denen Eier ruhten. Einige Harphiemännchen hockten auf den Eiern, um sie auszubrüten.
  Die alte Harphie schnupperte an Minxodian und unterhielt sich kurz mit ihren Artgenossen in einer kreischenden Sprache. „Du riechst tatsächlich nach dunkler Magie“, sagte sie dann in der Allgemeinsprache. „Meine Späher haben dich nur zufällig entdeckt und es sofort gerochen... Verrate mir dein Geheimnis.“
  „Ich habe kein Geheimnis“, sagte Minxodian unsicher.
  Die Harphie zischte böse und entblößte dabei ihre vergammelten Zähne. „Keine Sorgen, du wirst mir dein Geheimnis schon noch verraten.“

Kapitel 4

  Sanxia sah die Manaspur der dämonischen Worte als rötlichen Nebel, der sich durch die Luft zog. Sie ritt voraus und die anderen folgten ihr. Es dauerte nicht lange, da erreichten sie eine Felswand. Am oberen Ende der natürlichen Wand waren schwarze Löcher zu sehen.
  „Da oben sind Höhleneingänge“, sagte Sanxia. „Die Spur verschwindet darin.“
  „Wie kommen wir da rauf?“, fragte Salion. „Wir können schließlich nicht fliegen.“
  Vor den Höhleneingängen zog sich am Rande der Felswand ein Sims entlang, der nach links führte.
  „Wir sollten der Felswand nach links folgen“, meinte Sanxia. „Vielleicht findet sich irgendwo ein Weg, über den wir dort hoch kommen.“
  Die Gefährten trieben ihre Reitechsen an und folgten der Felswand. Es dauerte nicht lange, bis sie eine Kerbe erreichten, die von oben bis unten in das Gestein gehauen war. In der Kerbe waren eiserne Leisten angebracht und am Boden ruhte eine Plattform.
  „Das scheint ein Aufzug zu sein“, sagte Sanxia. „Wahrscheinlich zwergischer Machart.“
  Die Gefährten stiegen von ihren Reittieren, um die Konstruktion genauer zu betrachten. An den Rändern der Plattform waren Zahnräder angebracht, die in die eisernen Leisten der Steinkerbe griffen. Mitten auf der Plattform stand eine große Kurbel.
  Jinxon drehte neugierig daran. Es ging schwer und die Kurbel quietschte rostig, doch es ging. Er kurbelte schneller, wodurch sich die Zahnräder drehten und die Plattform entlang der Eisenschienen nach oben trugen.
  „Alle Mann an Bord“, rief Jinxon.
  Sanxia und Satyria warfen ihm finstere Blicke zu.
  „Äh, und die Damen natürlich zuerst“, sagte Jinxon mit einem verlegenen Lächeln. Die Gefährten kletterten auf die Plattform.
  Zusammen mit Salion drehte Jinxon an der Kurbel und brachte den Fahrstuhl in Bewegung. Bestimmt fünfzig Höhenmeter mussten sie überwinden, um den oberen Sims der Felswand zu erreichen. Dort angekommen zogen die Gefährten ihre Waffen und folgten dem schmalen Felsenpfad.
  Nach etwa hundert Metern erreichten sie eine Höhle zu ihrer Linken. Den Eingang bildete ein Torbogen aus gemauerten Quadern. Auf einem der Steinblöcke waren Runen eingemeißelt.
  „Das sind zwergische Runen“, sagte Sanxia, als sie mit den Fingern über die Schriftzeichen glitt. „Wahrscheinlich war das hier ein zwergischer Beobachtungsposten. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die große Straße. Der einzige Zugang zu dieser erhöhten Position ist der Fahrstuhl, so dass sich diese Höhlen hervorragend verteidigen lassen.“
  Die Gefährten warfen einen kurzen Blick in den Raum hinter dem Torbogen, entdeckten aber nichts außer Steinmöbeln. Sie gingen weiter und kurz darauf kamen die Höhlen der Harphien im dämmrigen Zwielicht der Unterwelt in Sicht.
  „In den Höhlen wird es von Harphien nur so wimmeln“, sagte Salion. „Sie sind zwar nicht besonders groß oder stark, aber es sind viele. Hoffentlich gelingt es uns gegen sie zu bestehen.“
  Die Gefährten gingen weiter und hatten die Höhlen nach kurzer Zeit erreicht. Der Gestank von Exkrementen und Verwesung schlug ihnen entgegen. Sie hielten ihre Waffen fest und warfen einen Blick in die erste Höhle. Dort waren Harphienmännchen zu sehen, die auf Nestern hockten. Von Minxodian keine Spur. Mit schnellen Schritten huschten sie an dem Höhleneingang vorbei zum nächsten. Die Harphien in der Höhle bemerkten sie nicht.
  Da hörten sie unvermittelt eine krächzende Stimme. „Rede oder ich werde dir die Augen auskratzen.“
  „Ich weiß nichts“, ertönte Minxodians Stimme. Sie kam aus der nächsten Höhle.
  Die Gefährten schlichen zum nächsten Eingang und spähten vorsichtig um die Ecke. Auch in dieser Kaverne brüteten schmächtige Harphienmännchen auf Nestern. In der Mitte der Höhle kauerte Minxodian auf dem Boden, umringt von einigen Harphienweibchen. Vor ihm hockte ein besonders altes Exemplar.
  Jinxon nahm das Gewehr von seinem Rücken, das Minxodian verloren hatte, und drückte es Satyria in die Hand. „Kannst du damit umgehen?“
  Die Klerikerin schüttelte den Kopf.
  „Macht nichts“, sagte Jinxon. „Einfach zielen und abdrücken.“ Er machte seine beiden Pistolen schussbereit.
  „Die meisten Harphien scheinen ausgeflogen zu sein“, flüsterte Salion. „Vielleicht sind sie auf der Jagd. Wir sollten mit Minxodian verschwinden, bevor sie zurückkommen. Also los.“
  Salion stürmte in die Höhle, gefolgt von den anderen. Kaum waren sie um die Ecke gebogen, feuerte Jinxon seine Pistolen ab. Der eine Schuss ging daneben und schlug Steinsplitter aus der Höhlenwand, der andere streckte eine Harphie nieder. Auch Satyria feuerte ihr Schießeisen ab, doch sie verfehlte ihr Ziel.
  Mit ein paar Schritten waren Salion und Hamon bei den überraschten Harphien. Sie schwangen ihre Schwerter und droschen auf die Vogelwesen ein. Hamon schickte eine der Kreatur mit einem Hieb zu Boden. Salion verfehlte, da sein Ziel mit einem Satz auswich. Er packte Minxodian an der Hand und zog ihn auf die Beine.
  „Nichts wie raus hier“, schrie der Ritter.
  Die Gefährten zogen sich aus der Höhle zurück, wild nach den Harphien schlagend. Auch die Männchen waren von den Nestern aufgesprungen und beteiligten sich an dem Kampf.
  Satyria warf Minxodian das Gewehr zu. „Du kannst damit besser umgehen“, rief sie.
  Der Gnom fing die Büchse auf, wirbelte herum und schoss eine Harphie nieder. Die Gefährten verließen die Höhle und stürmten den Sims entlang. Sie rannten so schnell sie konnten, verfolgt von einem Schwarm der Mischwesen, der aus den Höhlen strömte. Jinxon feuerte seine Pistolen ein weiteres Mal ab und versuchte sie im Laufen nachzuladen.
  Die Gefährten hatten gerade den gemauerten Torbogen erreicht, als die Harphien sie einholten. Klauen zerrissen die Luft und Fangzähne schnappten nach ihnen. Hamon machte einen Ausfallschritt und stieß mit seiner Klinge zu. Die Harphie taumelte durch die Luft zur Seite, um seinem Stich auszuweichen. Salion packte sein Schwert mit beiden Händen und beschrieb mit seiner Klinge einen silbernen Halbkreis. Er verwundete zwei Harphien, und schlug sie damit in die Flucht.
  „Wir müssen uns in die Höhle zurückziehen“, schrie Salion. „Der schmale Eingang ist leichter zu verteidigen.“
  Die Gefährten wichen durch den Torbogen zurück. Da stürzten sich drei Harphien auf Salion. Der Ritter schlug mit wilden Hieben nach ihnen und konnte sie zurücktreiben. Doch dafür näherten sich drei weitere von den Seiten. Zwei von ihnen packten seine Arme und rissen an ihm. Die dritte kratzte nach seinem Gesicht.
  Die Harphien zogen den Ritter nach vorn, gefährlich nahe an den Rand des Simses. Hamon griff nach seinem Meister, wollte ihn zurück ziehen. Doch da wurde Salion von der Felswand gerissen. Er schrie entsetzt auf, als ihn die Harphien los ließen und er in die Tiefe stürzte. Mit vor Schreck geweiteten Augen sah Hamon, wie der Ritter unten auf dem Boden aufschlug.
  Doch schon einen Augenblick später zog sich der Knappe in die Höhle zurück, um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen. Er stand hinter dem Durchgang und wehrte die Harphien alleine ab, während Minxodian und Jinxon ihre Waffen nachluden.
  Sanxia murmelte ein paar magische Worte. Schwarze Blitze zuckten aus ihren Händen, schossen an Hamon vorbei und trieben die Vogelwesen zurück. Minxodian und Jinxon luden ihre Schießeisen wie in Trance. Im Geiste erlebten sie noch einmal die schrecklichen Augenblicke, als Salion in die Tiefe gestürzt war.
  „Hamon, duck dich“, rief Jinxon, als er und sein Freund die Waffen nachgeladen hatten.
  Der Knappe tat wie ihm geheißen. Drei Schüsse sausten über ihn hinweg und holten zwei Harphien vom Himmel. Hamon richtete sich wieder auf und schlug mit zornigen Hieben nach den Angreifern. Sanxia sandte einen weiteren Schattenblitz aus und streckte eine weitere Harphie nieder. Die Mischwesen kreischten wütend und flogen davon.
  Hamon trat aus der Höhle, um dem Schwarm hinterher zu sehen. Die Harphien flogen zurück zu den Höhlen. „Scheint so, als hätten wir ihnen zu stark zugesetzt.“
  Die Gefährten beschlossen zu flüchten, bevor die Harphien vielleicht doch noch zurückkehrten. Sie liefen den Sims entlang und bestiegen den Aufzug. Hamon und Jinxon betätigten die Kurbel und sie fuhren dem sicheren Boden entgegen.
  Es waren noch ein paar Meter bis zum Grund, als der Aufzug gefährlich ächzte und quietschte. Plötzlich brach eines der Zahnräder und die Plattform sackte auf der linken Seite ab. Die Gefährten wurden hart durchgeschüttelt und rutschten vom Aufzug. Hamon konnte sich noch am Geländer festhalten, doch das rostige Metall brach unter seinem Gewicht. Zusammen mit den übrigen Gefährten stürzte er schreiend in die Tiefe.
  Sie schlugen hart auf den Felsboden auf. Einen Moment rührte sich keiner, dann rappelten sie sich stöhnend auf. Nur Sanxia blieb liegen. Ihre Schwester Satyria hockte sich neben sie und drehte sie auf den Rücken. Die Augen der Magierin waren geschlossen, sie hatte eine schlimme Wunde an der Stirn.
  Satyria keuchte entsetzt. „Nein, das darf nicht sein.“ Sie fühlte Sanxias Puls, doch da war nichts.
  Mit Tränen in den Augen legte sie ihre Hände auf die Wunde und fing an, leise zu beten. Licht schimmerte unter ihren Fingern, langsam schloss sich die Wunde. Ein paar bange Momente geschah gar nichts, dann öffnete Sanxia die Augen.
  „Aua, mein Schädel“, flüsterte die Magierin.
  Satyria lächelte erleichtert. „Die Kopfschmerzen werden vergehen.“
  Hamon hatte sich nun auch wieder von dem Sturz erholt. „Schnell, wir müssen zu Meister Salion. Vielleicht kannst du ihn noch retten.“
  Die Gefährten sprangen auf und liefen zu der Stelle, an der Salion abgestürzte war. Der Ritter lag mit verdrehten Gliedmaßen da. Um ihn herum, lagen einigen Harphien.
  Satyria kniete sich neben den reglosen Körper und betete. Schweiß trat ihr auf die Stirn, als sie sich konzentrierte und versuchte die innere Pforte zu ihrer göttlichen Magie zu öffnen. Doch nichts geschah.
  „Ich kann nichts mehr für ihn tun“, sagte Satyria mit belegter Stimme. „Die Verletzungen sind zu schwer.“
  „Das kann nicht sein“, schrie Hamon. „Die Kleriker Solarias und Solarions können sogar Tote wieder zum Leben erwecken.“
  „Die höchsten Diener der Lichtgötter können das, doch ich bin noch nicht so weit. Aßerdem habe ich viel Kraft verbraucht um Sanxia zu retten.“
  „Nein“, flüsterte Hamon. Er fiel neben seinem Meister auf die Knie. „Nein!“
  Augenblicke des Schweigens verstrichen, während die Gefährten fassungslos bei ihrem toten Kameraden standen.
  Dann räusperte sich Sanxia. „Wir sollten hier nicht allzu lange verweilen, sonst kommen noch die Harphien zurück.“
  „Wir müssen ihn begraben“, sagte Hamon. „Dazu sollte noch Zeit sein.“
  „Wir sollten ihn auf seine Reitechse laden und in sicherer Entfernung begraben“, meinte Jinxon mit matter Stimme. Die anderen nickten.
  Hamon hob das Schwert seines Meisters auf und schob es zurück in die Scheide des toten Ritters. Dann packte er zusammen mit Minxodian und Jinxon den Körper und hievte ihn auf einen Riesenwaran. Die Gefährten stiegen auf und ritten auf der großen Straße in Richtung mechanische Bibliothek.
  Nachdem sie etwa zwei Stunden geritten waren, hielten sie an. Sie legten den Ritter neben die Straße und bedeckten ihn in mühevoller Arbeit mit Steinen. Als sie fertig waren, betrachtete Hamon gedankenverloren das Schwert seines Meisters. Es war ein Anderthalbhänder, in dessen Parierstange und Klinge Drachen und Rosenranken eingraviert waren. Den Knauf bildete eine Sonnenscheibe. Hamon wusste, dass es ein Familienerbstück war. Er schob das Schwert des Ritters in die Scheide an seiner Seite und steckte sein eigenes schmuckloses Schwert mit der Klinge voran in den Steinhaufen.
  Dann versammelten sich die Gefährten um das Grab und Satyria sprach einige Gebete zu dem göttlichen Paar Saloria und Solarion.
  „Dein Opfer wird nicht vergebens sein“, versprach sie am Ende.
  Die Gefährten wischten sich die Tränen aus den Augen, bis auf Sanxia, die mit kühlem aber doch bedauerndem Gesichtsausdruck das Grab musterte. Dann bestiegen sie wieder ihre Reitechsen, um weiter der großen Straße zu folgen.

Kapitel 5

  Ein paar Stunden später entdeckten sie einen Eingang am Rande der Straße.
  „Das muss die mechanische Bibliothek sein“, sagte Jinxon, der die Karte betrachtete.
  Die Gefährten ritten zu dem Eingang um ihn genauer zu begutachten. Es war ein gemauerter Torbogen von etwa fünf Schritt Breite und ebenso hoch. Der Boden in dem Raum dahinter bestand aus Metall, breite Eisenstreben führten an den Wänden entlang nach oben und stützten eine Decke, die ebenfalls aus Metall bestand. In den Torbogen waren Schriftzeichen eingemeißelt: ‚Die große Bibliothek’.
  Die Gefährten banden ihre Reittiere an ein paar Stalagmiten und sahen sich in dem Metallraum nach einem Eingang um. In der Mitte des Raumes stand ein Podest, auf dem ein seltsamer Metallkopf angebracht war. Plötzlich fingen die Augen des Kopfes summend an zu leuchten. Der Kopf drehte sich einmal um die eigene Achse und sah dann Hamon an.
  „Fünf Personen wünschen die Bibliothek zu betreten“, sagte der Kopf mit einer blechernen Stimme, wobei sich der metallische Mund bewegte. „Ist das korrekt?“
  Hamon starrte den Kopf einen Moment verwirrt an, bevor er sich wieder fing. „Äh, ja, das ist korrekt.“
  „Das kostet fünf Goldstücke. Bitte hier einwerfen.“ An einer der Eisenstreben blinkte ein Pfeil auf, der auf einen Kasten mit einem Schlitz zeigte.
  Hamon holte fünf Goldmünzen aus seinem Geldbeutel und warf sie hintereinander in den Schlitz.
  „Danke“, sagte der Kopf. „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Bitte beachten sie unsere Benutzungsbestimmungen.“ Wieder blinkte ein Pfeil auf, der auf eine Tafel an der Rückwand deutete.
  Die Gefährten traten zögerlich näher und lasen die Zeilen, die in Allgemeinsprache geschrieben waren. Im groben ging es darum, dass man in der Bibliothek keine Gewaltakte verüben, keines der Bücher entwenden durfte und sich kooperationsbereit gegenüber den Extraktoren zeigen sollte. Ein Sternchen am Fuße der Tafel erklärte, was Extraktoren waren. Es waren fliegende Kappen, die sich auf den Kopf eines Bibliotheksnutzers setzten und einen Teil seiner Erinnerungen anzapften, um die Bibliothek dadurch zu erweitern.
  Unter der Tafel waren zwei Knöpfe angebracht. Auf dem einen stand ‚zur Bibliothek’ auf dem andern ‚Geldrückgabe’. Hamon drückte auf den ersten Kopf.
  Ein Summen ertönte und der Raum versank Boden. Erst jetzt erkannten die Gefährten, dass es eine Aufzugskabine war. Nachdem der Aufzug ein paar Höhenmeter hinter sich gebracht hatte hielt er an. An der Seite des Aufzuges tat sich ein langer Gang auf. Der Gang war etwa drei Meter breit und Zehn Meter hoch. An der Decke waren leuchtende Halbkugeln angebracht. Die Gefährten traten auf den Gang hinaus und sahen sich neugierig um.
  An der Seite des Ganges stand ein Metallgolem. Die Gefährten hatten schon einiges von diesen Wunderwerken gehört, die von einer Mischung aus Magie und Mechanik angetrieben wurden.
  Der Metallgolem sah die Gruppe mit leuchtenden Augen an. „Kann ich Euch bei Eurer Suche behilflich sein?“, fragte er mit blecherner Stimme.
  „Wir wollen zu einer verlassenen Zwergenstadt in der Höhlenwelt“, sagte Minxodian. „Von da aus führt ein Gang zur Oberwelt und wir benötigen das Passwort für diesen Zugang.“
  In dem Golem quietschten Zahnräder und es dauerte ein paar Augenblicke, bis er reagierte. „Folgt mir.“
  Der Golem ging den Gang entlang, gefolgt von den Gefährten. Von dem Korridor gingen riesige Durchgänge ab, hinter denen sich Hallen erstreckten, deren Wände komplett mit Bücherregalen übersät waren. In regelmäßigen Abständen standen drei Schritt große Metallgolems im Gang und warteten auf Anweisungen.
  „Wo wir schon mal hier sind, werd ich mal nach Zauberbüchern Ausschau halten“, sagte Sanxia. „Wir sehen uns dann später.“ Sie ließ die Gefährten weitergehen und wandte sich an einen anderen Golem.
  Der Metallriese, der die Gruppe führte, bog in eine der Hallen ein. Er ging zu einem der Regale und tippte ein paar Zahlen in eine Messingtastatur ein. An einem Gestell, dass sich vom Boden bis zur Decke spannte, fuhr ein mechanischer Arm an dem Regal entlang, packte sich ein Buch aus den obersten Reihen und reichte es dem Golem. Der nahm es entgegen, um es den Gefährten zu übergeben.
  „Seite zweihundertdrei“, sagte der Golem.
  Minxodian nahm das Buch entgegen, ging zu einem Lesepult, das mit einer Öllampe versehen war, und schlug Seite zweihundertdrei auf. ‚Verlassene Zwergenstädte und ihre geheimen Torwege’ hieß das Kapitel auf dieser Seite. Daneben war eine Karte. Minxodian suchte auf der Karte die Zwergenstadt, durch die der Minotaurenstamm die Unterwelt betreten hatte. Daneben war ihr Name geschrieben: Turu’Glom. Am Ende des Kapitels war eine Tabelle eingefügt, welche die Passwörter der Torwege der einzelnen Zwergenstädte anzeigte. Neben Turu’Glom standen die Worte ‚Karawangra luit zalman Okroba’. Die Übersetzung lautete ‚Für die Ehre des Zwergenvolkes’.
  „Karawangra luit zalman Okroba“, murmelte Minxodian. Er nahm einen Zettel von einem Stapel Papier, der auf dem Pult ruhte, und schrieb die Worte mit einer Schreibfeder auf. Sicherheitshalber notierte er auch die Übersetzung. Dann faltete er den Zettel und steckte ihn zusammen mit der Karte in seinen Rucksack.
  Als er aufsah, bemerkte er ein paar Gestalten, die in einer Ecke der Halle an einigen Lesepulten saßen. Nach ihren Roben und Stäben zu urteilen handelte es sich um Magier. Sie sahen die Gefährten neugierig an. Dann standen sie auf und kamen herüber.
  „Seid gegrüßt, Fremde“, sagte einer der Magier.
  „Hallo“, sagte Minxodian knapp.
  „Darf man fragen, was Euch hierher verschlägt?“
  „Wir sind nur auf der Durchreise und haben uns nach einem kurzen Weg erkundigt. Und Ihr?“
  „Wir sind Magokraten aus der Handelsliga und suchen hier nach neuen Zaubern und Handelwegen.“ Die Gefährten hatten schon von der Handelsliga gehört. Es war ein Reich, dass von Magiern regiert wurde und hauptsächlich vom Handel lebte.
  Plötzlich kamen einige mechanische Gebilde angeflogen. Es waren metallische Kappen, die sich mit Hilfe von Rotoren in der Luft hielten.
  „Keine Angst“, sagte der Zauberer, der die unsicheren Blicke der Gefährten bemerkt hatte. „Das sind nur Extraktoren, die einen Teil Eures Wissens aufsaugen, um die Bibliothek zu erweitern.“
  Die Extraktoren setzten sich auf die Köpfe der Gefährten und fingen an zu summen. Für einen Augenblick wurde ihnen schwindelig, doch dann fingen sie sich wieder.
  Der Zauberer fixierte Minxodian mit einem stechenden Blick. „Wollt Ihr uns nicht in Euer kleines Geheimnis einweihen?“
  „Welches Geheimnis?“ Minxodian runzelte die Stirn, dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Die dämonischen Worte... die Zauberer konnten sie anscheinend spüren.
  „Tut nicht so. Es wäre doch ungerecht, wenn eine solche Macht an ein paar Gnome und einen halbwüchsigen Menschen verschwendet würde.“ In den Augen des Magokraten blitzte Gier auf.
  Minxodian wich zurück. „Ich... Ich weiß nicht wovon Ihr redet.“
  „Gebt mir diese Macht, sie ist bei uns besser aufgehoben.“ Die Augen des Magokraten schimmerten fieberhaft. „Gebt sie mir oder ich werde sich mir mit Gewalt nehmen.“ Auch in den Blicken seiner Begleiter loderte der Machthunger.
  „Nein.“ Minxodian ergriff seinen Stab, den er an das Lesepult gelehnt hatte.
  Die Magier murmelten magische Worte und die Luft fing an vor Energie zu knistern. Hamon zog das Schwert seines Meisters und schmetterte die flache Seite gegen die Schläfe von einem der Zauberer. Der Mann brach bewusstlos zusammen, bevor er seinen Zauber vollenden konnte. Jinxon zog Schwert und Schild, Satyria sprach rasch ein Gebet.
  Plötzlich zuckten Blitze aus den Fingern der Magier. Die zuckenden Energieahnen flogen den Gefährten entgegen und brandeten um eine unsichtbare Barriere. Satyria betete weiter, um den Schutzwall vor schädlicher Magie aufrecht zu erhalten. Minxodian schlug seinen Stab in die Kniekehle eines Magokraten und brachte ihn dadurch zu Fall.
  Aufgeschreckt von dem Kampf, lösten sich die Extraktoren von den Köpfen der Gefährten und flogen davon. Da erwachten zwei Golems zum Leben, die am Eingang der Halle gewartet hatten. Sie kamen auf die Kämpfenden zu.
  „Keine Gewaltakte innerhalb der Bibliothek“, sagten die Golems. „Stellt unverzüglich Eure Aggressionen ein oder wir sind gezwungen einzuschreiten.“
  Doch die Zauberer der Handelsliga schienen fest entschlossen zu sein, die dämonischen Worte an sich zu bringen. Einer von ihnen streckte die Hand aus und eine Windböe umwirbelte die Gefährten. Die Gnome wurden von den Füßen gerissen, nur Hamon stemmte sich dagegen. Er schwang sein Schwert, um nach einem der Magier zu schlagen. Doch der Mann hob seinen Stab und parierte die Klinge.
  Wieder schossen Blitze aus den Fingern der Magokraten, doch Satyrias Schild hielt immer noch. Die Gnome rappelten sich wieder auf. Jinxon und Minxodian stürmten zusammen mit Hamon auf die Magier zu. Sie zwangen die Magokraten in einen Nahkampf und verhinderten dadurch, dass sie sich auf ihre Zauber konzentrieren konnten.
  Nun hatten die Golems das Kampfgeschehen erreicht. Sie drängten sich zwischen die Kontrahenten und schwangen ihre eisernen Fäuste. Eine der Metallpranken sauste auf Jinxon nieder. Der riss seinen Schild hoch und ließ den Schlag abgleiten. Trotzdem war der Hieb noch stark genug, um ihn zurück taumeln zu lassen. Hamon versuchte ebenfalls einen Faustschlag zu parieren. Doch die Hand schlug sein Schwert zur Seite und traf in an der Brust. Nach Luft ringend wurde er zu Boden geschleudert. Die Golems griffen nicht nur die Gefährten an, sondern attackierten auch die Magier. Die warfen Feuerlanzen auf die Wesen und schmolzen Löcher in ihre Metallhaut.
  Angelockt von dem Kampfeslärm erschien Sanxia im Eingang zur Halle. Die Gefährten kamen ihr entgegen gelaufen. Sie wollten den Angriff der Golems nutzen, um vor den Magiern zu fliehen.
  „Nichts wie weg hier“, rief Minxodian.
  Plötzlich materialisierten zwei der Zauberer vor den Gefährten. „Hier geblieben“, fauchte einer von ihnen. Sie hoben ihre Stäbe und murmelten magische Worte.
  Im selben Augenblick sprangen Hamon und Jinxon nach vorne. Sie holten mit ihren Schwertern aus und schlugen nach den Zauberern. Roben wurden von Klingen zerrissen. Die Magokraten wichen schreiend zurück. Minxodian nahm sein Gewehr und zielte auf einen Magier, der ihnen folgen wollte. Ein krachender Schuss erwischte ihn an der Schulter und unterbrach den Zauber, den er gerade wirken wollte.
  Die Gefährten stürmten aus der Halle in den Korridor. Dort kamen ihnen zwei Golems entgegen. „Gewaltakte ziehen ein Bußgeld von fünf Goldstücken nach sich.“
  Die Golems griffen mit ihren riesigen Metallpranken nach den Gefährten. Sie konnten ausweichen, nur Jinxon wurde gepackt. Der Golem riss ihn in die Höhe. Jinxon schlug verzweifelt mit seinem Schwert auf den Eisenriesen ein. Doch die Klinge hinterließ nur kleine Kratzer.
  Sanxia ballte die Fäuste und sprach ein paar Zauberworte. Dann öffnete sie langsam ihre Hände. Der Golem folgte ihrer Bewegung und öffnete ebenfalls seine Metallpranken. Der Griff lockerte sich so weit, dass Jinxon auf den Boden fiel. So schnell sie konnten rannten die Gefährten den Gang entlang in Richtung Aufzug.
  Jetzt kamen auch die Magier der Handelsliga hinterher gerannt. Halb geschmolzene und qualmende Golems waren ihnen auf den Fersen.
  „Bleibt stehen“, rief einer der Magier.
  Die Gefährten erreichten den Aufzug, doch die Tür war geschlossen. Hamon schlug auf einen Schalter, der den Schriftzug ‚Aufzug’ trug. Quälend lange Augenblicke vergingen, in denen die Gefährten warten mussten.
  Die Golems kamen heran gestürmt und bedrohten sie mit erhobenen Pranken. „Stellt die Feindseligkeiten unverzüglich ein“, sagten sie.
  Die Gefährten sahen sich an, dann ließen sie vorsichtig die Waffen sinken. Einer der Golems beugte sich nach vorn, in seinem Brustkorb prangte ein kleiner Schlitz.
  „Die Magier haben uns angegriffen“, versuchte Jinxon zu erklären. „Wir haben uns nur verteidigt.“
  „Gewaltakte ziehen ein Bußgeld von fünf Goldstücken nach sich“, sagte der Golem in seiner neutralen Blechstimme.
  Hamon griff schnell in seinen Geldbeutel an seinem Gürtel und kramte fünf Goldmünzen hervor, die er in den Schlitz im Brustkorb des Golems steckte. Als die letzte Münze verschwunden war, ratterte und summte es in dem Metallkoloss. Dann drehten sich die beiden Golems um und griffen die Magier an. Eine Feuerlanze brauste an ihnen vorbei und schlug in die Wand neben Minxodian ein.
  Plötzlich ertönte ein Klingeln und die Tür zum Aufzug glitt auf. So schnell sie konnten, stiegen die Gefährten ein und drückten auf den Knopf zum hochfahren. Die Magier versuchten an den Golems vorbei zu kommen, um die Gnome zu erreichen. Einer von ihnen bewegte sich auf einmal blitzschnell. Er rannte an den magomechanischen Metallkolossen vorbei und sprintete dem Aufzug entgegen. Nur noch ein paar Schritte trennten ihn von den Gefährten. Dann schloss sich der Aufzug. Ein Krachen ertönte, als der Magier von außen gegen die Tür knallte. Ein Ruck ging durch die Kabine und sie fuhr nach oben.
  Einen Moment später war die Kabine an der Oberfläche angekommen. Die Gefährten stiegen aus und atmeten tief durch.
  „Meint ihr die Magier haben eine Chance gegen die Golems?“, fragte Jinxon.
  „Ich hoffe nicht“, sagte Minxodian. „Aber für alle Fälle sollten wir zusehen, dass wir hier weg kommen.“
  Sie gingen zu den Stalagmiten unweit des Eingangs zur mechanischen Bibliothek, an denen sie ihre Reitechsen festgebunden hatten. Sie stiegen auf und ritten im Galopp die große Straße entlang.
  „Nach ein paar Kilometern müssten wir die große Höhle erreichen, in der die Zwergenstadt liegt“, sagte Minxodian, der die Karte aus seinem Rucksack geholt hatte.
  „Ich habe noch einen kürzeren Weg nach Osten gefunden.“
  Die Gefährten drehten sich überrascht um und sahen Sanxia an. Das Gesicht der Magierin war wie üblich von den Schatten ihrer Kapuze verborgen.
  „In dem Magierturm im Labyrinth habe ich in einem Buch von einem anderen Zauberer namens Valmanmar gelesen“, sagte Sanxia. „Ich hab mich in der Bibliothek aus Neugier über ihn erkundigt. In seinem Turm soll es einen Transporter geben, der zu einem anderen Turm führt, der in Ablantha steht. Das ist eine Hafenstadt an der Meerenge. Von da aus müssen wir nur noch übers Wasser setzen und wären schon im Hochelfenkönigreich. Das würde uns mehrere Reisetage ersparen.“
  Minxodians Gesicht hellte sich auf. „Das ist ja fantastisch. Wo liegt der Turm?“
  Sanxia holte ein Blatt Papier unter ihrem Umhang hervor. „Ich hab die Karte abgezeichnet. Wir müssen der großen Straße folgen, vorbei an der Höhle, in der die Zwergenstadt liegt. Dann müssen wir die Straße verlassen und ein paar Kilometer durch unwegsames Gebiet. Aber es sollte recht einfach zu finden sein.“
  „Dieser Valmanmar hat seinen Zauberturm bestimmt mit zahlreichen Fallen geschützt, so wie Zularan“, sagte Jinxon. „Hoffentlich kommen wir daran vorbei.“
  Minxodian hob seinen Stab und winkte damit. „Keine Sorge, ich schaffe das schon. Und wenn alle Stricke reißen, können wir noch durch die Zwergenstadt gehen.“
  „Dann müssen wir aber auf der großen Straße zurück reisen und laufen vielleicht unseren Verfolgern in die Arme.“
  „Macht euch darüber keine Gedanken“, sagte Sanxia. „Wenn es brenzlig wird, habe ich noch ein paar besondere Zaubersprüche auf Lager.“
  „Na hoffentlich“, murmelte Jinxon.
  Die Gefährten sahen nicht, wie sich Sanxias Mundwinkel in den Schatten ihrer Kapuze zu einem düsteren Lächeln kräuselten.

Kapitel 6

  „Hier müssen wir nach links ab“, sagte Sanxia.
  Die Gefährten verließen die große Straße und bogen in ein Labyrinth von Felsformationen ab. Nachdem sie eine ganze Stunde geritten waren, befürchtete Jinxon, dass sie sich verirrt hatten. Doch da tauchte vor ihnen eine frei Fläche auf. Gehauen in die Wand der riesigen Höhle ragte ein Turm vor ihnen auf. Kleine schießschartenartige Fenster prangten dunkel im Gestein. Drei breite Stufen führten zu einem großen Portal.
  Die Gefährten stiegen von ihren Reitechsen und traten vor den Turm. Das festungsartige Gebäude wirkte düster und abweisend.
  „Dann wollen wir mal“, sagte Minxodian und schulterte seinen Stab. Zuerst betrachtete er die breite Treppe von allen Seiten. „Die Stufen sind ungewöhnlich groß.“
  Er stellte sich vor die Treppe und drückte mit seinem Stab auf die erste Stufe. Nichts geschah. Minxodian drückte auf die zweite. Plötzlich klappte die Stufe in zwei Teile nach unten weg, wie eine Falltür. Jeder der darauf gestanden hätte, wäre unweigerlich in die düstere Tiefe darunter gestürzt.
  „Vielleicht sollten wir uns anseilen“, sagte Minxodian. „Für alle Fälle.“
  Die Gefährten folgten dem Vorschlag und banden sich mit zwei langen Seilen aneinander. Dann stellte sich Minxodian auf die erste Treppenstufe und drückte auf die dritte und oberste Stufe. Nichts passierte. Er sprang über die mittlere Stufe vor das Portal.
  „Hier scheint es sicher zu sein“, meinte er. „Bleibt trotzdem erst mal da unten stehen, während ich das Portal öffne.“
  Er nahm des Schloss genauer unter die Lupe. Über dem Schloss, in der Mitte des Portals, war ein eiserner Löwenkopf eingelassen. Minxodian trat einen Schritt zurück und stocherte mit seinem Dietrich am Ende seines Stabes in dem Verschluss herum. Plötzlich erwachtes der Löwenkopf zum Leben. Seine Augen leuchteten rot auf. Er fletschte die Zähne und biss nach Minxodian. Der machte erschrocken einen Schritt zurück auf die mittlere Stufe. Es kam wie es kommen musste. Die Stufe klappte nach unten weg und der Gnom stürzte in die Tiefe.
  Ein Ruck ging durch das Seil und zog die überraschten, angebundenen Gefährten einen Schritt nach vorn. Hamon, der als Zweiter in der Reihe stand, warf einen Blick nach unten, wo der Gnom baumelte.
  „Zieht mich rauf“, rief Minxodian. Die beiden Teile der Stufe begannen langsam wieder nach oben zu klappen.
  Hamon und die anderen packten hastig das Seil und zogen. Kurz bevor die Stufe wieder hochklappte, rettete sich Minxodian nach oben. Eine Weile lag er auf der ersten Stufe und atmete schwer. Dann rappelte er sich wieder auf.
  „Ich muss beim Öffnen des Schlosses etwas falsch gemacht haben“, sagte Minxodian.
  Er streckte seinen Stab nach vorn, steckte den Dietrich aus sicherer Entfernung ins Schloss und drehte ihn vorsichtig hin und her. Kurz darauf erwachte der eiserne Löwenkopf wieder zum Leben. Er sah sich um, doch Minxodian war außer Reichweite seines Gebisses. Dann betrachtete er den Stab, der in dem Schloss herumstocherte. Einen Moment schien er nichts damit anfangen zu können. Dann fletscht er die Zähne und öffnete den Rachen.
  Gerade als der Löwenkopf in den Stab beißen wollte, ertönte ein Klicken. Der eiserne Kopf erstarrte wieder zu völliger Bewegungslosigkeit. Minxodian zog den Dietrich zurück und stieß mit dem Stab gegen das Portal. Die Tür öffnete sich einen Spalt.
  Minxodian sprang über die mittlere Stufe und schob das Portal nach innen auf. Dahinter lag ein kreisförmiger Raum. An den Wänden hingen mit Glas umgebene Lampen in denen blaue Flammen flackerten. Die Gefährten folgten Minxodian in den Raum.
  Jinxon trat an eine der Fackeln heran, um sie näher zu betrachten. „Eine blaue Flamme? Das muss magisches Feuer sein.“
  An der hinteren Wand des Raumes führte eine Wendeltreppe nach unten und nach oben. Neben dem Portal stand ein Tischchen, umgeben von vier gepolsterten Stühlen.
  „Wo soll sich denn der Transporter befinden?“, fragte Jinxon.
  „Keine Ahnung“, sagte Sanxia. „Wir werden wohl den ganzen Turm durchsuchen müssen.“
  Minxodian betrat die Wendeltreppe, wobei er jede Stufe mit seinem Stab abtastete. Die Stufen waren aus spiegelglattem Marmor gefertigt. Als sie fast das nächste Stockwerk erreicht hatten, gab eine der Stufen nach. Blitzschnell klappten sich die Stufen in eine schräge Position, so dass sie eine Rutschbahn bildeten. Mit überraschten Schreien schlitterten die Gefährten in die Tiefe. Die Wände waren ebenso glatt wie die Stufen und der Eingang zum Erdgeschoss hatte sich geschlossen, so dass es nichts gab, woran man sich festhalten konnte.
  „Nimm meinen Stab und versuch ihn irgendwie zu verkeilen“, rief Minxodian. Die Gefährten griffen nach den Wänden, um ihre Rutschparie zu verlangsamen.
  Minxodian reichte seinen Stab nach vorne, wo Sanxia als Erst in die Tiefe rutschte. Sie nahm den Stab und stemmte ihn gegen die Wand. Mit vereinten Kräften schafften es die Gefährten ihre Fahrt zu verlangsamen. Doch es ging immer noch schräg nach unten.
  Plötzlich blitzte etwas Metallisches vor Sanxia auf. Reflexartig hielt sie den Stab nach vorne und stählte sich für den Aufprall. Das Ende des Stabes stieß gegen eine Wand und hielt Sanxia an. Die übrigen Gefährten rutschten in sie hinein.
  Erst jetzt erkannten sie, was vor ihnen lag. Der Stab war gegen eine Wand gestoßen aus der zahlreiche Eisenspitzen ragten. Hätte Sanxia nicht gestoppt, wären sie in den Tod gerutscht.
  Jinxon keuchte. „Das war knapp.“ Er stieß einen tiefen Seufzer aus. „Wie sollen wir daran vorbei? Nach oben können wir nicht, dazu ist die Rampe zu glatt.“
  Sanxia murmelte ein paar Worte. Die Schatten um die Wand herum breiteten sich aus und ergossen sich über die Eisenspitzen. Schließlich war die Wand ganz in Dunkelheit gehüllt und plötzlich verschwunden. Der Stab, der jetzt nicht mehr gegen Widerstand stieß, hielt die Gefährten nicht länger, so dass sie das letzte Stückchen nach unten rutschten. Sie rappelten sich auf und betrachteten den Gang, in dem sie standen. An den Wänden waren die gleichen Lampen angebracht, wie im Eingangsraum.
  „Das scheint der Keller zu sein“, sagte Minxodian.
  Ein schabendes Geräusch ertönte. Die Gefährten wandten sich um und sahen, wie sich die Rutsche wieder in eine Wendeltreppe zurück verwandelte.
  „Wo wir schon mal hier unten sind, können wir uns hier auch umsehen“, meinte Sanxia.
  Sie reichte Minxodian seinen Stab und der Gnom setzte sich wieder an die Spitze der Gruppe. Bei jedem Schritt tastete er den Boden vor sich mit dem Stab ab. So erreichten die Gefährten einen runden Raum, von dem drei Durchgänge abführten. In der Decke des Raumes waren zahlreiche leuchtende Steine eingelassen, die wie ein Sternenhimmel wirkten. An den Wänden zog sich eine Reihe Platten mit Gravuren einmal um den gesamten Raum.
  Minxodian betrachtete die Gravuren genauer. „Es scheinen Sternzeichen zu sein.“ Er drückte auf eine der Platten.
  Ein mechanisches Summen ertönte hinter den Wänden und der Decke. Dann setzten sich die Lichtpunkte in Bewegung und gruppierten sich neu.
  „Das Sternzeichen des Silberadlers“, murmelte Satyria.
  „Nettes Spielzeug“, meinte Hamon. „Aber wo sollen wir jetzt lang gehen?“
  „Was liegt denn hinter den Durchgängen?“
  Die Gefährten warfen prüfende Blicke durch die Türbögen. Hinter dem rechten Durchgang lag ein alchemistisches Labor, erleuchtet von den blauen Flammen der Lampen. Hinter dem linken Durchgang befand sich eine Höhle. Auf dem Boden und an den Wänden wuchsen zahlreiche Pilze und Flechten. Außerdem gab es Beete, in denen auch andere Pflanzen wuchsen, die in der Höhlenwelt nicht heimisch waren. Aus einem steinernen Maul in der Höhlenwand floss Wasser, dass durch einige Rinnen strömte und so die Beete bewässerte. Offensichtlich war es ein Höhlengarten.
  Der mittlere Türbogen führte in einen Gang, der nach ein paar Metern abknickte. „Dann sollten wir den mittleren Durchgang nehmen“, sagte Minxodian. „Hinter den anderen befindet sich auf jeden Fal kein Transporter.“
  Er tastete mit seinem Stab die Steinfliesen in dem mittleren Durchgang ab. Eine der Platten gab nach und ein Knirschen ertönte. Plötzlich schwang ein Fallbeil aus einer Nische im Türbogen und sauste quer durch den Gang. Minxodian zog reflexartig seinen Stab zurück und verhinderte so, dass er in zwei Teile geschnitten wurde. Das Beil pendelte ein paar Mal durch den Gang, dann verschwand es wieder in der Nische.
  „Das hätte böse enden können“, meinte Minxodian. „Aber Zauberer sind echt kreativ, sie verwenden immer wieder neue Fallen.“
  Sanxia kicherte. „Sie lieben es, solche Sachen auszutüfteln. Je ungewöhnlicher die Falle, desto mehr beweist es ihre Intelligenz. Und wir Magier sind verdammt eitel, wenn es um unseren Verstand geht.“
  Minxodian zuckte mit den Schultern und tastete die Fliesen hinter dem Türbogen ab. Als nichts passierte, sprang er über die Trittplatten, um die Falle zu umgehen. Die Gefährten folgten ihm. Sie gingen den Gang entlang und erreichten eine eisenbeschlagene Tür. Monxodian legte den Dietrich am Ende seines Stabes frei und versuchte aus sicherer Entfernung das Schloss zu knacken.
  Mit einem Klicken öffnete sich die Tür, doch im selben Moment sauste etwas durch die Luft. Aus den Fugen zwischen den Steinquadern, aus dem der Gang gemauert war, schossen kleine Nadeln und bohrten sich durch die Kleidung ins Fleisch der Gefährten. Es gab nur einen kleinen stechenden Schmerz, als sie getroffen wurden. Doch einen Moment später spürten sie, wie ihre Sicht verschwamm und ihre Knie weich wurden.
  „Die Nadeln müssen vergiftet gewesen sein“, murmelte Satyria.
  Sie fiel auf die Knie. Leise und kraftlos flüsterte sie ein Gebet. Einige bange Augenblicke spürte sie, wie ihr Herz immer langsamer schlug und das Gift in ihren Venen brannte. Dann klärte sich ihre Sicht. Die Kraft kehrte in ihre Glieder zurück und sie spürte wie das Gift aus ihrem Blut wich.
  Satyria sah sich um. Ihre Gefährten lagen am Boden und rührten sich nicht mehr. „Nein“, flüsterte sie atemlos. Die kalte Hand der Angst griff nach ihrem Herzen.
  Sie packte ihren Sonnenstab fester und stützte sich darauf. Mit geschlossenen Augen fing sie an zu beten. „Oh strahlende Herrin Solaria, ich bitte dich, treibe das Gift aus den Körpern meiner Freunde. Lass deine Sonne scheinen und vertreibe das Übel, dass sich in ihrem Blut ausbreitet.“
  Satyria konzentrierte sich mit aller Kraft auf das Gebet, die göttlichen Schwingungen und die göttliche Magie, welche die ganze Welt durchdrang. Dann brachen gleißende Strahlen aus der Sonnenscheibe des Stabes und beschienen die Körper der Gefährten. Ebenso abrupt wie das Licht erschienen war, erlosch es wieder. Eine Weile geschah nichts.
  Dann fingen die Gefährten an zu stöhnen und regten sich wieder. Einer nach dem anderen standen sie auf und schüttelten ihre Benommenheit ab.
  „Ich hab ein helles Licht am Ende eines dunklen Tunnels gesehen“, sagte Jinxon. „Bin ich jetzt tot?“
  „Fürs Erste nicht“, sagte Satyria. Sie erhob sich und dankte im Stillen ihrer Göttin. „Kommt schon, wir müssen weiter. Hoffen wir, dass wir nicht noch einmal auf eine so fiese Falle treffen.“
  Die Gefährten standen auf. „Bei Solaria und Solarion“, sagte Hamon, „beinahe hätte es uns erwischt. Diese Falle war für einen viel größeren Gangabschnitt ausgelegt, als die vorherigen.“
  Minxodian ging voran und stieß die Tür auf. Dahinter lag ein Raum in dem ein einsames Podest stand. Auf dem Podest lag eine kleine goldene Kugel.
  Minxodian trat ein, um sich genauer umzusehen. „Hier scheint kein Transporter zu sein.“
  Sanxia betrat ebenfalls den Raum. Ihre Augen funkelten, als sie die Kugel ansah. „Endlich“, flüsterte sie. „Das Auge von Valmanmar.“
  Die Magierin trat an das Podest und berührte andächtig die Kugel.
  „Das Auge von Valmanmar?“ Minxodian warf der Zauberin einen fragenden Blick zu. „Was soll das heißen?“
  Als Sanxia die Kugel berührte, fing sie an zu vibrieren. Plötzlich sprossen sechs Beinchen aus einem Spalt des Gebildes. Die Kugel krabbelte wie ein Käfer an Sanxias Hand entlang. Die Magierin trat überrascht einen Schritt zurück. Der goldene Käfer krabbelte weiter an ihr hoch, den Arm entlang, über den Hals ins Gesicht, bis zu ihren linken Augen.
  Ein stechender Schmerz schoss durch Sanxias Schädel, als sich die Kugel in ihre Augenhöhle grub. Sie schrie auf und taumelte zurück. Sie fiel auf die Knie und riss die Hände zum Gesicht, wollte den Käfer davon abhalten in sie hinein zu kriechen, doch es war zu spät. Die Kugel zog die Beine wieder ein und ruhte nun dort, wo Sanxias linkes Auge gewesen war.
  Satyria stürzte herbei. „Was ist los, Schwesterchen?“ Als sie die goldene Kugel in der Augenhöhle entdeckte, stieß sie ein erschrockenes Keuchen aus.
  Der Schmerz in Sanxias Kopf ebbte ab und verschwand schließlich ganz. Sie blinzelte. Sie konnte alles so wie vorher sehen, als hätte sie noch ihr altes Auge. Gespannt warf sie einen Blick auf Minxodian und Jinxon. Die beiden Gnome sahen ganz normal aus.
  Verdammt, es funktioniert nicht, dachte Sanxia. Sie hatte in der mechanischen Bibliothek gelesen, dass das Auge von Valmanmar jegliche Art von Magie enthüllen sollte. Außerdem sollte es auch die Funktionsweise magischer Effekte analysieren können. Eigentlich hätte es die dämonischen Worte in den beiden Gnomen erkennen müssen.
  Sanxia konzentrierte sich. Ihr Geist versuchte eine Verbindung mit dem Auge aufzunehmen. Dann veränderte sich ihre Sicht. Feine schwarze Fäden durchdrangen Minxodian und Jinxon. Sanxia lächelte. Sie konnte die magische Struktur der dämonischen Worte erkennen, die sich in den beiden Gnomen festgesetzt hatte. Doch noch konnte sie nicht erkennen, wie man die wahre Macht der Worte entfesseln konnte oder wie sie lauteten. Aber das konnte sie mit der Zeit noch herausfinden...
  Minxodian stellte sich vor Sanxia. In seiner Miene zeichnete sich Misstrauen ab. „Hast du dieses Auge gesucht?“
  Sanxia nickte.
  Jinxon beschlich eine böse Ahnung. „Hast du uns deshalb hierher geführt? Gibt es hier überhaupt einen Transporter?“
  Sanxia stand auf. „Ja, ich habe euch wegen diesem Artefakt hierher geführt. Und nein, es gibt hier so weit ich weiß keinen Transporter.“
  „Du falsche Schlange.“ Jinxon ballte die Hände zu Fäusten. „Wieso hast du das getan? Uns sitzen Verfolger im Nacken, wir dürfen keine Zeit verlieren. Jetzt müssen wir umkehren und zur Zwergenstadt reisen. Und dabei werden uns unsere Verfolger entgegen kommen. Vielleicht laufen wir ihnen direkt in die Arme.“
  „Dieses Artefakt war zu wichtig, um es hier zu lassen. Ich hoffe mit ihm die dämonischen Worte analysieren zu können, die in euch wohnen. Vielleicht kann ich sie aus euch heraus holen und in ein Gefäß bannen. Dann werden wir keine magische Spur mehr erzeugen, der unsere Feinde folgen können.“ Das war natürlich eine Lüge. Sanxia hoffte die Worte analysieren zu können, doch nicht um den beiden Gnomen zu helfen.
  „Sie wollte uns nur helfen“, meinte Satyria.
  „Wieso hast du uns das nicht gesagt?“, fragte Minxodian.
  „Hättet ihr auf mich gehört?“
  Minxodian verzog sein Gesicht. „Nein. Wir müssen so schnell wie möglich zum Elfenhof.“
  „Und das wäre vielleicht ein Fehler gewesen“, sagte Sanxia. „Ihr werdet schon sehen. Ich werde euch bald helfen können.“
  Jinxon seufzte. „Na hoffentlich. Wir haben hier genug Zeit verschwendet. Wir sollten so schnell wie möglich zur Zwergenstadt aufbrechen.“
  Die Gefährten machten sich auf den Rückweg. Als sie den Durchgang erreichten, in dem die Falle mit dem pendelnden Beil lauerte, blieb Sanxia stehen.
  „Ich sehe es“, sagte die Magierin. „Ich sehe, dass etwas mit der Fliese nicht stimmt. Ich kann die Falle sehen.“
  „Wir hätten das Auge brauchen können, bevor wir den Turm betraten“, sagte Minxodian mit patziger Stimme. „Jetzt wissen wir, wo die Fallen sind.“
  Die Gefährten konnten die Fallen problemlos umgehen und verließen schließlich den Turm. Sie bestiegen ihre Reitechsen und machten sich auf den Weg zurück zur großen Straße. Eine ganze Stunde lang ritten sie durch eine Landschaft aus bizarren Felsformationen, bis sie die große Straße erreichten.
  „Wir sollten nicht auf der Straße reiten“, sagte Minxodian. „Sonst laufen wir unseren Verfolgern direkt in die Arme. Wir sollten uns abseits des Weges halten, auch wenn wir dann nicht so gut voran kommen.“
  „Du hast Recht“, meinte Hamon.
  Die Gefährten lenkten ihre Reitechsen von der Straße herunter und verschwanden in einer Felsenlandschaft. Manchmal versperrten ganze Gruppen aus Stalagmiten den Weg, so dass sie einen kleinen Umweg nehmen mussten.
  Sie waren gerade ein paar Stunden geritten, als Sanxia plötzlich anhielt. „Wartet.“
  Die Gefährten hielten ihre Reittiere an und sahen sich zu der Magierin um. Sie blickte auf einige Felsformationen in Richtung Straßen. Ihre Sicht war nicht gerade, sondern seltsam gekrümmt. Ihr Auge schien zu spüren, dass Gefahr lauerte und suchte eine gewunden Blickrichtung dorthin. Sie konnte die drei Verfolger klar und deutlich auf der großen Straße sehen, obwohl sie bestimmt einen Kilometer entfernt waren und zahlreiche Felsen die direkte Sicht versperrten.
  „Ich sehe sie“, sagte Sanxia.
  „Die Verfolger? Wie kannst du sie sehen?“, fragte Hamon. „Sie sind weit weg, in dieser Höhle herrscht Zwielicht und die Felsen und Stalagmiten versperren die Sicht.“
  „Valmanmars Auge, es lässt mich um die Felsen herum sehen.“
  Hamon runzelte die Stirn. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „Na ja, dann wissen wir wenigstens, dass wir fürs Erste in Sicherheit sind. Aber es kann nicht lange dauern, bis unsere Verfolger wieder auf der richtigen Spur sind. Wir haben wertvolle Zeit verloren, indem wir den Turm abgesucht haben.“
  Die Gefährten ritten weiter und erreichten schließlich die Abzweigung, welche in die große Höhle mit der Zwergenstadt führte.
  „Wir sollten Rast machen“, meinte Satyria. „An der Oberfläche müsste es mittlerweile schon Nacht sein.“
  „Wir reiten weiter“, sagte Hamon. „So lange, bis uns die Augen zufallen oder unsere Reittiere nicht mehr weiter können.“
  Sie lenkten ihre Echsen auf den Weg in die Höhle. Der Durchgang zu der gigantischen Kaverne war etwa zweihundert Schritt breit. Abgesehen von dem relativ schmalen Durchgang deutete nichts darauf hin, dass sie eine neue Höhle betreten hatten. Auch hier gab es die leuchtenden Flechten und riesige Formationen von Felsen, Stalagmiten und Stalaktiten.
  Es dauerte nicht mehr lange, bis die Echsen anfingen vor Anstrengung zu Schnauben. Schaum trat vor ihre Mäuler und ihre gespaltenen Zungen tasteten nach Wasser. Die Gefährten hielten an einem der unterirdischen Bäche, die durch die Höhlenwelt flossen. Ganz in der Nähe wuchsen riesige Pilze, an denen die Echsen hungrig knabberten.
  „Wir sollten uns auch eine Weile ausruhen“, sagte Hamon. „Ich übernehme die erste Wache.“
  Die Gnome rollten ihre Decken aus und legten sich schlafen, während Hamon auf einen Felsen kletterte, um einen guten Blick auf die Umgebung zu haben.
  Nach einigen Stunden weckte Hamon Sanxia. Die Magierin gähnte herzhaft und rieb sich den Schlaf aus ihrem verbliebenen Auge.
  „Ich möchte mich auch ein wenig hinlegen“, sagte Hamon. „Vielleicht hilft dir dein magisches Auge beim Wache halten. Du kannst damit doch weiter sehen als wir.“
  „Ja, das kann ich“, meinte Sanxia. „Leg dich schlafen, ich werde unsere Verfolger rechtzeitig bemerken.“

Kapitel 7

  Alles blieb ruhig. Etliche Stunden später weckte Sanxia ihre Gefährten. Sie hatten genug geschlafen und waren ausgeruht. Sie banden ihre Reitechsen los, die sich ebenfalls erholt hatten. Während sie durch die Höhlenwelt ritten, warf Sanxia immer wieder einen Blick nach hinten, konnte ihre Verfolger aber nicht entdecken.
  Sie ritten stundenlang. Es musste um die Mittagszeit sein, als sie eine Wehrmauer erreichten. Die Mauern waren aus großen Quadern errichtet und teilweise zerfallen. Eine breite Rampe führte zu einem zerstörten Tor.
  „Die Stadt scheint schon lange verlassen zu sein“, sagte Hamon. „Hoffentlich haben sich hier keine Monster eingenistet. Vielleicht sollten wir uns vor Fallen in Acht nehmen.“
  „Fallen kann ich mit meinem magischen Auge sehen“, sagte Sanxia. „Es scheint Gefahr intuitiv zu entdecken.“
  „Gut, dann hatte unser Abstecher zu Valmanmars Turm wenigstens etwas Gutes.“
  Die Gefährten lenkten ihre Echsen die Rampe hinauf und durch das Tor. Dahinter erhoben sich weitere Befestigungsanlagen. Die Straße stieg in Serpentinen an und führte durch zwei weitere Tore, hinter denen schließlich eine zerfallene Stadt lag. Insgesamt drei Reihen von mächtigen Wehrmauern schützten die Stadt vor Angreifern. In die Zinnen und Torbögen waren Reliefs von heldenhaften Zwergenkriegern gehauen, die gegen Orks, Trolle, Dunkelelfen, Drachen und verschiedene Ungeheuer kämpften. Die Gefährten kletterten auf eine der Mauern, um einen Blick auf die Umgebung unter ihnen zu werfen. Von ihren Verfolgern war nichts zu sehen.
  Auf den Mauern standen Geschütze, deren Holz verrottet war. Rostige Eisenteile lagen neben steinerner Munition. Einst standen hier die verschiedensten Waffen bereit, um Angreifer zu beschießen. Die Gefährten erkannten die Reste von Katapulten, Speerschleudern, Kanonen und Mörsern. Außerdem entdeckten sie steinerne Gebilde, die wie stilisierte feuerspeiende Drachen aussahen.
  „Wieso haben die Zwerge Statuen auf den Wehrgängen errichtet?“, fragte Satyria. „Die stehen hier doch nur im Weg.“
  „Ich kann magische Muster in diesen Statuen erkennen“, sagte Sanxia. „Doch diese magischen Muster sind inaktiv.“
  „Wir sollten jetzt den Durchgang zur Oberfläche suchen“, meinte Hamon.
  „Aber diese Stadt ist riesig“, sagte Jinxon. „Wie sollen wir den Durchgang finden?“
  „Wahrscheinlich haben die Zwerge ihn dazu benutzt verschiedene Güter an die Oberfläche zu transportieren. Bestimmt liegt der Durchgang an der Hauptstraße. Wir sollten ihr einfach folgen.“
  Die Gefährten stiegen wieder von der Mauer herunter und ritten weiter die Straße entlang. Die Gebäude der Stadt waren aus wuchtigen Quadern gemauert. Einige von ihnen waren in Felsformationen hineingebaut. Die meisten Bauten waren zerfallen, doch man konnte noch die vorzüglichen Steinmetzarbeiten der Zwerge erkennen. An den Türbögen waren Reliefmuster eingemeißelt. Einige Dächer wurden von Statuen getragen.
  Plötzlich meinte Hamon eine schattenhafte Bewegung in einem Hauseingang zu sehen. Er hielt seine Reitechse an und starrte in den Durchgang.
  „Was ist los?“, fragte Minxodian.
  „Ich glaube ich hab eine Bewegung gesehen“, sagte Hamon. „Gleich da vorne, in dem Haus.“
  „Wenn es etwas Gefährliches wäre, hätte es uns wahrscheinlich schon angegriffen.“
  „Da hast du wohl Recht.“
  Die Gefährten ritten weiter. Doch schon ein paar Augenblicke später meinte Jinxon eine Gestalt durch eine Gasse huschen zu sehen.
  „Du hast Recht“, sagte Jinxon. „Hier ist irgendetwas.“
  Die Gefährten zogen ihre Waffen und lenkten ihre Echsen weiter die Hauptstraße entlang.
  „Ich habe auch etwas mit meinem magischen Auge gesehen“, sagte Sanxia. „Es war eine kleine Gestalt, vielleicht einen Meter groß.“
  Schließlich erreichten die Gefährten einen großen Platz. Die quadratische, gepflasterte Fläche war von reich verzierten Gebäuden umgeben. Eines davon sah aus wie eine kleine Festung. Die Stadt stieß hier an die Wand der titanischen Höhle. In der Höhlenwand war ein großes Tor eingelassen, das von Statuen zweier Zwergenkrieger flankiert wurde.
  „Das muss der Durchgang zur Oberfläche sein“, sagte Minxodian.
  Sanxia fixierte das Tor. „Es ist von einem magischen Muster durchdrungen. Auch in dem befestigten Gebäude da vorne scheint Magie zu schlummern. Vielleicht sollten wir da mal nachsehen.“
  „Wir sollten keine Zeit verschwenden“, sagte Hamon. „Öffnen wir das Tor.“
  Plötzlich traten ein paar kleine Gestalten aus den schattigen Gassen, die vom Platz wegführten. Sie kamen vorsichtig auf die Gefährten zu. Als sie näher heran waren, konnte man erkennen, dass es sich um Gnome handelte. Ihre Gesichter und Hände waren schmutzig, ihre Kleidung dreckig und zerrissen.
  Einer der Gnome trat vor die Gefährten, seine Haare waren zerfilzt. „Habt keine Angst Fremde“, sagte der Gnom. „Wir wollen Euch nichts tun.“
  Hamon runtzelte die Stirn. „Wer seid Ihr?“ Er ließ seinen Blick unablässig umher schweifen und versuchte die Fremden im Auge zu behalten.
  „Die Oberweltler nennen uns Rattengnome. Meine Name ist Kablax.“
  „Rattengnome“, entfuhr es Satyria. „Ihr folgt der großen Ratte.“
  Jeder Gnom hatte schon von diesem seltsamen Volk gehört. Rattengnome lebten meistens unterirdisch und achteten nicht sonderlich auf Hygiene. Sie verehrten eine große Ratte als ihren Anführer und einige Theologen meinten, das diese Ratte eine Manifestation Karangiers, des Gottes der Natur, war. Da Rattengnome meistens erbärmlich stanken, wollten die meisten anderen Völker nichts mit ihnen zu tun haben.
  „Was wollt ihr von uns?“, fragte Hamon. Er rümpfte die Nase, als er den Gestank der Rattengnome bemerkte.
  „Wir wollen nur fragen, was Ihr in unserer schönen Stadt wollt“, sagte Kablax.
  „Wir sind nur auf der Durchreise. Wir wollen durch dieses Tor dort.“
  Kablax warf einen Blick auf das Tor und rieb sich unsicher die Hände. „Ihr wisst, wie man es öffnet?“
  „Ja.“
  „Schön.“ Wieder rieb sich der Rattengnom die Hände. „Könnt Ihr uns vielleicht vorher einen Gefallen tun?“
  „Ich glaube kaum, wir sind sehr in Eile.“
  „Wir werden Euch gerne helfen, wenn es nicht zu lange dauert“, sagte Satyria und erntete einen wenig begeisterten Blick von Hamon.
  „Gut.“ Kablax strahlte. „In dem Gebäude da vorne stehen einige magische Apparaturen.“ Er zeigte auf das befestigte Gebäude. „Unser Magier hat herausgefunden, dass sie dazu da sind die Statuen auf den Wehrgängen mit magischer Energie zu versorgen. Die Statuen sind Waffen und wenn wir sie aktivieren könnten, könnten wir uns damit verteidigen und müssten uns nicht jedes Mal verstecken, wenn ein Monster unsere Stadt bedroht.“
  Neben den Anführer trat ein anderer Rattengnom, der einen zerschlissenen Umhang trug. „Ich bin Bofamur, der Magier unseres Clans“, sagte der Gnom mit stolzgeschwellter Brust.
  Sanxia runzelte skeptisch die Stirn. Doch ein Blick durch ihr magisches Auge zeigte ihr, dass der Gnom tatsächlich in der Lage war Magie zu wirken.
  „Trotz meiner Fähigkeiten“, fuhr Bofamur fort, „konnte ich leider nicht herausfinden, wie man die Waffen aktiviert.“
  „Ich kann mir das ja mal ansehen“, sagte Sanxia mit einem müden Lächeln.
  „Das wäre wunderbar“, meinte Kablax und rieb sich wieder mal seine schmutzigen Hände. „Folgt mir.“
  Die Gefährten stiegen von ihren Reitechsen und einige Rattengnome nahmen die Zügel entgegen. Sie folgten Kablax und Bofamur zu dem befestigten Gebäude. Gerade als sie es betreten wollten, hielt Sanxia inne. Ihr Blickwinkel veränderte sich. Sie konnte über die Gebäude und Mauern hinwegsehen und entdeckte drei Reiter, die sich der Zwergenstadt näherten.
  „Sie kommen“, sagte Sanxia. „Unsere Verfolger kommen, sie werden bald die Stadt erreichen.“
  „Dann dürfen wir keine Zeit verlieren“, meinte Hamon. „Wir müssen an die Oberfläche.“
  „Wenn wir die Waffen aktivieren, können wir sie vielleicht zum Rückzug zwingen.“ Sanxia wandte sich an Kablax. „Wenn wir die magischen Waffen aktivieren, könnt Ihr uns dann unsere Verfolger vom Hals halten?“
  „Verfolger?“ Kablax kratzte sich am Kopf. „Ihr werdet verfolgt?“
  „Wir haben jetzt keine Zeit, das näher zu erklären. Könnt Ihr uns helfen?“
  „Wenn Ihr uns helft, werden wir auch Euch helfen.“
  „Gut, dann sollten wir uns beeilen.“ Mit diesen Worten stürmte Sanxia in das befestigte Gebäude, gefolgt von den anderen.
  Der Innenraum das kasernenartigen Bauwerks war relativ kahl gehalten. Bis auf ein paar Türen gab es nur noch einen Steinblock in der Mitte, der mit Druckplatten, Steinrädern und Schriftzeichen übersät war.
  „Das muss das Schaltpult zur Aktivierung der Statuen sein“, sagte Bofamur und deutete mit einem schmutzigen Finger auf den Steinblock.
  Sanxia trat an das Steingebilde heran und betrachtete es. Sie konnte die Schriftzeichen nicht entziffern, da sie kein Zwergisch beherrschte. Sie konzentrierte sich auf ihr magisches Auge und einen Moment später entdeckte sie Kraftfäden, die sich durch den Stein zogen. Sie hatten verschiedene Farben und verbanden Räder und Druckplatten.
  Es dauerte eine Weile, bis Sanxia die Tiefen des Musters durchschaut hatte. Schließlich drehte sie an ein paar Rädern und drückte auf einige Steinknöpfe. Plötzlich fingen die zwergischen Runen an zu leuchten. Das Leuchten ergoss sich in eine eingemeißelte Rille und floss an der Seite des Steinblocks entlang, um im Boden zu verschwinden.
  Durch ihr magisches Auge konnte Sanxia sehen, wie die Drachenfiguren auf den Wehmauern ebenfalls mit einem leuchtenden Muster überzogen wurden. Ihre Augen blitzten auf, die Waffen waren aktiviert.
  „Endlich“, rief Kablax und machte einen Luftsprung. Er lief nach draußen und rief die übrigen Rattengnome herbei. „Bemannt die magischen Geschütze und...“ Er hielt inne und drehte sich zu Sanxia um. „Wie benutzt man die Geschütze eigentlich?“
  Sanxia legte ihre Hände auf den Steinblock und konzentrierte sich kurz. Sie konnte die magische Verbindung zu den Statuen spüren.

„Die Statuen sind drehbar und lassen sich auf ein Ziel ausrichten. Wenn man ein Ziel anvisiert hat, muss man einfach eine leuchtende Fläche berühren und das Geschütz spuckt eine Feuerlanze.“

  „Gut.“ Kablax drehte sich wieder zu den Rattengnomen um. „Ihr habt’s gehört. Bemannt die Geschütze und beschießt die Typen, die sich unserer Stadt nähern. Sie verfolgen unsere Freunde hier.“
  Die Rattengnome stießen ein freudiges Geschrei aus und rannten zu den Wehrmauern. Kablax wandte sich wieder an die Gefährten. „Ich danke Euch. Damit habt Ihr unsere Stadt sicher gemacht. Wir müssen uns nie wieder verstecken.“
  „Schon gut“, sagte Sanxia. „Wir müssen jetzt los.“
  Die Gefährten liefen nach draußen und schwangen sich wieder auf ihre Reitechsen. Sie ritten zu dem großen Tor am Rande des Platzes. Minxodian kramte seine Notizen aus dem Rucksack und suchte nach dem Satz, der das Tor öffnen sollte.
  „Karawangra luit zalman Okroba“, sagte Minxodian.
  Einen Moment geschah nichts. Dann leuchteten die Augen der Statuen auf, die das Tor flankierten. Die steinernen Torflügel erbebten, dann schwangen sie wie von Geisterhand auf.
  „Nichts wie weg hier“, rief Hamon und lenkte seine Reitechse durch das Tor. Der Gang dahinter wurde von leuchtenden Kugeln an der Decke erhellt. Die Gefährten waren gerade ein kleines Stück den Tunnel hinunter geritten, als sich das Tor hinter ihnen mit einem Rumpeln schloss.
  Sie trieben ihre Reittiere zur Eile an. Der Gang führte geradeaus und stieg stetig an. Es dauerte bestimmt eine halbe Stunde, bis sie ein weiteres Tor erreichten.
  „Karawangra luit zalman Okroba“, sprach Minxodian wieder und das Tor öffnete sich. Sonnenstrahlen fielen in den Gang und blendeten die Gefährten.
  Sie ritten durch das Tor auf eine ummauerte Plattform. Um sie lagen die Ruinen einer Zwergenstadt und darüber erhoben sich mächtige Berggipfel.
  Xamnar lenkte sein Pferd den Pfad entlang und ließ seinen Blick zu den mächtigen Mauern schweifen, die sich ein gutes Stück vor ihm erhoben. Die Mauern waren teilweise zerfallen, anscheinend handelte es sich um eine verlassene Zwergenstadt. Die magische Spur der Dämonenworte führte genau auf die Ruinen zu.
  „Ich sehe Bewegungen auf den Mauern“, sagte Sartass unvermittelt. „Das müssen sie sein, wir haben sie endlich eingeholt.“
  Plötzlich flammte ein Feuer auf der Wehrmauer auf. Eine lodernde Flammenlanze schoss auf Xamnar und seine Begleiter zu. Die Pferde bäumten sich auf und stoben auseinander. Die Lanze schlug in den Höhlenboden ein und hinterließ einen pechschwarzen Rußfleck.
  Wieder loderte es auf den Wehrmauern und drei Feuerlanzen schossen auf sie zu. Xamnar riss seinen Arm hoch und murmelte ein paar Worte. Die Feuerlanzen prallten gegen einen dunkel schimmernden, magischen Schild und verpufften in der Luft.
  „Sie beschießen uns“, knurrte Xamnar. „Aber womit?“
  Sartass zog seinen Bogen von der Schulter und schoss ein paar Pfeile ab. Doch er war zu weit entfernt und die Gegner zu gut geschützt, um etwas zu treffen. Während Xamnar den Schutzschild aufrecht erhielt, ritten sie weiter auf die Stadt zu. Schließlich konnten sie die Gestalten auf den Mauern erkennen.
  „Das sind Gnome“, sagte Morgon. „Viele, dreckige Gnome.“
  „Wahrscheinlich Rattengnome“, meinte Xamnar. Er knurrte und die Konzentration auf seinen Schutzzauber trieb ihm Schweiß auf die Stirn. „Ich kann meinen Zauber nicht mehr lange aufrecht erhalten. Wir müssen vom Weg runter.“
  Xamnar und seine Schergen galoppierten vom Weg herunter und verschwanden hinter ein paar Felsen. Das Feuer hörte auf.
  „Wir können nicht weiter an die Stadt heran“, sagte der dunkle Zauberer. „Ab hier gibt es keine Deckung mehr vor dem Geschützfeuer, dafür haben die ehemaligen zwergischen Bewohner der Stadt gesorgt.“
  „Aber wir müssen ihnen weiter folgen“, meinte Morgon.
  „Die Höhle endet hinter der Stadt, aber ich glaube nicht, dass unsere Beute in eine Sackgasse gelaufen ist. Sie waren in der mechanischen Bibliothek, vielleicht haben sie dort einen Weg an die Oberfläche gefunden. Das heißt wir müssen auch an die Oberfläche.“
  „Aber wir kommen nicht in die Stadt hinein.“
  „Das nicht, aber ich kann uns vielleicht einen Weg an die Oberfläche bahnen.“
  Xamnar schloss die Augen und schickte seinen Geist auf die Reise. „Bis an die Oberfläche ist es nicht weit“, murmelte er. Sein Geist drang in die Höhlenwand ein und reiste durch das finstere Gestein. Kurze Zeit später stieg er aus dem Gestein empor und schwebte über einer Berglandschaft. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schoss sein Geist über die Gipfel bis zu einem Pass, wo er verharrte.
  Xamnar breitete die Arme aus, konzentrierte sich und sprach magische Worte. Ein Kreis aus Schatten bildete sich um ihn, seine Schergen und ihre Pferde. Die Schatten verdichteten sich, bis sich ihre Körper in einer Wolke aus schwarzem Rauch auflösten. Einen Moment später materialisierten sie auf einem Gebirgspass.
  Sie sahen sich um. Morgon warf einen prüfenden Blick zum Himmel. „Wenn sie zum Elfenhof wollen, müssen sie nach Osten, in die Richtung.“
  „Dann werden wir dorthin reiten“, sagte Xamnar.
  Die Gefährten standen auf der Plattform, die von einer Brüstung ummauert war und sahen sich um. Unter ihnen schlängelte sich ein Pass durch das Gebirge. Ein Weg führte von der Plattform aus über Serpentinen zu diesem Pass.
  „Wir müssen nach Osten“, sagte Hamon und deutete den Pass entlang. „In die Richtung.“
  Die Gefährten nickten nur schweigend und lenkten ihre Reitechsen den Weg hinunter zum Pass. Sie folgten der Straße bis zum Abend.
  „Unsere Verfolger haben uns nicht eingeholt“, meinte Minxodian. „Scheint so, als hätten die Rattengnome sie tatsächlich aufgehalten.“
  „Mir fallen die Augen zu“, sagte Satyria. „Und unsere Reittiere können auch nicht weiter. Wir müssen rasten.“
  Hamon nickte und die Gefährten lenkten ihre Reitechsen von der Straße hinunter. Sie rollten ihre Decken aus und entzündeten ein Feuer, da ein kalter Wind durch den Pass pfiff, der sie frieren ließ. Schließlich saßen sie alle um das Lagerfeuer herum, wärmten sich die Hände und rösteten Brot über den Flammen. Immer wieder warfen sie wachsame Blicke in Richtung Westen, in der Furcht, dass ihre Verfolger sie einholen würden.
  Sanxia warf Jinxon und Minxodian immer wieder prüfende Blicke zu. Dabei konzentrierte sie sich auf ihr magisches Auge. Es enthüllte ihr die magischen Kraftfäden der dämonischen Worte, welche die beiden Gnome durchzogen. Anscheinend hatten sich die Worte tief in den Seelen der beiden eingenistet und würden sie vielleicht mit der Zeit vergiften, doch das konnte Sanxia nicht so genau erkennen. Die Kraftfäden leuchteten stark, ein Indiz für die Macht der Worte. Sanxia konnte auch erkennen, dass sie in der Lage waren jede Magie zu verstärken, wenn man sie richtig in die Zauberformeln einbettete. Eine ganze Weile erforschte Sanxia die Kraftlinien, bis auch ihr die Augen zu fielen.
  Jinxon und Minxodian entging es nicht, dass Sanxia sie beobachtete. Doch wieso warf sie ihnen immer wieder Blicke zu? Konnte es sein, dass sie sich für die beiden Gnomenmänner interessierte? Sie fühlten sich geschmeichelt. Sanxia und ihre Schwester waren durchaus hübsch, auch wenn die Schattenmagierin etwas unheimlich war und unnahbar wirkte.
  „Ich übernehme die erste Wache“, sagte Hamon, als der Abend dämmerte. Die übrigen Gefährten legten sich hin und schliefen schnell ein.
  Minxodian erwachte. Zuerst wusste er nicht, was ihn geweckt hatte, doch dann hörte er ein leises Rumpeln. Er setzte sich auf und sah sich um. Es war dunkel. Nur die Sterne und das glimmende Holz des niedergebrannten Lagerfeuers spendeten dürftiges Licht. Wie schon am Abend pfiff auch jetzt noch ein kalter Wind durch den Pass. Hamon saß am Lagerfeuer, den Blick nach Westen gerichtet, in die Richtung, aus der ihre Verfolger kommen mussten.
  „Kannst du nicht schlafen?“, fragte Hamon.
  Minxodian sah sich um. „Hast du nicht dieses seltsame Rumpeln gehört? Als würden Steine purzeln.“
  Hamon schüttelte den Kopf und lauschte. Wieder ertönte das Rumpeln, doch diesmal schien es näher zu sein. „Ja, jetzt hör ich es auch. Wahrscheinlich eine Lawine in der Ferne.“
  Plötzlich fing der Boden und die Bergwände an zu beben. Das Knirschen von Steinen ertönte. Minxodian stand auf, er schwankte auf dem bebendem Grund. Er sah sich nach allen Seiten um, hielt nach Steinschlägen Ausschau.
  Ein Stück den Pass hinauf explodierte eine Bergflanke. Steine flogen umher und prasselten auf das Lager der Gefährten nieder. Eine Staubwolke brandete durch den Pass. Durch den feinen Steinstaub meinte Minxodian die Umrisse einer riesigen Gestalt erkennen zu können.
  Dann brach etwas aus dem Staub hervor. Es war ein Riese aus Stein. Bestimmt zehn Meter ragte das Geschöpf, dessen Körper aus zusammengeballten Felsen bestand, in die Höhe. Auf seiner Schulter stand eine schwarz gekleidete Gestalt. Unter den Schatten seiner Kapuze leuchteten zwei rote Augen. Die Gestalt lachte schrill und triumphierend.
  „Schnapp dir die beiden Gnome“, kreischte die Gestalt. „Und vernichte ihre Gefährten.“
  Der riesige Felsengolem hatte mit zwei Schritten das Lager der Gefährten erreicht. Er hob seine gewaltige Hand und griff nach Minxodian. Der stand einfach nur da und starrte die riesige Pranke an.
  Langsam kam die Hand näher und Minxodian schrie...
  Er riss die Augen auf und starrte auf das glühende Holz des Lagerfeuers. Sein Atem ging schnell, er war in Schweiß gebadet. Minxodian setzte sich auf und sah sich um. Seine Gefährten schliefen noch, nur Sanxia saß am Feuer und hielt Wache.
  „Schlecht geträumt?“, fragte die Magierin.
  Minxodian nickte.
  „Von unseren Verfolgern?“
  „Ja.“
  „Keine Sorge, sie haben uns noch nicht eingeholt. Mein magisches Auge müsste sie rechtzeitig entdecken.“
  Eine Weile herrschte betretenes Schweigen. Die einzigen Geräusche kamen vom Wind, der um die Felsen pfiff und von Hamon, der etwas schnarchte.
  Minxodian dachte an den Nachmittag zurück. Ungewissheit nagte an ihm. Er atmete tief durch, nahm allen Mut zusammen und beschloss Sanxia zur Rede zu stellen. „Ich habe bemerkt, wie du mich angesehen hast.“
  „Angesehen?“ Sanxia blickte verlegen zu Boden. „Ich hab dich nicht angesehen.“
  „Du kannst es ruhig zugeben, es macht mir nichts. Ich, äh, ich kenn dich zwar nicht so gut, aber ich glaube, dass du ganz nett bist.“
  Sanxia sah Minxodian an. Ihre Miene trug offene Verwirrung zur Schau. „Wie meinst du das? Wie kommst du auf so was?“
  „Na ja, du findest mich doch auch nett, oder?“
  Sanxia sah verlegen zur Seite. „Wie kommst du jetzt darauf?“
  „Du hast mich doch ständig angestarrt oder nicht?“
  Sanxia fixierte Minxodian mit gerunzelter Stirn. „Das mag schon sein, aber wieso sollte ich dich deswegen nett finden?“ Dann verstand sie plötzlich. „Oh, das meinst du. Äh, na ja, das war nicht so, wie du denkst.“
  „Was? Äh, was glaubst du denn, was ich denke?“
  „Na ja, du denkst, dass ich dich nett finde, oder?“
  „Oh, ja, das sagte ich ja. Ist das nicht so?“
  „Du scheinst schon ganz nett zu sein, aber ich finde dich nicht auf DIESE Weise nett.“
  Jetzt war es an Minxodian verlegen zu Boden zu sehen. „Ich mein ja auch gar nicht DIESE Weise.“
  „Nicht?“
  „Äh, nein.“ Minxodian legte sich wieder hin und drehte sich zur Seite. „Ich schlaf jetzt lieber weiter.“
  Er spürte Sanxias Blicke in seinem Rücken, bis er eingeschlafen war.




Teil 3

Zum großen Strom

Kapitel 1

  Am nächsten Morgen weckte Sanxia ihre Gefährten. Sie hatte von ihren Verfolgern die ganze Nacht nichts gesehen. Sie sattelten ihre Riesenwarane und ritten weiter den Pass entlang Richtung Osten. Etwa zur Mittagszeit erreichten sie das Ende des Gebirges und der Weg ging in hügeliges Land über. In der Ferne entdeckten sie eine Stadt.
  „Wir müssten die Stadt bis zum Abend erreicht haben“, sagte Hamon.
  Die Stimmung der Gefährten besserte sich, denn in einer Stadt würden sie wieder unter Menschen sein, was ihnen irgendwie ein Gefühl von Sicherheit gab. Andererseits waren sie auch in Wartburg angegriffen worden, wieso sollte es ihnen also in dieser Stadt besser ergehen?
  Der restliche Tag verging ohne Zwischenfälle. Auf ihrem Weg zur Stadt begegneten die Gefährten ein paar Händlern mit ihren Karren, doch es gab keine Probleme. Als sie das Stadttor erreichten, staunten die Wachen über ihre seltsamen Reittiere.
  „Was sind das denn für Viecher?“, fragte ein Gardist. „Ich glaube nicht, dass solche Monster in die Stadt dürfen.“
  „Das sind keine Monster“, meinte Jinxon. „Die sind genauso harmlos wie Pferde, sie haben halt nur Schuppen und lange Zungen.“
  Der Gardist streckte vorsichtig seine Hand nach der Reitechse aus und berührte sie am Kopf. Sie ließ sich ohne Probleme streicheln.
  „Ich hab gehört, dass mal Dunkelelfen hier in Wasserstein waren, die sind auf solchen Viechern geritten“, sagte ein anderer Wachmann.
  „Echt? Und die durften hier rein?“
  „Soweit ich weiß ja.“
  Der Gardist tätschelte noch einmal den Waran. „Na ja, sie scheinen friedlich zu sein. Ihr könnt passieren.“
  Die Gardisten winkten die Gefährten durch das Tor. Die lenkten ihre Reitechsen über die gepflasterte Hauptstraße, die direkt zum Marktplatz im Stadtzentrum führte. Dort sahen sie sich nach einer Herberge um und entdeckten ein Schild mit der Aufschrift ‚Zum blauen Narren’ am Rande des Platzes.
  Die Gefährten lenkten ihre Riesenwarane durch einen Durchgang, der zu einem Hinterhof führte. Dort gab es einen Stall, bei dem ein Knecht die untergestellten Pferde mit Heu versorgte.
  „Guten Tag, werter Herr“, sagte Jinxon. „Möge Solarions Licht über Euch scheinen.“
  „Guten Tag“, murmelte der Knecht und blickte von seiner Arbeit auf. Als er die Reitechsen sah, riss er abwehrend die Mistgabel hoch. „Was sind das für Schattenkreaturen?“
  „Das sind nur Reitechsen“, sagte Jinxon. „Die Gardisten am Tor haben sich davon überzeugt, dass sie harmlos sind.“
  „Da bin ich mir nicht so sicher“, meinte der Knecht.
  „Hätten uns die Gardisten mit diesen Reittieren in die Stadt gelassen, wenn sie gefährlich wären?“
  Der Knecht schien einen Augenblick zu überlagen. „Nein, ich schätze nicht.“
  „Na also, Ihr könnt also Eure Mistgabel wieder runter nehmen.“
  Der Knecht folgte dem Vorschlag.
  „Das ist doch schon mal ein Anfang.“ Jinxon stieg von seinem Waran und seine Gefährten taten es ihm gleich. „Wir würden gerne unsere Warane hier unterstellen und uns im Gasthaus einquartieren.“
  „Es müssten noch Zimmer frei sein.“ Der Knecht betrachtete die Riesenwarane abschätzig. „Fressen die denn Heu?“
  Jinxon zog grübelnd eine Augenbraue in die Höhe. „Äh, keine Ahnung. Bis jetzt haben wir sie immer nur mit Pilzen gefüttert.“
  „Ich glaube nicht, dass wir so viele Pilze haben. Außerdem landen die bei uns eher in der Suppe oder in der Pfanne.“
  „Wir können es ja mal ausprobieren.“ Jinxon nahm eine handvoll Heu und hielt sie seinem Waran vor die Nase. Die Zunge der Echse schnellte hervor und betastete das Heu. Dann öffnete sie das Maul und verschlang das getrocknete Gras. Das Tier kaute und schluckte. „Anscheinend schmeckt es ihm.“
  „Na dann.“ Der Knecht führte einen Waran nach dem anderen in eine Pferdebox und gab ihnen Heu zu fressen. Die benachbarten Pferde musterten ihre neuen Mitbewohner zuerst misstrauisch, doch sie schienen sich nicht an ihnen zu stören.
  Die Gefährten winkten dem Knecht zum Abschied zu und betraten den blauen Narren durch den Hintereingang im Hof. Sie kamen in eine gut gefüllte Schankstube in der es nach Bier, Käse und Hackbraten roch. Hinter einem Tresen stand der Wirt und putzte gerade ein paar Gläser.
  „Wir hätten gerne zwei Doppel- und ein Einzelzimmer“, sagte Jinxon, als er am Tresen stand.
  Der Wirt sah sich überrascht um, konnte den kleinen Gnom jedoch nicht sehen, da er von der Theke verdeckt wurde.
  „Wir hätten gerne zwei Doppel- und ein Einzelzimmer“, wiederholte Hamon.
  „Aber gerne doch“, sagte der Wirt. „Wie viele Nächte wollt Ihr bleiben?“
  „Nur eine.“
  Der Wirt drehte sich um und öffnete einen Schrank an der Wand, in dem zahlreiche Schlüssel hingen. Er nahm drei davon und legte sie auf den Tresen. „Das macht insgesamt drei Goldstücke.“
  Hamon zahlte und nahm die Schlüssel an sich.
  „Außerdem hätten wir gerne noch ein Bier“, rief Jinxon von unten hinauf.
  Der Wirt beugte sich über den Tresen und entdeckte den Gnom. „Aber natürlich, kleiner Herr. Für jeden eins?“
  „Ich denke ein Bier können wir uns genehmigen“, sagte Hamon.
  Der Wirt zapfte schnell fünf Krüge Bier und kassierte von Hamon die Zeche. Die Gefährten nahmen ihre Getränke und suchten sich einen freien Tisch in der Ecke des Schankraums.
  Es dauerte nicht lange, da klang Musik durch den Raum und die Gespräche wurden leiser. Hamon reckte den Hals und entdeckte einen Barden, der vor der Theke stand und auf einer Gitarre spielte. Als die Gespräche ganz verstummt waren, fing er an zu singen.
  Die Gefährten lauschten aufmerksam dem Lied und nippten nur ab und zu an ihrem Bier. Sie konnten zwar nicht jedes einzelne Wort verstehen, erkannten aber trotzdem worum es in dem Lied ging. Es handelte von einer Sphinx, einem riesigen geflügelten Löwen mit Menschengesicht, die das Land durchstreifte und zahlreiche Abenteuer erlebte. Doch eines Tages traf sie dort, wo später Wasserstein errichtet wurde, einen bösen Zauberer, der sie mittels eines Fluches in Stein verwandelte. Der Zauberer meißelte ein Rätsel in die Statue und wer dieses Rätsel lösen konnte, der würde die Sphinx von ihrem Fluch befreien und sich ihre Dankbarkeit sichern.
  Als der Barde das Lied beendet hatte, fingen die Gäste an zu klatschen, einige warfen ihm sogar ein paar Münzen zu. Der Barde verbeugte sich, sammelte die Münzen ein und verließ die Herberge, wahrscheinlich, um noch woanders vorzuspielen.
  „Ob es hier wirklich eine versteinerte Sphinx gibt?“, fragte Jinxon.
  „Ach, das war doch nur ein Märchen“, sagte Hamon.
  Doch Jnxon ließ sich damit nicht abspeisen. Er stand auf und trat an einen Nachbartisch heran.
  „Äh, verzeiht, werter Herr“, sagte Jinxon zu einem der Gäste.
  „Ja?“, fragte ein bärtige Mann.
  „Gibt es hier wirklich eine steinerne Sphinx in Wasserstein?“
  Der Mann nickte. „Aber ja. Sie steht auf dem Sphinxplatz, vor dem Rathaus. Mann muss vom Markplatz einfach nur der Wagenstraße folgen, dann kommt man dahin.“
  „Vielen Dank für die Auskunft.“ Jinxon setzte sich wieder zu seinen Gefährten und grinste Hamon an. „Siehst du, doch kein Märchen.“
  „Na schön, dann gibt es hier halt eine Statue, die wie eine Sphinx aussieht. Aber es bleibt trotzdem ein Märchen.“
  „Und wenn nicht? Wenn die Sphinx tatsächlich mit einem Fluch belegt ist?“
  „Dann hat sie halt Pech gehabt.“
  „Verstehst du nicht? Das ist unsere Chance. Wenn wir das Rätsel lösen, ist uns die Sphinx dankbar und sie kann uns vielleicht zum Elfenhof fliegen.“
  Hamon, der gerade von seinem Bier trinken wollte, setzte das Glas wieder ab und fixierte Jinxon. „Wenn das wirklich stimmt, könnte uns das endlich an unser Ziel bringen...“ Er rieb sich sein haarloses Kinn. „Na ja, wir können uns die Statue und das Rätsel ja mal anschauen.“
  Die Gefährten tranken aus und beschlossen sich die Statue noch vor dem Schlafengehen anzuschauen. Sie gingen auf den Markplatz hinaus und bogen in die Wagenstraße ein, so wie man es ihnen beschrieben hatte. Da die Wagenstraße zu den Hauptstraßen Wassersteins gehörte, waren hier die Laternen angezündet. Ihre Lichtkegel aus warmem Feuerschein erhellten die gepflasterte Straße.
  Die Wagenstraße schlängelte sich quer durch die Stadt. Die Gefährten brauchten bestimmt eine Viertelstunde um den Sphinxplatz zu erreichen. Der Sphinxplatz war ein riesiges Loch im Boden und lag zehn Meter tiefer, als die übrige Stadt. Breite Treppen führten zu ihm hinunter. Auf dem tiefergelegten Platz stand ein großes Gebäude, das von einer Säulenreihe umgeben war. Vor diesem imposanten Bau stand eine riesige Statue. Sie stellte einen Löwen dar, mit gewaltigen Schwingen. Sein Menschengesicht wurde von einer dichten Mähne eingerahmt. Das Wesen lag auf dem Platz, sein Schwanz war eingerollt. Der Kopf ragte bestimmt zehn Meter in die Höhe und war damit auf Bodenhöhe mit der übrigen Stadt. Vor seiner Brust brannte eine einsame Laterne.
  „Das Vieh ist ja riesig“, sagte Hamon. „Ich weiß nicht ob es eine so gute Idee wäre, es wieder zurückzuverwandeln.“
  „Sphinxen sind gute und weise Geschöpfe“, meinte Satyria. „Sie tun niemandem etwas.“
  „Gibt es nicht auch Ausnahmen? Es gibt doch eigentlich immer Ausnahmen.“
  „Aber nicht bei Sphinxen.“
  „Kommt, sehen wir es uns aus der Nähe an“, sagte Jinxon.
  Die Gefährten stiegen eine Treppe hinunter und stellten sich vor der Brust der Sphinx auf, dort wo die Laterne brannte. Auf der Brust der Statue, beleuchtet vom Schein der Lampe, prangten große Buchstaben.
  Minxodian las die Worte vor: „Ob vor oder zurück ist mir einerlei. Ich laufe geschwind, trage jeden, ob Mann, Frau oder Kind.“
  „Das ist das Rätsel?“, fragte Jinxon. Er suchte mit Blicken die ganze Front der Statue ab. „Ist nicht besonders lang.“
  „Ein Rätsel muss nicht lang sein, um schwer lösbar zu sein“, sagte Sanxia.
  „Du kannst mit deinem magischen Auge nicht zufällig die Lösung sehen?“, fragte Hamon.
  „Nein. Weiß sonst vielleicht jemand die Lösung?“
  Die Gefährten schüttelten traurig die Köpfe. „Schade“, meinte Minxodian, „wir hätten die Hilfe der Sphinx gut gebrauchen können.“
  Satyrtia stieß einen missmutigen Seufzer aus. „Wir sollten eine Nacht drüber schlafen“, sagte sie. „Vielleicht fällt uns die Lösung ja noch ein.“
  Obwohl sie in einem Gasthaus in einer Stadt schliefen, teilten die Gefährten Wachen ein. So wie immer übernahm Hamon die erste und Sanxia mit ihrem magischen Auge die zweite Wache. Jinxon wachte als Dritter. Immer wieder sahen sie aus dem Fenster oder auf den Gang hinaus, entdeckten jedoch niemanden. Ohne Zwischenfälle erwachten sie am nächsten Morgen.
  Sie nahmen ein rasches Frühstück ein, dann gingen sie zum Stall.
  „Dann wollen wir mal unsere Reittiere satteln“, sagte Hamon.
  Kaum hatte der Knappe diese Worte ausgesprochen, blieb Sanxia plötzlich stehen. „Das ist es“, murmelte sie.
  Die Gefährten sahen sich erstaunt zu der Magierin um. „Was ist was?“, fragte Jinxon.
  „Die Lösung des Rätsels, Hamon hat es gerade gesagt.“
  Die Gesichter der Gefährten hellten sich auf. Sie scharten sich um die Zauberin. „Wie lautet die Lösung?“, wollte Minxodian wissen.
  „Die Lösung lautet ‚Reittier’“, sagte Sanxia mit gedämpfter Stimme. „In dem Rätsel heißt es ‚Ob vor oder zurück ist mir einerlei’. Und das Wort Reittier bedeutet vorwärts und rückwärts gesprochen dasselbe. ‚Ich laufe geschwind, trage jeden, ob Mann, Frau oder Kind’, damit ist auch eindeutig ein Reittier gemeint.“
  Jinxons Augen leuchteten. „Das stimmt, das muss die Lösung sein. Schnell, gehen wir zum Sphinxplatz und probieren es aus.“
  Die Gefährten eilten durch die Gassen zum tiefergelegenen Platz und stellten sich vor die Sphinx. Sanxia trat vor und räusperte sich. „Reittier“, sagte sie mit lauter Stimme.
  Die Gefährten warteten, doch nichts passierte. „Verdammt!“, fluchte Sanxia. „Das muss die Lösung sein.“
  Hamon stieß einen Seufzer aus. „Wahrscheinlich war es doch ein Märchen und diese Sphinx ist einfach nur eine Statue und kein verfluchtes Wesen.“
  „Aber wieso dann dieses Rätsel?“
  „Um uns zu verarschen.“
  „Nein.“ Sanxia starrte die Sphinx konzentriert an. „Das magische Muster, das dieser Sphinx inne wohnt, ist zwar schwach und kaum zu erkennen, aber es ist da. Es muss ein Fluch auf diesem Ding liegen. Die magische Komponente des Lösungswortes muss nur irgendwie mit dem magischen Muster des Fluches reagieren...“ Sanxia hielt inne und schlug sich mit der Hand vor die Stirn. „Natürlich, das war doch klar!“ Sie streckte die Hand aus und berührte die Statue. „Ich muss es einfach nur berühren.“
  Wieder räusperte sich die Magierin. „Reittier.“
  Einen Moment geschah gar nichts, dann fing der Stein der Sphinx an zu zittern. Risse sprangen auf und zogen sich wie ein Netz über das gesamte Standbild. Passanten blieben stehen und starrten die Sphinx an. Das Gestein splitterte auf und bröckelte ab. Fell kam zum Vorschein. Die Federn der Flügel wurden freigelegt, von der Mähne rieselte der zu Staub zerfallene Fels. Schließlich war die Sphinx vom Stein befreit. Vor den Gefährten ragte ein riesiges Wesen aus Fleisch und Blut in die Höhe.
  Die Sphinx blinzelte und sah sich um. Dann öffnete sich ihr riesiger Rachen. Als die gewaltigen Reißzähne aufblitzten, wichen die Gefährten instinktiv zurück. Doch der Rachen schnappte nicht nach ihnen, sondern weitete sich zu einem donnernden Gähnen.
  Nachdem die Sphinx herzhaft gegähnt hatte, richteten sich ihre Augen auf die umliegende Stadt. „Nanu, hier sieht es anders aus, als ich mich erinnern kann“, sagte die Sphinx mit dröhnender Stimme.
  Dann senkte sich ihr Blick und richtete sich auf die Gefährten. Die standen einfach nur da und starrten das riesige Wesen mit offenen Mündern an.
  „Seid Ihr diejenigen, die mich von meinem Fluch befreit haben?“, fragte die Sphinx.
  Die Gefährten nickten sprachlos.
  „Oh, den Göttern sei Dank. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie dieser finstere Magier den Fluch auf mich geschleudert hat. Während ich langsam versteinerte verriet er mir das Rätsel, dessen Lösung mich wieder zurückverwandeln würde. Ich wusste die Lösung natürlich sofort, aber das nützte mir nichts mehr. Alles was danach geschah war wie im Traum. Ich kann mich nur noch an wenige Dinge erinnern, die während meiner langen Zeit in Verwandlung geschahen. Zahlreiche Leute waren hier und versuchten das Rätsel zu lösen. Sie nannten alle Möglichen Worte, vom Blitz, über Zebra bis hin zum Stein. Wie soll ein Stein denn bitte geschwind sein? Vielleicht wenn er irgendwo runter fällt. Aber das ist ja auch egal, ich bin endlich befreit und kann weiter durch die Welt streifen, um Weisheit zu sammeln.“
  Die Sphinx erhob sich, breitete ihre Schwingen aus und schlug ein paar mal damit, wodurch einige Leute umgeweht wurden.
  „Oh, Verzeihung, das wollte ich nicht. Nach so langer Zeit bin ich nur etwas eingerostet. Aber bevor ich aufbreche, möchte ich mich natürlich bei Euch revanchieren. Ihr habt mir geholfen, also gehört es sich, dass ich auch Euch helfe. Habt Ihr vielleicht eine Bitte?“
  Hamon räusperte sich und trat vor. „Die haben wir in der Tat. Wir sind auf dem Weg zum Elfenhof im Osten und müssen so schnell wie möglich dahin. Könnt Ihr uns dorthin fliegen?“
  „Nichts leichter als das. Auf meinem Rücken ist Platz für Euch fünf und vier von Euch sind auch noch kleine Gnome. Das ist kein Problem. Ich weiß sogar noch wo der Elfenhof liegt, ich war schon mal dort. Oder ist der Elfenhof umgezogen?“
  „So weit ich weiß liegt der Elfenhof seit der Errichtung des Bannkreises in derselben Stadt.“
  „Also dann, auf nach Ascaria.“ Die Sphinx legte sich wieder auf den Bauch. „Klettert auf meinen Rücken und haltet Euch gut an meinem Fell fest.“
  „Das hört sich gefährlich an“, meinte Minxodian. „Können wir uns nicht mit einem Seil irgendwie absichern?“
  „Ihr könntet mir ein Seil um den Hals binden und Euch daran festbinden.“
  „Das sollten wir tun“, sagte Hamon.
  Die Gefährten nahmen ein Seil und banden es um den Hals der Sphinx. Ein zweites Seil knoteten sie an das erste und banden sich dann mit der Taille daran fest. Schließlich kletterten sie auf den geräumigen Rücken der Sphinx und krallten ihre Finger in das dichte Fell.
  Die Sphinx erhob sich und schlug mit ihren mächtigen Flügeln. Sie machte einen Satz in die Luft und stieg ruckartig in den Himmel, begleitet von den erstaunten Blicken der Stadtbewohner. Die Sphinx stieg immer höher, bis die Gefährten die Häuser Wassersteins nur noch als kleine Klötze sehen konnten. Dann drehte sie nach Osten ab und flog der Sonne entgegen.
  Noch etliche Kilometer von Wasserstein entfernt ritten Xamnar, Sartass und Morgon einen Weg entlang. Plötzlich entdeckten sich am Horizont, weit entfernt, einen dunklen Punkt, der sich in die Lüfte erhob.
  „Was ist das?“, fragte Xamnar. „Es muss riesig sein.“
  „Vielleicht irgendein Monstrum, dass die Gegend unsicher macht“, meinte Sartass. „Es ist zu weit weg, um es erkennen zu können.“
  Zwei Stunden später erreichten Xamnar und seine Schergen die Stadt Wasserstein. Als sie durch das Tor auf den Markplatz ritten, erkannten sie sofort, dass einige Leute hektisch miteinander redeten. Aufregung lag in der Luft.
  Xamnar beugte sich von seinem Pferd herunter und wandte sich an einen Passanten. „Guten Tag, werter Herr.“
  „Guten Tag“, sagte der Passant.
  „Ist hier irgendetwas geschehen? Die Leute scheinen aufgeregt über etwas bestimmtes zu reden.“
  „Die Sphinx ist erwacht, jemand hat das Rätsel gelöst.“
  „Die Sphinx?“
  „Sie stand auf dem Platz vor dem Rathaus. Vor langer Zeit war sie von einem dunklen Zauberer in Stein verwandelt worden. Nur die Lösung eines Rätsels konnte sie wieder zurück verwandeln und dieses Rätsel würde heute gelöst. Es ist noch nicht lange her, vielleicht ein paar Stunden.“
  Dann war dieses mächtige Geschöpf, das wir gesehen haben also eine Sphinx, dachte Xamnar. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seiner Magengegend aus. „Wer hat denn dieses Rätsel gelöst?“
  „Eine Gruppe Reisender soll es gewesen sein. Ein Mensch mit vier Gnomen.“
  Xamnar biss sich auf die Unterlippe. „Wo sind sie jetzt hin?“
  „Die Sphinx hat sie auf ihrem Rücken davon getragen.“
  Xamnars behandschuhte Hände verkrampften sich um die Zügel seines Pferdes. „Besten Dank für die Auskunft“, presste er unter mühevoller Beherrschung zwischen seinen Zähnen hervor.
  Der dunkle Zauberer wandte sich von dem Passanten ab, der weiter seines Weges ging. Er winkte seine Schergen hinter sich her und sie lenkten ihre Pferde in eine verlassene Seitengasse.
  „Ihr habt gehört was geschehen ist“, sagte Xamnar mit gedämpfter Stimme. „Diese Sphinx kann fliegen und wahrscheinlich fliegt sie verdammt schnell. Außerdem muss sie sich nicht an Wege und Straßen halten. Der Elfenhof ist nicht mehr allzu weit entfernt. Per Luftlinie könnten sie in nur wenigen Tagen dort sein. Wenn wir sie nicht schnell einholen können, haben wir sie verloren. Was ist mit dir Morgon? Hast du wieder Kräfte gesammelt?“
  „Ja, Herr.“
  „Könntest du dich in eine große Hashamna verwandeln und uns auf deinem Rücken tragen?“
  „Ja, dafür müssten meine Kräfte gerade noch ausreichen.“
  „Kannst du die Sphinx einholen?“
  „Ich weiß ja nicht wie schnell sie fliegt, aber als Hashamna bin ich ziemlich schnell.“
  „Gut, das ist die einzige Chance, die wir haben. Versuchen wir es.“
  Xamnar und seine Schergen verließen Wasserstein und ritten in ein kleines Wäldchen vor der Stadt. Dort stiegen sie ab.
  „Kannst du unsere Pferde in was Kleines verwandeln und mitnehmen?“, fragte Xamnar.
  Morgon schüttelte den Kopf. „Nein, Meister. Dazu reicht meine Kraft noch nicht aus.“
  „Dann müssen wir halt ohne sie auskommen. Verwandle dich.“
  Morgon schloss die Augen und konzentrierte sich. Schweißperlen traten auf seine Stirn und einen Augenblick später fing sein Körper an zu wachsen. Er dehnte sich in die Länge und die Haut wurde grün. Seine Arme verwandelten sich in riesige, lederne Schwingen seine Pupillen verengten sich zu reptilienartigen Schlitzen. Schließlich lag eine riesige, geflügelte Schlange zusammengerollt auf dem Boden.
  Xamnar und Sartass banden sich mit Seilen auf den Rücken der Hashamna. Dann breitete die Schlange die Flügel aus, stieg in die Lüfte und wandte sich nach Osten.

Kapitel 2

  Die Sphinx flog den ganzen Vormittag lang. Gegen Mittag landete sie an einem Bach, um etwas zu trinken. Auch die Gefährten erfrischten sich an dem kühlen Nass.
  „Darf ich fragen, wieso Ihr zum Elfenhof wollt?“, fragte die Sphinx plötzlich. „Ihr seht mir nicht wie Botschafter oder Könige aus, wenn ich das so sagen darf.“
  „Das sind wir auch nicht“, sagte Jinxon. „Wir wollten nur etwas beim Elfenhof abliefern.“
  „Was denn?“
  „Äh, das ist Privatsache.“
  Die Sphinx hob eine Augenbraue. „Hat es etwas mit der seltsamen Macht zu tun, die in Euch wohnt?“
  Die Gefährten starrten die Sphinx erschrocken an.
  „Ich bin ein mächtiges Wesen“, sagte die Sphinx mit stolzgeschwellter Brust. „Auch das Unsichtbare bleibt meinem weisen Blick nicht verborgen. Ich sehe etwas Fremdes, Unheilvolles, das wie ein Schatten auf Euren Seelen liegt.“
  Jinxon schluckte schwer und nickte matt. „Ja, genau diese fremde Macht wollen wir zum Elfenhof bringen. Wir hoffen, dass uns die Elfen davon befreien können.“
  „Seid unbesorgt, das können sie bestimmt. Unter den Elfen weilen die besten Zauberer Exsolarias. Und in ein paar Tagen, sollten wir Ascaria erreichen.“
  „Hoffentlich werden wir vorher nicht eingeholt.“
  „Eingeholt? Von wem?“
  „Wir werden verfolgt. Von einem finsteren Zauberer und seinen Schergen.“
  „Macht Euch keine Sorgen, ich fliege schnell. Und selbst wenn sie uns einholen und es zum Kampf kommt, so gibt es doch wenige, die es mit einer Sphinx aufnehmen können.“
  „Aber der Zauberer, der Euch zu Stein verwandelte, konnte es mit Euch aufnehmen“, sagte Minxodian.
  Die Sphinx stieß ein missmutiges Brummen aus. „Er, äh, hat mich überrascht. In einem fairen Kampf hätte ich ihn einfach mit einer meiner Pranken zertreten.“
  „Trotzdem sollten wir hoffen, dass wir nicht eingeholt werden“, meinte Hamon.
  „Und um das zu verhindern, sollten wir jetzt weiter.“
  Die Sphinx ließ sich nieder und die Gefährten kletterten wieder auf ihren Rücken, wo sie sich an dem Seil sicherten. Das riesige Wesen erhob sich in die Lüfte und flog weiter nach Osten. Nach einer Weile kamen sie in einen Schwarm Gänse, der sie irritiert musterte. Doch die Vögel schienen keine Angst vor der riesigen Sphinx zu haben. Instinktiv spürten sie, dass es ein gutmütiges Wesen war.
  Die Stunden vergingen und bald dämmerte der Abend. Der Horizont färbte sich rot, während die Sonne vom Himmel stieg.
  „Wir werden verfolgt“, schrie Sanxia plötzlich gegen den pfeifenden, kühlen Wind.
  Ihr magisches Auge hatte ihren Blickwinkel verändert und zeigte eine riesige, geflügelte Schlange hinter ihr. Auf der großen Hashamna saßen zwei Gestalten.
  „Das müssen unsere Verfolger sein“, sagte die Zauberin.
  Die Gefährten drehten sich um und überzeugten sich von Sanxias Warnung.
  „Verdammt, sie werden uns noch einholen“, rief Hamon. „Können wir nicht schneller fliegen?“
  „Das könnten wir schon, aber das halte ich nicht lange durch“, sagte die Sphinx.
  „Über kurz oder lang werden sie uns einholen. Wir müssen kämpfen.“
  „Aber sie haben einen fürchterlichen Schwarzmagier“, meinte Minxodian.
  „Und wir haben auch eine gute Magierin“, warf Sanxia ein.
  „Aber wo ist der dritte Kerl?“, fragte Hamon. „Die waren doch zu dritt.“
  „Der dritte Typ ist ein Gestaltenwandler“, rief Jinxon. „Wahrscheinlich hat er sich in die Hashamna verwandelt.“
  „Wir sind fast doppelt so viele und unsere Sphinx kann es locker mit der Hashamna aufnehmen, oder?“
  „Das will ich doch meinen“, sagte die Sphinx.
  „Wir müssen uns kampfbereit machen.“
  Jinxon und Minxodian versicherten sich, dass ihre Schießeisen geladen waren. Hamon spannte seinen Bogen. Aber es dauerte noch eine halbe Stunde, bis die Hashamna mit ihren beiden Reitern aufgeholt hatte. Der dunkle Magier murmelte Zauberworte und der Dunkelelf schoss Pfeile ab. Doch die Geschoss verloren sich wie winzige Nadeln im dichten Fell der Sphinx. Die Sphinx drehte ab und kam in einem weiten Bogen auf die Hashamna zu.
  Minxodian, Jinxon und Hamon feuerten ihre Fernwaffen ab, doch die Hashamna wich mit geschmeidigen Bewegungen aus. Satyria sprach ein Gebet und baute eine Schutzkugel auf.
  Xamnar sprach ein paar magische Worte und deutete auf den jungen Menschenmann, der auf dem Rücken der Sphinx saß. Eine Lanze aus schwarzem Feuer schoss aus seinen Fingern, prallte jedoch an einem unsichtbaren Schutzschild ab. Er warf ein paar weitere Lanzen, doch das Schild hielt.
  Die Sphinx rauschte vorbei und schlug mit einer riesigen Pranke nach der Hashamna, doch die geflügelte Schlange konnte im letzten Augenblick ausweichen. Schüsse krachten und Kugeln flogen Xamnar um die Ohren. Er beschwor seinerseits ein Schutzschild, an dem die nächsten Geschosse abprallten.
  Xamnar kam eine Idee. Er konzentrierte sich, um die magische Aura seiner Umgebung wahrnehmen zu können. Er sah die schimmernden, gesprengten Ketten des Fluches, die immer noch teilweise an der Sphinx hingen. Vielleicht konnte er den Fluch mit ein wenig Kraftaufwand erneuern.
  Er sammelte seine Kräfte und flüsterte magische Worte.
  „Unsere Geschosse prallen an einem Schutzschild ab“, schrie Hamon.
  „Vielleicht kann ich es bannen“, rief Satyria.
  Im selben Augenblick warf Sanxia einige Schattenpfeile auf das Schutzschild, um es zu schwächen. Während Satyria betete, schoss ein Lichtstrahl aus ihrem Sonnenstab. Das Licht umspülte das gegnerische Schutzschild, wie das Meer einen Felsen. Schließlich verging der Schild in sprühenden, magischen Funken.
  Jinxon krallte eine Hand in das Fell der Sphinx, mit der anderen hielt er eine Pistole und zielte auf die geflügelte Schlange. Er drückte ab und ein Donnern ertönte. Die Kugel traf die Hashamna in den Oberkörper. Das Ungeheuer heulte vor Wut.
  Sanxia streckte die Hände aus und spreizte die Finger. Dunkle Schattenfäden schossen aus ihren Händen und flogen den Feinden entgegen. Sie wickelten sich um die Hashamna, versuchten sie zu fesseln. Doch die Kräfte des Ungeheuers waren so groß, dass Sanxia sich heftig konzentrieren musste. Schweiß perlte auf ihrer Stirn, aber es gelang ihr das geflügelte Monster in der Luft festzuhalten.
  Plötzlich schraubten sich schwarze Ranken aus den Händen des Schwarzmagiers. Sie flogen durch die Luft und umgarnten die Sphinx wie Ketten. Dann fingen sie an zu glühen und ein Zittern ging durch den riesigen Leib. Dort wo Jinxon gerade saß, verwandelte sich ein kleiner Flecken Fell in Stein.
  „Nicht schon wieder“, stöhnte die Sphinx. „Ich spüre wie meine Glieder steif werden. Ich muss notlanden.“
  Mit weit ausgebreiteten Schwingen segelte die Sphinx dem Erdboden entgegen. Sanxia gelang es nicht mehr ihre Konzentration aufrecht zu halten, es war zu anstrengend. Ihre Schattenfäden verblassten und ließen die Hashamna frei. Die geflügelte Schlange stürzte der Sphinx hinterher, doch die Geschosse von Minxodian, Jinxon und Hamon zwangen sie immer wieder zu Ausweichmanövern.
  Stolpernd landete die Sphinx auf dem Boden. Mit steifen Gliedern blieb sie stehen, eine Kruste aus Stein kroch über ihren ganzen Körper.
  „Mögen die Götter Euch auf Eurer Reise beschützen“, sagte die Sphinx noch, bevor auch ihre Maul versteinerte.
  Die Gefährten saßen noch einen Moment vor Schreck erstarrt auf dem steinernen Körper der Sphinx.
  „Das war ein kurzer Ritt“, sagte Hamon.
  Dann banden sich die Gefährten von ihrem Sicherungsseil los und rutschen von dem Rücken der Sphinx zu Boden. Einen Augenblick später war die Hashamna über ihnen und lud ihre Reiter ab. Der Dunkelelf verlor keine Zeit. Er legte einen Pfeil ein und schoss auf Hamon. Doch der Knappe duckte sich blitzschnell und wich dadurch dem Pfeil aus. Zwei Schüsse krachten und Mündungsfeuer flammte auf, als Minxodian und Jinxon ihre Schießeisen abfeuerten. Eine der Kugeln traf den Dunkelelfen an der rechten Schulter, als er gerade einen Pfeil aus dem Köcher zog. Der Elf und ließ den Pfeil fallen. Er warf den Bogen wütend zu Boden, zog ein Krummschwert und stürmte auf die Gefährten zu. Der rechte Arm baumelte taub an seiner Seite herab.
  Hamon zog sein Bastardschwert. Mit erhobener Klinge stellte er sich dem Angreifer. Klirrend trafen die Waffen aufeinander, als die beiden Kämpfer wilde Hiebe austauschten. Hamon ließ sein Schwert einmal nach vorne zucken, um den Dunkelelf zu täuschen, dann riss er seine Klinge nach links. Doch der Elf reagierte blitzschnell und parierte den Schlag. Hamon versuchte es mit einem seitlichen Schwinger, einem hohen Überkopfschlag und einem Stich. Doch sein Gegner wehrte alles ab.
  Plötzlich zuckte das schwarze Krummschwert des Dunkelelfen nach vorne. Hamon machte instinktiv einen Satz zurück, so dass die gegnerische Klinge harmlos über sein Kettenhemd schabte. Es folgten zwei weitere schnelle Attacken. Hamon hielt sein Schwert quer über die Brust, um den ersten Schlag zu parieren. Mit einem Rückhandschlag wehrte er auch den zweiten Hieb ab.
  Dann zuckte ein Ball aus schwarzem Feuer auf Hamon zu. Der Knappe sprang zurück und für einen Augenblick schien die Welt still zu stehen. Hamon starrte die wabernden, schwarzen Flammen an, die unaufhaltsam näher kamen. Er wusste, dass er ihnen nicht entkommen konnte.
  Da erschien eine durchscheinende Gestalt vor ihm. Es war die geisterhafte Gestalt eines Menschen. Der Geist streckte seine Hand dem Feuerball entgegen und die Flammen umzüngelten ihn. Der Feuerball zerschellte an dem Geist, bevor er Hamon erreichen konnte.
  Einen Moment lang waren alle starr vor Erstaunen, die Gefährten ebenso wie ihre Verfolger. Der Geist drehte sich zu Hamon um und er erkannte, dass es Salion war. Ebenso plötzlich wie er erschienen war, war der Geist auch schon wieder verschwunden.
  „Meister, wartet“, rief Hamon, doch der Geist war schon nicht mehr da. Der Knappe fasste sich wieder und schlug nach dem Dunkelelfen, der seinen Hieb abwehrte. Minxodian und Jinxon feuerten ihre Schießeisen ab, um die riesige Hashamna auf Distanz zu halten. Satyria blendete das Monstrum mit einem Sonnenstrahl, der aus ihrer Hand schoss.
  Während um sie herum der Kampf tobte, überlegte Sanxia was sie tun sollte. Ihre magischen Kräfte gingen zu Neige, sie hatte nur noch genug Mana für wenige Zauber. Durch ihr magisches Auge konnte sie erkennen, wie die anrückende Dunkelheit der Nacht das Land mit einer schwarzen magischen Matrix überzog. Die ganze Welt war mit Magie durchdrungen, die Erde, Pflanzen, Tiere, Licht, Dunkelheit , ja selbst Gefühle.
  Sanxia kam eine Idee. Sie sandte ihren Geist aus und griff mit ihm nach den dunklen Kraftfäden der Nacht. Mit Konzentration schmiedete sie aus ihnen ein Netz, dass sie über sich und ihre Gefährten warf.
  Plötzlich verschmolzen die Gefährten mit der Dunkelheit der Nacht.
  Xamnar blinzelte überrascht, als der Mensch und die vier Gnome unvermittelt verschwanden. Es war so, als hätte die aufkommende Dunkelheit der Nacht sie verschluckt.
  „Wo sind sie?“, schrie er wütend.
  Auch Sartass sah sich suchend um, ohne etwas zu entdecken. Xamnar konzentrierte sich auf die Kraftfäden, welche die Welt durchdrangen. Er konnte sie deutlich sehen und hoffte so die Gesuchten zu finden. Sie mussten einen Zauber angewandt haben, um zu verschwinden und Zauber hinterließen immer eine magische Matrix die man entdecken konnte. Doch er sah nichts. Das Muster der Fäden, welche die Nacht über das Land geworfen hatte, war gleichmäßig und ohne Auffälligkeiten. Xamnars Beute war verschwunden.
  Sanxia hoffte inständig, dass ihre Verfolger sie nicht durch Hellsichtzauber aufspüren konnten. Sie hatte die Kraftfäden der Nacht benutzt, um ein Tarnnetz zu zaubern, also dürften sie eigentlich nicht zu sehen sein, da sich ihre magische Matrix nicht von der Umgebung unterschied. Die Gefährten entfernten sich in Richtung Osten und tatsächlich, ihre Verfolger konnten sie nicht aufspüren und blieben ratlos stehen.
  „Du hast uns gerettet“, sagte Hamon anerkennend. „Wieso hast du so was nicht schon bei vorherigen Gefahren gemacht?“
  „Das war mir nur durch mein magisches Auge möglich“, meinte Sanxia. „Nur durch das Auge konnte ich die Kraftfäden der Magie so deutlich erkennen, dass ich sie individuell manipulieren konnte. Normalerweise reichen meine Fähigkeiten nicht aus, um ein magisches Muster so klar zu durchschauen.“
  „Muss ich das verstehen?“
  „Nein, es ist für Nichtzauberer sehr schwer zu verstehen.“
  Die Gefährten wanderten stundenlang Richtung Osten, wobei sie immer wieder Abstecher nach Süden machten. Sie wollten nicht, dass ihre Verfolger sie durch Zufall aufspürten, indem sie schnurgerade nach Osten gingen. Schließlich kamen sie in einen großen Wald.
  „Ich denke ich kann unsere Tarnung jetzt aufheben“, sagte Sanxia. „Ich habe schon genug Mana verbraucht.“
  „Hier im Wald dürften sie uns auch ohne Tarnung nicht finden“, meinte Hamon.
  Sanxia ließ die Kraftfäden los und die Gefährten schälten sich aus der Dunkelheit.
  „Sollen wir jetzt unser Nachtlager aufschlagen?“, fragte Minxodian.
  „Ich weiß ja nicht wie es euch geht, aber ich könnte noch ein paar Stunden weiter wandern“, sagte Hamon.
  Die übrigen Gefährten stimmten zu und so setzten sie ihren Weg fort. Sie wanderten durch den dichten Wald. Nur vereinzelt schimmerte das Licht des Mondes durch das Blätterdach, doch es war hell genug, um nicht gegen einen Baum zu laufen. Schließlich erreichten sie den Waldrand. Von dort aus sahen sie Lichter in der Ferne und das Glitzern einer Wasserfläche.
  „Das muss die Meerenge sein, die man den große Strom nennt“, sagte Hamon. „Und in der Nähe scheint ein Dorf zu liegen.“
  „Das müssten wir noch schaffen, bevor unsere Beine den Dienst versagen“, meinte Jinxon.
  „Das will ich doch meinen.“
  Die Gefährten verließen den Wald und steuerten auf die Lichter des Dorfes zu.

Kapitel 3

  Xamnar und Sartass standen einfach nur da und sahen sich um, während Morgon sich langsam zurückverwandelte. Er konnte die Gestalt der großen Hashamna nicht mehr aufrecht erhalten.
  „Sie müssen nach Osten gegangen sein“, sagte Xamnar. „Dort liegt der Elfenhof. Nur die Hochelfen wissen, wie man die Worte der Macht bannen kann. Also müssen wir auch nach Osten.“
  Also gingen der dunkle Zauberer und seine Schergen zu Fuß Richtung Osten. Nach einigen Stunden erreichten sie einen Flusslauf.
  Xamnar blieb stehen und sah den Fluss hinab. „Dieser Fluss muss zur Meerenge führen. Ich habe ein Idee, wie wir den Gnomen den Weg abschneiden können...“
  Xamnar stieg bis zu den Knien ins Wasser. Aus einem Beutel an seinem Gürtel holte er eine handvoll glitzernden Staub und streute ihn in einem Halbkreis ins Wasser. Denn streckte er die Hände in die Höhe, konzentrierte sich und sprach magische Worte.
  Nach einer Weile fing das Wasser an zu brodeln. Dann stieg eine Fontäne auf, die sich zu einer Gestalt aus waberndem Wasser verfestigte. Es war ein Dämon, geboren aus dem nassen Element. Er hatte einen riesigen, menschenähnlichen Oberkörper, dessen Rücken mit Hörnern übersäht war.
  „Was ist Euer Befehl, Meister?“, fragte der Dämon mit einer infernalischen Stimme.
  „Schwimme zur Meerenge, die man den großen Strom nennt“, sagte Xamnar. „Dort wirst du Wache schieben. Es werden vier Gnome und ein Mensch kommen, die die Meerenge überqueren wollen. Du musst sie aufhalten. Nimm die männlichen Gnome gefangen und bringe sie zu mir.“
  „Zu Befehl, Meister.“ Mit diesen Worten verschwand der Dämon im Wasser.
  Xamnar und seine Schergen setzten ihren Weg nach Osten fort.
  Nach einer weiteren Stunde des Wanderns erreichten die Gefährten ein Dorf, das direkt an der Meerenge lag. Da es Nacht war, war es still im Dorf, nur in einigen Fenstern brannte noch Licht. Die Gefährten folgten dem Weg zum kleinen Marktplatz, wo sie eine Herberge fanden. Neben der Tür hing ein Zugseil. Das war die Notglocke, die Reisende benutzen konnten, wenn sie erst spät in der Nacht die Herberge ereichten.
  Hamon zog an dem Seil und nach einer Weile wurde ein Guckloch in der Tür geöffnet.
  „Ja bitte?“, fragte eine Männerstimme.
  „Wir sind Reisende und suchen eine Unterkunft“, sagte Hamon.
  Einen Augenblick musterten die Augen, die durch das Guckloch zu sehen waren, die Gefährten. Dann wurde das Loch geschlossen und mit einem Schaben ein Riegel gelöst. Die Tür öffnete sich.
  „Kommt herein“, sagte der dicke Mann an der Tür. „Ihr seid reichlich spät.“
  „Wir haben uns spontan entschlossen nach Einbruch der Dunkelheit weiter zu reisen, um noch dieses Dorf zu erreichen“, sagte Hamon.
  Der Mann führte die Gefährten nach oben in ein freies Zimmer und kassierte das Geld für die Übernachtung. Es gab nur zwei Betten in dem Zimmer, welche die Gefährten Sanxia und Satyria überließen. Die übrigen schliefen in ihren Schlafsäcken und Decken auf dem Boden. Sie waren so müde, dass sie darauf verzichteten Wachen aufzustellen und das Beste hofften.
  Am nächsten Morgen erwachten die Gefährten erst um die Mittagszeit. Sie nahmen ein deftiges Mittagessen ein, packten danach ihre Sachen und begaben sich zum Hafen. Dort lagen mehrere Schiffe vor Anker, die sie über die Meerenge bringen konnten.
  Im Hafen herrschte viel Betriebsamkeit, in Anbetracht der Tatsache, dass er sich nur in einem Dorf befand. Ein paar Karawanen luden gerade ihre Fracht in einige große zwei-mastige Schiffe um. Anscheinend war dieses Dorf ein Anlaufpunkt für Handelskarawanen. Neben den großen Frachtschiffen gab es auch noch zahlreiche kleine Fischerboote.
  Die Gefährten gingen zu einem Gebäude, über dessen Eingang ein Schild mit der Aufschrift ‚Hafenmeisterei’ angebracht war. Das Innere des Fachwerkhauses bestand aus einem einzigen großen Raum, in dem mehrere Schreiber damit beschäftigt waren Zollbücher zu führen. Gleich neben der Tür gab es einen Informationsschalter, der Auskunft über verschiedene Schifffahrtsrouten geben konnte.
  „Guten Tag“, sagte Hamon zu dem kleinen, hageren Mann hinter dem Tresen. „Ich wüsste gerne ob eine Fähre über die Meerenge fährt.“
  „Aber selbstverständlich“, sagte der Mann. „Sie legt an Pier drei an und müsste...“ – der Mann warf einen Blick auf eine Taschenuhr – „...in einer Stunde ankommen. Für Reisende, die wenig Gepäck haben, gibt es auch noch eine andere Überfahrtmöglichkeit. Falls Ihr die erstaunliche Unterwasserwelt des großen Stromes erkunden wollt, könnt Ihr auch mit einem gnomischen Unterseeboot zum anderen Ufer fahren.“
  „Ein U-Boot?“ Hamon sah seine Gefährten an. „Das klingt interessant.“ Dann wandte er sich wieder an den Mann hinter dem Schalter. „Das müssen wir kurz besprechen.“
  Die Gefährten versammelten sich in einer Ecke unweit des Tresens.
  „Wenn einer unserer Verfolger tatsächlich ein Gestaltenwandler ist, könnte er die Meerenge vom Himmel aus beobachten“, sagte Hamon. „Wenn wir ein U-Boot nehmen, kann er uns dann nicht entdecken. Ich denke das wäre eine gute Idee.“
  Die übrigen Gefährten nickten zustimmend. Sie gingen wieder zum Tresen.
  „Wo legt denn das U-Boot an?“, fragte Hamon.
  „An Pier zwölf.“ Der Mann sah auf die Taschenuhr. „Es müsste gerade da sein.“
  Die Gefährten verabschiedeten sich dankend und gingen durch den Hafen zu Pier zwölf. Von dem U-Boot war nur die Oberseite zu sehen und der Turm in der Mitte. Vom Pier aus führte eine breite Holzplanke mit Geländer zu dem Turm. Vor der Planke standen zwei Gnome.
  Als sich die Gefährten näherten, wandte sich ein bärtiger Gnom an sie. „Na, wie iss es, wollt Ihr mit unserer schönen ‚Meermaid’ auf Tauchfahrt gehen?“
  „Ja, das wollen wir in der Tat´“, sagte Jinxon. „Wie teuer ist denn die Überfahrt?“
  „Nur fünf Goldstücke pro Person. Dafür erwartet Euch eine aufregende Fahrt durch die Unterwasserwelt des großen Stromes.“
  „Fünf Goldstücke ist nicht wenig.“
  „Aber es lohnt sich, versprochen.“
  Die Gefährten suchten aus ihren Geldbeuteln insgesamt fünfundzwanzig Goldstücke zusammen. Viel hatten sie nicht mehr, aber bis zum Elfenhof war es auch nicht mehr weit. Hamon überreichte dem bärtigen Gnom die Münzen, der sie in einem Beutel an seinem Gürtel verstaute.
  „Kommt an Bord, Ihr Landratten, und fühlt Euch wie zu Hause.“
  Die Gefährten gingen über die Planke und stiegen über eine Leiter den Turm hinab. Unten angekommen standen sie in einem engen Gang, der nach vorne und nach hinten führte. Ein Pfeil zeigte nach vorne, darunter Stand ‚Aussichtsraum’. Sie folgten dem Pfeil, links und rechts führten immer wieder Schotttüren ab. Das ganze U-Boot war aus Holz, Eisen und Messing gefertigt.
  Schließlich kamen sie durch ein offenes Schott am Ende des Ganges, hinter dem ein großer Raum lag. In dem Raum standen mehrere Tische mit Stühlen, die am Boden festgeschraubt waren. Etliche große, runde Fenster boten eine gute Sicht nach draußen auf die Unterwasserwelt. In dem Aussichtsraum hatten bestimmt dreißig Leute Platz.
  Die Gefährten setzten sich an einen Tisch nahe am Fenster und sahen nach draußen. Viel war nicht zu sehen, da sie aufgetaucht waren. Aber sie konnten die Piermauer und einige Fische sehen.
  Sie warteten bestimmt eine halbe Stunde, bis sich mit einem Krachen die Hauptluke schloss. Außer ihnen hatten sich noch etwa zwanzig andere Reisende in dem Aussichtsraum eingefunden.
  Aus einem Rohr mit einem trichterförmigen Ende kam die Stimme des bärtigen Gnoms. „Willkommen an Bord, liebe Reisende. Ich wünsche Euch eine angenehme Fahrt und eine fantastische Entdeckungsreise durch die Unterwasserwelt.“
  Kurz darauf setzte sich das U-Boot in Bewegung und entfernte sich von der Kaimauer, während es langsam nach unten sank. Es dauerte nicht lange, bis die ersten langen, schlangenförmigen Arme von Unterwasserpflanzen in Sicht kamen. Dann war der Grund der Meerenge zu erkennen, mit den seltsamsten Steinformationen. Das U-Boot passierte sogar ein zugewuchertes Schiffswrack.
  Die verschiedensten Fische schwammen an den Fenstern vorbei. Schwärme aus kleinen Fischen, die sich mit beeindruckender Einigkeit Bewegten. Aber es waren auch große Fische zu sehen. Lachse, sogar Haie und Tintenfische. Einmal schwamm sogar eine Schildkröte vorbei. Der Meeresboden war mit den unterschiedlichsten Wasserpflanzen bewachsen, von denen einige von erstaunlicher Farbenpracht waren.
  „Der Gnom hatte Recht, es lohnt sich“, murmelte Hamon, während er staunend nach draußen blickte. Seine Gefährten stimmten ihm zu.
  Die Unterwasserwelt wirkte ganz anders, als die luftige Welt der Oberfläche. Hier galten andere Gesetze. Ihre Bewohner schwebten majestätisch durch das nasse Element, mal wie in Zeitlupe, mal pfeilschnell. Sie bewegten sich nach oben und unten, keiner war an den Boden gebunden. Man fiel nicht nach unten, durch den Griff der Schwerkraft, sondern trieb sogar nach oben, wenn man nicht schwer genug war. Doch es gab auch Ähnlichkeiten zur Oberwelt. Wie der Wind fuhren Strömungen durch Algen, die wie Wälder wuchsen und wiegten die Pflanzen hin und her. Es gab Räuber und Beutetiere. Und große Haie waren wie die Könige des Unterwasserdschungels.
  „Du siehst so nachdenklich aus“, sagte Satyria nach einer Weile des Schweigens.
  Hamon wandte sich überrascht von den Fenstern ab. „Was?“
  Satyria seufzte und setzte einen mütterlichen Gesichtsausdruck auf. „Du denkst über die Geistererscheinung nach, oder?“
  Hamon senkte den Blick und nickte. „War das wirklich Salion? Oder war das eine dunkle Schattenhexerei?“ Er warf einen kurzen Seitenblick zu Sanxia, die fasziniert aus dem Fenster blickte.
  Satyria lächelte aufmunternd. „Es war wirklich Salion.“
  „Aber... Wie kann das sein?“
  „Das weiß ich nicht. Ich bin nur eine einfache Klerikerin, die mit den höheren Mysterien nicht vertraut ist. Als Priesterin Solarias kümmere ich mich mehr um die Lebenden, als um die Toten. Die Pfade der Toten sind für die Lebenden unbegreiflich.“
  „Er will uns beschützen, nicht wahr?“
  Satyria nickte. „Er ist ein Ritter, ein Ritter auf seiner letzten wichtigen Queste. Er will, dass wir sicher zum Elfenhof kommen.“
  Hamon stieß einen schweren Seufzer aus. „Ob er uns wieder erscheinen wird? Ob ich vielleicht mit ihm reden könnte?“
  Satyria lächelte mild. „Das weiß ich nicht. Aber du solltest dir nicht den Kopf darüber zerbrechen. Du hast eine wichtige Aufgabe zu erledigen und es würde Salion stolz machen, wenn du Minxodian und Jinxon weiter beschützt und sie sicher zum Elfenhof bringst.“
  Hamon nickte. „Ja, eine solche Tat wäre eines echten Ritters würdig.“
  Wieder legte sich Schweigen über die Gefährten. Sie sahen nach draußen, in die Unterwasserlandschaft. Hamons Gedanken befreiten sich von den Sorgen um Salion. Wo er auch war, es ging ihm bestimmt gut. Hamon hatte eine Aufgabe zu erledigen und er würde seinen Mentor zufrieden stellen.
  Plötzlich rauschte eine riesige Gestalt an den Aussichtsfenstern vorbei. Sie war größer als jeder Hai, den die Gefährten gesehen hatten. Es war eigentlich keine richtige Gestalt aus festem Fleisch, sondern eine Verwirbelung im Wasser. Die Gefährten sahen sich verwirrt an, als die Gestalt wieder erschien. Diesmal kam sie näher. Sie rammte das U-Boot und ein Zittern ging durch den Rumpf des Tauchschiffes. Die Fahrgäste stießen überraschte Laute aus.
  „Was war das?“, fragte Hamon.
  „Es sah wie ein Wesen aus, das aus Wasser besteht“, sagte Jinxon.
  „Ein Wasserdämon“, murmelte Satyria.
  „Was?“
  Wieder prallte etwas gegen das U-Boot, doch diesmal deutlich heftiger. Ein Knirschen hallte durch die Gänge. Die Gäste redeten aufgeregt durcheinander.
  „Verehrte Gäste“, schallte die Stimme des bärtigen Gnoms aus dem Trichterrohr, „wir haben ein paar Probleme. Wir werden auftauchen und müssen eventuell die Rettungsboote zu Wasser lassen. Bitte bewahrt Ruhe.“
  Die Gäste blieben zwar sitzen, doch ihnen war die Angst deutlich anzumerken. Aber wo sollten sie auch hin, sie waren in einem engen U-Boot.
  „Das Vieh ist hinter uns her“, sagte Minxodian. „Aber hier sind noch andere Leute, die ebenfalls gefährdet sind. Wir müssen raus und den Dämon weglocken.“
  „Wie sollen wir das anstellen?“ fragte Jinxon. „Sobald wir in ein Rettungsboot steigen, wird dieses Riesenvieh es versenken.“
  Durch das Fenster konnten die Gefährten sehen, dass sie sich immer weiter von dem Meeresboden entfernten. Schließlich ging ein Ruck durch das U-Boot, als es die Wasseroberfläche durchbrach.
  „Wir müssen mit dem Kapitän sprechen“, sagte Satyria.
  Die Gefährten standen auf und gingen den Hauptgang hinunter. Dort trafen sie auf einen gnomischen Matrosen.
  „He Ihr“, sagte Satyria, „wir müssen mit dem Kapitän sprechen.“
  Der Matrose schüttelte den Kopf. „Wir haben gerade einige Probleme, das ist kein günstiger Zeitpunkt.“
  Satyria stieß einen Seufzer aus. „Wir werden von einem Dämon angegriffen. Wir können Euch vielleicht helfen.“
  Die Augen des Matrosen weiteten sich vor Schreck. „Ein D-Dämon? Das ist absolut unmöglich, wir befinden uns innderhalb des Bannkeises...“
  „Was es auch ist, es will bestimmt nicht mit uns spielen.“
  Der Matrose stieß einen tiefen Seufzer aus und beruhigte sich wieder. Wahrscheinlich hielt er das mit dem Dämon für einen schlechten Scherz. „Ihr seid eine Klerikerin Solarias, nicht wahr?“
  Satyria nickte.
  „Na schön.“ Der Matrose öffnete ein Schott an der Seite des Ganges. Dahinter befand sich die Brücke des U-Bootes. Ein Gnom stand am Ruder, einer an den Sprechröhren. Der bärtige Gnom saß auf einem Sessel vor dem Periskop.
  „Was soll das?“, fragte der bärtige Gnom. „Die Passagiere sollen im Aussichtsraum bleiben.“
  Der Matrose räusperte sich. „Kapitän, diese Reisenden wollen uns helfen. Sie sagen, wir werden von einem Dämon angegriffen.“
  „Ein Dämon?“ Der Kapitän strich sich durch den Bart. „Das kann nicht sein. Aber was es auch ist, es ist uns nicht wohl gesonnen. Was wollt Ihr tun, an Deck gehen und dieses Vieh bekämpfen?“
  „Das könnten wir“, sagte Hamon.
  „Das Problem ist, dass wir mehrere Lecks haben. Wir müssen so schnell wie möglich evakuieren. Zum Glück ist es nicht mehr weit bis zum Ufer. Farax, öffne die Hauptluke!“
  Der Matrose und die Gefährten gingen wieder auf den Gang hinaus. Farax kletterte eine Leiter hinauf und öffnete die Luke oben im Turm. Die Gefährten kletterten hinterher. Oben angekommen kletterten sie am Turm hinab aufs Deck, während sich Farax wieder ins Innere des U-Bootes zurückzog.
  Einen Moment standen die Gefährten an Deck und starrten aufs Wasser hinaus. Dann fing die Oberfläche an zu brodeln. Eine Fontäne wuchs in die Höhe und formte sich zu einem riesigen menschlichen Oberkörper mit Hörnern auf dem Rücken. Ein Maul öffnete sich und entblößte große Zähne aus Wasser.
  Die Fäuste des Ungeheuers sausten hernieder und prallten aufs Deck. Dort wo sie einschlugen zogen sich Risse durch die Metallhaut des U-Boots. Hamon zog sein Schwert, Minxodian und Jinxon machten ihre Schießeisen bereit. Satyria sprach ein Gebet und schickte einen Sonnenstrahl auf den Dämon. Die Sonne brachte das Wasser zum brodeln und ließ es verdampfen.
  „Um den ganzen Dämon auf diese Weise zu verdampfen reicht meine Kraft nicht aus“, rief Satyria.
  Die Fäuste des Dämons verkrümmten sich zu Klauen und schlugen auf die Gefährten ein. Die sprangen auseinander und die Krallen bohrten sich in das U-Boot. Hamon schwang sein Schwert. Mit ganzer Kraft schlug er es auf den Arm des Ungeheuers. Es drang tief in das Wasser ein.
  „Ich weiß nicht ob das was bringt“, rief der Knappe.
  „Es besteht aus Wasser, wie soll man Wasser besiegen?“, schrie Minxodian. 
  Jinxon warf einen Blick zurück zum Turm. „Vielleicht können wir es lange genug aufhalten, um das Boot zu evakuieren.“
  Minxodian und Jinxon feuerten ihre Schießeisen ab. Die Kugeln versanken im Wasserkörper des Dämon ohne erkennbaren Schaden anzurichten. Sanxia kletterte den Turm wieder hoch und sah den Gang hinunter.
  „Ihr müsst das Schiff jetzt evakuieren“, schrie sie. „Wir halten das Ungeheuer auf.“ Dann rannte sie zurück zu ihren Gefährten um einen Schattenpfeil auf den Dämon zu schleudern.
  Satyria murmelte ein Gebet in der Sprache der Götter. Dann breitete sie die Arme aus. Ein schimmernder Kreis zog sich um den Dämon und fächerte sich zu einer Kugel auf. Das Ungeheuer schlug mit den Fäusten gegen die Wände der Kugel konnte sich aber nicht aus dem Bannkreis befreien.
  „Ich kann ihn für eine Weile gefangen halten“, rief Satyria.
  Die Passagier kletterten aufs Deck hinaus, gefolgt von den Matrosen und dem Kapitän. Mit Kurbeln öffneten die Matrosen eine Klappe im U-Boot, unter der zwei große Rettungsboote aus Holz lagen. Sie ließen die Boote zu Wasser und kletterten hinein. Die Passagiere starrten entsetzt den gefangenen und heulenden Dämon an. Gerade als sich die Rettungsboote von dem U-Boot entfernten, brach der Dämon aus dem Bannkreis.
  Satyria schickte einen neuen Sonnenstrahl gegen das Ungeheuer und verdampfte einen kleinen Teil von ihm. Die übrigen Gefährten starrten den Dämon entsetzt an und versuchten seinen wilden Schlägen auszuweichen. Hamon wurde von einer der riesigen Pranken getroffen und über das Deck geschleudert. Er blieb stöhnend auf dem kalten, nassen Metall des U-Bootes liegen.
  Sanxia stand schreckensstarr auf dem Deck, ihre Gedanken rasten. Sie überlegte fieberhaft, was sie gegen diesen Dämon tun konnte. Es war doch undenkbar, dass normale Waffen nichts halfen. Dann kam ihr eine Idee. Sie konzentrierte sich und schickte ihren Geist zum Grund der Meerenge. Ihr magisches Auge sah die Kraftfäden des schlammigen Bodens. Mit ihrem Geist griff sie nach diesen Kraftfäden und schickte sie nach oben. Der Schlamm fing an zu brodeln, stieg in einem breiten Strom der Oberfläche entgegen.
  Währenddessen führte der Dämon seine Angriffe fort. Auch Jinxon wurde von ihm erwischt und niedergestreckt. Sanxia lenkte den Schlamm weiter nach oben und direkt in den Dämon hinein. Der Wasserkörper des Ungeheuers füllt sich mit braunem Sand, bis er sich in zähen Schlamm verwandelt hatte. Dann sandte Sanxias Geist eine Hitzewelle aus, die den Schlamm trocknete. Risse zogen sich über den Sand, als der Schlammkörper des Dämons austrocknete. Schließlich sah das Ungeheuer aus wie ein von Dürre gebeutelter Acker.
  „Vielleicht lässt sich das ja besser bekämpfen“, sagte Sanxia. Auf ihrer Stirn perlten Schweißtropfen und ihre Beine waren so schwach, dass sie zitterten.
  Satyria rief ein paar Worte in der göttlichen Sprache und schickte einen Lichtstrahl auf Hamon. Das göttliche Licht heilte ihn und brachte ihm das Bewusstsein wieder. Der Knappe stand ächzend auf. Währenddessen feuerte Minxodian einen Schuss auf das Sandmonster ab. Die Kugel bohrte sich in die rechte Gesichtshälfte und ließ einen großen Erdbrocken abplatzen, der aufs Deck fiel.
  Hamon hob sein Schwert auf und stürmte mit neuer Kraft auf den Dämon zu. Mit einem Schlag durchtrennte die Klinge den Arm des Ungeheuers. Die abgetrennte Hand zerfiel zu einem Haufen Sand, der auf dem Deck liegen blieb.
  Der Dämon kletterte aus dem Wasser aufs Deck des U-Bootes. Sein Unterleib glitt wie eine Schlange über den Rumpf des Tauchschiffes. Sein Maul öffnete sich und senkte sich auf Hamon erhab, um nach ihm zu beißen. Der Knappe drehte sich zur Seite weg und schlug mit seinem Schwert zu. Die Waffe schnitt einen großen Brocken Sand aus dem Gesicht des Ungeheuers. Währenddessen lud Minxodian sein Gewehr nach. Nachdem er vier Kugeln in der Trommel verstaut hatte, feuerte er wieder auf den Dämon. Kleine Sandfontänen spritzten dort auf, wo die Geschosse den Dämon trafen.
  Hamon umrundete das Ungeheuer mit ein paar Sätzen und führte einen kraftvollen Hieb gegen den Unterleib des Monstrums. Er schlug große Brocken aus dem Leib. Der Dämon heulte auf vor Wut und versuchte wieder Hamon mit seinem Rachen zu verschlingen. Der Knappe konnte gerade noch ausweichen. Als sich der Kopf des Ungeheuers tief gesenkt hatte, schlug Hamon mit seinem Schwert in den Nacken. Die Klinge fraß sich durch den Sand und trennte den Kopf vom Rumpf. Der Kopf fiel in einem großen Sandhaufen zu Boden. Der Rest des Dämons schwankte kurz, dann zerfiel er zu Staub. Langsam rieselte ein Teil des Sandes vom Deck ins Wasser.
  Hamon stolperte ein paar Schritte zurück und blieb schwer atmend stehen. Ein triumphierendes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er die reglosen Überreste des Dämons betrachtete.
  „Wir haben es geschafft“, keuchte er.
  Satyria rannte zu Jinxon, der immer noch regungslos auf dem Deck lag. Sie legte ihm die Hand an den Hals und atmete erleichtert auf.
  „Er lebt noch“, flüsterte die Klerikerin. „Ich werde ihn heilen, wenn ich mich ein wenig erholt habe.“
  Hamon kletterte auf den Turm des U-Bootes und winkte den Rettungsbooten hinterher. „Hey“, rief er, „das Ungeheuer ist vernichtet. Ihr müsst uns holen, das Boot sinkt langsam.“
  Eines der Rettungsboote drehte um und kehrte zu den Gefährten zurück. Das U-Boot sank. Als das Rettungsboot ankam und die Gefährten einstiegen, schwappte schon Wasser über das Deck. Sechs gnomische Matrosen stemmten sich in die Riemen. Langsam aber stetig näherten sie sich dem Ufer.
  „Wie hast du das gemacht?“, fragte Minxodian. „Wie hast du den Wasserdämon in Sand verwandelt?“
  „Mit meinem magischen Auge“, sagte Sanxia. „Ich habe die Kraftfäden im Schlamm am Boden des Flusses gesehen und sie mit der Matrix des Dämons verknüpft. So konnte ich ihn mit Sand füllen. Dann habe ich ihn einfach mit einer Hitzewelle getrocknet. Doch wenn sich der Sand wieder im Wasser auflöst, werden sich auch die Kraftfäden wieder lösen. Das heißt der Dämon wird wieder zu seiner ursprünglichen Wassergestalt zurückfinden und uns weiter verfolgen.“
  „Aber wie sollen wir ihm entkommen?“
  „Wir brauchen noch mehr Kleriker oder Zauberer um ihn zu vernichten.“
  „Wir werden gleich in Glangamar sein“, sagte der gnomische Kapitän. „Das ist ein Elfendorf am Ufer des großen Stroms und dort gibt es auch Kleriker.“
  „Hoffentlich sind wir dort sicher vor dem Dämon.“
  Die Gnome ruderten fleißig und eine viertel Stunde später kamen einige Häuser am steilen Ufer in Sicht. Zahlreiche Plattformen und Stege verbanden die Häuser miteinander, die über die gesamte Höhe des Steilufers gebaut waren.

Kapitel 4

  Sheyla, eine elfische Klerikerin der Solaria, war gerade in der Kirche von Glangamar in ein Gebet vertieft, als ein ungutes Gefühl in ihrer Magengegend aufstieg. Ein namenloses Böses griff mit kalten Klauen nach ihrem Herzen.
  Sie öffnete die Augen und sah sich in der kleinen Halle der Kirche um. Außer ihr waren nur noch zwei junge Kleriker anwesend, die ebenfalls in Gebete vertieft waren.
  „Habt ihr das auch gespürt?“, fragte Sheyla.
  Die Kleriker öffneten die Augen und schüttelten die Köpfe. „Was denn?“, fragte einer.
  „Da kommt etwas... etwas Böses.“
  Sheyla stand auf, ging zur doppelflügligen Tür der Kirche und öffnete sie. Die Kirche war ziemlich weit oben am Hang gebaut, so dass sie einen guten Blick über das Dorf und die Meerenge bot. Zwei große Ruderboote näherten sich dem Hafen. Dahinter erhob sich etwas aus dem Meer. Es war eine Gestalt aus Wasser.
  Sheyla keuchte vor Entsetzen. „Ein Wasserdämon!“
  Sanxias magisches Auge sah es sofort. Es sah den Dämon schon, bevor er auftauchte, als er noch als dunkle Verwirbelung durch das Wasser huschte.
  „Er kommt“, schrie die Magierin.
  Die Gefährten drehten sich um und sahen den Dämon heran rasen. Wasser spritzte hinter ihm in großen Fontänen auf. In wenigen Augenblicken war das Ungeheuer heran und warf sich auf das Boot. Hamon stand auf und schlug mit seinem Schwert nach dem Monstrum. Der Hieb durchschnitt den Wasserkörper des Dämons, warf ihn sogar für einen Augenblick zurück. Doch schon kurz darauf stürzte er sich mit neuer Wut in den Kampf. Bis zum ersten Steg des Hafens waren es nur noch wenige Meter.
  „Wir müssen Jinxon an Land bringen“, schrie Hamon. „Er ist immer noch bewusstlos.“
  Dann sausten die beiden Fäuste des Dämons auf das Rettungsboot herab. Krachend zerschmetterten sie den Boden des Bootes. Wasser drang ein, das Boot sank. Die Passagiere schrieen. Das Loch war so groß, dass das Boot innerhalb weniger Augenblicke unterging. Hamon klammerte sich verzweifelt an sein Schwert und versuchte trotz seines schweren Kettenhemdes an der Wasseroberfläche zu bleiben. Sanxia und Satyria hatten Jinxon gepackt und hielten ihn oben. Minxodian versuchte mit seiner Büchse auf dem Rücken zum Steg zu schwimmen.
  Der Dämon stürzte sich auf Sanxia, Satyria und Jinxon. Eine Wasserfontäne schoss in die Höhe, als er sie nach unten drückte. Sie wirbelten durcheinander, für einen Moment wussten sie nicht mehr wo oben und unten war. Dann tauchten sie wieder auf, doch Jinxon war verschwunden.
  Der Dämon kam wieder hoch. Mit Zorngebrüll ragte er über den panisch im Wasser dümpelnden Leuten auf. In seinem Inneren schwamm eine kleine Gestalt mit einer Zipfelmütze – Jinxon.
  Plötzlich schossen drei Sonnenstrahlen auf den Dämon zu und verdampften einen Teil seines Körpers. Satyria sah sich hastig um und entdeckte drei Elfen in langen weißen Roben auf dem Steg. Sie trugen Sonnenstäbe in den Händen. Wieder schossen gleißende Lichtstrahlen aus ihren Händen, während sie in der Sprache der Götter beteten.
  Neuer Mut stieg in Satyria auf und vertrieb die Hoffnungslosigkeit, die von ihr Besitz ergriffen hatte. Sie sprach ein paar göttliche Worte und deutete auf den Dämon. Auch aus ihrer Hand schien ein Lichtstrahl und mit den vereinten Kräften der Elfenkleriker verdampfte der strahlende Sonnenschein den Körper des Dämons zu zischendem Dampf. Der Dämon schrumpfte immer weiter, bis er schließlich ganz verschwand und Jinxon ins Wasser fiel. Satyria, Sanxia und ein paar gnomische Matrosen schwammen zu dem Bewusstlosen. Mit gemeinsamen Kräften zogen sie ihn zum Steg. Hamon hatte sich an eines der Stegbeine geklammert. Zahlreiche Elfen eilten herbei und halfen den durchnässten Leuten an Land.
  Schließlich lagen die Schiffbrüchigen erschöpft auf den Brettern des Steges. Hamon hustete wie verrückt. Das Kettenhemd hatte ihn ein paar Mal absaufen lassen, so dass er Wasser geschluckt hatte. Jinxon war immer noch bewusstlos. Doch den anderen ging es den Umständen entsprechend gut.
  Eine elfische Klerikerin beugte sich über Jinxon. Sie legte ihm eine Hand auf die Stirn und murmelte ein paar Worte. „Schnell, wir müssen ihn ins Haus der Götter bringen.“
  Die beiden Elfenkleriker und die gnomischen Matrosen packten den Bewusstlosen und trugen ihn mit vereinten Kräften einen Hang hinauf zu einer Kirche. Über dem großen Tor des reich verzierten Gebäudes prangte die Sonnenscheibe der Sonnengötter Solaria und Solarion. Auf den Ecken des Daches saßen steinerne Wasserspeier und warfen den Leuten unter ihnen grimmige Blicke zu, als wollten sie die Rechtschaffenheit ihrer Seelen prüfen.
  Jinxon wurde in die Kirche getragen, vorbei an den hölzernen Sitzbänken. Man legte ihn vor den Altar. Durch ein Fenster aus gelbem Glas fielen goldene Sonnenstrahlen, die den Körper des Gnoms in ein warmes Licht tauchten. Die Elfenkleriker versammelten sich um Jinxon.
  Die Frau unter ihnen, offensichtlich die Hohepriesterin der Kirche, wandte sich an Sytaria. „Willst du uns helfen, Schwester?“
  Satyria nickte und gesellte sich zu den Elfen. Sie hielten ihre Sonnenstäbe ins Licht und fingen an, in der Sprache der Götter zu singen. Das Licht, das durch das Fenster schien, wurde immer intensiver. Schließlich strahlte es so hell, dass die Anwesenden nicht mehr hinsehen konnten, so blendend war es. Dann wurde es schwächer. Jinxon fing an zu husten. Wasser quoll aus seinem Mund.
  „Da ist noch ein Rest des Dämons in ihm“, flüsterte die Elfenklerikerin. „Ein bisschen seiner schrecklichen Essenz.“
  Das Wasser schwebte aus Jinxons Mund. Es dümpelte durch die Luft und bildete eine seltsame Grimasse. Das Gesicht fing an zu heulen und wurde von Lichtstrahlen aufgespießt. Das schwebende Wasser kochte. Dann zerplatzte es in tausend Tropfen und verdampfte unter der sengenden Sonne.
  Die Kleriker Solarias und Solarions seufzten erleichtert. „Der Dämon ist besiegt“, flüsterten sie.
  Jinxon blinzelte. Dann schlug er die Augen auf. Er sah sich um. Minxodian ging neben ihm in die Hocke. „Was ist passiert?“, fragte Jinxon.
  „Der Dämon hat dich erwischt“, sagte Minxodian. „Er hat dich sogar verschluckt. Aber die Kleriker Solarias und Solarions haben ihn mit der Sonne verdampft und ihn aus deinem Körper vertrieben.“
  Jinxon schluckte. „Ich hatte einen schrecklichen Traum. Ich war umgeben von Wasser. Ich war am ertrinken. Und dann kamen diese Schatten von überall her. Ich dachte ich wäre außerhalb des Bannkreises...“
  Die Elfenklerikerin trat neben Jinxon. Sie legte ihm die Sonnenscheibe ihres Priesterstabes auf die Brust. „Mein Name ist Sheyla, ich bin die Hohepriesterin dieser Kirche. Möge der Segen Solarias mit dir sein...“ Sie runzelte die Stirn und ihr Stab zuckte zurück. „Aber... ich spüre immer noch Böses in dir, auch wenn es nicht von einer verdorbenen Seele ausgeht.“
  Jinxon setzte sich auf. Er tauschte ein paar Blicke mit seinen Gefährten aus. „Das ist so eine Geschichte...“
  Sheyla erkannte die Sorge in den Blicken der Gefährten. Sie hob die Hände. „Liebe Leute“, rief sie, so dass alle sie hören konnten. „Ich danke euch für eure Hilfe. Unserem kleinen Freund geht es wieder gut. Gehet hin in Frieden.“
  „Dank sei den Herren der Sonne“, murmelten die Anwesenden. Dann verließen sie die Kirche.
  Nun waren nur noch die fünf Gefährten und die drei Elfenkleriker anwesend. Jinxon stand vor dem Altar. Er knetete verlegen seine Mütze in den Händen. Die warme Sonne, die durch das Kirchenfenster schien, hatte die Kleidung der Gefährten ungewöhnlich schnell getrocknet.
  „Wer seid Ihr?“, fragte Sheyla mit strengem Blick.“
  Jinxon deutete auf seine Gefährten. „Das sind Hamon, ein Knappe, Satyria, eine Klerikerin Solarias, Sanxia, eine Magierin, Minxodian und mein Name ist Jinxon. Wir... Wir beide sind Kaviarsammler. Und als wir vor einigen Tagen ein Netz voll Fische auf unser Boot holten, verwandelte sich einer von ihen in einen Elfen. Er sagte uns seltsame Worte. Worte, wie wir sie noch nie gehört haben... unglaublich böse Worte... Und er sagte uns, dass wir sie zum Elfenhof bringen sollten und dass wir sie möglichst nicht aussprechen dürfen. Seitdem spüren wir das Böse dieser Worte in unserer Seele.“ Jinxon senkte den Blick und starrte missmutig auf seine Mütze.
  Sheyla schürzte die Lippen und dachte einen Moment nach. „Und ihr wurdet von diesem Dämon verfolgt?“
  „Nicht die ganze Zeit. Wir werden von drei Männern verfolgt. Einer von ihnen ist ein Dunkelelf. Sie müssen diesen Dämon beschworen haben.“
  „Wo habt ihr den Elfen gefunden?“
  „Im Salamar-See.“
  „Und ihr habt es bis hierher geschafft? Ihr müsst sehr mutig sein und sehr gewitzt.“
  Jinxon warf Sheyla einen flehenden Blick zu. „Können wir die Worte an Euch weitergeben? Damit Ihr sie zum Elfenhof bringen könnt? Wir wünschen uns nichts so sehr, als endlich von dieser Last befreit zu werden.“
  Sheyla lächelte und legte dem Gnom eine Hand auf die Schulter. Die Gefährten konnten an ihrer Miene ablesen, wie die Gefühle in ihr stritten. Plötzlich zuckte ihre Hand zurück. Sie stieß einen schweren Seufzer aus. „So sehr ich in meinem Leben nach einer reinen Seele gestrebt habe, so sehr ich die Göttin der Sonne auch verehre, ich weiß nicht, ob ich dem Bösen in diesen Worten gewachsen bin. Ihr tragt sie schon seit Tagen mit Euch herum. Ihr scheint stark genug zu sein, den Verlockungen ihrer Macht zu widerstehen. Vielleicht würde ich ihnen erliegen, würde versuchen ihre Macht zu benutzen. Sie könnten mich verderben, könnten mir vorgaukeln Gutes zu tun, während ich in Wahrheit das Werk des Bösen verrichte.“ Sheyla schloss die Augen. Ihre Hand ballte sich zur Faust. Dann ließ sie wieder ihren Blick über die Gefährten schweifen. „Auch wenn es eine schwere Last für Euch ist, so muss ich Euch doch bitten, sie noch eine Weile zu tragen. Bis zum Elfenhof ist es nicht mehr weit. Wir werden Euch alle Ausrüstung geben, die Ihr braucht. Ihr könnt es schaffen.“
  „Werdet Ihr uns begleiten?“, fragte Hamon.
  Shelya schüttelte langsam den Kopf. „Es tut mir Leid, aber unser Platz ist hier, in dieser Gemeinde. Eure Verfolger werden bestimmt durch dieses Dorf kommen und wir werden sie hier erwarten. Wir werden versuchen sie aufzuhalten, um Euch einen Vorsprung zu verschaffen.“
  Jinxon und Minxodian ließen die Schultern hängen. Sie spürten deutlich, wie die Worte an ihren Seelen zerrten. Nach einem Augenblick des Schweigens seufzte Minxodian schließlich. „Dann sollten wir keine Zeit verlieren und sofort aufbrechen.“
  Sheyla nickte. „Ja, das wäre das Beste.“ Einen Moment lang rieb sie sich nachdenklich das Kinn. „Aber es gäbe da etwas, mit dem wir Euch wirklich helfen könnten...“





Teil 4

Im Reich der Hochelfen

Kapitel 1

  Nachdem sie die Gefährten mit Proviant ausgestattet hatten, führten die Elfenkleriker sie einen Pfad hinauf, der sich eine Felswand hinaufschlängelte. Am Ende des Pfades kam eine Höhle in Sicht. Vor der Höhle stand eine kleine Hütte. Ein Feuer brannte auf einem Kiesbett und daneben saß eine Gestalt, die sich in einen weiten Umhang gehüllt hatte. Alarmiert von den Schritten der Kleriker, stand die Gestalt auf. Sie lugte unter einer Kapuze hervor.
  Erst jetzt konnten die Gefährten erkennen, dass es ein Elf mit einem mächtigen Buckel auf dem Rücken war. Er stand gekrümmt da und schenkte den Klerikern ein schiefes Lächeln aus einem groben Gesicht. Er nahm die Kapuze ab und entblößte einen deformierten Kopf mit Halbglatze.
  „Mögen die Götter dich segnen, Quasajo“, sagte Sheyla mit einem Lächeln.
  Der Bucklige verbeugte sich. „Euer Besuch ist mir eine Ehre.“ Quasajo beäugte die Gefährten mit einem unsicheren Blick. „Ihr habt Besuch mitgebracht.“
  „Ja, sie sind auf einer wichtigen Mission und brauchen unsere Hilfe.“
  „Ihr meint doch nicht...“
  „Doch... wir brauchen sie im Moment nicht. In nächster Zeit werden wir sowieso in Glangamar bleiben. Es kommt wahrscheinlich Ärger auf uns zu, wir müssen das Dorf beschützen.“
  „Ärger?“ Quasajos Augen weiteten sich vor Schreck. „Aber doch keine Dämonen...“
  Sheyla schluckte und nickte ernst. „Doch, es sieht ganz so aus.“
  „Aber... Seit tausend Jahren wurde keiner mehr gesehen. Der Bannkreis hält sie alle fern.“
  „Ich weiß nicht, wie das geschehen konnte. Offensichtlich wird der Bannkreise schwächer.“
  „Dann muss er so schnell wie möglich gestärkt werden...“
  „Keine Sorge, mein Freund.“ Sheyla lächelte. „Genau deshalb müssen unsere Freunde hier so schnell wie möglich zum Elfenhof. Sie haben etwas bei sich, dass den Bannkreise verstärken kann, wenn man es reinigt.“
  Quasajo sah die Gefährten mit großen Augen an. Er kam langsam näher. Eines seiner Augen war fast komplett zugeschwollen. Eigentlich konnte man ihn nach herkömmlichen ästhetischen Standards als hässlichen bezeichnen. Der Buckel, seine groben Gesichtszüge, sein zugeschwollenes Auge, seine Halbglatze, sein verbeulter Schädel, all das machte ihn nicht gerade zu einer Schönheit. Doch irgendwie verströmte er eine gewissen Wärme, die die Gefährten beruhigte. Quasajo streckte seine Hand nach Minxodian und Jinxon aus. Doch kurz bevor er sie berühren konnte, zuckte er zurück.
  „Diese Macht...“, flüsterte er. „So was hab ich schon lange nicht mehr gespürt.“
  Sheyla nickt mit ernster Miene. „Eine Macht, die uns hoffentlich helfen wird, wenn wir sie erst einmal gereinigt haben... Aber jetzt haben wir nun wirklich genug geredet. Bring uns Astoroth, Astarath und Astirith.”
  „Sofort.“ Quasajo verschwand in der Höhle. Kurz darauf ertönte ein Kreischen. Dann kam er wieder und führte drei Greife an Zügeln aus der Höhle. Es waren majestätische Mischwesen mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf und den Flügeln eines Adlers. Sie waren groß, sogar noch etwas größer als ein Pferd. Die Tiere breiteten ihre Schwingen aus und schlugen damit, als könnten sie es kaum erwarten los zu fliegen.
  „Da sind sie, meine Schätzchen.“ Quasajo tätschelte den Tieren liebevoll die Schnäbel.
  „Greife“, flüsterte Hamon. „Wie die Reittiere der kaiserlichen Garde von Lyssilien.“
  „Wir benutzen sie normalerweise, um schnell über die Meerenge zu kommen“, sagte Sheyla. „Aber jetzt sollten sie Euch so schnell wie möglich zum Elfenhof tragen.“
  Die Gnome näherten sich neugierig den Greifen, während Hamon sie ehrfürchtig anstarrte. Als Jinxon eine Hand nach einem der Tiere ausstreckte, fauchte der Greif aufgebracht.
  „Ganz ruhig“, flüsterte Quasajo und streichelte den gefiederten Nacken des Tieres. „Die tun dir nichts, Astoroth. Das sind Freunde, die etwas Wichtiges zu erledigen haben. Sie brauchen eure Hilfe.“
  Sheyla lachte. „Quasajo ist ein Naturtalent im Umgang mit Tieren. Sie vertrauen ihm. Er kümmert sich um sie, er ist der Einzige, dem sie vollkommen vertrauen. Greife sind recht misstrauisch.“
  Quasajo flüsterte den Greifen etwas zu. Eine Weile starrten die Gefährten die Tiere skeptisch an. Es sah nicht so aus, als würden die Tiere sie in ihre Nähe lassen.
  Doch schließlich wandte Quasajo sich wieder den Gefährten zu, mit einem schiefen Lächeln auf dem Gesicht. „Ich konnte sie überzeugen. Ich hab ihnen gedroht, dass ich ihnen einen ganzen Monat lang nicht mehr den Fisch brate, den sie in der Meerenge fangen. Das hat sie wohl zur Vernunft gebracht. Sie lieben gebratenen Fisch, besonders mit Zwiebeln.“
  Auf ein Zeichen von Quasajo legten sich die Greife hin. Die Gefährten stiegen in die Sättel auf den Rücken der Tiere. Hamon nahm einen Greif für sich alleine. Die Gnome teilten sich jeweils einen Greif zu zweit. Dann erhoben sich die Tiere wieder und schlugen aufgeregt mit den Flügeln.
  „Sie kennen den Weg zum Elfenhof“, sagte Quasajo. „Ihr müsst Euch einfach nur von ihnen tragen lassen. Wenn die drei Müde sind, werden sie von alleine landen. Sie werden schon einen günstigen Platz zum Rasten finden. Sie werden Euch führen.“
  „Danke“, sagte Hamon. „Mit Eurer Hilfe haben wir es schon fast geschafft.“
  „Mit den Greifen solltet Ihr den Orks entgehen, die manchmal durch das Hochelfenkönigreich streifen“, sagte Sheyla. „Wenn Ihr landet, nehmt Euch vor ihnen in Acht und passt auf, dass sie Euer Feuer nicht sehen.“
  Hamon nickte. „Das werden wir. Danke für die Warnung.“
  „Mögen die Götter mit Euch sein.“
  „Und mit Euch.“
  Die Elfen winkten den Gefährten zum Abschied, als sich die drei Greife mit mächtigen Flügelschlägen in die Luft erhoben.
  Der Wind blies den Gefährten in die Gesichter, während sie von den Greifen durch die Lüfte getragen wurden. Von oben sah das Hochelfenkönigreich sehr natürlich aus. Es gab endlose Wälder, die ab und zu von Wiesen durchbrochen wurden. Man sah kaum Felder, auf denen Landwirtschaft betrieben wurde. Die Gefährten hatten schon so einiges über die Elfen gehört. Sie lebten im Einklang mit der Natur und bedienten sich an den Früchten, die ihnen die Wälder boten. Eigentlich griffen sie kaum in den Kreislauf der Natur ein. Sie passten ihre Städte nach den natürlichen Gegebenheiten der Wälder an, jagten nur wenn es nötig war und sammelten, was es gab. Nüsse, Beeren, Pilze, Früchte, all das boten die Wälder, man musste es sich nur nehmen. Nur in den Städten bauten die Elfen Gemüse in kleinen Beeten an und ab und zu sah man solche Beete und kleine Felder durch das Blätterdach der Bäume schimmern.
  Die Greife waren ausdauernde Tiere. Sie flogen die ganze Nacht hindurch. Erst im Morgengrauen suchten sie sich einen Landeplatz. Sie steuerten auf eine kleine Lichtung inmitten eines großen Waldes zu. Ihre Schwingen wirbelten einzelne Blätter auf, als sie landeten. Die freie Fläche zwischen den Bäumen war mit weichem Gras bewachsen. Die Gefährten stiegen ab und streckten ihre Glieder.
  Die Greife wanderten auf der Lichtung umher. Sie reckten ihre Hälse zu den Bäumen hinauf und knabberten an den Blättern.
  Jinxon betrachtete die Tiere verwundert. „Die fressen Grünzeug.“
  „Greife sind Allesfresser“, sagte Hamon.
  Nachdem sich die Greife etwas gestärkt hatten, legten sie sich ins Gras, um sich auszuruhen. Die Gefährten folgten ihrem Beispiel und aßen etwas von dem Proviant, den ihnen die Elfen mitgegeben hatten. So saßen sie eine ganze Weile in der Morgensonne. Schließlich erhoben sich die Greife und streckten ihre Schwingen aus. Sie waren bereit weiterzufliegen.
  Da erfüllte plötzlich ein seltsames Geräusch die Luft. Es hörte sich an, wie ein scharfer Luftzug. Kleine Pfeile flogen durch die Luft, nicht größer als Nadeln. Sie trafen die Greife an den Hälsen. Die Tiere stießen Adlerschreie aus. Dann wankten sie und fielen zu Boden.
  Die Gefährten sprangen auf und zogen ihre Waffen. Jinxon hielt sein Schild schützend vor sich, bereit weitere Pfeile abzuwehren. Dann schossen plötzlich Netze aus dem Wald. Sie flogen durch die Luft und legten sich über die Gefährten. Hamon schlug mit seinem Schwert um sich. Die engen Maschen hemmten seine Bewegungen. Er versuchte mit seiner Klinge die Netze aufzuschneiden.
  Einen Augenblick später stürmten Gestalten aus dem Wald. Ihre Kleidung war aus braunem Leder, darüber trugen sie grüne Kapuzenumhänge. Sie hatten lange Haare, doch ihre Gesichter waren von glatten, gebleichten Holzmasken verhüllte. Sie hielten Bögen in den Händen. Die Spitzen ihrer Pfeile richteten sich auf die Gefährten. Hamon und die Gnome erstarrten. Sie ließen ihre Waffen sinken. Es waren eindeutig zu viele Angreifer.
  Dann schälte sich eine weitere Gestalt aus den Schatten der Bäume. Es war ein Reiter auf einer riesigen Raubkatze, die so groß war wie ein Pony. Die Katze hatte schwarzes Fell und grauen Flecken – ein Schattenparder. Die Gestalt, die auf der Bestie ritt, war genauso gekleidet, wie die anderen. Sie hielt einen Speer und einen Holzschild mit Federn in den Händen. Auf das Holzschild war mit weißer Farbe eine Spirale gemalt. Die Gefährten erkannten das Symbol sofort. Es war das Zeichen Mor’acurs, des Gottes der Winde, der Magie und der Drachen.
  Die Gestalt auf dem Schattenparder rief den maskierten Bogenschützen etwas in einer fremden Sprache zu. Die Gefährten verstanden zwar nicht genau, was er sagte, aber es war eindeutig die Sprache der Elfen, nur in einem seltsamen, knurrigen Dialekt.
  Dann wandte sich die Gestalt an Hamon und die Gnome. Es war eindeutig die Stimme eines Mannes. „Was macht ihr hier, Fremde?“
  Die Gefährten sahen sich unsicher an. „Das sind Elfen?“, flüsterte Jinxon.
  „Wilde Elfen“, antwortete Hamon mit leiser Stimme.
  „Die sind ziemlich unfreundlich.“
  „Wir sind nicht unfreundlich“, donnerte der Elf auf dem Schattenparder. „Wir sind nur vorsichtig.“ Er lenkte sein Reittier näher an seine Gefangenen heran und tippe Minxodian mit seinem Speer an. „Seltsame kleine Kreaturen seid ihr.“
  „Wir sind...“
  „Schweig! Über euch wird unser Häuptling entscheiden.“ Der Elf stieß einen Pfiff aus. Kurz darauf schlichen weitere Schattenparder aus dem Wald. Die Elfen zerrten die bewusstlosen Greife auf Tragen, die hinter die Raubkatzen gespannt waren. Auch die Gefährten wurden auf solche Tragen gefesselt.
  Dann setzten sich die Elfen in Bewegung und verschleppten ihre Beute in die schattigen Tiefen des Waldes.

Kapitel 2

  In der Nacht, in der der Knappe und die vier Gnome über die Wälder des Hochelfenkönigreiches flogen, saß Quasajo vor seiner Hütte am Feuer und schmorte ein paar Pilze in einer Pfanne. Er hatte sie aus der Höhle, in der die Greife untergebracht waren. Da wuchsen prächtige Pilze – und Schattenzwiebeln. Quasajo schnitt ein paar der Zwiebeln in Würfel und mengte sie unter die Pilze. Ein würziger Duft stieg ihm in die Nase und ließ ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen.
  Plötzlich schreckte er hoch. Nur sein Feuer, der Mond und die Sterne erhellten die Nacht. Doch er sah deutlich, wie drei dunkle Gestalten auf ihn zu kamen. Ein ungutes Gefühl stieg in ihm auf. Eine alte Angst, die er schon lange nicht mehr verspürt hatte.
  Die drei Gestalten traten in den Schein des Feuers. Es war ein Dunkelelf, ein Mann mit wirrem Bart und Fellkleidung und jemand in einem schwarzen Umhang.
  „Sie waren hier, nicht wahr?“, flüsterte der Mann, dessen Gesicht im Schatten einer Kapuze verborgen war.
  Quasajo stand auf und wich ängstlich einen Schritt zurück. „Wen meint Ihr, Fremder?“
  „Ein Mensch und vier Gnome... Sie waren hier, ich spüre es. Aber ihre Spur endet hier.“
  „W-Was wollt Ihr von mir?“
  Die dunkle Gestalt streckte eine Hand aus. Seine Finger steckten in einem schwarzen Handschuh und sie krümmten sich wie Klauen. „Ich will, dass du mir sagst, wo sie hin sind.“
  Quasajo wich weiter zurück, bis er an die Wand seiner Hütte stieß. Er hatte gehofft, dass er nie wieder einer solchen Gestalt begegnen würde. Doch nach so langer Zeit holte ihn seine Vergangenheit wieder ein. „Ihr werdet sie nicht mehr einholen. Sie haben einen großen Vorsprung.“
  Der Mann in der Fellkleidung schlich vor der Höhle umher. Es schien beinahe so, als würde er schnuppern. Dann betastete er einen Haufen. „Greifenkot“, knurrte er. „Hier waren Greife.“
  Die dunkle Gestalt ballte ihre Hand zu einer zitternden Faust. „Sie sind auf Greifen zum Elfenhof geflogen?“
  Quasajo setzte ein grimmiges Lächeln auf. „Ja, und das schon vor Stunden. Ihr könnt sie nicht mehr einholen. Kaum etwas fliegt schneller als ein Greif.“
  Der Kapuzenmann lachte heiser. „Ich erkenne deinen dunklen Makel, Quasajo...“
  Quasajo zuckte zusammen, als der Fremde seinen Namen nannte. Er spürte, wie ein fremder Geist in seine Gedanken eindrang.
  „Du bist verwandelt worden“, sagte der Dunkle. „Damals, im Krieg der Schatten, vor eintausend Jahren. Nicht wahr?“
  Quasajo schluckte schwer. „Die Diener der Schatten haben mich vor Urzeiten gefangen genommen. Sie wollten mich als Opfer für eines ihrer Rituale. Die Schattenmagie entstellte meinen Körper, doch ich wurde von den Klerikern der guten Götter gerettet, bevor ich in dem Ritual starb.“
  „Und seitdem bist du ein Geschöpf der Dunkelheit. Ich fühle den Makel der Schatten auf dir.“
  „Nein, ich bin ein treuer Diener Solarions und Solarias...“
  „Blödsinn! Du gehörst nicht zu ihnen! Glaubst du, dass sie einen Krüppel wie dich wirklich akzeptieren? Wieso musst du wohl hier oben hausen, abseits der anderen?“
  „Ich lebe freiwillig hier. Ich lebe gerne hier bei den Greifen...“
  „Weil du ganz genau weißt, dass du nicht zu den anderen gehörst. Tief in deinem Innern weißt du, dass nur das Reich der Schatten deine wahre Heimat ist.“ Der dunkle Mann trat näher an Quasajo heran. „Du bist mit den Greifen verbunden, ich spüre es. Rufe sie zurück und mein Herr wird dir all deine Wünsche erfüllen.“
  Quasajo starrte den Fremden an. Sein Blick wanderte zu dem Dunkelelfen, dessen rote Augen ihn anfunkelten. Dann sah er zu dem Wilden. Sein wirrer Bart verdeckte jede Regung seines Gesichtes. Quasajos Hände ballten sich zu Fäusten. Schließlich richtete er seinen Blick wieder auf den dunklen Mann. „Nein! Ich gehöre nicht zu Euch!“
  Der Dunkle schnaubte. „Wie du willst. Dann werde ich die Greife halt durch deinen Geist zurückrufen – wenn du im Sterben liegst.“
  Plötzlich erhellte sich die Nacht. Gleißende Sonnestrahlen stachen durch die Dunkelheit und badeten die drei Fremden in sengendem Licht. Die drei Gestalten fauchten erschrocken. Der Dunkelelf spannte seinen Bogen. Der Dunkle sang ein paar Worte.
  Sheyla und ihre beiden Kleriker kamen den Weg zur Höhle hinaufgestürmt. Aus ihren Sonnenstäben schimmerten Lichtstrahlen. Der dunkle Fremde hob seine Hände. Sein Gesang wurde im schriller. Dann lösten sich die drei Gestalten auf. Dort wo sie gerade noch gestanden hatten, schwebten Schattenfäden in der Luft. Es war wie ein Rauch aus pechschwarzer Dunkelheit, der sich langsam verzog und in der Nacht verschwand.
  Sheyla und die beiden Kleriker eilten zu Quasajo. Sie sahen sich um. Doch außer dem verängstigten Greifenhüter war niemand mehr zu sehen. Quasajo zitterte am ganzen Leib. Sheyla legte ihm eine Hand auf seine bucklige Schulter. „Ganz ruhig mein Freund, sie können dir nichts mehr tun.“
  Quasajo schniefte. „Sie haben gesagt, dass ich nicht zu euch gehöre... weil ich das Mal das Schatten trage.“
  Sheyla seufzte. „Das stimmt nicht. Das dunkle Ritual von damals hat zwar deinen Körper verformt, aber nicht deine Seele. Deine Seele ist immer noch so strahlend rein wie damals.“
  „Aber...“
  „Komm, Quasajo. Komm mit ins Dorf. Du hast dich lange genug hier oben versteckt.“
  „Aber sie starren mich alle so an.“
  „Sie starren dich nur an, weil du etwas Besonderes bist. Wenn sie sich an dich gewöhnt haben, wird dich niemand mehr anstarren. Aber du musst ihnen die Möglichkeit geben, sich an dich zu gewöhnen.“
  „Ich gehöre nicht in die Schatten?“
  Sheyla lächelte. „Nein, du gehörst ans Licht, dorthin wo dich alle sehen und bewundern können.“
  Quasajo seufzte schwer und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Dann löschte er das Feuer und folgte den Klerikern hinunter ins Dorf.
  Die wilden Elfen schleppten die fünf Gefährten immer tiefer in den Wald. Bald war das Blätterdach so dicht, dass nur noch hier und da ein Sonnestrahl durch das dichte Grün schimmerte. Es herrschte ein düsteres Zwielicht. Leuchtende Flechten wuchsen an den Bäumen und durchsetzten den Wald mit zauberhaften Lichteffekten. Glühwürmchen tummelten sich in den schattigsten Plätzen.
  Schließlich hielten die Elfen auf einer freien Fläche, die von mächtigen Bäumen umringt war. Die Greife wurden von den Tragen gezerrt und unter ein paar Netzen angepflockt, so dass sie sich nicht bewegen konnten, wenn sie erwachten. Die Gefährten führte man zu einem der riesigen Baumstämme. Die Stämme hatten bestimmt einen Durchmesser van zehn Metern. Zwischen ihren mächtigen Wurzeln lagen Höhleneingänge. Die Elfen stießen die Gefährten in eine dieser Höhlen. Doch im Innern war es nicht dunkel. Leuchtende Pilze und Flechten wuchsen an den Wänden. Der Stamm des Riesenbaumes war von innen fast vollständig hohl. Termiten und andere Tiere hatten ihn anscheinend ausgehöhlt. Und in diesen hohlen Stamm hatten die Elfen eine Wendeltreppe gebaut, die in die Höhe führte. Die Gefährten bestaunten die Konstruktion, während sie nach oben gezerrt wurden. Sie war primitiv. Kein einziger Nagel war zu sehen. Statt dessen schienen die einzelnen Stücke genau ineinander gewachsen zu sein. Hier und da hatten sich Efeuranken um sie gewickelt, wie Seile, die der Treppe mehr Stabilität verliehen. Die ganze Konstruktion knarrte verdächtig unter dem Gewicht der vielen Personen.
  Die Gefährten wussten nicht, wie hoch sie stiegen. Irgendwann erreichten sie eine Baumkrone. In den dicken Ästen des Baumes hingen aus Zweigen geflochtene Wege und Plattformen. Sie sahen aus, wie die Nester von Vögeln. Es gab sogar Gebilde, die eine ganze abgeschlossene Kugel bildeten, mit einem kleinen Loch als Eingang. Doch die meisten Behausungen hatten nur einen Boden und ein Dach. Die Wände wurden von aufgespannten Tierhäuten gebildet.
  Die Gefährten bestaunten einen Moment die Behausungen. Sie warfen einen Blick nach unten, um festzustellen, wie hoch sie waren, doch sie konnten den Boden nicht sehen. Unter sich und über sich sahen sie nur ein dichtes Blätterdach.
  Die Elfen schubsten Hamon und die vier Gnome unsanft über einen breiten geflochtenen Steg, bis sie einen großen Platz erreichten, der in einer gewaltigen Baumkrone hing. Der Boden bestand tatsächlich aus Erde, die auf einem riesigen Nest ausgestreut war. Auf dem Platz wuchsen sogar kleine Pflanzen aus der Erde. In der Mitte brannte ein großes Feuer unter einem Dach aus Tierhäuten. Am Rande des Platzes spielten einige Elfenkinder mit kleinen Schattenpardern. Doch als die Gefangenen herangeschleppt wurden, kamen einige Mütter, packten ihre Kinder und deren Spielgefährten und verschwanden in einigen Nestern.
  Die Gefährten wurden vor das große Feuer geschubst. Einen Moment sahen sie sich unsicher um, starrten in die Masken ihrer Wächter. Dann kam ein Elf hinter dem Feuer hervor. Er trug ebenfalls eine ausdruckslose Maske. Er schlich gebeugt auf die Gefangenen zu. In seine langen Haare waren Federn und Blumen geflochten. An seinem Gürtel hing der Schwanz eines Fuchses. Ein Dolch mit einer Feuersteinklinge steckte daneben. Er roch nach Kräutern. Offensichtlich war er der Häuptling, von dem die Elfen gesprochen hatten.
  Eine Weile schlich der Elf vor den Gnomen umher. „So was wie euch hab ich noch nie gesehen“, sagte er mit einer knisternden Stimme. „Ihr seht aus wie Kinder, aber dieser hier trägt einen Bart, wie ein Mann.“ Er deutete mit einem krummen Fingern auf die Gnome. „Ihr seht aus, wie verkommene Kreaturen der Schatten...“
  „Nein!“, schrie Jinxon. „Wir sind Gnome. Wir sind friedliche Wesen. Wir werden nun mal nicht größer.“
  „Wesen mit nur drei Fingern? Schattenhexerei!“
  „Wir sind Dreifingergnome. Wir haben nun mal nur drei Finger. Es gibt auch Vierfingergnome, Fünffingergnome und sogar Sechsfinger...“
  „Schweig, Schattenkreatur!“ Der Häuptling griff nach einer Pistole an Jinxons Gürtel und zog sie aus dem Halfter. Er betrachtete sie wie ein mystisches Artefakt. „Was für ein Zauberwerk ist das?“
  „Das ist eine Pistole. Vorsicht, nicht an dem Abzug ziehen, die ist geladen!“
  „Eine Waffe?“ Der Häuptling ließ die Pistole fallen und stieß sie mit dem Fuß an.
  „Ja.“
  „Eine Waffe ohne Klinge? Schattenwerk!“
  „Wir sind keine Schattenkreaturen“, rief Satyria. „Ich bin eine Klerikerin Solarias.“
  „Solaria?“ Der Häuptling brummte abfällig. „Viele Hochelfen haben sich von der alten elfischen Sonnengöttin Shey’war’harr abgewand. Sie folgen jetzt den Göttern der Menschen, Solaria und Solarion...“
  „Shey’war’harr und Solaria sind ein und dieselbe Göttin, sie haben nur verschiedene Namen. Shey’war’harr ist der Name, den die Elfen ihr gegeben haben. Solaria wird sie von den Menschen genannt.“
  „Und wieso haben die Hochelfen den alten Namen ihrer Göttin aufgegeben? Sie haben ihr Erbe verraten.“
  „Welchen Namen sie trägt ist doch irrelevant...“
  Der Häuptling stieß ein Zischen aus, wie das einer Schlange. „Du flogst der Sonnengöttin?“
  Satyria schluckte und setzte eine ernste Miene auf. „Ja, mit ganzem Herzen.“
  „Beweise es uns!“
  Satyria seufzte und schloss die Augen. Ihre Lippen bewegten sich, als sie ein Gebet in der Sprache der Götter murmelte. Dann erschien plötzlich eine schimmernde Lichtkugel vor ihr. Die Elfen fingen an, aufgeregt zu flüstern. Eine Weile überstrahlte die Lichtkugel den Feuerschein. Dann verschwand sie wieder und Satyria öffnete die Augen. „Das Licht Solarias“, flüsterte sie.
  Der Häuptling stieß ein lang gezogenes Brummen aus. „Wir folgen nicht der Sonnengöttin. Wir folgen Mor’acur, dem Gott der Winde, der Magie und der Drachen.“
  Hamon stieß einen Seufzer aus. „Aber es gibt keine Drachen und es hat sie auch nie gegeben.“
  „Das sagst du, Menschlein! Aber selbst wenn es sie nie gegeben hat, ist der Drache doch in jedem von uns. Stärke, Weisheit, Macht, das alles vereint der Drache in sich. Er kann auf dem Land gehen, in der Luft fliegen, im Wasser schwimmen und Feuer speien. Er ist Herr aller Elemente, der Drache ist die Form von Perfektion nach der wir alle streben. Er ist das Symbol für das, was wir am Ende unseres Lebens sein wollen. Solaria und Solarion sind die Götter der Hochelfen. Sie haben sich vom Weg der Natur abgewandt. Sie folgen nicht frei dem Wind, so wie wir. Sie haben Mauern und Türme gebaut, die den Wind fangen. Sie haben sich in Stein eingesperrt.“
  „Das stimmt nicht“, sagte Satyria. „Die Hochelfen folgen immer noch der Natur. Sie passen sich der Natur an, auch wenn sie in Gebäuden aus Stein leben.“
  „Aber wir vertreten den einzig wahren Weg.“
  „Viele Wege führen zur Wahrheit.“
  Der Häuptling erstarrte. Einen Moment stand er stumm da. Man konnte zwar seine Augen nicht sehen, doch Satyria spürte, wie er sie anstarrte. Dann lachte er plötzlich. „Für jemanden, der sich weit von der Natur entfernt hat, scheinst du sehr weise zu sein, kleine Dame.“ Er rief etwas in der Sprache der Elfen.
  Plötzlich zogen die Wächter Feuersteinmesser. Die Gefährten zuckten erschrocken zusammen, als sich die Klingen auf sie richteten. Dann stachen sie zu... und durchschnitten die Seile, mit denen sie gefesselt waren.
  Die Gefährten sahen sich erstaunt um. Der Häuptling trat näher an sie heran. „Wo wollt ihr hin?“, fragte er.
  Hamon starrte den alten Elfen einen Moment überrascht an, bevor er etwas sagen konnte. „Zum Elfenhof.“
  „Hmmm... Was wollt ihr dort?“
  Der Häuptling hielt inne. Eine Gestalt schälte sich aus dem Zwielicht jenseits des Feuerscheins. Sie war schlank und groß. Auch sie trug eine Maske und sie war mit Fellen und Kräuterbeuteln behängt. Sie trug einen Stab, an dem die bleichen Schädel von Krähen baumelten.
  „Ein Schamane“, flüsterte Hamon aufgeregt.
  Die Gestalt kam näher. „Die Knochen haben mir die Dunkelheit offenbart.“ Eine melodische Frauenstimme drang durch das Holz der Maske. Die Schamanin griff in einen Beutel und warf ein paar Knochen auf den Boden. Sie waren mit Runen verziert. Die Elfe kniete nieder und ließ ihre Finger über die Knochen gleiten. Dann deutete sie auf Jinxon und Minxodian. „In ihnen lauert die Finsternis. Ich spüre es ganz deutlich. Sie tragen großes Übel in sich.“
  Die faltigen Hände des Häuptlings verkrampfen sich. „Verrat“, zischte er. „Ihr habt mit vorgegaukelt Diener der Sonnengöttin zu sein. Doch ihr seid doch Schattenkreaturen.“
  Die Wächter zogen leicht geschwungene Schwerter aus ihren Gürteln. Einige von ihnen richteten Speere auf die Gefährten.
  „Nein, ich bin wirklich eine Klerikerin Solarias“, rief Satyria. „Aber wir haben eine wichtige Aufgabe zu erledigen. Diese beiden Gnome dort, sie tragen dämonische Worte in sich. Sie müssen diese Worte zum Elfenhof bringen, damit sie unschädlich gemacht werden.“
  Die Schamanin und der Häuptling sahen sich einen Augenblick an. Dann fixierte die Elfe wieder die Gefährten. „Die Hochelfen sind vom wahren Weg der Natur abgekommen“, sagte sie. „Sie sind schwach im Geiste. Sie haben sich von der Erde und vom Wind entfernt. Sie können euch nicht helfen.“
  „Aber... s-sie müssen uns helfen“, stammelte Minxodian. „Das hat der Elf uns gesagt, der uns die Worte zugeflüstert hat, kurz bevor er starb.“
  „Ein Elf hat euch diese Worte verraten?“ Die Schamanin schwenkte ihren Stab vor den Gnomen, so dass die Krähenschädel aneinanderklapperten. „Wieso ist er nicht mit den Worten gestorben?“
  „Weil seine Verfolger die Worte dann wahrscheinlich seiner Seele entrissen hätten“, sagte Satyria. „Die Worte vergehen nicht einfach mit dem Tod ihres Trägers. Dazu sind sie zu mächtig. Wir sind Leuten begegnet, die ihre Macht spüren konnten und die sie an sich bringen wollten. Sie...“
  „Ihre Macht ist verführerisch und daher dürfen diese Worte nicht zum Elfenhof gelangen. Die Hochelfen sind nicht stark genug, ihrer Macht zu widerstehen.“
  „Aber... Was sollen wir dann tun?“
  „Wir werden die Worte vernichten!“
  Die Gefährten warfen sich erstaunte Blicke zu. „Könnt Ihr das denn?“, fragte Hamon.
  „Ja. Wenn die Worte eure Körper verlassen haben, werden die Geister unserer Ahnen sie verschlingen. Unsere Ahnen sind uralt und mächtig. Sie stammen noch aus der Zeit vor dem Bannkreis.“
  Jinxons Stirn legte sich in grübelnde Falten. „Und wie sollen die Worte unsere Körper verlassen?“
  „Die Macht der Worte wird aus euren Körpern dringen, wenn ihr tot seid. Dann werden sie einen neuen Träger suchen, doch das werden unsere Ahnen verhindern.“
  Jinxon und Minxodian starrten sich mit weit aufgerissenen Augen an. „Wenn wir tot sind?“, stammelten sie. „Was soll das heißen?“
  „Wir müssen euch opfern, um die Worte zu zerstören“, sagte die Schamanin in einem feierlichen Tonfall. „Nur so können die Worte euren Körper verlassen.“
  Jinxon musste schlucken. „Aber... w-wir wollen nicht sterben.“
  Der Häuptling stieß einen traurigen Seufzer aus. „Wir würden es auch gerne vermeiden. Aber das ist die einzige Möglichkeit.“
  „Nein, es gibt noch eine andere“, rief Satyria. „Lasst uns zum Elfenhof gehen. Die Magier und Kleriker der Hochelfen sind mächtig und sie können die Worte bestimmt bannen.“
  Die Schamanin stieß ein animalisches Fauchen aus. „Das ist zu gefährlich. Die Hochelfen sind voller Hochmut. Sie haben sich über die Natur erhoben, damit sie nicht mit ihr leben, sondern über sie herrschen können. Sie werden die Worte nutzen, um ihre Macht zu mehren und das wird sie ins Reich der Schatten ziehen.“
  „Das ist doch verrückt! Die Hochelfen sind treue Anhänger der guten Götter. Sie...“
  „Leben und Sterben, das ist der Kreislauf der Natur. Im Jenseits wird man euch für euer Opfer als Helden feiern.“
  Satyria schloss die Augen. Einen Moment stand sie mit hängenden Schultern da. Dann starrte sie plötzlich mit wilder Entschlossenheit die Schamanin an. Gleißendes Licht schoss aus ihren Augen. Die Schamanin und der Häuptling schrieen auf und taumelten geblendet zurück. Die Elfenkrieger, die um die Gefährten standen, stießen erschrockene Laute aus. Dann schoss Satyrias Hand vor und sandte blendende Sonnenstrahlen gegen die Elfen. Einige der Wächter ließen die Waffen fallen. Andere wichen zurück.
  Satyria schubste einen Elfen um und nahm ihren Sonnenstab wieder an sich, den man ihre weggenommen hatte. Auch Hamon, Jinxon und Minxodian holten sich ihre Waffen von ihren Wächtern zurück. Dann rannten sie los, über den breiten geflochtenen Steg, in Richtung Wendeltreppe.
  Hinter ihnen ertönten Rufe. Die Gefährten wirbelten erschrocken herum. Die Elfen hatten Bögen gespannt und zielten auf sie. Jinxon riss seinen Schild hoch. Ein Pochen ertönte, als ein Pfeil daran abprallte. Die Gefährten duckten sich hinter Jinxon und eine Brüstung aus geflochtenen Zweigen. Pfeile prasselten auf sie nieder.
  Plötzlich schrie Hamon auf. Ein Pfeil hatte ihn an der linken Schulter getroffen. Hamon keuchte und brach den Pfeil ab.
  Während sich die Gefährten hinter Jinxons Schild und die Brüstung kauerten, murmelte Sanxia ein paar magische Worte. Das schattige Zwielicht unter dem dichten Blätterdach verdunkelte sich und umhüllte sie. Eine Wolke aus Schatten legte sich um die Gefährten und verbarg sie vor dem Blick ihrer Feinde.
  „Los, zur Treppe!“, rief Sanxia. „In unserem Schattenversteck können sie uns nicht sehen und ihre Pfeile können uns nichts anhaben.“
  Die Gefährten rannten los. Die wilden Elfen konnten sie tatsächlich nicht sehen. Alles was sie erblickten waren seltsame Verwirbelungen im Zwielicht. Ihre Pfeile prasselten auf die Stelle, wo gerade noch Hamon und die Gnome gestanden hatten. Doch einige der Geschosse prallten an Schatten ab und wurden abgelenkt.
  Die Gefährten erreichten die Wendeltreppe und eilen hinunter. Die Elfen folgten ihnen. Dann standen sie schließlich vor den Greifen, die unter den Netzen angepflockt waren. Die Tiere waren mittlerweile wieder bei Bewusstsein, doch sie konnten sich in ihren Fesseln nicht bewegen. Ihre Augen starrte nur verstört in die Gegend.
  Neben den Greifen standen drei Stammeskrieger der wilden Elfen, um die Tiere zu bewachen. Sie sahen die Gefährten in ihrem Schattenversteck nicht, hörten aber die aufgebrachten Rufe ihrer Brüder. Blitzschnell zogen sie ihre Schwerter und sahen sich suchend um.
  „Ich werde den Eingang zur Wendeltreppe mit einer Schattenwand verschließen“, flüsterte Sanxia. „Aber dann kann ich das Schattenversteck nicht mehr länger aufrecht erhalten.“
  „Das macht nichts“, sagte Hamon. „Mit den drei Wachen werden wir fertig. Du musst nur unsere Verfolger aufhalten.“
  Sanxia murmelte einige Worte in einer mystischen Sprache. Die Dunkelheit um die Gefährten löste sich in schwarze Fäden auf. Die Fäden glitten durch die Luft und webten sich zu einem dichten Teppich, der den Eingang zur Wendeltreppe blockierte. Als die Gefährten von dem Schattenversteck enthüllt wurden, stießen die Elfenwächter erstaunte Rufe aus. Mit gezogen Schwertern stürzten sie sich auf die Gefährten.
  Jinxon und Minxodian feuerten ein paar Warnschüsse in die Luft ab. Lautes Donnern hallte durch den Wald. Die drei Elfen blieben erschrocken stehen und starrten auf die qualmenden Mündungen der Waffen. Eine Büchse und zwei Pistolen richteten sich auf sie. Hamon hielt sein Bastardschwert bereit, Satyria hatte ihren Sonnenstab umklammert und Sanxia funkelte die Elfen mit ihrem magischen Auge an.
  „Keine Bewegung“, rief Jinxon. „Oder wir erschlagen euch mit dem Donner, der aus unseren Waffen kommt.“
  Die Elfen starrten sich einen Moment an. Dann wichen sie vorsichtig zurück. Hinter den Gefährten ertönten Rufe durch die Schattenwand. Die Elfenschamanin fing an zu singen. Schweiß trat auf Sanxias Stirn.
  „Wir müssen schnell hier weg“, flüsterte die Magierin so leise, dass die Elfen sie nicht hören konnten. „Ich spüre, wie eine große Macht versucht die Schattenwand zu zerreißen. Lange kann ich sie nicht mehr aufrecht erhalten.“
  Hamon und Jinxon stürmten zu den Greifen und schnitten die Netze mit ihren Schwertern auf. Die Tiere stießen heisere Schreie aus, als sie aus ihrem Gefängnis befreit wurden. Sie breiteten ihre Schwingen aus und streckten ihre Glieder.
  Sanxia richtete ihre volle Konzentration auf die Schattenwand. Sie folgte ihren Gefährten zu den Greifen, als sie sah, wie sich langsam ein Riss in den Schatten öffnete. Durch ihr magisches Auge sah sie die Kraftfäden, die sich durch das Zwielicht unter den Bäumen zogen. Es war deutlich zu sehen, wie alles miteinander verwoben war. Bäume und Gras. Himmel und Erde. Hamon, die Gnome und die Greifen. Durch all diese Kraftfäden zogen sich schattenhafte Linien, die dem Zwielicht entsprangen. Sanxia packte mit purer Willenskraft diese dunklen Schattenlinien und flocht sie in die Schattenwand. Der Riss schloss sich. Sanxia atmete erleichtert auf.
  Hamon und die anderen waren schon auf die Greife geklettert. Sanxia schwang sich hinter ihrer Schwester auf den Sattel eines Greifes. Mächtige Schwingen breiteten sich aus. Dann erhoben sich die Tiere in die Lüfte. Die drei Stammeskrieger sahen ihnen unsicher hinterher. Die wütenden Rufe der Elfenschamanin verhallten langsam, während die Greife immer höher stiegen und durch ein Loch im Blätterdach segelten.

Kapitel 3

  Schattenfäden flogen durch die Morgendämmerung. Sie trieben über die Wälder des Hochelfenkönigreiches. Dann gingen sie auf eine Straße nieder. Es war keine gepflasterte Straße, nur ein Streifen blanker Erde, der sich durch die Wälder schlängelte. Die Schattenfäden verwoben sich zu drei Gestalten, die langsam immer fester wurden. Schließlich standen Xamnar, Sartass und Morgon auf dem Weg, die Diener der Schatten.
  Sie sahen sich um. „Wieso haben wir diese elenden Elfenkleriker nicht aus dem Weg geräumt?“, zischte Sartass.
  „Weil wir keine Zeit zu verlieren haben.“ Xamnars Stimme kam aus der Dunkelheit unter seiner Kapuze. „Diese Winzlinge haben einen beträchtlichen Vorsprung auf ihren Greifen.“
  „Aber wir sind ihnen in Schattenform hinterher geflogen, da müssten wir doch aufgeholt haben.“
  „Schon... Aber ich kann die Schattenform nicht mehr aufrecht erhalten. Das kostet zu viel Kraft. Die Greife sind ausdauernder als ich.“
  „Dann sollten wir uns beeilen.“
  Xamnar nickte langsam. „Keine Sorge, sie werden uns nicht entkommen. Es gibt genug Leute, die uns helfen werden, um an die Macht der Worte zu kommen.“
  Nachdem die Gefährten vor den wilden Elfen geflohen waren, flogen sie weiter nach Osten, dem Elfenhof entgegen. Doch Hamon war verwundet, also mussten sie schon nach einer Weile wieder landen. Satyria zog sachte den Pfeil aus Hamons Schulter und heilte die Wunde mit einem Gebet an ihre Göttin.
  „Die Kleriker haben uns vor Orks gewarnt“, sagte Jinxon, während er seine Pistolen nachlud. „Aber sie haben nichts von verrückten Elfen gesagt.“
  „Es waren wilde Elfen“, sagte Sytaria. „Sie leben anders als die Hochelfen. Sie sind auf eine andere Weise mit der Natur verbunden.“
  „Sie schienen mir ziemlich aggressiv zu sein.“
  „Sie sind nicht aggressiv, sie denken nur anders. Sie hatten anscheinend große Angst vor den dämonischen Worten und sie haben nicht geglaubt, dass die Hochelfen diesem Problem gewachsen sind. Also wollten sie die Angelegenheit auf ihre eigene Weise lösen.“
  Jinxon stieß ein Schnauben aus. „Auf eine Weise, die mir absolut nicht gefällt.“
  Satyria nickte. Sie hatte Hamons Wunde geheilt und tätschelte ihm aufmunternd die Schulter. „Hoffentlich wissen die Hochelfen wirklich, was zu tun ist.“
  Jinxons Augenbrauen zogen sich düster zusammen. „Wie meinst du das?“
  „Ich hoffe sie sind wirklich stark genug, diesen mächtigen Worten zu widerstehen.“
  „Natürlich sind sie das. Die wilden Elfen haben die ganze Angelegenheit nur zu schwarz gesehen. Sie haben nicht genug Vertrauen in ihre Brüder, die in Städten leben.“
  Satyria lächelte. „Ja, es wird schon alles gut werden.“
  Hamon war wieder voll einsatzbereit und so konnten die Gefährten weiter fliegen. Die Greife schwangen sich in die Lüfte und steuerten nach Osten. Bald ging hinter ihnen die Sonne unter und tauchte das Hochelfenkönigreich in ein rotes Licht. Die Dämmerung war gekommen.
  Plötzlich tauchten ein paar dunkle Punkte am Himmel auf. Sie kamen rasch näher. Zuerst dachten sich die Gefährten nichts dabei, es waren wohl nur Vögel. Doch die Punkte wurden immer größer. Bald darauf war ein halbes Dutzend riesiger Fledermäuse zu sehen, jede fast zu groß wie ein Greif. Auf ihren Rücken saßen Gestalten mit langen Speeren.
  „Was ist das?“, rief Jinxon.
  Sanxia warf einen Blick durch ihr magisches Auge. Sie sah die Gestalten nun ganz nah. Sie waren muskulös, Hauer wuchsen aus ihrem Unterkiefer, schwarze Haare flatterten hinter ihnen im Wind und ihre Haut war aschgrau. „Orks“, schrie Sanxia. „Das sind Orks auf riesigen Fledermäusen.“
  Die ledernen Schwingen der Fledermäuse trugen die Orks rasch näher. Mit einem wilden Kriegsgeschrei stürzten sich die Orks auf die Gefährten. Ihre Speere stachen zu und ihre Reittiere verbissen sich in den Greifen.
  Jinxon zog eine Pistole und schoss. Die Kugel traf einen Ork an der Schulter. Doch der Bursche war hart im Nehmen, er ließ seinen Speer nicht fallen. Minxodian feuerte seine Büchse ab und erwischte eine Fledermaus in der Seite. Das Biest schrie und verkrallte sich noch stärker in einen Greif.
  Eine wilde Luftschlacht entbrannte. Die Gefährten hielten sich so gut wie möglich fest, aus Angst in die Tiefe zu stürzen. Gleichzeitig versuchten sie sich die Angreifer vom Hals zu halten. Die Greife schlugen mit ihren Löwenpranken zu und bissen mit ihren Adlerschnäbeln um sich. Mit kräftigen Flügelschlägen versuchten sie sich in der Luft zu halten. Die Lanze eines Orks traf einen Greif in der Seite.
  Sanxia sah sich um. Ihre Zauberei bei den wilden Elfen hatte sie stark geschwächt. Trotzdem versuchte sie ein magisches Muster zu weben, versuchte die Orks mit Fesseln aus Finsternis in Ketten zu legen. Schweiß trat ihr auf die Stirn, sie biss sich vor Konzentration auf die Unterlippe während sie sich krampfhaft an dem Sattel festhielt. Doch es klappte nicht. Sie konnte die Kraftfäden nicht so formen, wie sie es wollte. Zwar zeigten sich kleine Schattenfäden um die Orks herum, doch sonst geschah nichts.
  Die Orks bemerkten das im Eifer des Gefechts gar nicht. Sie attackierten weiter die Greife. Jinxon und Minxodian schossen um sich. Hamon schlug mit seinem Schwert zu. Doch seine Klinge war zu kurz, um einen Gegner vom Sattel aus zu erreichen. Satyria hatte ihre göttlichen Kräfte schon genug strapaziert, sie konnte nur tatenlos zusehen.
  Ein Greif nach dem anderen wurde schwer verwundet, durch Feldermausbisse und Lanzenstiche. Ihre Flügelschläge wurden immer kraftloser. Schließlich trudelten sie dem Erdboden entgegen. Die Orks ließen von ihnen ab. Wie Geier umkreisten sie die Gefährten, während die verletzten Greife eine Notlandung durchführten. Die Greife schwebten auf eine Wiese zu. Eines der Tiere sauste über einen Baumwipfel und riss ein paar Äste mit sich, bevor es auf die Erde aufschlug und zusammenbrach. Seine beiden Artgenossen landeten etwas sanfter, aber auch sie legten eine Bruchlandung hin. Die letzten Meter hatten sie keine Kraft mehr und stürzten einfach zu Boden.
  Die Riesenfledermäuse kreisten über ihnen und stießen ein heiseres Kreischen aus. Dann schleuderten die Orks Netze über ihre Opfer. Die Gefährten purzelten aus den Sätteln und versuchten sich zu befreien. Jeder der konnte, zog eine Klinge, um die Netze aufzuschneiden. Doch einen Augenblick später waren die Orks auch schon gelandet und standen neben ihren Opfern. Sie grinsten gehässig auf die Gefährten hinab. Einer der Orks griff in einen Beutel. Feiner Staub rieselte aus seiner Hand. Er hielt sich ein Tuch vor den Mund, das irgendwie seltsam roch. Dann blies er Staub von seiner Hand, direkt in die Gesichter der Gefährten. 
  Hamon und die Gnome fingen an zu husten. Ihre Sicht trübte sich und sie spürten, wie sich eine seltsame Taubheit in ihren Gliedern ausbreitete. Dann wurde ihnen schwarz vor Augen.
  Minxodian blinzelte. Langsam schlug er die Augen auf. Zuerst sah er alles verschwommen, wie ein Flickenteppich aus Farbklecksen, der sich zu allem Überfluss auch noch wild drehte. Dann klärte sich seine Sicht langsam und die Welt hörte auf sich zu drehen. Endlich sah er deutlich, wo er war. Vor ihm lag ein Zeltlager im Wald. Die Zelte bestanden aus Tierleder und es gab einige Feuerstellen. Überall waren Orks zu sehen, Dutzende von Orks. Minxodian spürte, dass er irgendo festgebunden war. Er sah sich um. Er war an einen Totempfahl gebunden. Stilisierte Holzgesichter von Tieren und Fabelwesen ragten hinter ihm auf. Sie waren mit bunten Farben bemalt. Neben Minxodian standen weitere Totempfähle, an denen seine Gefährten angebunden waren. Auch sie wachten langsam auf. Erst jetzt entdeckte er die Greife. Sie waren ein Stück entfernt auf dem Boden festgebunden. Offensichtlich hatten die Orks grob ihre Wunden versorgt. Vielleicht hatten sie noch was anderes mit ihnen vor, außer sie zu schlachten.
  Hamon stieß einen leisen Fluch aus. „Na großartig“, murmelte er. „Wir werden alle in einem Kochtopf landen.“
  Satyria blinzelte benommen. „Ich glaube es ist nur ein böses Gerücht, dass Orks Menschen oder andere intelligente Wesen fressen.“
  „Dann werden sie uns also einfach nur so töten.“
  „Ja... und aus unseren Schädeln machen sie Schrumpfköpfe.“
  Als die Orks bemerkten, das ihre Gefangenen aufgewacht waren, starrten sie diese neugierig an. Einige von ihnen liefen zu einem großen Zelt, aus dem kurz darauf zwei mächtige Orks kamen. Der eine war mit getrockneten Eidechsen und Fellstreifen behängt, offensichtlich war er ein Schamane. Der andere trug eine Kette aus den Zähnen eines Säbelzahntigers. Über seine Stirn verlief eine hässliche Narbe, die bis an seine linkes Auge reichte. Er trug ein Zepter aus Knochen und Feuersteinen, an dem die Klauen eines Bären hingen.
  Die beiden Orks bauten sich vor den Gefährten auf. „Ich bin Häuptling Schattenhand“, grunzte der mit dem Knochenzepter. Er sprach erstaunlich gut die allgemeine solarische Sprache. „Das ist mein treuer Berater Sternenseher, der oberste Schamane dieses Stammes.“ Er deutete auf den Ork mit den Eidechsen. „Wir haben darüber beraten, was mit euch geschehen soll und ich muss sagen“ – der Häuptling grinste – „ihr befindet euch in einer verdammt üblen Situation.“
  Die umstehenden Orks lachten grausam.
  „Ihr dachtet wohl, dass ihr in der Luft vor den Orks der Dunkelspeere sicher wärt“, fuhr Schattenhand fort. „Aber wir beherrschen auch die Lüfte. Ihr habt in unserem Land nichts zu suchen.“
  Hamon schnaubte verächtlich. „Das ist das Land der Elfen. Ihr habt hier nichts verloren.“
  „Schweig, Menschlein! Wir Orks sind Krieger. Wir nehmen uns was wir brauchen. Wir kamen aus den Steppen im Osten, wir haben unseren Clan hinter uns gelassen, um hier reiche Beute zu machen. Und wir werden ruhmreich zu unseren Frauen und Kindern zurückkehren.“
  Hamon runzelte die Stirn und sah sich um. Erst jetzt fiel ihm auf, dass es im Lager tatsächlich nur erwachsene, männliche Orks gab. „Das ist nicht euer ganzer Clan?“, fragte er.
  Schattenhand lachte. „Nein. Hier sind nur die besten Krieger.“
  „Dann seid ihr also Räuber?“
  Schattenhand knurrte. „Nein! Wir sind Jäger. Wir jagen alles, was es zu jagen lohnt.“
  „Und wir gehören dazu?“
  Schattenhand trat näher und packte mit einem Grinsen Jinxons Kinn. „In der Tat. Vor allem die kleinen Menschlein hier sehen sehr zart und saftig aus.“
  „Wir sind keine Menschen, wir sind Gnome“, rief Jinxon. „Und wir schmecken ganz fürchterlich.“
  „Unsere Schweine fressen alles.“ Schattenhand deutete in eine Richtung. Zwischen einigen Zelten suhlten sich ein paar riesige Wildschweine auf der Erde. Sie waren bestimmt so groß wie Ponys und stark genug einen Ork zu tragen.
  „Ihr wollt uns an Schweine verfüttern?“
  „Unsere Reittiere brauchen gutes Futter, um uns sicher in die Schlacht zu tragen.“
  Die Orks fingen an zu lachen. Den Gefährten liefen eisige Schauer über den Rücken. Als sich die Orks wieder beruhigt hatten, zog der Häuptling etwas aus seinem Gürtel. Es war eine von Jinxons Pistolen.
  „Das war nur ein kleiner Spaß.“ Schattenhand grinste grausam. Seine dicken Finger glitten über die Waffe. „Wie es aussieht, seid ihr viel zu wertvoll, um an Schweine verfüttert zu werden. Ihr tragt die mächtigen feuerspuckenden Rohre mit euch. Ihr kennt ihr Geheimnis und ihr werdet es uns verraten. Wir werden euch zu unseren Sklaven machen. Ihr werdet uns Waffen bauen und all euer Wissen lehren.“
  Die Gefährten mussten schlucken. Sie warfen sich ängstliche Blicke zu. Wenn die Orks sie versklavten, würden ihnen früher oder später die Worte der Macht in die Hände fallen. Und das würde übel enden.
  „Bitte...“ Satyrias Stimme zitterte. „Bitte lasst Erbarmen walten. Lasst uns gehen, denn wir haben etwas Wichtiges zu erledigen.“
  Wieder brachen die Orks in schallendes Gelächter aus. „Es gäbe tatsächlich eine Möglichkeit euch gehen zu lassen“, rief der Häuptling. „Aber davon wollt ihr nichts wissen.“
  Die Gefährten tauschten erstaunte Blicke. „Was für eine Möglichkeit?“, fragte Hamon.
  Sternenseher, der Schamane, grinste breit und grunzte. „Die Prüfung der Eidechse. Es ist Tradition, dass man Gefangenen erlaubt die Prüfung der Eidechse abzulegen. Wenn ihr diese Prüfung besteht, dann seid ihr frei.“ Er lachte. „Aber nur der mächtigste Schamane könnte sie bestehen.“
  Hamon schluckte. „Was ist das für eine Prüfung?“
  Der Häuptling und der Schamane sahen sich einen Moment an, dann lächelten sie überheblich. „Das müsst ihr nicht wissen, aber wie ich schon sagte, nur der mächtigste aller Schamanen könnte sie bestehen.“
  „Aber wir müssen unbedingt gehen... Wir werden uns der Prüfung der Eidechse stellen.“
  Sternenseher spielte mit einer der getrockneten Eidechsen, die an seinem Hals hingen. „Die Eidechse ist zwar klein, aber sie ist doch ein Tier großer Weisheit und List. Sie kann Gefahren entkommen und lebt weiter, selbst wenn sie ihren Schwanz verliert. Könnt ihr das auch von euch behaupten?“
  „Wir haben keine andere Wahl.“
  „Ich warne euch, ihr Schwächlinge, wenn ihr die Prüfung besteht, lassen wir auch zwar frei, doch solltet ihr scheitern, verfüttern wir euch an unsere Reitschweine. Und ihr werdet scheitern. Also habt ihr eigentlich nur die Wahl zwischen Sklaverei und Tod.“
  Die Gefährten sahen sich an. Einen Moment blickten sie unsicher drein, doch dann breitete sich grimmige Entschlossenheit auf ihren Gesichtern aus. Hamon sah dem Schamanen fest in die Augen und schluckte den Kloß runter, der sich in seinem Hals gebildet hatte. „Wir wollen die Prüfung ablegen. Wir wollen Freiheit oder Tod.“
  „Wie ihr wollt, Menschlein.“ Der Schamane breitete die Arme aus und rief etwas in seiner orkischen Muttersprache. Daraufhin ging ein Raunen durch die versammelten Orks. Sternenseher griff unter seinen Ledermantel und holte ein altes gebundenes Buch heraus. Die Gefährten trauten zuerst ihren Augen nicht, aber es war tatsächlich ein Buch. Vermutlich hatten die Orks es irgendwo erbeutet.
  Der Schamane schlug das Buch auf und sah die Gefährten über seinen Rand hinweg an. „Seid ihr bereit für die Prüfung der Eidechse? Noch habt ihr die Möglichkeit umzukehren und ein Leben in Sklaverei zu leben. Es mag kein schönes Leben sein, aber ihr werdet immerhin am Leben bleiben.“
  Hamon schluckte. Wieder tauschte er ein paar Blicke mit seinen Gefährten. Sie schienen immer noch wild entschlossen zu sein. Vermutlich war der Tod immer noch besser, als die dämonischen Worte an die Orks auszuliefern. Doch wenn sie starben, dann würden sich die Worte doch einen neuen Wirt suchen, oder? Egal, wenn sie in Sklaverei kamen, würde der Schamane die Worte früher oder später entdecken und für üble Zwecke benutzen. Es hieß also: alles oder nichts.
  „Wir stellen uns der Prüfung“, sagte Hamon mit fester Stimme.
  Sternenseher grinste. „Also schön. Die Prüfung beginnt...“ Er legte eine spannende Pause ein. Den Gefährten trat Angstschweiß auf die Stirn. „Wie viel ist sechzig geteilt durch zwölf“, fragte Sternenseher plötzlich.
  Hamon blinzelte überrascht. „Äh, gehört das zur Prüfung?“
  Sternensehers Grinsen wurde breiter. „Natürlich, ich sagte doch, dass nur die mächtigsten Schamanen sie bestehen können. Aber jetzt gibt es leider kein Zurück mehr für euch.“
  Hamon seufzte und zuckte mit den Schultern. „Fünf.“
  Das Grinsen auf Sternesehers Gesicht erstarrte. Er warf einen Blick in das Buch. „Äh, ist das deine endgültige Antwort?“
  „Ja.“
  Der Schamane schnaubte. „Es stimmt.“ Ein Raunen ging durch die versammelten Orks.
  Hamon runzelte die Stirn. „War das die Prüfung?“
  „Du Narr!“, fauchte Sternenseher. „Das war der erste Teil der Prüfung. Es folgen noch zwei weitere Teile und jeder von ihnen ist schrecklicher als der vorherige und wird die innersten Tiefen eurer Seele erschüttern.“
  Hamon musste schlucken.
  „Seid ihr bereit für den zweiten Teil?“ Wieder erschien das grausame Grinsen auf dem Gesicht des Schamanen.
  Hamon nickte. „Ja, wir sind bereit.“
  „Gut...“ Sternenseher blätterte in dem Buch. „Wie viel ist sieben mal dreizehn?“
  „Einundneunzig.“
  Sternensehers Gesichtszüge entgleisten. „Das ist... korrekt“, knurrte er. Wieder ging ein Raunen durch die Orks. Der Schamane grunzte und blätterte weiter in dem Buch. „So weit wie ihr ist noch kein Ork gekommen, es sei denn, er wäre ein mächtiger Schamane wie ich. Aber nun kommt der letzte Teil der Prüfung und ich sage euch, er wird noch schrecklicher als die ersten beiden... Wie lautete die Quadratwurzel aus Minus-Fünf-Komma-Drei-Zwei, in der Menge der reellen Zahlen?“
  Einige der Orks fingen an zu lachen. Einer von ihnen schärfte sogar schon eine Axt an einem Schleifstein. Die Wildschweine grunzten erwartungsfroh.
  Hamon runzelte die Stirn. „Man kann keine Wurzel aus Minus-Fünf-Komma-Drei-Zwei ziehen. Man kann überhaupt keine Quadartwurzel aus negativen Zahlen ziehen, wenn sie zur Menge der reellen Zahlen gehören.“
  Der Schamane starrte auf das Buch. Dann klappte er es zu. Seine Miene trug feierlichen Ernst zur Schau. Dann hob er die Hände und rief etwas auf Orkisch. Die Orks schrieen durcheinander und machten sich an den Fesseln der Gefangenen zu schaffen.
  Hamon sah sich unsicher um. „Was ist los? War das nicht richtig? Ich hab in Mathe doch immer aufgepasst.“
  Die Orks banden die Gefährten los. Dann packten sie Hamon und hoben ihn hoch. „Mächtiger Schlaukopf, mächtiger Schlaukopf, mächtiger Schlaukopf“, riefen die Orks im Chor, während sie Hamon auf ihren Schultern durchs Lager trugen, wie einen Champion.
  Die Gnome sahen dem Triumphzug verwirrt hinterher. Dann trat der Schamane an sie heran. „Ihr habt die Prüfung der Eidechse bestanden“, sagte er. „Nur die legendärsten Orks haben das je geschafft. Einige wurden sogar wahnsinnig, als sie versuchten die Mysterien der Zahlen zu erfassen.“
  Die Gnome starrten den Schamanen an. Jinxon kratzte sich an seiner Mütze. „Äh, es war aber auch verdammt schwer“, log er. Aus irgendeinem Grund wollte er die Orks nicht kränken. „Ich sah uns schon als Schweinefutter.“
  „Ihr seid frei. Und zu Ehren des mächtigen Schlaukopfes, der euch gerettet hat, wollen wir ein Fest feiern.“
  „Äh, wir haben leider keine Zeit. Wir müssen wirklich schnell weiter.“
  „Wir bestehen darauf. Die Nacht ist schon hereingebrochen, ihr könnt hier schlafen. Wir geben euch ein Zelt. Wir haben selten die Ehre einen so mächtigen Schlaukopf zu beherbergen.“
  Der Triumphzug hatte einmal das Lager durchquert und hielt jetzt wieder an den Totempfählen. Hamon wurde abgesetzt und die Orks betrachteten ihn ehrfürchtig.
  „Wir können eh nicht weiter“, sagte Sanxia. Sie deutete auf die Greife, die am Boden angepflockt waren. „Unsere Reittiere sind verletzt. Sie können nicht weiterfliegen.“
  Die Gefährten traten an die Greife heran. Einige Orks eilten ihnen voraus und banden die Tiere los. Die Kreaturen streckten sich und fauchten. Der Kampf mit den Fledermausreitern hatte sie sehr mitgenommen. Es war deutlich zu sehen, dass sie zu stark verletzt waren, um zu fliegen.
  „Tut mir Leid, dass sie euch nicht mehr tragen können“, sagte Sternenseher. „Wenn wir gewusst hätten, dass wir es mit einem so mächtigen Schlaukopf zu tun haben, hätten wir es nicht gewagt euch anzugreifen.“
  „Zu Fuß brauchen wir noch etliche Tage.“ Minxodian stieß einen schweren Seufzer aus. „Unsere Verfolger werden uns bestimmt einholen.“
  Ein tiefes, nachdenkliches Brummen zog die Aufmerksamkeit der Gefährten auf sich. Das Brummen kam von Häuptling Schattenhand. Er rieb sich über seinen schwarzen Bart, in dem die ersten grauen Strähnen zu sehen waren. „Wir könnten euch Reitschweine mitgeben, die tragen euch fast so schnell wie ein Pferd. Drei Stück müssten für euch reichen und die könnten wir auch entbehren.“
  Die Gefährten warfen einen skeptischen Blick zu den riesigen Wildschweinen hinüber, die sich im Staub suhlten. „Äh, ich weiß nicht, ob wir solche Viecher reiten können“, sagte Hamon.
  „Es sind edle Tier“, verkündete Schattenhand stolz. „Und sie begnügen sich mit jeder Nahrung, die ihr ihnen bieten könnt. Sie fressen quasi alles.“
  Hamon stieß einen Seufzer aus. „Wir haben wohl keine andere Wahl. Oder kannst du die Greife heilen, Satyria?“
  Die Gnomenklerikerin schüttelte die Kopf. „Ich bin zu geschwächt dafür. Meine göttlichen Kräfte müssen sich etwas regenerieren.“
  „Gut, dann müssen wir wohl die Schweine nehmen.“
  Die Orks führten die Gefährten zu den Schweinen, um sie miteinander bekannt zu machen.

Kapitel 4

  Früh am nächsten Tag, als die ersten Sonnenstrahlen hinter dem Horizont hervor krochen, brachen die Gefährten auf. Die Orks gaben ihnen feste Sättel und Zaumzeug für die Reitschweine. Und sie erklärten ihnen kurz, wie genau man sie lenkte. Eigentlich wie Pferde, aber man musste manchmal etwas ruppiger sein, um ihnen zu zeigen wo es lang ging. Außerdem erklärten sich die Orks bereit die Greife gesund zu pflegen und danach frei zu lassen. Sie würden schon alleine nach Glangamar zurück finden.
  Die Orks versammelten sich am Rande des Lagers und ließen den ‚mächtigen Schlaukopf’ noch ein letztes Mal hochleben. Dann wandte sich Häuptling Schattenhand an die Gefährten. „Es streifen etliche Orkbanden durch die Länder des Hochelfenkönigreiches und nicht alle halten sich so an die guten Sitten wie wir. Nehmt euch vor allem vor Dornenfaust in Acht. Er ist ein brutaler Räuber ohne Ehre, der nur nach Gold und Macht für sich selbst sucht. Er hat seinen Clan schon vor langem hinter sich gelassen und zieht mit seinen Kriegern durch die Wälder, um sich persönlich zu bereichern. Ihr solltet euch abseits der Wege halten, um seinen Räubern nicht in die Hände zu fallen.“
  „Danke für die Warnung“, sagte Hamon.
  Die Gefährten trieben ihre Wildschweine an. Langsam setzten sie sich in Bewegung. Sie winkten den Orks zum Abschied zu und waren bald zwischen den Bäumen verschwunden. Dem Rat des Häuptlings folgend, ritten sie nicht auf der Straße, sondern sie orientierten sich am Stand der Sonne, um nach Osten zu kommen.
  Sie ritten den Vormittag gemächlich durch die Wälder. Doch dann wollte das Schwein, auf dem Jinxon und Minxodian ritten, nicht mehr weiter. Es bliebt stehen und fing an mit seinen Hauern im Boden zu wühlen.
  „Na komm schon, lauf weiter“, rief Jinxon und trat dem Tier mit den Fersen in die Flanken. Doch das Schwein blieb trotzig stehen und wühlte im Boden, bis es ein paar Pilze freigelegt hatte. Schmatzend knabberte es an den ausgegrabenen Schätzen.
  „Bist du ein Trüffelschwein oder ein Reitschwein?“ Jinxon und Minxodian stiegen ab und versuchten das Tier zu schieben. Doch es war viel zu schwer für die beiden Gnome.
  Plötzlich knackte es im Unterholz. Die Gefährten zuckten zusammen und sahen sich hastig um. Gestalten tauchten zwischen den Bäumen auf. Sie trugen Lederkleidung in der Farbe von Erde und Blättern. Ihre Gesichter lagen in den Schatten von Kapuzen, doch man konnte deutlich ihre Hauer sehen, die aus ihren Unterkiefern wuchsen. Orks!
  Die Orks waren schon auf etwa zwanzig Meter an die Gefährten heran, als sie bemerkt wurden. Sie hielten Bögen und Speere in den Händen und zielten auf Hamon und die Gnome. Es war ein ganzes Dutzend dieser groben, grauhäutigen Kreaturen. Jinxon tastete nach seinen Pistolen, doch weder er noch seine Gefährten wagten es die Waffen zu ziehen.
  Dann erfüllte ein Sirren die Luft. Es kam aus allen Richtungen und kurz darauf fielen einige der Orks von Pfeilen getroffen zu Boden. Die Orks schrieen auf und sahen sich überrascht um. Offensichtlich waren sie von Jägern zu Gejagten geworden.
  Es raschelte im Gebüsch. Dann tauchten Gestalten zwischen den Blättern auf. Sie waren groß und schlank, mit grünen Kapuzenmänteln und Pfeilköchern an der Seite. Sie trugen Speere und schlanke Schwerter. Ihre Gesichter waren von grünen Masken verhüllt. Die Anmut ihrer Bewegungen verriet, dass es Elfen sein mussten. Sie stürmten unter die Orks. Klingen klirrten aufeinander. Rufe ertönten. Ein wilder Kriegstanz entbrannte.
  Die Gefährten zogen ihre Waffen. Doch einen Moment zögerten sie. Wer war denn nun ihr Feind? Gehörten die Orks zu diesem üblen Dornenfaust? Oder waren die Elfen diejenigen, die sie töten wollten, um die Worte zu vernichten? Hatten sie sie eingeholt und wollten sie jetzt endgültig erledigen?
  Doch die Gefährten brauchten sich gar nicht zu entscheiden, gegen wen sie kämpfen mussten. Die Elfen waren mit vier zu eins in der Überzahl. In Windeseile hatten sie die Orks überrollt und ihre Körper lagen reglos am Boden. Dann scharten sich die Elfen um Hamon und die Gnome. Es mussten etwa fünfzig Mann sein. Sie hielten ihre Waffen nicht kampfbereit, sondern eher locker in den Händen. Aber mit ihren gesichtslosen Masken wirkten sie trotzdem furchteinflößend.
  „Wer seid Ihr?“ Es war eine Frauenstimme, die unter einer der Masken hervor kam. „Was führt Euch ins Reich des Hochkönigs?“
  Hamon ließ sein Schwert sinken. „Ihr seid keine Wildelfen?“
  „Nein, wir gehören zu den königlichen Waldläufern. Man nennt uns die blutigen Pfeile. Seid Ihr Freunde der Orks?“
  „Nein, nicht wirklich.“
  „Dann könntet Ihr vielleicht unsere Freunde sein. Was ist Euer Begehr?“
  „Wir wollen zum Elfenhof.“
  „Niemand kommt so einfach dorthin.“
  „Wir haben eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Die Zauberer und Kleriker des Hochkönigs müssen uns helfen.“
  Die Elfe hielt inne. Ihr Brustkorb hob und senkte sich rasch, als würde sie schneller atmen. Jinxon und Minxodian spürten ihre Blicke auf sich.
  Dann ertönte wieder die Frauenstimme. „Ich spüre großes Übel in Euch. Aber es kommt nicht aus Euren Seelen... es ist ein fremdes Übel. So alt... so was haben wir lange nicht mehr gespürt. Ich kenne es nur aus Erzählungen.“
  „Wir haben einen Elfen getroffen“, rief Jinxon. „Er lag im Sterben und flüsterte uns böse Worte zu, damit wir sie zum Elfenhof bringen. Wir hoffen, dass man am Elfenhof die Worte bannen kann.“
  Eine Weile herrschte Schweigen. Die Frau starrte die Gnome lange an. „Ich wünschte ich könnte sagen, ob wir Euch helfen können. Aber wir werden es auf jeden Fall versuchen. Wenn Ihr irgendwo Hilfe bekommen könnt, dann am Hofe des Hochkönigs.“ Die Elfe nahm ihre Maske ab. Ein hübsches Gesicht mit spitzen Ohren kam zum Vorschein. Sie hatte Sommersprossen und rote Haare. Sie war anscheinend nicht älter als Hamon, gerade mal sechzehn, siebzehn oder achtzehn Jahre. Aber bei Elfen konnte man sich des Alters nie sicher sein.
  Die Elfe lächelte. „Mein Name ist Saya. Ich werde Euch mit meinen Leuten zum Elfenhof bringen und ich schwöre, dass wir Euch vor allen Gefahren beschützen werden, damit die bösen Worte nicht in falsche Hände geraten.“
  Die übrigen Elfen riefen etwas in der klangvollen Elfensprache, was niemand der Gefährten verstand. Es war ein uraltes Wort zu Besiegelung eines Schwurs. Dann nahmen die Elfen ihre Masken ab und enthüllten den Gefährten ihre zarten Gesichter.
  Saya trat an das Wildschwein heran, das immer noch an den Pilzen fraß. Sie berührte das Tier sanft und strich mit den Fingerspitzen über das borstige Fell. Sie runzelte die Stirn. „Auf so was reiten sonst nur Orks.“
  „Wir, äh...“ Hamon kratzte sich am Kopf, während er sein Schwert weg steckte. „Wir haben sie von Orks bekommen, nachdem wir durch die Prüfung der Eidechse unsere Freiheit gewonnen hatten.“
  Saya lachte auf und die Elfenkrieger stimmten mit ein. „Die Prüfung der Eidechse... Was man als schwierig betrachtet, hängt wohl immer von den primären Fähigkeiten eines Volkes ab.“
  Die Gefährten mussten grinsen.
  Saya tätschelte das Wildschwein. „Kommt.“
  Sie drehte sich um und führte die Gefährten durch den Wald. Die Elfenkrieger folgten ihr. Sie erreichten eine Lichtung, wo ein paar schlanke Pferde grasten. Neben ihnen lagen Sättel und einige Packtaschen. Die Elfen sattelten die Pferde und stiegen auf.
  Dann ritten sie los, zwischen den Bäumen hindurch, bis sie die breite Straße erreichten, die nach Osten zum Elfenhof führte. Sie schwenkten auf die Straße und die Gefährten folgten ihnen auf ihren Reitschweinen.
  Hamon lenkte sein Schwein neben Saya. Er kam sich auf seinem Reittier irgendwie dämlich vor, neben dieser majestätischen Elfe. „Ist es denn klug auf der Straße zu reiten? Hier werden wir bestimmt von den Orks überfallen.“
  Saya lächelte. „Ich weiß nicht, ob sich die Orks trauen, eine so große Gruppe anzugreifen. Normalerweise schicken sie kleinere Banden auf Raubzüge, um Reisende zu überfallen. Aber ich habe für alle Fälle ein paar Späher vorausgeschickt. Sie werden uns vor lauernden Orks warnen.“
  „Späher? Ich habe nicht bemerkt, wie Ihr sie losgeschickt habt.“
  Saya grinste. „Wenn nicht mal Ihr sie bemerkt habt, dann werden die Orks sie erst recht nicht bemerken.“
  Hamon nickte und stieß ein zustimmendes Brummen aus. Eine Weile ritt er schweigend neben der hübschen Elfe. „Wieso tragt Ihr Elfen eigentlich Masken?“, durchbrach Hamon schließlich das Schweigen.
  Saya setzte eine ernste Miene auf. „Weil der Tod kein Gesicht hat.“
  „Ihr tragt die Masken, wenn ihr in den Kampf zieht?“
  „Ja... Aber es gibt noch einen anderen Grund. Die Elfen kennen eine uralte Gesichte, aus dem großen Schattenkrieg. Damals gab es einen Dämon, den man den Gestaltendieb nannte. Wenn er das Gesicht von jemandem sah, konnte er dessen Gestalt annehmen. Viele Krieger starben, weil sich dieser Dämon als Freund tarnte und so in ihre Nähe kam. Doch als wir unsere Gesichter mit Masken verhüllten, konnte er nicht mehr unsere Gestalt annehmen, er konnte uns nicht mehr täuschen. Wahrscheinlich ist das auch ein Grund, wieso wir Elfen in der Schlacht Masken tragen. Aber so genau kann das keiner mehr sagen. Ich kenne niemanden, der die Zeit vor dem Bannkreis persönlich erlebt hat.“
  „Hmmm... Selbst Elfen werden selten älter als tausend Jahre.“
  „Ja...“ Saya warf Hamon einen durchdringenden Blick zu. „Ihr macht Euch Sorgen, oder?“
  Hamon nickte. „Am Anfang hab ich es noch nicht bemerkt, aber mittlerweile kann ich das Böse spüren, das von den Worten der Macht ausgeht.“
  „Wir werden bald den Elfenhof erreichen. Und dort wird man Euren Freunden helfen können.“

Kapitel 5

  Xamnar murmelte magische Worte. Die drei Diener der Schatten spürten, wie sie eine rastlose Unruhe durchströmte, sie spürten, wie sich ihre Sehnen spannten. Dann rannten sie los, schneller als jeder Mensch und mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes. Sie rannten so schnell sie konnten, sausten die breite, erdige Straße entlang. Immer Richtung Osten, ihrer Beute hinterher.
  Sie rannten den halben Tag ohne Pause. Gegen Mittag ließ der Zauber nach. Sie hielten an. Morgon schnupperte in der Luft. Sein wirrer Bart zuckte aufgeregt. Er ging in die Hocke und betrachtete den Boden.
  „Hier sind Spuren“, sagte er. Er betastete einige Vertiefungen in der Erde. „Von Pferden, mehrere Dutzend.“
  „In welche Richtung führen sie?“, fragte Xamnar.
  „Nach Osten, zum Elfenhof.“
  „Das müssen Elfen gewesen sein. Ob sie den Gnomen begegnet sind? Wir müssen den Spuren folgen.“
  Und das taten sie auch, bis sie schließlich die Asche einer Feuerstelle am Straßenrand fanden.
  „Hier haben sie gelagert“, sagte Morgon. Er suchte den Boden ab. „Hier sind kleine Fußabdrücke, wie von Kindern... Das müssen die Gnome sein...“
  Xamnar grinste in den Schatten seiner Kapuze. „Sehr gut. Wenn sie mit berittenen Elfen unterwegs sind, kommen sie nicht mehr so schnell voran.“
  „Ich sehe gar keine Pfotenabdrücke von Greifen.“
  „Hmmm. Dann haben sie die Greife vielleicht irgendwie verloren. Wenn sie nur noch auf normalen Pferden unterwegs sind, können wir sie einholen.“
  Morgon stieß ein Brummen aus. „Seltsam, hier sind auch Spuren von Riesenwildschweinen.“
  „Vielleicht werden sie von Orks verfolgt. Das könnten wir zu unserem Vorteil nutzen.“
  Plötzlich horchte Sartass auf. Der Dunkelelf hob den Kopf und lauschte. „Da kommt jemand“, flüsterte er. Mit blitzschnellen Bewegungen nahm er seinen Bogen vom Rücken und legte einen Pfeil ein. Seine roten Augen suchten die Schatten unter den Bäumen ab. Dann legte er mit seinem Bogen an.
  „Kommt raus, Grauhäute“, rief er. „Niemand entgeht meinen Pfeilen.“
  Es raschelte zwischen den Bäumen. Dann schälten sich ein paar Orks aus den Schatten. Sie waren mit Speeren, Bögen und Äxten bewaffnet.
  „Gut aufgepasst, Dunkelelf“, knurrte einer der Orks. Er war der größte und stämmigste von ihnen. „Aber wir sind euch hoffnungslos überlegen, da nützt es euch gar nichts, dass ihr unseren kleinen Hinterhalt bemerkt habt.“
  „Da wäre ich mir nicht so sicher“, flüsterte Xamnar. Seine Zähne schimmerten aus den Schatten seiner Kaputze, als er grinste. Dann flossen plötzlich Schattenfäden unter den Bäumen hervor. Sie wickelten sich um die erstaunten Orks, die verzweifelt versuchten sich zu wehren. Doch wenige Augenblicke später waren sie komplett von den dunklen Fäden eingesponnen, nur ihre wütenden Gesichter waren noch zu sehen.
  Xamnar trat an den bulligen Ork heran. „Ich spüre deine Angst, Ork“, flüsterte er. „Aber keine Sorge, ich glaube wir könnten euch gut gebrauchen.“
  „Der Clan der Blutäxte beugt sich keinem Menschen“, knurrte der Ork.
  „Mensch? Du hälst mich für einen Menschen? Glaube mir, ich habe jegliche menschliche Schwäche schon vor langer Zeit abgelegt.“ Xamnar fixierte den Ork mit einem durchdringenden Blick. Seine Gedanken drangen in den Geist seines Opfers ein, durchwühlten ihn mit eisigen, mentalen Klauen. „Dornenfaust ist dein Häutling? Ich habe einiges von ihm gehört. Ich denke, ich habe ihm ein interessantes Angebot zu machen.“
  Langsam wich die Angst aus dem Gesicht des Orks. „Was für ein Angebot?“
  „Es geht um Macht! Macht, die er nicht ablehnen kann!“
  Die Orks führten Xamnar, Sartass und Morgon durch den Wald, bis sie eine hügelige Gegend erreichten. Auch die Hügel waren mit dichtem Wald bewachsen und in ihren Flanken klafften Erdlöcher aus deren Inneren Feuerschein kam. Die Orks führten Xamnar und seine Schergen in die größte Höhle.
  In der Höhle steckten Fackeln in den Wänden. Am Boden lagen Knochen, um die sich einige Wolfshunde balgten. Auf einem Thron, der aus Knochen und Fellen errichtet war, saß ein fetter Ork, der mit seinen Hauern größe Stücke aus einer Fleischkeule riss. Als er die Fremden bemerkte, funkelten seine roten Augen böse.
  „Beute gemacht?“, fragte der Ork mit kratziger Stimme. Er trug schwere Lederhandschuhe, deren Knöchel mit eisernen Dornen versehen waren. „Wieso sind sie nicht gefesselt?“
  „Wir sind keine Beute“, sagte Xamnar. „Wir sind... Verbündete.“
  „Verbündete? Wir brauchen keine Schwächlinge als Verbündete.“
  Xamnar lächelte in den Schatten seiner Kapuze. „Du bist Dornenfaust.“
  Der Ork grinste. „So nennt man mich. Wie ich sehe, eilt mir mein Ruf voraus.“
  „In der Tat...“
  „Verschwende nicht meine Zeit durch sinnlose Schmiecheleien. Das zieht bei mir nicht, Menschlein. Komm zum Punkt.“
  „Das gefällt mir... Gut, ich habe dir ein Angebot zu machen. Ich werde dir helfen große Macht zu erlangen, wenn du mir hilfst ein paar Gnome einzufangen, die von Elfenrkriegern begleitet werden.“
  „Macht? Was hast du schon an Macht zu bieten, Menschlein?“
  Xamnar stieß einen schweren Seufzer aus. Dann schloss er die Augen und konzentrierte sich. Plötzlich fingen die Fackeln an den Wänden der Erdhöhle an zu flackern. Die Flammen wurden immer kleiner, bis sie schließlich ausgingen und vollkommene Dunkelheit herrschte. Die Orks murmelten durcheinander. Dann flammten die Fackeln wieder auf und es war wieder hell.
  „Hexerei!“, zischte Dornenfaust.
  „In der Tat“, sagte Xamnar. „Aber nur ein Witz im Vergleich zu dem, was die Worte der Macht zu bieten haben.“
  Dornenfausts Augenbrauen zogen sich zu düsteren Falten zusammen. „Die Worte der Macht?“ Er stieß ein tiefes Brummen aus. „Erzähl mir mehr davon...“
  Es war am späten Nachmittag, als Sayas Elfenkrieger und die fünf Gefährten den Wald hinter sich ließen und eine freie Fläche erreichten. Sie ritten auf ein steiniges Plateau hinaus, das am oberen Rande einer Klippe lag. Vom Kamm der Klippe aus hatten sie einen majestätischen Blick über die Landschaft unter ihnen. Die Straße führte in Serpentinen die steilen Klippen hinunter und schlängelte sich dann durch eine Landschaft aus Flüssen, Tümpeln und Wiesen. Weiden standen an den Gewässern und hier und da gab es kleine Gruppen von Birken.
  Und inmitten dieser herrlichen Landschaft lag eine Stadt, erbaut aus hellem Sandstein. Filigrane Türme schraubten sich in den Himmel. Zwischen ihnen erstreckten sich hohe, mit Efeu bewachsene Mauern. Die Stadt war mit so viel Grün durchzogen, dass die einzelnen Häuser kaum zu erkennen waren. Nur in der Mitte gab es einen hohen Turm der von einem wilden Park umringt war.
  „Ascaria“, verkündete Saya mit Stolz in der Stimme. „Die Stadt des Elfenkönigs.“
  Die Gefährten starrten das wunderbare Flechtwerk aus Natur und Baukunst an.
  „Ich habe schon viel von dem legendären Ascaria gehört“, sagte Jinxon nach einer andächtigen Pause. „Aber so schön hätte ich es mir nicht vorgestellt.“
  „Die Meisten sind positiv überrascht“, sagte Saya. Sie nahm ihren Bogen vom Rücken und zog einen seltsamen Pfeil aus dem Köcher an ihrer Seite. Dann schoss sie den Pfeil senkrecht in den Himmel. Kurz darauf explodierte er in einem Regen aus roten Funken. „Jetzt wissen sie, dass wir wichtige Begleiter bei uns haben. Sie werden König Vlandal informieren.“
  Plötzlich ertönte ein scharfer Ruf in der Sprache der Elfen. Saya wirbelte in ihrem Sattel herum. Einer ihrer Krieger gab ihr ein paar Handzeichen. Ihre Miene verfinsterte sich. „Orks“, knurrte sie. „Eine ganze Menge. Und sie versuchen nicht mal sich zu verstecken.“
  Saya nahm ein Horn, das an ihrem Sattel hing und blies kräftig hinein. Ein tiefer Klang dröhnte über die Klippen. Die Elfenkrieger setzten ihre Masken auf und stiegen von ihren Pferden. Dann machten sie ihre Bögen schussbereit.
  „Sollten wir nicht lieber abhauen?“, fragte Sanxia zaghaft.
  „Dir Orks sind gleich hier“, rief Saya. „Wir schaffen es nicht mehr bis zur Stadt.“
  Die Gefährten stiegen ab und machten sich kampfbereit. Dann hörten sie auch schon das Donnern von Hufen und das Quieken von Wildschweinen. Orks brachen aus dem Wald. Sie ritten auf riesigen Wildschweinen, spannten ihre Bögen und schossen Pfeile ab. Einige der Elfen hielten runde Holzschilde hoch und fingen die Geschosse ab. Andere erwiderten das Feuer. Ein Schauer aus Pfeilen ging auf die Orks nieder und holte einige von ihnen aus den Sätteln. Die Wildschweine galoppierten über das steinige Plateau und stürzten auf die Elfen zu. Diese hielten ihnen einen Wall aus Speeren entgegen. Die Orks brandeten gegen den Speerwall, wie das Meer gegen die Klippen einer Küste.
  Ein wütender Kampf entbrannte. Die Elfenkrieger standen zwischen den Gefährten und den Orks, wie eine schützende Wand. Hamon hielt sein Bastardschwert in den Händen, bereit gegen jeden Ork zu kämpfen, der die Linie der Hochelfen durchbrechen würde. Jinxon und Minxodian hielten ihre Feuerwaffen bereit und schossen auf alles, was Hauer und graue Haut hatte.
  Dann schälten sich drei Gestalten aus der Masse der Orks. Es war ein Mann in einem schwarzen Kapuzenumhang, ein Dunkelelf und ein stämmiger Kerl mit wirrem Bart und Fellkleidung. Die Diener der Schatten! Sie kamen auf die Gefährten zu. Die Orks schlugen für sie eine Bresche in die Elfenkrieger. Jinxon und Minxodian schossen auf die drei dunklen Schergen. Doch ihre Kugeln prallten an einer unsichtbaren Barriere ab. Schließlich waren die drei Männer da, sie hatten die Gefährten erreicht. Der Dunkelelf schwang seine beiden Krummschwerter. Der wilde Mann in den Fellen zog eine Axt und stürmte mit einem Knurren los. Der dunkle Zauberer sang magische Worte.
  Jinxon hatte seine Pistolen weggesteckt und hielt Schwert und Schild bereit. Minxodian hatte seine Büchse auf dem Rücken und seinen Stab in den Händen. Der wilde Mann stürmte auf die beiden Gnome zu. Hamon stellte sich dem Dunkielelfen.
  Die Axt des Bärtigen sauste auf Jinxon herab. Doch der riss sein Schild in die Höhe und blockte den Schlag ab. Minxodian stieß seinen Stab zwischen die Beine des Angreifers, versuchte ihn zu Fall zu bringen. Doch der Bärtige sprang geschickt zurück.
  Der Dunkelelf wirbelte mit seinen Krummschwerten um sich und ein wahrer Schlaghagel prasselte auf Hamon nieder. Der Knappe ließ die Klinge seines Bastardschwertes durch die Luft zucken und parierte einen Schlag nach dem anderen. Dann wagte er einen Ausfall. Er stieß mit dem Schwert zu. Der Dunkelelf kreuzte seine Waffen und ließ Hamons Klinge abgleiten. Seine roten Augen funkelten böse.
  Während die anderen in heftige Kämpfe verstrickt waren, trat der dunkle Magier den beiden Gnomenschwestern entgegen. Seine behandschuhten Finger glitten durch die Luft, seine Lippen flüsterten magische Worte. Sanxia konzentrierte sich. Durch ihr magisches Auge sah sie, wie sich die Kraftfäden um den dunklen Zauberer verdichteten. Sie sandte ihren Geist aus und errichtete eine Mauer aus purem Willen. Plötzlich schoss Feuer aus den Händen den Schwarzmagiers. Es brauste auf die Gnominnen zu und prallte an einer unsichtbaren Wand ab. Sanxia kniff die Augen zusammen. Sie hatte ihre Hände nach vorne geworfen und ließ die magischen Kräfte durch sie hindurch fließen. Das Mana strömte aus ihren Handflächen und bildete eine unsichtbare Schutzwand gegen die Zauberflammen. Sanxia spürte, wie ihr Schweißtropfen über die Stirn rannen. Sie spürte die Kraft des magischen Feuers. Sie keuchte. Dann verpufften die Flammen plötzlich. Sanxia ließ ihre Schutzwand fallen und atmete tief durch.
  Doch da sang der Schwarzmagier auch schon die nächste Zauberformel. Dunkelheit ballte sich um ihn zusammen. Satyria deutete mit ihrem Sonnenstab auf ihn und rief ihre Herrin Solaria in der Sprache der Götter an. Sonnenlicht schoss aus ihrem Stab. Es schien auf die Dunkelheit, die sich um den Schwarzmagier sammelte, rang mit ihr, versuchte sie aufzulösen. Schattenfäden glitten davon. Der Schwarzmagier schrie etwas und gestikulierte wild. Licht und Dunkelheit wirbelten durcheinander. Dann verpufften Sonne und Schatten in einem plötzlich Windstoß.
  Der Schwarzmagier stieß ein Knurren aus. Seine Hände schossen vor. Er schrie. Schattenblitze zuckten aus seinen Fingern. Satyria und Sanxia sangen Gebete und Zauberformeln. Eine wabernde Wand baute sich vor ihnen auf. Die Blitze schlugen in die Wand ein und wurden von ihr abgelenkt. Magische Energie knisterte in der Luft.
  Während die übernatürlichen Energieen aufeinander brandeten, waren Jinxon und Minxodian in einen wilden Kampf mit dem Bärtigen verwickelt. Die Axt des Schattendieners wirbelte durch die Luft und hämmerte immer wieder auf Jinxon ein, der einen Hieb nach dem anderen mit seinem Schild abwehre. Minxodian holte mit seinem Stab aus und schlug mit voller Wucht auf den Rücken des Bärtigen ein. Der Kerl knurrte und wirbelte herum. Seine Axt sauste durch die Luft. Er stürzte sich auf Minxodian. Jinxon atmete einmal tief durch, dann drang er auf den bärtigen Kerl ein. Er näherte sich von der Seite und stach mit seinem Schwert zu. Doch der wilde Mann sprang plötzlich zur Seite. Er schlug mit seiner Axt zu. Die schwere Waffe knallte mit solcher Wucht auf Jinxons Schwert, dass es ihm aus der Hand gerissen wurde. Jinxon taumelte zurück, während der Bärtige grinsend näher kam. Die Axt schlug auf ihn ein. Er wehrte die Hiebe mit seinem Schild ab, doch er ging unter den wuchtigen Schlägen in den Knie.
  Dann stieß Minxodian seinen Stab zwischen die Beine des Schattendieners. Der wilde Mann stolperte über den Stab und ging mit einem wütenden Aufschrei zu Boden. Minxodian schlug mit seinem Stab zu, während der Bärtige sich herumrollte und versuchte die Schläge abzublocken.
  Da stürmte plötzlich ein Ork heran. Er hatte die Reihen der Elfenkrieger durchbrochen und näherte sich Minxodian mit erhobener Waffe. Der Gnom wandte ihm den Rücken zu und er war vollkommen mit dem Schattendiener beschäftigt. Jinxon starrte einen Moment entsetzt den Ork an, dann zog er hastig eine Pistole. Er schoss und streckte damit den Ork nieder. Minxodian zuckte kurz zusammen, als der Schuss an ihm vorbeipfiff. Doch dann wandte er sich schon wieder seinem Gegner zu.
  Der wilde Mann stieß Minxodian mit einem schweren Axthieb zurück. Dann sprang er mit einem Satz wieder auf die Beine. Mit einem hässlichen Grinsen näherte er sich dem Gnom. Jinxon stand hinter dem Schattendiener. Seine Gedanken wirbelten durcheinander, als er überlegte, was er tun sollte. Die Pistole, die er in der Hand hielt, hatte keine Munition mehr. Sein Schwert lag mehrere Schritte entfernt. Jinxon atmete tief durch, dann rannte er los. Mit voller Wucht donnerte er dem wilden Mann sein Schild in die Kniekehlen. Der stämmige Kerl schrie vor Schreck, dann stürzte er nach hinten. Einen Moment lag er benommen da. Dann waren die beiden Gnome über ihm und schlugen auf ihn ein. Monxodian verhakte seinen Stab mit der Axt, um die Waffe zu binden. Jinxon schlug mit seinem Schild auf den Kopf des Bärtigen ein. Dreimal knalltge die Stahlkante des Schildes gegen die Stirn des Schattendieners, dann blieb er bewusstlos liegen. Die beiden Gnome atmeten tief durch. Sie stubsten den wilden Mann an, doch er rührte sich nicht mehr. Sie hatten ihn tastsächlich ins Reich der Träume geschickt.
  Während Jinxon und Minxodian schon über ihren Sieg staunten, steckten Satyria und Sanxia tief in der Klemme. Mit aller Macht stemmten sie sich gegen die Schattenblitze des Schwarzmagiers, doch ihre Kärfte wurden immer geringer. Bald würde ihr Schutzschild zusammenbrechen und die Blitze würden sie rösten. Der dunkle Zauberer schrie etwas und unter seiner Kapuze war ein irres Grinsen zu sehen.
  Von der Seite sah Jxion wie die beiden Schwestern bedrängt wurden. Er erinnerte sich an die Worte des Mannes, der ihm sein Schild verkauft hatte. Er warf einen Blick auf die Innenseite des Schildes. Dort war ein Rädchen. Er drehte das Rädchen und das Schild fing an zu vibrieren. Dann betete er. Er betete zu allen Göttern, dass es auch wirklich funktionieren würde. Den Schild erhoben, rannte er zu den beiden Schwestern und warf sich zwischen sie und den Schwarzmagier. Er hielt den Schild hoch, hielt ihn den Blitzen entgegen. Es funktionierte. Dar magomechanische Schild baute ein Kraftfeld auf, das die Schattenblitze abhielt. Die Schwestern sahen Jinxon einen Moment überrascht an, ebenso wie der Schwarzmagier. Dann schossen Feuer und Licht aus den Fingern der Schwestern. Die magischen Energieen umhüllten den dunklen Magier. Der Mann schrie vor Zorn, dann stürzte er mit qualmendem Umhang zu Boden.
  Doch die Schattendiener waren noch nicht besiegt. Der Dunkelelf schlug mit seinen beiden Krummschwertern auf Hamon ein. Obwohl der Knappe im Kampf mit dem Bastardschwert geübt war, gegen die beiden blitzschnellen Klingen seines Gegners hatte er keine Chance. Er wehrte sich so gut es ging, doch immer wieder drangen Schläge durch seine Verteidigung und versetzen ihm ein paar leichte Schnitte an den Armen. Hamon spürte wie er immer schwächer wurde. Er versuchte einen letzten verzweifelte Ausfall, stieß mit seinem Schwert so feste zu, wie er nur konnte. Der Dunkelelf kreuzte seine Klingen und fing mit ihnen das Bastardschwert. Mit einem Ruck riss er Hamon die Waffe aus der Hand und schleuderte sie zur Seite. Hamon fiel entkräftet auf die Knie. Er sah den Dunkelelfen näher kommen. Er sah sein roten Augen funkeln, während er veruschte zurückzuweichen.
  „Zeit zu sterben, Jüngchen“, zischte der Dunkelelf. Er hob seine Krummschwerter. Die schwarzen Klingen wirkten wie die Zähne eines Schattenmonsters. Dann sausten sie auf Hamon herab, der sich in Gedanken darauf vorbereitete zu seinem Mentor, Ritter Salion von Drachenstein, zu stoßen.
  Ein Krachen. Ein Schuss donnerte über das felsige Plateau. Der Dunkelelf wurde herumgewirbelt. Seine Klingen verfehlten Hamon um Haaresbreite. Ein Schuss hatte den Schattendiener niedergestreckt. Hamon sah sich irritiert um. Dann entdeckte er Minxodian. Er stand mit angelegter Büchse da, die Mündung qualmte noch. Hamon entdeckte auch den wilden Mann und den dunklen Zauberer. Sie lagen alle reglos am Boden. Alle besiegt. Sie hatten es geschafft...
  Oder doch nicht? Die Schlacht mit den Orks tobte imnmer noch. Die Elfen stemmten sich verzweifelt gegen die Flut aus grauer Haut und mächtigen Hauern. Doch sie konnten die Linie nicht mehr halten, grölende Orks strömten auf die Gefährten zu. Hamon stolperte zurück, Satyria eilte zu ihm, ein Heilgebet auf den Lippen. Sanxia sammelte ihre magischen Kräfte, bereit die Orks zurückzuschlagen. Jinxon und Minxodian luden ihre Schusswaffen nach. Dann feuerten sie. Sie schafften es sogar ein paar der Orks niederzustrecken, doch dann waren die Biester auch schon bei ihnen.
  Plötzlich hallte ein spitzer Schrei über das Plateau. Es war der Schrei eines Adlers. Die Orks hielten inne und sahen zum Himmel. Die Gefährten folgten ihren Blicken. Am Himmel kreisten riesige Adler, auf denen maskierte Elfenkrieger ritten. Die majestätischen Tiere stürzten auf die Orks hinab. Die Elfen auf ihren Rücken schossen mit Bögen und stachen mit Lanzen zu. Die Adlerreiter trieben die panischen Orks auseinander. Die Elfen am Boden setzten den Grauhäuten nach und trieben sie zurück in die Wälder. Einige Orks sprangen auf ihre Reitschweine, die noch in der Nähe waren, und preschten davon.
  Dann war es plötzlich vorbei. Die Schlacht war geschlagen, die Orks besiegt. Die Adlerreiter landeten auf dem Plateau und wurden von Saya begrüßt. Sie wechselten ein paar Worte in der Sprache der Elfen. Dann traten die Reiter an die Gefährten heran.
  Der Anführer der Adlerreiter nahm seine Maske ab und musterte Hamon mit einem besorgten Blick. „Euer Freund sieht sehr angeschlagen aus“, sagte er. „Wir sollten ihn so schnell wie möglich nach Ascaria bringen.“
  „Ja, das wäre wohl das Beste“, sagte Satyria. „Ich habe nicht mehr die Kraft ihn zu heilen.“
  „Gut, dann nehmen wir ihn mit.“ Der Elf rief etwas in seiner Muttersprache. Zwei Adlerreiter eilten herbei und führten Hamon zu einem der Riesenvögel. „Ihr könnt auch mitkommen, wenn Ihr wollt. Für ein paar Gnome ist noch Platz.“
  „Danke.“
  Die Gnome stiefelten zu den Adlern hinüber. Nur Sanxia blieb kurz stehen. Sie warf einen Blick durch ihr magisches Auge und starrte den wilden Kerl an. Er hatte eine Flasche dabei...
  Sanxia ging zu dem Bärtigen und hob die Flasche auf, die an seinem Gürtel hing. In der Flasche waren einige Blätter, auf denen sich Raupen tummelten. Doch durch ihr magisches Auge konnte sie genau erkennen, dass es eigentlich gar keine Raupen waren...
  „Was wird mit ihnen geschehen?“, fragte Sanxia und deutete auf die Schattendiener.
  „Wir werden sie in einen Kerker sperren“, sagte der Adlerreiter.
  „Dann sollte es lieber ein magischer Kerker sein.“ Sanxia hielt das Glas fest in den Händen und lief zu einem der Adler.
  „Was ist das?“, fragte der Anführer der Reiter.
  „Das sind Elfen“, sagte Sanxia. „Verwandelte Elfen.“ Mit diesen Worten kletterte sie auf den Rücken des Adlers.

Kapitel 6

  Die Adlerreiter landeten auf einem weiten Hof, in dessen Mitte ein Teich lag, der von Weiden umgeben war. Die Elfen und die Gefährten stiegen ab. Hamon wurde von zwei Kreigern gestützt. Der Anführer der Adlerreiter unterhielt sich kurz mit einer Wache in der Sprache der Elfen, dann wurden sie durch den Palast geführt.
  Der Palast des Elfenkönigs war atemberaubend. Er war nicht prächtig im Sinne der Paläste von Menschenkönigen, denn es gab weder Gold noch Silber. Aber es gab Pflanzen, die in den herrlichsten Blüten standen und die betörendsten Düfte verströmte. Und es gab kunstvolle Holzeschnitzereien, die an den hellen Sandsteinwänden entlangliefen. Überall gab es große Fenster, durch die viel Licht strahlte. Einige Wände waren nicht mal aus Stein, sondern nur aus einem Teppich aus Pflanzen, der Blicke und Regen abhielt.
  Schließlich wurden die Gefährten in einen Raum geführt. Man konnte nicht genau sagen, ob es ein echter Raum oder ein Innenhof war. Durch einige offene Fenster kam viel Licht herein und an den Wänden krochen Ranken empor. Außerdem standen einige Bäume im Raum, deren Äste durch Fenster wuchsen. Zwischen den Bäumen stand ein plätschernder Brunnen. Jinxon war der Meinung, dass es ein Raum war, schließlich gab es Wände und ein Dach. Doch für Minxodian war es ein überdachter Hof, da es Bäume und einen Brunnen gab.
  Erst als sie von den Adlerreitern an den Brunnen herangeführt wurden, entdeckten die Gefährten drei Elfen. Sie trugen einfach geschnittene Gewänder, die jedoch umso kunstvoller bestickt waren. Es waren zwei Männer und eine Frau. Sie musterten die Gefährten mit neugierigen Blicken. Einer von ihnen trug ein kunstvoll geschnitztes Amulett aus Holz um den Hals. Er nickte den Adlerreitern zu und diese trugen Hamon an den Brunnen heran, um seine Wunden mit dessen Wasser zu benetzen. Plötzlich hörte es auf zu bluten und die Wunden schlossen sich wie von Zauberhand.
  Hamon starrte den Brunnen mit leuchtenden Augen an. „Die legendären heilenden Quellen von Ascaria“, flüsterte er.
  „In der Tat“, sagte der Elf mit dem Holzamulett. „Jetzt wo es Euch besser geht, erlaubt mir, dass wir uns vorstellen. Ich bin König Vlandal und das sind meine Berater, Erzmagierin Leomna und Erzkleriker Phanmanal.“
  Hamon machte Anstalten sich zu verbeugen, doch der Hochkönig winkte ab. „Vergesst die Etikette, die Ihr unter Menschen gewohnt seid. Ich verlange von Euch nicht mehr Respekt, als den, den Ihr jedem anderen Bürger zugesteht. Macht ist kein Privileg, sondern eine schwere Last, die man nur trägt, um der Allgemeinheit zu dienen.“
  Die Gefährten entspannten sich sichtlich.
  „Wir haben gehört, dass wichtige Gäste im Anmarsch sind“, sagte die Erzmagierin Leomna. „Und wie ich sehe handelt es sich um ein magisches Problem. Wer seid Ihr?“
  „Meine Name ist Hamon, ich war der Knappe von Ritter Salion von Drachenstein, der auf unserer Reise leider umkam. Und das sind Satyria, eine Klerikin Solarias, ihre Schwester Sanxia, Jinxon und Minxodian. Wir sind gekommen um böse Worte zu bannen, die ein Elf an diese beiden Gnome weitergegeben hat.“
  „Böse Worte... In der Tat...“ Die Erzmagierin trat an Jinxon und Minxodian heran. Sie streckte ihre Hand aus, wollte Jinxons Stirn berühren. Doch im letzten Augenblick zuckte sie zurück und keuchte auf. „Dämonische Worte. Worte der Macht...“, flüsterte sie. „So was hat es hier seit Errichtung des Bannkreises nicht mehr gegeben.“
  „Könnt Ihr denn etwas dagegen unternehmen?“ Jinxons Stimme zitterte leicht. Er erinnerte sich immer noch an die Worte der wilden Elfen. Konnten die Hochelfen der Versuchung der Macht widerstehen?
  „Ja, das können wir. Die Worte nutzen Eure Körper als Wirte. Wir werden sie aus Euch herausholen und sie in eine Statue bannen. Wenn wir diese Statue dann vom heiligen Licht in Yjamajak reinigen lassen, können wir sie vielleicht sogar dazu verwenden den Bannkreis zu stärken.“
  „Sind das die Worte, die Laeres gesucht hat?“, fragte Phanmanal plötzlich.
  Leomna nickte. „Ja, das müssen sie sein.“
  Jinxon runzelte die Stirn. „Laeres?“
  Leomna räusperte sich. „Das war wahrscheinlich der Elf, dem Ihr begegnet seid. Der hohe Rat schickte ein paar Agenten der Mondmäntel aus, sie sollten nach Schattenanhängern suchen. Wir hatten Berichte erhalten, denen zufolge sie wieder aktiv sind. Bald hörten unsere Agenten von Worten der Macht. Dämonische Worte, die den Bannkreis schwächen sollten. Die Schattenanhänger waren auf der Suche nach ihnen, also mussten wir sie zuerst finden. Offensichtlich hat Laeres sie als Erster gefunden.“ Leomna fixierte die Gnome mit einem traurigen Blick. „Wenn Laeres Euch die Worte anvertraut hat, kann das eigentlich nur bedeuten, dass er tot ist.“
  Jinxon und Minxodian nickten mit hängenden Schultern.
  „Es war ein heldenhafter Tod. Wenn die Worte das sind, nach dem wir gesucht haben, dann können sie großes Verderben bringen... oder sie helfen den Bannkreis zu erneuern, wenn sie gereinigt werden...“
  König Vlandal trat näher an die Gefährten heran. Er setzte ein aufmunterndes Lächeln auf. „Ich würde vorschlagen, Ihr begebt Euch erst mal in die Gästegemächer während unsere Magier und Kleriker das Ritual zur Extraktion der dämonischen Worte vorbereiten. Wir sehen uns dann in ein paar Stunden.“
  Der König und seine beiden Berater verbeugten sich leicht vor den Gefährten, die diese Geste erwiderten. Dann wurden sie von den Adlerreitern nach draußen geführt, wo einige Diener sie in Empfang nahmen und zu einigen geräumigen Gästequartieren führten.
  Die Gefährten stellten den Elfen alle möglichen Fragen. Schließlich war keiner von ihnen je im Hochelfenkönigreich gewesen. Sie erfuhren, dass es am Elfenhof eigentlich gar keine Diener gab. Sowieso schien dieses Wort den Elfen unbekannt zu sein. Es gab in ihrer Gesellschaft niemanden, der irgendwem diente, nur Leute, die sich um andere kümmerten. Die Diener waren keine Diener, sondern Elfen, die sich um den Palast und seine Bewohner kümmerten. Der König war auch nur für eine bestimmte Zeit auserwählt. Er herrschte nicht wirklich über seine Untertanen. Er koordinierte eher die Anstrenungen der verschiedenen Elfenclans, um das Volk und die Länder der Elfen zu schützen.
  Ein paar Stunden später besuchte Saya die Gefährten in den Gästequartieren. Sie erzählte, dass die Schattenanhänger in die Kerker unter dem Palast gebracht worden waren. Die Gefängnisse waren mit magischen und klerikalen Schutzrunen versehen. Es war unmöglich zu entkommen.
  Nachdem Saya die wichtigsten Neuigkeiten verkündet hatte, trat Sanxia an sie heran. „Das solltet Ihr vielleicht der Erzmagierin geben“, sagte sie und reichte der Elfe das Glas mit den Raupen. „Ich hatte es in der Aufregung ganz vergessen.“
  Saya betrachtete das Gefäß mit einem Stirnrunzeln. „Was ist das?“
  „Wenn ich das richtig sehe, dann müssten das verwandelte Elfen sein.“
  „Wo habt Ihr die her?“
  „Die hatte einer der Schattendiener dabei.“
  „Aber... Wieso?“
  „Ich habe keine Ahnung. Wartet, ich denke, ich kann sie auch zurück verwandeln. Der Zauber scheint schwächer zu werden.“ 
  Sanxia öffnete das Glas. Im Deckel waren einige Löcher. Dann kippte sie die Raupen auf den Boden. Sie murmelte ein paar Worte, dann fingen die Raupen an zu wachsen. Schließlich saßen ein paar Elfen auf dem Boden. Einer von ihnen hatte noch etwas von den Blättern im Mund, die er in Raupengestalt gefressen hatte. Er verzog das Gesicht. Die Elfen trugen ähnliche Gewänder wie die Hochelfen und sie sahen sich verwirrt um.
  „Wo... Wo sind wir?“, fragte der Älteste von ihnen.
  „Am Hof des Elfenkönigs“, sagte Saya. „In Ascaria... Seid Ihr das, Botschafter Crajan?“
  Der alte Elf sah sich um. „Ja.“ Er stand auf und starrte die Gnome an. „Was mache ich hier?“
  „Ich habe keine Ahnung...“
  „Ich erinnere mich an einen Mann, mit einer dunklen Kapuze. Er wurde von einem groben Kerl begleitet. Sie drangen in die Elfenbotschaft von Wartburg ein und dann... Ich hab sie nur kurz gesehen, dann erinnere ich mich an nichts mehr.“
  „Wir waren in der Botschaft der Hochelfen in Wartburg“, sagte Minxodian. „Aber wir haben da niemanden gefunden. Die Schattenschergen müssen Euch verwandelt und mitgenommen haben.“
  „Schattenschergen?... Sieht ganz so aus.“ Botschafter Crajan blickte an sich herab, als wolle er nachsehen, ob noch alles dran war. „Aber wieso haben sie das getan?“
  „Das ist eine lange Geschichte“, sagte Saya mit einem Lächeln.
  „Wieso haben die Schattendiener uns nicht einfach verwandelt?“, fragte Jinxon.
  „Gnome sind nicht so einfach zu verwadneln.“ In Sanxias Stimme klang ein gewisser Stolz mit. „Überhaupt sind wir für magische Effekte nicht sonderlich anfällig. Außerdem sind sie wohl nicht nah genug herangekommen. Ich glaube, dass nicht der Schwarzmagier Euch verwandelt hat, sondern dieser bärtige Typ. Wahrscheinlich ist er ein Gestaltenwandler und deren Magie funktioniert etwas anders.“
  Die Gefährten und die Elfen hielten innne, als ein Wächter in der Tür erschien. „Das Ritual ist vorbereitet“, verkündete er mit feierlichem Ernst.
  Saya und ein paar Elfenkrieger führten die Gefährten in einen weitläufigen Hof. Begleitet wurden sie von den Elfen aus der Botschaft von Wartburg.
  Der Hof maß bestimmt hundert Meter im Durchmesser. Er bestand aus einer Wiese, auf der Bäume wuchsen. Ein paar flache Steine lagen auf dem Boden. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte man, dass sie einen Weg bildeten. In der Mitte des Hofes lag ein Teich mit einer kleinen Insel. Vier Baumstämme waren über den Teich gekippt und bildeten knorrige, natürliche Brücken zu der Insel. Jede Himmelsrichtung hatte eine eigene Brücke. Die Elfen versammelten sich um den Teich. Erst als sie näher kamen, erkannten die Gefährten, dass auf der Insel eine Statue stand, die etwa so groß war wie ein menschlicher Unterarm. König Vlandal, Leomna und Phanmanal befanden sich unter den Elfen. Doch als sie alle versammelt waren, verhüllten sie ihre Gesichter mit hözernen Masken.
  Einen Moment standen die Elfen andächtig schweigend da. Die Gefährten sahen sich unruhig um. Dann trat die Erzmagierin Leomna aus der versammelten Menge hervor. Sie stellte sich an eine der Brücken, die zu der Insel führten. Drei andere Elfen taten es ihr gleich, so dass vor jeder Brücke ein Elf stand.
  „Jinxon und Minxodian“, rief Leomna. Ihre Stimme dröhnte mit unheilschwangerem Unterton über die Versammelten. „Tretet vor, begebt euch zum Rand des Teiches.“
  Die beiden Gnome gehorchten. Sie stellten sich am Ufer auf.
  „Dunkle Worte haben sich auf Eure Seelen geheftet“, rief Leomna. „Wir werden sie zwingen Euch freizugeben. Wir werden sie in diese Statuette bannen, auf dass sie Euch nie wieder behelligen werden. Dann werden wir die Statue zum heiligen Licht von Yjamajak bringen, wo die Worte gereinigt werden, um den Bannkreis zu stärken.“ Ein kurzer Moment des Schweigens breitete sich aus. „Seid Ihr bereit?“
  Jinxon und Minxodian nickten. „Ja“, sagten sie im Chor.
  „Dann tretet in den Teich, badet in den heiligen Quellen von Ascaria.“
  Die beiden Gnome stiefelten vorsichtig ins Wasser, bis das kühle Nass in ihre Stiefel kroch. Dann fingen die Elfen an zu singen. Ein vielstimmiger Chor erhob sich zum Himmel. Auch der König stimmte mit ein. Ebenso Phanmanal, der einen knorrigen Eichenstab in den Himmel streckte, aus dem Blätter wuchsen. Hamon stand direkt neben Saya. Er hörte ihre sanfte Stimme und ihr betörender Klang betäubte ihn fast. Er fühlte sich, als würde er durch ein Meer aus Watte treiben.
  Der Gesang wurde lauter. Dann mischten sich gerufene Worte darunter, Worte in der Sprache der Götter. Der Erzkleriker Phanmanal und seine Priester riefen Gebete.
  Plötzlich fingen Jinxon und Minxodian an zu zucken. Sie zitterten und bebten. Ihre Gliedmaßen schienen ihnen nicht mehr zu gehorchen. Wie Besessene zappelten sie im Wasser. Dann krochen Schattenfäden aus ihren Nasenlöchern, aus ihren Ohren und aus ihren Mündern. Wie schwarzer Rauch drehten sich die Schatten durch die Luft. Sie schwebten empor in den Himmel, als wollten sie entkommen. Doch da schrie Leomna etwas in der Sprache der Elfen. Jeder der Gefährten spürte, dass es ein mächtiges magisches Wort war. So mächtig, dass es die Schattenfäden festhielt. Langsam wurden die Schatten wieder zu Boden gezogen. Aber sie wehrten sie, zogen und zerrten an den magischen Fesseln, die die Elfen ihnen anlegten. Schließlich schwebten sie auf die Statuette zu. Die berührten den kalten, weißen Marmor des Standbildes. Es zeigte eine Frau in einem fließenden Gewand, dessen Kopf von Sonnenstrahlen umgeben war – ein Abbild der Göttin Solaria. Die Schattenfäden umspielten die marmornen Zacken der Sonnenkrone.
  Plötzlich brach etwas aus den Reihen der umstehenden Elfen. Hamon, Sanxia und Satyria starrten auf die Gestalt, die auf den Teich zusprintete. Es war ein Elf aus dem Gefolge Crajans. Ein Elf aus der Botschaft von Wartburg. Der Mann rannte auf eine Brücke zu, stieß den Magier um, der dort stand, und lief zu der Statuette.
  Zuerst reagierte niemand. Alle waren zu überrascht. Jinxon und Minxodian standen zusammengesackt im Teich, als hätten sie einen erschöpfenden Dauerlauf hinter sich. Die Elfen bermerkten zuerst nichts, sie waren zu vertieft in ihr Bannlied.
  Hamon reagierte als Erster. Er rannte los, hinter dem Elfen her. Er war sich sicher, dass das nicht Teil des Rituals war. Leomna schrie etwas auf Elfisch. Doch der Mann reagierte nicht. Mit einem wilden Schrei stieß er die Statuette um und stellte sich in die tanzenden Schattenfäden. Hamon war dicht hinter ihm. Doch als er die Dunkelheit sah, die sich um den Elfen herum manifestierte, blieb er wie angewurzelt stehen.
  Der Gesang der Elfen erstarb. Stille kehrte ein. Alle starrten auf den Mann, der in den Schatten badete. Die dunklen Fäden drangen in ihn ein und hüllten ihn in einen schwarzen Mantel. Der Mann lachte irre und es war, als würde er kurz in der Luft schweben. Dann war der Spuk vorbei. Auf der Insel stand der Elf und alle Versammelten konnten deutlich spüren, dass von ihm eine bösartige Macht ausging. Er hatte die dunklen Worte in sich aufgenommen und er schien bereit zu sein, sie zum Bösen zu verwenden.
  „Lumenai!“ Es war die Stimme von Crajan, die die Stille durchschnitt. Der Elfenbotschafter starrte hinter seiner Maske den Mann auf der Insel an. „Lumenai, was soll das? Was machst du da?“
  Der Elf, den man Lumenai nannte, lachte höhnisch. „Ich bin nicht Lumenai, du Narr!“ Der Mann riss sich die Maske vom Gesicht und schob die Kapuze zurück. Zum Vorschein kam das Gesicht eines Dunkelelfen. Seine weißen Haare wehten in einer Brise und seine roten Augen funkelten. „Ich bin Sarmass, Bruder des Sartass, der dem Schwarzmagier Xamnar folgte, um die Worte der Macht von diesem dreckigen Hochelfen Laeres zu holen.“
  Leomna stieß einen wütenden Schrei aus. Plötzlich schossen silbere Schleier aus ihren ausgestreckten Händen. Sie umgarnten Sarmass. Doch der lachte nur. Dunkelheit umhüllte ihn kurz und zerschnitt die silbernen Schleier, die sich daraufhin auflösten.
  „Eure jämmerliche Elfenmagie ist vollkommen wirkunglos gegen die Worte der Macht, die in mir schlummern. Denn ich weiß, wie man sie benutzt.“
  Die Elfen stießen erschrockene Laute aus und wichen zurück. Jinxon und Minxodian hatten sich wieder erholt. Einen Moment standen sie mit schreckgeweiteten Augen da. Dann zogen sie sich ebenfalls zurück, bis sie an das Ufer des Teiches stießen.
  „A-Aber...“ Jinxon schluckte schwer. „Das kann nicht sein, wo kommst du her?“
  Sarmass lachte. „Sartass traf mich in der Stadt der Dunkelelfen, in die ihr verschleppt wurdet – in Yash’Ulgor. Und ich schloss mich Xamnar an. Xamnar ist ein umsichtiger, weiser Mann, nicht so kursichtig und verträumt wie diese Elfen hier. Er rechnete damit, dass etwas schief gehen könnte und er fasste einen brillanten Plan. Er nahm einen der Elfen, die der Gestaltenwandler Morgon in Raupen verwandelt hatte, aus dem Glas. Stattdessen setzte er mich hinein. Zuerst verwandelte Morgon mich mit Xamnars Hilfe in den Hochelfen und dann in eine Raupe. Er sorgte dafür, dass ich auch noch nach meiner Zurückverwandlung aus der Raupengestalt wie einer der Elfen aus der wartburger Botschaft aussehen würde. So konnte ich bis ins Herz des Hochelfenkönigreiches eindringen, ohne dass jemand etwas bemerkt hat.“ Sarmass lachte erneut. „Ich habe auf den richtigen Moment gewartet, bis die Worte frei waren und jetzt habe ich sie in mich aufgenommen... Hahaha! Die Macht ist überwältigend!“
  Sarmass lachte immer weiter. Irgendwann fiel eine weitere Stimme in sein Gelächter mit ein. Die Stimme einer Frau. Sarmass verstummte. Das Gelächter hielt an. Er sah sich verwirrt um. Dann trat eine kleine Gestalt aus den Reihen der Hochelfen. Es war Sanxia, in ihren nachtblauen Umhang gehüllt. Aus den Schatten ihrer Kapuze scholl ihr quietschendes Lachen.
  „Deine Ausführungen sind nicht ganz korrekt, Sarmass“, rief Sanxia. „Du wurdest bemerkt.“
  Sanxia schlug die Kapuze zurück. Ihr goldenes, magisches Auge funkelte im Sonnenlicht. Sanxia deutete darauf. „Dieses magische Auge stammt von einem fähigen Zauberer und dadurch kann ich vieles sehen, was anderen verborgen bleibt. Als ich die Raupen zurückverwandelte bemerkte ich schnell, dass mit einer der magischen Auren etwas nicht stimmte. Ich wusste, dass einer der Elfen nicht das war, wonach er aussah. Und ich spürte Gier, unbändige, dunkle Gier. Und da ich über einen ausgesprochenen Schwarfsinn verfüge“ – Sanxia legte sich Stolz die Hand auf die Brust – „wusste ich, was passieren würde. Ich ahnte, dass du ein Schattenscherge bist und dass du versuchen würdest die Worte an dich zu bringen.“
  Sarmass grinste. „Du Närrin! Dann hättest du mich aufhalten sollen, als ich noch nicht unbesiegbar war.“ Er hielt plötzlich inne und legte den Kopf schief. Auf seinem schwarzen Gesicht breitete sich ein Grinsen aus. „Es sei denn, du willst mir dienen, um an dieser grenzenlosen Macht teilzuhaben.“
  Sanxia lächelte freudlos. „Ja, das will ich, Meister der Schatten.“
  Die Umstehenden keuchten vor Entsetzen. Hamon, Jinxon und Minxodian starrten die Gnomenmagierin fassungslos an.
  Satyria machte einen Schritt auf ihre Schwester zu. Ihr Gesicht war von Entsetzen gezeichnet. „Aber Sanxia, Schwesterchen, das kann nicht sein.“
  Sanxia drehte sich zu ihrer Schwester um. Plötzlich lächelte sie fröhlich. „Natürlich kann das nicht sein. Das war ein Scherz.“ Sie wandte sich wieder an Sarmass. „Das nennt man Sarkasmus.“
  Sarmass stieß ein zorniges Knurren aus. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Wenn du das Ganze hier für einen Scherz hältst, du kleine, mikrige...“
  Sanxia flüsterte ein Wort und Sarmass versteifte sich. Er hielt mitten im Satz inne und stand stocksteif da.
  „Schweig!“, murmelte Sanxia. „Natürlich habe ich dich nicht einfach laufen lassen, als ich entdeckte, dass du ein falsches Spiel spielst. Ich habe dir ein Schattenmal angehext. Hinten, in deinem Nacken. Damit habe ich dich vollkommen unter Kontrolle. Du kannst nicht mal pinkeln, ohne dass ich es dir erlaube.“ Sanxia atmete tief ein, als würde sie einen herrlichen Duft schnuppern. „Ich spüre die Worte der Macht in dir. Ich hatte gehofft, dass genau diese Situation eintreten würde. Dass du die Worte in dich aufnimmst und ich dich dann über das Schattenmal beherrsche. So habe ich die vollkommenes Kontrolle über die Worte, ohne das ich direkt mit ihnen in Kontakt komme. Diese Macht... Sie ist unbeschreiblich...“
  Ein eisiges Schweigen legte sich über die Lichtung. Die Elfen starrten Sanxia geschockt an. Ebenso wie ihre Gefährten. Satyria machte einen weiteren Schritt auf ihre Schwester zu. Sie hielt ihren Sonnenstab fest umklammert.
  „Ich kann alles machen“, flüsterte Sanxia. Es war als würde sie mit sich selbst sprechen, als würde sie laut nachdenken. Als würde die Welt um sie herum nicht mehr existieren. „Ich könnte den gesamten Palast des Elfenkönigs in Schutt und Asche legen... Ja... ich befehle...“
  Jinxon tastete nach seiner Hüfte. Doch da war nichts, seine Pistolen lagen in den Gästequartieren. Hamon tastete nach seinem Schwert, doch auch er war unbewaffnet. Sie hatten sich am Hofe der Hochelfen absolut sicher gefühlt. Ein leises Schaben ertönte, als einige Krieger ihre Fassung wiedergewannen und ihre Schwerter zogen. Doch keiner traute sich vorzustürmen. Sie wusste, dass sie gegen die Worte der Macht eigentlich keine Chance hatten.
  „Ich befehle...“ Sanxias Worte hallten klar und laut über die Lichtung und zerrissen die unerträgliche Stille. „...den Worten, in die Statue zu fließen!“
  Sarmass schrie auf. Er zuckte und zappelte. Dann krochen ihm schwarze Rauchfäden aus Nase, Mund und Ohren. Der Rauch tanzte um ihn herum und schraubte sich dann in die Statuette der Göttin Solaria. Das kleine Standbild erzitterte. Risse sprangen auf und der reinweiße Marmor wurde von schwarzen Äderchen durchzogen.
  Dann war plötzlich alles vorbei. Die Schattenfäden waren in der Statuette verschwunden. Sarmass sank zu Boden. Ein leises Wimmern und Fluchen kam über seine bebenden Lippen. Sanxia stieß einen erschöpften Seufzer aus. Die Elfen und die ürbrigen Gefährten starrten einen Moment vor sich hin. Dann sprangen einige Wächter vor. Sie eilten zu Sarmass und nahmen ihn fest. Jinxon und Minxodian krabbelten ans Ufer.
  Satyria eilte zu ihrer Schwester. Sie stellte sich vor die Gnomenmagierin und legte ihr die Hände auf die Schultern. Dann sah sie ihr tief in die Augen. „Alles in Ordnung?“
  Einen Augenblick starrte Sanxia ins Leere. Dann seufzte sie und nickte. „Ja... Die Macht... Ich konnte die Worte deutlich spüren, obwohl ich nur indirekt mit ihnen verbunden war. Beinhahe hätten sie mich unterworfen...“
  Satyria lächelte. „Aber du warst zu stark für ihre bösen Einflüsterungen.“
  Sanxia erwiderte das Lächeln. „Ja, das war ich. Macht ist ganz nett und als Magierin habe ich lange genug danach gesucht. Aber es gibt Wichtigers.“
  Hamon, Jinoxn und Minxodian gesellten sich zu den beiden Schwestern. Der Knappe grinste breit und legte Sanxia eine Hand auf den Kopf. „Du kleiner Fuchs! Du hättest wenigstens uns vorwarnen können. Wir wären vor Überraschung beinahe an einem Herzinfarkt gestorben.“
  Sanxia zuckte mit den Schultern. „Ich bin eine Magierin, wir sind unglaublich neugierig. Ich war viel zu gespannt wie weit sich die Situation entwickeln würde.“
  „Aber du hast uns gerettet, kleine Dame.“ Es war die Stimme des Elfenkönigs. Die Gefährten sahen sich um. Vlandal stand neben ihnen, mit Saya, Leomna und Phanmanal an seiner Seite. Sie hatten ihre Masken abgenommen. Ihre Gesichter waren versteinert und zeigten keinerlei Gefühl. Nur Saya lächelte etwas erleichtert.
  „Und obwohl du uns sicherlich gerettet hast“, sagte Vlandal, „hast du doch mit dem Feuer gespielt.“
  Sanxia musste schlucken. Der Blick des Elfenkönigs drang tief in ihre Seele. „Ich...“
  „Da dachtest, du hättest alles unter Kontrolle. Aber so viel hätte schief gehen können. Du wolltest aus purer Neugier die Macht der dämonischen Worte spüren. Doch was wäre gewesen, wenn dich diese Macht überwältigt hätte, wenn sie dich korrumpiert hätte? Dann wären wir jetzt alle tot und du wärst nur ein williger, seelenloser Deiner der Schatten. Ein Gefäß für das Böse.“
  Sanxia senkte den Kopf und starrte zu Boden.
  „Mit Macht spielt man nicht“, sagte Vldandal. „Und erst recht nicht mit der Macht der Schatten. Du kennst du Magie der Schatten, das spüren wir. Und wir spüren auch, dass du einen starken Willen hast, der fähig ist, diese Macht zu kontrollieren und für das Gute zu verwenden. Doch du solltest deine Grenzen kennen, kleine Dame. Nur wenn du die Grenzen kennst, kannst die nicht aus Versehen über sie hinausstolpern.“
  Sanxia nickte. Sie griff nach Satyrias Hand. „Ich habe ja meine Schwester, die wird mir immer meine Grenzen zeigen.“
  Der Elfenkönig lächelte. „Das ist gut. Zwei Herzen sind stärker als eins. Aber wie ich sehe“ – sein Blick glitt über die Gefährten – „hast du mehr als nur das Herz deiner Schwester an deiner Seite.“




Ende

  Hamon schlenderte über den Hof, auf dem am Tag zuvor das Bannritual durchgeführt worden war. Er hatte die letzte Nacht kaum geschlafen. Obwohl sie es endlich geschafft hatten, war sein Geist immer noch unruhig. Es würde wohl eine Weile dauern, bis er sich von den Strapazen der vergangenen Reise vollständig erholt hatte.
  Hamon blieb stehen, als er eine Gestalt am Rande des Teiches entdeckte. Es war Saya. Sie saß in einem Lotussitz vor den heilenden Quellen und schien zu meditieren. Hamon sah sie an. Ihre Sommersprossen schimmerten in der Mittagssonne.
  Er wollte sich schon leise zurückziehen, um sie nicht zu stören, als sie plötzlich die Augen öffnete. Sie lächelte ihn an.
  „Oh...“ Hamon räusperte sich verlegen. „Ich wollte dich nicht stören.“
  „Das tust du nicht.“ Saya deutete auf das Gras neben sich. „Setz dich und sag mir was dich bedrückt.“
  Hamon schlenderte zu der Elfe hinüber. Er runzelte die Stirn. „Wie kommst du darauf, dass mich etwas bedrückt?“
  „Du schleichst schon den ganzen Vormittag durch die Hofgärten.“ Saya lächelte. „Und ich glaube ich weiß, was das Problem ist.“
  Hamon zuckte mit den Schultern und setzte sich neben Saya ins Gras. „Was sollte das Problem sein? Wir haben die dämonischen Worte sicher verstaut und die Schattenschergen sind eingekerkert. Wir haben es tatsächlich überstanden. Es gab Momente in denen ich keine Hoffnung mehr hatte. Aber wir haben es endlich geschafft.“
  „Und was ist mit deinem Mentor?“
  Hamon wich Sayas Blick aus. Er starrte auf den Teich, auf die heilenden Quellen von Ascaria. „Salion... Ich fing bei ihm als Knappe an, als ich gerade mal sechs Jahre alt war. Er war wie ein zweiter Vater für mich. Doch er ist für eine gute Sache gestorben. Er starb als Held.“
  Sayas Miene wurde ernster. „Satyria hat mir erzählt, dass euch sein Geist erschienen ist.“
  Hamon nickte und er sah wieder Saya an. „Ja. Als wir von den Schattenschergen angegriffen wurden, war er plötzlich da und hat uns vor der Magie des dunklen Zauberers beschützt.“
  „Sein Geist ist immer noch bei dir, Hamon. Wahrscheinlich ist er an sein altes Schwert gebunden. So was passiert manchmal.“
  Hamon runzelte die Stirn. „Wenn sein Geist noch nicht in Solarions Himmelreich eingegangen ist... Könnte man ihn dann nicht...“ Er wagte es kaum seine Gedanken auszusprechen, aus Angst seine Hoffnungen könnten zerstört werden.
  „...Wiedererwecken?“, vollendete Saya Hamons Satz. Sie lächelte. „Erzkleriker Phanmanal meinte, dass das tatsächlich möglich sein könnte. Salion ist in der Höhlenwelt begraben. Wenn man seine Seele und seinen Körper wieder zusammenführt, steht einem neuen Leben nichts mehr im Wege.“
  Hamon lächelte. „Das wäre wirklich möglich?“
  Saya nickte. „Ich glaube, dass Salion dir erschienen ist, weil er noch nicht bereit war zu sterben. Er musste noch die Worte zum Elfenhof bringen und... er muss noch einen echten Ritter aus dir machen.“
  Hamon starrte auf den Teich, dessen Oberfläche von einer sanften Brise gekräuselt wurde. „Ich würde ihn gerne wiedersehen.“
  Saya lächelte und drückte Hamons Hand. „Das wirst du bestimmt.“